Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti" wird dieses Jahr 235 Jahre alt. Zu Ehren dieses Geburtstages habe ich zu meinem Geburtstag von einem lieben Freund eine Eintrittskarte für die Aufführung des Fräulein Galottis im Bonner Stadttheater geschenkt bekommen, und gestern haben wir uns das bürgerliche Trauerspiel in fünf Akten angesehen. Die folgende Kritik dürfte denjenigen, die das Stück nicht kennen, langweilig anmuten, was sie aber nicht ist, denn...:
Willkommen im Jahr 2007, Emilia Galotti! Kay Voges ist vermutlich jemand, der zuviele bewusstseinserweiternde D- Moment, bevor ich hier jemandes Ruf schädige, formuliere ich das besser um: Kay Voges ist offensichtlich der Übeltäter und Schwerenöter, den ich vor Beginn der Aufführung noch liebevoll Regisseur genannt habe. Es ist sein Stück- er ist der Schuldige, denn Schauspieler machen bekanntlich das, was ihnen aufgetragen wird (mit einem gewissen Selbstanteil, ja). Also, was hat Kay Voges denn genau getan, dass ich ihn als schuldig bezeichne? Dafür muss das Stück von Anfang an rekonstruiert werden und ich versuche mich kurz zu halten.
Zu Beginn gehen alle Hauptdarsteller vor die Bühne, um dem Maler Conti bei dem Lied der Sex Pistols "Who killed Bambi?" (1. banale, scheinbare subtile Symbolik) zuzuhören und mitzutanzen. Als das Lied vorbei war, redet der Prinz wie im Drama (nach Lessing!) mit diesem Maler, erhält das Abbild der Emilia, was so eine weiße Leinwand war, ca. DIN A4 groß, welches er sich orgastisch an seinen Penis drückt! Man sah tatsächlich durch die weiße Leinwand hindurch seinen sich abzeichnenden Penis! Das war der erste Moment, dass ich angeekelt dachte "Waaah" und auch einen leisen derartigen Laut von mir gab. Ich bin kein Feingeist, der mit Anzüglichkeiten etc. Probleme hat, aber das erschien mir völlig unpassend. Der Prinz an sich ist schon eine Frage des Geschmacks, wobei das natürlich mein rein subjektives Empfinden ist und daher kein notwendiges Kriterium für die Ekel-Klassifizierung darstellt. Kurz nach dieser unnötigen Abartigkeit gab's den ersten Special-Effect: Die Kulisse, vor der Prinz und Maler standen, klappte nach hinten weg und wurde zum abfallenden Bühnenboden, auf welchem permanent das Bambi stand (2. banales Symbol). Damit ich mich nun nicht in Beschreibungen zu jener Bühne, die wie eine Gummizelle aussah, verliere, zeige ich einfach mal ein offizielles Bild von der oben genannten Theaterhomepage (wovon alle folgenden Bilder entnommen sind):
Hinten links steht Marinelli, mittig Odoardo Galotti, das Bambi..ohne weitere Worte und hier vorne der potente Prinz. Ich hoffe, es wird deutlich, dass der Bühnenboden nach hinten abfällt, was natürlich nicht "einfach so" so ist.
Jener Boden wurde auch von jedem einzelnen Schauspieler 'berobbt', d.h. dass jeder mindestens einmal auf dem Boden gerobbt ist, was schlichtweg gestört anmutete. Ebenfalls hat sich jeder mindestens einmal näher mit der Wand beschäftigt: Der Prinz sagte zu Beginn "Ich werde wahnsinnig" und hat dann tatsächlich einen wilden Tobsuchtsanfall an der Wand gehabt. Ich fand das peinlich, mein Sitznachbar hat sich vor Lachen kaum noch halten können. Emilia und die Gräfin Orsina zogen es hingegen vor, sich an der Wand anzüglich zu räkeln (3. banale Symbolik).
Von den Kulissen zu den Menschen. Marinelli, der Bösewicht, war immer mein Liebling im Buch und deswegen hatte er verständlicherweise bei der Verkörperung bei mir einen schweren Stand. Ich war dann tatsächlich enttäuscht, denn ich hatte mir einen agileren Agitator vorgestellt, keinen alternden Perversling, der auf der Bühne spuckt, das Bambi anjault (ich werde mich ewig fragen wieso) und in einer Szene auch schaut, als würde er gleich ejakulieren. Vom Äußerlichen erinnerte er mich an Grima Schlangezunge (Herr der Ringe) und an den Familienchef Hermann Munster aus der schwarz-weiß Fernsehserie "The Munsters". Übrigens sagte eine Schulklasse, die wir hinterher in der U-Bahn belauschten, dass Marinelli wie Professor Snape aus "Harry Potter" ausgesehen habe und ein richtig toller Teufel gewesen sei. Nun denn, fand ich nicht. Ganz schrecklich war, dass er und Gräfin Orsina sich geküsst haben, was 1. nicht stimmt und 2. keinerlei Sinn ergeben hat. Vielleicht sollte sich überhaupt mal jemand auf der Bühne küssen, so dass es dann auf Teufel komm raus diese beiden sein mussten? Das große "Wieso" bleibt auch hierbei zeitlebens bestehen.
