Kieselstein's Traum vom großen Glück

09.05.2012 um 01:59 Uhr

Haus voller Räume

Musik: Put A Record On (Unkle Bob)

Mit jenem Moment auf dem Marktplatz, mit der wundervollen Erfüllung der letzten Nacht erscheint es ihnen beiden, als würde neues Leben in ihnen erwachen, neue alte Empfindungen, ein neuer Tiefgang, eine neue alte Leichtigkeit.
Sie beginnt wieder zu malen, sie verkauft weiterhin Bücher in diesem kleinen Laden, die Galerie stellt noch immer Bilder von ihr aus und das Geld, das sie mit ihrem allerersten verkauften Bild bekommt, verschließen sie in der kleinen Kiste: "Wir nehmen es, wenn wir uns davon etwas ganz Besonderes erfüllen wollen!"

Das Gras im Garten wuchert hoch, sie lassen es geschehen. Sie pflückt die Kornblumen, er repariert den Zaun, sie schlendern über Flohmärkte, nachts liegen sie nackt auf dem Bett, nebeneinander, und blättern in Zeitschriften mit wunderschönen Wohnideen, und während er zärtlich die sensible Stelle auf ihrem Rücken küsst, lässt er sich von ihren Ideen inspirieren.
Tagsüber beginnt sie ihre Ideen zu skizzieren und manchmal hört sie dabei so laut Musik, dass er es kaum aushalten kann. Dann lacht er, nimmt den Hund an die Leine und läuft stundenlang am Strand entlang oder geht einfach nur spazieren.

So vieles will sie verändern und neu gestalten. Und auch, wenn der Tag seiner Abreise immer näher rückt, gerade bereitet ihr das keine Angst. Wehmut, ja, jedoch keine Angst. Sie weiß, sie hat jetzt viel zu tun.
Sie weiß, dass das Räumen in all den Zimmern nur etwas versinnbildlicht, das in der Realität auf sie wartet.
Diese ungeöffneten Briefe. Sie hat sie immer noch nicht gelesen, sie hat sie auch noch nicht wieder hervorgeholt. Aber sie weiß, dass sie sich dem stellen muss. Und dass sie sich dem stellen wird. Jetzt will sie es. Um ihretwillen.

09.05.2012 um 01:36 Uhr

komm wieder, wenn du gegangen bist

Musik: Storm (Lifehouse)

Als er durch die niedrige Gartenpforte tritt und auf sie schaut, wie sie im Korbstuhl liegt, die Arme um die Beine geschlungen, ein Buch dazwischen geklemmt, sie liegt da, eingeschlafen, und das lange Haar löst sich sacht aus dem Knoten, zu dem sie es gewunden hatte, da spürt er es schmerzhaft klopfen, sein Herz, und er weiß: Er möchte nur sie so sehen, wenn er heimkommt. Er möchte nur in ihr Gesicht schauen, er möchte, dass es nur ihr Blick ist, wenn sie die Augen öffnet und ihn anschaut, noch ganz warm und weich vom Schlaf, diese vertraute Bewegung, mit der sie ihn umarmt und dieses vertraute Lächeln, das sie ihm schenkt.

