Der Morgen ist eisig kalt - oder empfindet sie es nur so?
Sie hört nichts, sieht nichts um sich
herum, spürt nichts außer der Kälte.
Die ihr durch die Sporthose kriecht,
unter ihre Jacke und sie beginnt zu laufen. Weiter, immer weiter, bis
sie zu keuchen und es in den Seiten zu stechen beginnt. Dann bleibt sie stehen,
stemmt die Hände in die Hüften, beugt sich vor und atmet tief ein und aus.
Spürt beinah Zentimeter für Zentimeter, wie
die kalte Morgenluft ihre Lungen füllt und sie von innen her auszukühlen scheint.
Dann läuft sie weiter.
Der Wirbel ihrer Gedanken ist zu nah,
zu mächtig, als dass sie jetzt umkehren und einen Becher frischen heißen Kaffee in die Hände nehmen möchte.
So viel Vergangenes in ihrem Kopf und auch
so viel von dem Neuen. Zuweilen scheint es ihr, als habe es vor dem Neuen
niemals etwas anderes gegeben, als habe sie schon immer dieses Leben geführt,
zu dem sie sich nun entschieden hatte. Als habe es in ihrem Leben niemals Platz
für das Zurücklassen, das Verletzende gegeben und gäbe es heute nur die
Hoffnung. Und die Zuversicht.
Dennoch spürt sie immer wieder, wie
zerbrechlich diese Hoffnung und diese Zuversicht scheinen. Es gibt Tage, da
genügt ein einziges Wort, das sie an längst Vergangenes erinnert. Und die
Erinnerung ist so jäh, so stark, als befände sie sich noch mittendrin, als sei
sie noch völlig unfrei. Dann spürt sie ihren Schmerz umso deutlicher, umso
heftiger und sie vermag sich dieser Qual nur zu entziehen, indem sie sich einen
anderen Schmerz zufügt. Ein anderer, akuter Schmerz, der sie von dem Mächtigen
in ihrem Körper ablenkt.
Sie erinnert sich an seinen schockierten
Blick, als er zum ersten Mal die Narben an ihren Armen, ihren Beinen sah.
Sie erinnert sich an jene Nacht, in der sie
ihm aus ihrem Leben erzählte, leise, anfangs hastig, dann immer ruhiger werdend.
Während er immer noch nichts sagte, nichts fragte und nur irgendwann bekümmert
in den Raum stellte: „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wie ich
damit umgehen soll.“
Sie bleibt stehen, so als würde der Lauf
ihre Gedanken behindern, sie an ihren Erinnerungen hindern.
Sie weiß noch auf den Tag genau, wann sie
sich zum ersten Mal begegnet sind. Sie weiß noch genau, was für ein Wetter an
diesem Tag war und sie weiß auch noch genau, was er an diesem Tag getragen
hatte.
Ebenso genau erinnert sie sich an sein
Lächeln, an die Grübchen und an den vorsichtigen Kuss, den er ihr auf die Wange
gegeben hatte.
„Alles Liebe auch von mir!“
Es war ihr Geburtstag, der zweite nach dem
Ende ihrer Ehe, der zweite sozusagen in Freiheit; aber der erste, vor dem sie
Angst hatte, ihn allein feiern zu müssen.
Und dann er da, ohne Geschenk, ohne
Blumen – und dennoch ahnte sie, dass ihr mit dieser Begegnung das wohl größte
Geschenk an diesem Tag bereitet worden war.
„Er ist der Freund von Daniel“, hatte ihre
Freundin geflüstert, „ich kenne ihn nur vom Sehen und weiß auch nur, dass er
gerade hier zu Besuch ist.“
Sie erinnert sich noch an ihre
Schüchternheit, mit der sie beide anfangs miteinander umgegangen waren. Und
dennoch zog es sie immer wieder zu ihm hin, suchte sie wie beinah zufällig
seine Nähe, kamen sie immer wieder miteinander ins Gespräch. Die letzten Gäste
gingen gegen ein Uhr morgens, er blieb bis halb vier Uhr, als er erschrocken
auf die Uhr sah.
„Ich sollte jetzt aber auch gehen, du bist
doch bestimmt schon müde.“
Wie kann man jemandem sagen, dass ihr
dieser fremde Mann so völlig vertraut schien, als habe sie von jeher in sein
Gesicht geblickt und sich die Geschichten aus seiner Jugendzeit angehört?
Wie kann man so etwas sagen und in einem
Satz diese Wunderhaftigkeit des Augenblicks zum Ausdruck bringen?
Selbstverständlich war sie müde, aber
zugleich viel zu aufgewühlt, um ihn gehen zu lassen und möglicherweise nicht
wieder zu sehen?
Wie konnte sie ihn bitten zu bleiben, ohne dass
er missverstand? Ohne dass er sie missverstand?
Als er sie zum Abschied umarmte, atmete sie
zum ersten Mal seinen Geruch, seinen ganz eigenen Geruch, und sie sog ihn ein,
als sollte es das letzte sein, das sie jemals noch tun würde. Seine Wange an
ihrer Wange, ihre Hände, die seine Schultern umklammerten, seine Arme, die um
ihren Körper geschlungen waren.