Marinelli und das Bambi- wieso nur?
Gräfin Orsina hingegen war meine persönliche schauspielerische Glanzleistung: Die Dame hat das toll gemacht! Im Gegensatz zu Emilia, die absolut blass blieb und sich oftmals an der Schwelle zum Nervigsein bewegte. Ein riesiges Dekolltée hatte die gute (4. Symbolik) und es wurde so hingestellt, dass sie sich über die Werbung des Prinzen freute, weswegen sie auch bereitwillig mit ihm ins Bett ging!
Bambi verliert also seine Unschuld, der seltsame Prinz muss nicht mehr rasen vor Wut und Odoardo wird stinkig- Wir sind beim abolsuten Finale angekommen!
Im Drama ist es so, dass Emilia ihren Vater anbettelt, dass er sie erdolcht, weil sie nicht der Verführung durch Männer nachgeben möchte und nicht weiß, ob sie dem ewig stand halten kann. Sie möchte als Jungfrau sterben, "Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert"- so ihre wohl berühmtesten letzten Worte auf dem Sterbebett, nachdem Vati sich hat bequatschen lassen sie zu erdolchen.
Nicht so in der Bonner Aufführung. Odoardo Galotti wartet auf Emilia, sie betänzelt als Ballerina im Unterrock (5. banales Symbol!) den plötzlich gerade gewordenen Bühnenboden (6. Symbol, diesmal subtil, dennoch überflüssig), er sieht sie, er zieht seine Pistole (!) und will sie sofort erschießen. Sie schafft es, dass sie sich noch kurz unterhalten, sie zeigt ihrem tugenhaften Vater, dass sie keine Jungfrau mehr ist, indem sie ihren Rock hochhebt und sagt "Ich habe Blut" (Anm. d. Verfasserin: Herrje!), woraufhin Papa völlig ausrastet und keine Gnade mehr für seine Tochter empfindet. Dann wurde der Text von Herrn Voges so ausgelegt und zusammengetragen, als wollte Emilia ihren Vater abhalten sie zu erschießen! Sie will also leben, was natürlich eine völlige Umdeutung des Endes ist und noch falsch dazu! Odoardo Galotti ist allerdings so rasend, dass er sie mit fünf Schüssen abknallt, wobei mit Emilia auch die Rückwand der Gummizellenbühnenkulisse umkippt.
Diese Schüsse waren so unfassbar laut, dass ich hinterher froh war, dass mein Herz gesund ist, sonst hätte ich mich zu der scheinbar toten Emilia gesellen dürfen. Nach den Todesschüssen erscheint nochmal der Prinz auf der Bühne, der den Vater fragt, was er getan habe, woraufhin dieser antwortet "Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert". Die Szene scheint daraufhin eingefroren zu sein, doch plötzlich steht Emilia auf und verlässt durch eine Hintertür die Bühne!
Die komplette Inszenierung war eine lange Reihe von Tiefpunkten, wobei dieses umgemodelte Ende wohl (nebst den orgastischen Gebärden der verschiedenen Menschen) der absolute Tiefpunkt war! Diese ewige Symbolik-Spielerei war ebenfalls absolut überflüssig, nervig und ich kam mir teilweise veräppelt vor, denn auch ohne ein Bambi weiß man als Leser des Dramas, dass es u.a. um die Unschuld eines jungen Mädchens geht. Die Hauptfiguren waren insgesamt bis auf Orsina auch nicht so irre, wobei ich mir beim Prinzen unschlüssig bin: Er war schon so bekloppt, dass es fast wieder gut war. Blöd auch, dass ich bei diesem "Bürgerlichen Trauerspiel" mehr gelacht habe als dass ich Mitleid empfunden habe. Es war halt affig! Neu-Inszenierungen gehen nicht immer gut, mein lieber Herr Voges.
Schön (!!!) hingegen fand ich, dass am Text nichts verändert wurde, d.h. der Lessing'sche Sprachduktus wurde beibehalten bis auf eine Ausnahme (Der Prinz fragte tatsächlich in einer Szene "Willst du mich verarschen?"). Besonders großartig fand ich, dass sich der Prinz und Appiani in einer Schatteneinstellung vor der hinteren Wand in die Augen starrten, was zwar so nicht stimmt, aber durch die schattige Lichteinstellung sah das famos aus!
Das war's auch schon an Lob! Die Aufführung werde ich niemals vergessen, so dass das auch was Gutes und Amüsantes hat. Zumal wir darüber hinterher noch ewig diskutiert haben und wahrscheinlich auch noch nicht fertig sind. Vielleicht finde ich diese Inszenierung so schlecht, dass ich sie irgendwann gut finde?
Zum Abschluss: Sollte man sich diese Aufführung ansehen? Wenn man hinterher nicht zu Tode beleidigt ist und das ganze mit einer gehörigen Portion Humor betrachten kann, dann ja!
Tänzchen gefällig, Orsina?