Es ist das Lieben, das viele Fragen verdrängt, es ist die Sehnsucht nacheinander, der innige Wunsch nach dem sich Berühren, nach dem sich immer wieder neu Entdecken, die Begierde, den anderen zu atmen, zu schmecken, sich an ihn zu schmiegen, die Augen zu schließen und sich dem Empfinden hinzugeben, die Grenzen würden verschwimmen und sich auflösen und aus beiden würde ein Einziges werden.
"Nimm mich doch das nächste Mal mit", flüstert sie irgendwann in der Nacht, als sie sich ihre Sehnsucht von den Lippen geküsst und die Lust gestillt haben, als sie so nah bei ihm liegt, innen und außen so nah, und während er durch ihr Haar streichelt, zufrieden und entspannt neben ihr ruht, hört er ihr zu, wie sie fortfährt: "Bitte lass mich nicht wieder so lang allein. Bitte sprich mit mir, wenn du gehen und woanders bleiben willst. Erklär es mir, damit ich es verstehen kann, ohne mich zu sorgen oder mich mit tausend Fragen zu zerfleischen." Sie hebt den Kopf, stützt ihn auf, betrachtet ihn aufmerksam, so als müsse sie sich jede Linie seines Gesichtes einprägen. "Oder nimm mich einfach nur mit dir..."
Mit beiden Armen umschlingt er sie und hält sie ganz fest. Er vergräbt das Gesicht in ihrem Haar, denn da ist dieser Geruch versteckt, den er so liebt, der Geruch ihrer Haut, ihres Körpers und der kaum mehr wahrnehmbare Geruch ihres Parfüms. "Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen. Ich weiß, ich hätte mich eher melden müssen. Glaub mir, es hat mich... irgendwie alles überrannt. Meine Tochter... Sie wird langsam groß und ich bekomme Angst, dass sie mir entgleitet. Dass ich nicht allem gerecht werden kann. Manchmal wünschte ich, wir lebten alle in einem großen Haus, eine große Familie, und wenn wir einander sehen wollen oder miteinander reden müssen, brauchen wir nur ein paar Treppen hochzusteigen und die Tür zu öffnen."

Ihr Kopf sinkt auf seine Brust, sie genießt die Berührung seiner Hände, die zärtlich über jede Rundung ihres Körpers streicheln. "Türen öffnen... Dazu müssen wir nicht alle in einem Haus wohnen. Lass mich doch einfach nur... an deinem anderen Leben teilhaben. Schieb mich nicht weg.." "Oh bitte sag nicht, ich würde dich wegschieben. Sag es nicht. So ist es doch nicht. Ich weiß nur nicht... Manchmal weiß ich nicht, was richtig und was falsch ist. Manchmal habe ich Angst davor, etwas zu sagen oder dich etwas zu fragen, weil ich nicht weiß, was ich damit wecke, weil ich nicht weiß, was du dann tust, wenn ich wieder auf das Schiff muss. Dann bin ich so lange nicht da und dann denke ich..." Sie wartet. Sie drängt nicht. Sie weiß, er wird von allein weitersprechen.
"...dann denke ich, dass ich eigentlich überhaupt nicht mehr weggehen möchte. Niemals mehr. Wenn ich nach Hause komme und dich anschau, dann möchte ich mich zu dir setzen und wissen, dass ich nicht wieder weg muss."
Sie wartet. Und sie drängt nicht.
Und sie weiß, dass er jetzt nicht weitersprechen, den Gedanken nicht zuende denken wird. Und auch sie wird diesen Gedanken nicht vervollständigen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als dass er eines Tages kommt und für immer da bleibt. 

and I will walk on water and you will catch me if I fall
and I will get lost into your eyes I know everything will be alright, I know everything is alright...

Wenn er soweit ist, wird er es tun. So lange wird sie warten. Und nicht mehr danach fragen. Weil nur er ihr das Gefühl schenkt, wieder ein Ganzes zu sein, sobald er durch die Tür tritt. Und weil es nur das ist, was für sie zählt.

08.05.2012 um 19:59 Uhr

Das in uns

Musik: Gilgamesh (Gypsy and the Cat)

"Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was IN uns liegt. Und wenn wir das, was in uns liegt, hinaus in die Welt tragen, dann geschehen Wunder."

Diesen Satz hat sie irgendwann irgendwo einmal gelesen. Wann & Wo, das weiß sie nicht mehr, aber jedes einzelne Wort davon hat sich in ihren Kopf gebrannt. Sie liebt diesen Satz, ohne dass sie ihn je erfahren hätte.
Als sie am Morgen aufstand und die Vorhänge zur Seite schob, da begegnete ihr ein wunderbarer sonniger Morgen, ergossen sich erste Sonnenstrahlen in ihrem Zimmer, erkundeten jeden Winkel und entlockten ihr ein unwillkürliches, erstes Lächeln an diesem Tag.
So aufzustehen, das mag sie, das liebt sie und sie liebt es ebenso, wie sehr die Magie eines solchen Augenblicks die Energie in ihren Körper, in ihre Sinne zurückholt. So dass sie das Badezimmer betritt, den Verband von ihrem Arm löst und ein Shirt mit langen Ärmeln wählt. So bleibt fremden und auch ihren eigenen Blicken verborgen, wie verzweifelt sie erst gestern noch war, und wird sie so auch nicht ständig und immer wieder daran erinnert.
"Tu dir was Gutes", fordert sie ihr Spiegelbild auf, und als sie sich anlächelt, denkt sie: Es ist ein gutes Lächeln. Es ist ein schönes Lächeln. Es ist eins, das von ganz innen kommt.