Zwei Menschen, zwei Körper, zwei Köpfe,
vier Arme, vier Beine und dennoch… schien es einen Moment lang, als gäbe es nur
einen einzigen Körper; ein Moment, den sie beide gleichermaßen empfanden, so
dass sich ihre Lippen fanden, ohne dass es einen von beiden je überrascht
hätte. Ein Selbstverständnis, ein Zauber in dieser Minute, dem sie sich beide
völlig überließen; sein Geschmack, der für sie so vertraut schmeckte, ein
bisschen Wein, ein bisschen Mann, ein bisschen Rauch. Sein warmer weicher Mund,
der den ihren suchte und berührte, der ihre Augen, ihre Stirn, ihren Hals
suchte und fand, zärtlich berührte, während ihre Hände an seinem Bauch
entlangfuhren, so dass er leise aufstöhnte und sie umso fester an sich presste.
Das Denken hatte längst ausgesetzt, hier
war nur noch das Fühlen, das Begehren, und so erschien es selbstverständlich,
dass er ihr Shirt vom Körper streifte, während sie ihm das Hemd aufknöpfte.
Als er sie auf das Bett legte, sich über
sie beugte, hielt er mit einem Mal inne. Und schaute sie fragend an. Sie öffnete ihre Augen, schaute ihn ebenso an und
ihr war, als habe sie kaum jemals in ein anderes Gesicht geblickt als seines. Dieses Gefühl, in seine Augen zu schauen
und darin zu versinken, in die Tiefe seiner Seele zu tauchen und sich selbst
darin wieder zu erkennen.
Mein Gott, das ist es, ging es ihr durch
den Kopf, und alles in ihr begann zu vibrieren. Wenn es das nicht sein soll,
dann weiß ich nicht, wie es sich jemals anfühlen sollte.
„Für mich ist das hier nicht einfach nur
so“, flüsterte sie, „weil ich niemals einfach nur so mit jemandem schlafe.“
Er lächelte.
„Das ist gut. Das ist wirklich gut. Weil…
Einfach nur so kann ich es nämlich auch nicht.“
Dass sie sich erst vor einigen Stunden zum
ersten Mal begegnet waren, war vergessen.
Dass sie kaum etwas voneinander wussten,
spielte keine Rolle.
In diesem Moment war nur von Bedeutung, was
sie hier taten und dass sie beide wussten, dass sie sich hier nicht zum letzten
Mal begegneten.
„Wie kannst du dir nur so sicher sein?“ mit
diesen Worten ließ sich Theodora neben ihr nieder, eine Tasse Kaffee in der
Hand.
„Ich weiß es einfach“, seufzte sie, „glaub
mir, ich weiß es einfach. Ich spür es. Mir ist, als kenne ich ihn schon viel
länger. Und ich weiß einfach, dass er nicht diesen Moment ausgenutzt hat. Ich
weiß, er wird sich wieder melden.“
„Glaub mir, ich wünsche es dir wirklich.
Aber weißt du, es wäre mir trotzdem lieber, du wärst ein wenig vorsichtiger. Ich
will einfach nur nicht, dass dich wieder jemand verletzt. Und ich weiß nicht,
ob du alles andere wirklich schon verarbeitet hast.“
Sie lächelte, legte den Kopf zurück.
„Das weiß ich auch alles nicht“, antwortete
sie versonnen, „aber wenn ich die Chance hab, alles zu vergessen und hinter mir
zu lassen, dann… dann ist das genau jetzt und genau mit diesem Menschen.“
Sie richtete sich wieder auf und schaute
Theodora an.
„Ich finde nichts Schlimmes dabei, etwas
Vergangenes durch etwas Neues zu vergessen. Ist es denn nicht fast immer so im
Leben, dass es uns nur so gelingt? Jedenfalls meistens, das musst du doch
zugeben.“
Einen Moment lang schwiegen beide
Freundinnen, dann lächelten sie sich an.
„Du wirst das schon machen“, stellte
Theodora schließlich fest und trank ihren Kaffee aus.
Sie lehnte sich wieder zurück und schaute
auf die Uhr. Auch ihre Pause war um, sie musste zurück in den kleinen Buchladen
um die Ecke.
Dennoch schloss sie die Augen und dachte an
ihn.
Seine Berührungen.
Seinen Atem.
Seine Küsse.
Wie lange sie sich noch im Arm gehalten
hatten, als die Sonne schon satt in das Zimmer schien und jeden Winkel ihres
Zimmers zu erkunden schien.
Er war nicht einfach aufgestanden und
gegangen; sie hatten gemeinsam gefrühstückt, gemeinsam geduscht und er hatte
ihr zugesehen, wie sie ihr nasses Haar kämmte.
„Bleib genau so, wie du gerade bist“, hatte
er gesagt und ein Foto von ihr gemacht.
In diesem Augenblick hatte sie sich so
zugehörig zu ihm gefühlt, dass in ihr gar nicht erst die Frage entstand, wie er
es wohl empfinden mochte.