Sie kämmt sich, macht sich zurecht, klemmt Spangen in das Haar, packt ein Buch ein, packt etwas zu schreiben ein und zu ihrem Hund sagt sie: "Los Jasper, komm, wir gehen heute Nachmittag aus."

Sie fahren in die Stadt, sie streift durch Bücherläden, liest hier hinein, dort hinein, während Jasper sich vor dem Laden geduldig niederlässt und darauf wartet, dass sie zurückkehrt. Sie kauft ein Eis und überlässt ihm den Rest, den er mit einem Schnapp verschlingt. "Hey, hast du schon mal was von Genießen gehört?" foppt sie ihn und durchwuselt mit beiden Händen seinen Kopf.
Sie sitzt auf Bänken und in Straßencafes, streckt die Beine aus, ihre Ohren hat sie mit dem iPod zugestöpselt, verliert sich in ihrer Musik, verliert sich auf wunderbar hingebungsvolle Weise in den Klängen und lässt sich einfach nur mit davontragen...
Es ist nichts Ungewöhnliches an diesem Tag geschehen, es ist nichts gewesen, das ihr erklärt, warum dieser Tag, der genau genommen kein anderer ist wie der gestrige auch, so etwas Besonderes in sich birgt; warum sie sich mit einem mal so wohl und irgendwie.... glücklich fühlt. Sie muss aufstehen, sie muss weitergehen, irgendwie hält sie es nicht aus, länger als ein paar Minuten still & ruhig zu verweilen.

Mitten auf dem Marktplatz bleibt sie stehen, der Hund bleibt stehen und schaut sie scheinbar fragend an. Und sie, sie schließt ihre Augen, sie breitet ihre Arme aus, ihr Mund lächelt, ihre Seele lächelt, und es ist ihr völlig gleich, wer ihr dabei zuschaut, ob überhaupt ihr jemand dabei zuschaut. Wie schon am Morgen fühlt sie sich in das Gold der Sonne getaucht, fühlt sie sich überschüttet von unendlichen hingebungsvollen Glücksgefühlen und sie, die wohl alles und jedes immer verstehen und hinterfragen will, sie will nicht verstehen und nicht hinterfragen, warum und wieso sie sich so fühlt - sie möchte diesen Augenblick einfach nur genießen
und ihn festhalten...

Als am Abend das Telefon klingelt und sie seinen Namen auf dem Display liest, ist sie weder verwundert noch überrascht. Sie lächelt und hebt den Hörer ab: "Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich dich sehr liebe?"

07.05.2012 um 01:41 Uhr

Kiss Me

Musik: Kiss Me (Ed Sheeran)

“Was ist passiert? Warum haben Sie das getan?”

Die Ärztin schaut auf ihren verbundenen Arm, sie versteht es nicht. Es lief doch… so gut, das letzte Gespräch.

„Was hat sich verändert?“

„Geben Sie mir doch noch ein paar mehr von den Psychopillen“, antwortet sie rauh, „wahrscheinlich nehme ich noch nicht genug. Oder… oder ich nehme zuviel von dem ganzen Scheiß und bin schon jetzt ein Zombie.“

„Was ist passiert?“

 „Nichts. Es ist nichts passiert. Das ist es ja.“

Die Ärztin schweigt, wartet, schaut auf ihren Arm, in ihr Gesicht. Sie notiert sich etwas, sie sieht ihr dabei zu, frei von Neugier, völlig teilnahmslos, so als ginge es überhaupt nicht um sie.

„Er hat sich nicht gemeldet“, flüstert sie schließlich.

Die Ärztin schaut auf, sie wartet noch immer.

„Leonard. Er hat sich nicht gemeldet. Ich habe ihm geschrieben, schon vor ein paar Tagen. Aber er… er meldet sich gar nicht. Und ich… ich weiß nicht wieso. Ich meine, er wollte längst zurück sein, er müsste auch meinen Brief längst gelesen haben. Und… wieso meldet er sich nicht? “

Die Ärztin betrachtet sie aufmerksam.