„Ich melde mich“, hatte er zum Abschied
gesagt und sie geküsst. Wie schwer es ihr fiel, ihn gehen zu lassen. Wie leicht
es ihr fiel, ihm das zu sagen und auch zu zeigen.
Er hatte gelächelt.
„Ich komm ja wieder.“
Darauf vertraute sie, daran glaubte sie.
Es wäre eine der vielen gewöhnlichen
Geschichten nach einer gemeinsam verbrachten Nacht, dass er sich nicht mehr
meldete und sie in ihrem Liebeskummer zerfloss.
Sie hätte es weder erklären noch begründen
können, warum sie vom ersten Moment an, dem sie ihm gegenüberstand, wusste,
dass ihre Geschichte eben keine der vielen gewöhnlichen war.
Sie wusste es einfach und das genügte ihr.
Ihr wird kalt und sie läuft weiter. Jetzt
läuft sie ruhiger, in ihr wird es ruhiger. So ist es immer gewesen: Wenn sie
ihn bei sich spürt, verliert sich ihre Unruhe, findet sie zurück zu sich selbst
und zur Ruhe in ihr selbst.
„Immer, wenn wir uns sehen, schläfst du“,
hatte er einmal scherzhaft zu ihr gesagt.
Sie muss unwillkürlich lächeln, als sie
daran denkt. Sie hat ihm nicht erklären können, wie beschützt und geborgen sie
sich mit ihm fühlt. Er würde nicht verstehen, warum sie auch dann ihre Arme
zerschneiden muss, wenn er bei ihr ist.
Er würde nicht verstehen, dass er ihr nicht
in jeder Situation helfen konnte und er würde erst recht nicht verstehen, dass
dies auch nicht seine Aufgabe war.
Und er würde nicht verstehen, wie sehr sie
ihn dennoch brauchte.
„Ich kann das nicht. Ich kann das einfach
nicht ertragen“, hatte er gesagt, als er sie zum ersten Mal im Badezimmer fand,
das Blut im Waschbecken, das Blut an ihren Armen, während sie in der Ecke neben
der Toilette hockte, die Beine an sich gezogen, die Finger, die sich in ihrem
Haar verkrampft hatten und es ausrissen.
Er hatte ihr auf die Beine geholfen, er
hatte die Wunden gesäubert und verbunden. Er hatte Teewasser aufgesetzt, das
tat er immer, wenn er nicht mehr weiter wusste. Lange hatten sie schweigend
nebeneinander gesessen und wie gern hätte sie ihn einfach nur berührt. Ihn
berührt, um zu spüren, dass er auch wirklich da war, dass er nicht schon fort
war, selbst wenn er hier noch saß.
„Ich kann das nicht“, wiederholte er und
schaute sie an.
Die Ahnung war zur Gewissheit geworden, die
sich in ihr zusammenkrampfte wie ein schweres klebriges Ding in ihrem Hals, das
ihr den Atem zu nehmen schien und sie ebenso am Sprechen hinderte.
„Ich muss… ich muss eine Weile
darüber nachdenken, wie das weitergehen soll. Ich muss einfach ein bisschen
Ruhe und Zeit haben.“
Als sie nicht antwortete, sprach er weiter:
„Ich weiß nichts aus deinem Leben, ich wusste auch nichts von dir, als ich mit
zu deinem Geburtstag kam. Ich… Ich dachte einfach nur, es könnte ja vielleicht
ein netter Abend werden, mehr nicht. Dass ich mich in dich verlieben würde… ja
gut, das kann man vorher nicht wissen. Und ich dachte, es sei alles gut, es sei
alles schön so wie es ist. Und jetzt so was hier… Ich weiß nicht, warum du so
was machst, ich weiß nicht, was dir passiert ist. Nur… ich glaube, ich will es
auch gar nicht wissen. Bitte… bitte versteh mich, mir ist das… mir ist das hier
irgendwie alles zu kompliziert, zu anstrengend. Und ich…“ An dieser Stelle
brach er ab und schwieg.
Sie antwortete immer noch nicht.
Vielleicht wünschte sie, dass er seinen
Worten noch etwas hinzufügte, das ihr Hoffnung schenkte.
Vielleicht wünschte sie, dass er sie
einfach nur in die Arme nehmen würde.
Sie fühlte sich schuldig, dass er sie so im
Badezimmer vorgefunden hatte, ohne ihn je darauf vorbereitet zu haben.
Sie fühlte sich schuldig für den Moment, in
dem sie keine andere Lösung gefunden hatte, als sich die Wunden zuzufügen.
Sie fühlte sich schuldig dafür, dass sie es
noch immer nicht vermocht hatte, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Als er nichts dergleichen tat, von dem
sie annahm, dass sie es sich wünschte, sondern aufstand und ging, wusste sie,
dass er nicht wiederkommen würde. Sie konnte sich nur nicht vorstellen, dass es
auch tatsächlich so sein sollte. Und er erst nach einem Jahr zurückkehrte.
Und wenn er jetzt wieder geht? Und überhaupt nicht mehr wiederkommt?