„Er hat Ihnen nicht gesagt, wo er jetzt ist und warum er noch nicht nach Hause gekommen ist?“

„Na ja doch, schon. Eine kurze Mitteilung übers Handy, dass er noch ein paar Tage bei der Tochter und der Großmutter bleibt und ich mir keine Sorgen machen soll. Das war alles. Aber das ist zu wenig. Viel zu wenig.“

In ihrer Stimme klingt leiser Trotz, so als wolle sie sagen: Ich weiß es sowieso besser als du, versuch gar nicht erst, mir etwas anderes einzureden.

Die Ärztin legt den Block und den Stift zur Seite, legt ihre Hände auf ihre Beine.

Sie sieht ihr dabei zu, schaut auf die fein manikürten Fingernägel, kurz und rund geschnitten, kaum sichtbar der kleine weiße Halbmond. Außer einem schmalen Silberring am Mittelfinger trägt die Ärztin sonst keinen Schmuck und irgendwie ist sie ihr in diesem Moment genau dafür dankbar. Es hätte sie geschmerzt, einen Ehering zu sehen. Einen Ring, der ihr zeigte, dass andere Menschen glücklich und verheiratet waren. Etwas, das sie so nicht war. Etwas, das sie so wohl auch nicht ist. Auch wenn sie selbst erfahren hat, dass nicht jede Ehe auch bedeuten muss, glücklich zu sein, so hätte sie dennoch einen solchen Anblick gerade jetzt nicht ertragen.

„Mir tat alles weh“, sagt sie leise, „je mehr ich grübele und mich im Kreis drehe, umso mehr schmerzt mich alles. Ich verstand nicht, nein, ich verstehe nicht, warum er sich nicht meldet. Es tut so weh, verstehen Sie? Ich schrieb ihm, wie sehr ich ihn liebe, wie sehr ich ihn vermisse – und er meldet sich nicht und ich versteh einfach nicht wieso!“

Sie stützt den Kopf in die Hände, starrt dabei auf den Verband an ihrem Arm.

„Ich habe Angst. Diese alte Angst in mir, die ich einfach nicht besiegen kann. Die Angst, dass ich ihn verliere, dass er mich verlässt. Dass es für ihn alles zu schwierig ist. Ich meine, so ein paar Sätze… und sonst nichts... Das geht doch nicht. So geht das doch nicht!“

Ihre Ärztin antwortet nicht. Sie weiß, dass sie ihrem Schmerz nur mit einem anderen Schmerz begegnen kann, einem Schmerz, der ihr das Gefühl vermittelt, wenigstens darüber die Kontrolle zu haben.

Sie sieht müde aus, als sie schließlich sagt: „Hören Sie… Sicherlich könnte ich Ihre Medikation erhöhen, ich könnte auch auf ein anderes, stärkeres Präparat umstellen. Alles, um Sie ruhigzustellen. Ich hasse übrigens dieses Wort: ruhig stellen. Aber ich tue es nicht. Die Arbeit der letzten Wochen… Sie war gut, denke ich. Ich sehe die Fortschritte, die Sie machen. Lassen Sie uns darauf den Fokus lenken.“

Sie schweigt. Fortschritte hin oder her, deswegen meldet sich Leonard immer noch nicht und so wühlt weiterhin diese Ungewissheit in ihr, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt.

Die Ärztin beugt sich vor.

„Ich weiß, es ist schwer. Doch… Sie sollten auch Ihren Fokus auf sich selbst richten. Nicht auf Ihren Partner, nicht auf Ihre Beziehung. Niemand kann Ihnen die Gewissheit schenken, dass Sie einander niemals verlieren werden. Versuchen Sie, Ihre Beziehung als ein Geschenk zu betrachten: Genießen Sie jeden positiven Moment, den Sie darin erleben, aber setzen Sie nicht voraus, dass es immer so sein soll. Klammern Sie sich nicht an diesen Gedanken; damit würden Sie Ihr persönliches Glück an einen Menschen hängen, der nicht… Ihr Eigentum ist.“

„Heißt das, dass jeder kommen und gehen darf wie er will? Dass es keine Rolle spielen darf, wie weh es tut?“

Die Ärztin lächelt.

„Nein, das bedeutet es nicht. Ob er immer wiederkommen darf, bestimmen allein Sie. Nur, ein anderer Mensch ist nicht Ihr Eigentum. Wenn er gehen will, wenn er für sich und sein Leben eine andere Entscheidung trifft, ist es sein gutes Recht. So wie auch Sie dieses Recht für sich beanspruchen können, wenn Sie feststellen, dass Sie an einen Punkt gelangt sind, wo es nicht mehr weitergeht.“

„Das heißt… Dass Leonard sich nicht meldet, ist kein gutes Zeichen, nicht wahr? Er wird sich von mir trennen, so wie früher schon.“

„Bleiben Sie ganz bei sich! Warum sind Sie hier bei mir? Woran arbeiten wir? Es geht hier um Sie, ganz allein nur um Sie. Alles andere wird sich zeigen. Und – nein, ich sehe sein Schweigen nicht als den Vorboten einer Trennung. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, die sein Schweigen ganz einfach erklären könnten.“

„Aber diese Ungewissheit, ich halte das nicht aus, es macht mich verrückt! Wie soll ich mich auf meine Arbeit hier konzentrieren, wenn ich nicht weiß, was hier passiert? Diese Angst, sie bringt mich noch um!“

„Hatten Sie diese Angst in Ihrer Ehe auch?“

Sie hält kurz inne, nun ist sie weniger verwirrt als doch verärgert über diesen Umschwung. Wie kann sie es wagen, ihren Ehemann mit Leonard zu vergleichen?

„Nein, da hatte ich sie nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich… Was weiß ich! Irgendwie wusste ich, dass mein Mann immer bei mir bleiben würde. Wer würde sich schon auch freiwillig quälen lassen. So eine Dumme findet sich doch nicht alle Tage.“

Sie spürt selbst den Zynismus in ihren Worten.

„Jedenfalls nicht über so viele Jahre“, fügt sie bitter hinzu.

„Wissen Sie… Ich frage mich, warum Sie sich das alles gefallen ließen. Ich würde gern mit Ihnen ergründen, was Sie dazu gebracht hat, das so lange mitzumachen, es sich so lange gefallen zu lassen. Warum Sie nicht eher gegangen sind, schon zu dem Zeitpunkt, als Ihr Mann begonnen hatte, Ihnen wehzutun, Sie zu quälen.“

„Ich war froh, ein Zuhause zu haben“, antwortet sie nach einer langen Pause. „Ich meine, ein richtiges Zuhause. Man steht morgens gemeinsam auf, man frühstückt gemeinsam, geht in die Arbeit. Wenn ich heimkomme, koche ich für ihn, wasche seine Wäsche. Ich fand es schön, wissen Sie. Ich fand es schön, etwas für einen anderen Menschen zu tun. Etwas, das sein Leben angenehmer, schöner machte. Ich habe mich niemals gefragt, ob ich das, was ich gebe, auch zurückbekomme. Ich habe es einfach gemacht, weil ich selbst es so wollte.“

„Nun, dann hätte Ihr Mann doch keinen Grund gehabt, Sie zu quälen.“

Sie schaut zu Seite, bevor sie weiterspricht.

„Wissen Sie… Dass ich all diese Dinge für ihn tat, dass ich sie gerne tat… das hieß ja noch lange nicht, dass sie so waren wie er sie haben wollte. Oder… dass es genug war, das ich für ihn tat.“

Sie wendet den Blick ihrer Ärztin zu und in ihrem Gesicht ist all die demütigende Verletzung der vergangenen Jahre zu lesen.

„Sie glauben gar nicht, wie oft er mich mit anderen Frauen verglich. Ich sollte so sein… und so… und überhaupt.“

„Wie sollten Sie denn sein?“

„Ach!“ Sie hebt die Hände, lässt sie wieder fallen. „Ich weiß auch nicht mehr. Es störte ihn, wie ich mich kleidete. Es störte ihn, wie ich die Haare trug. Das Essen musste immer pünktlich auf dem Tisch stehen, und dass er aus mir keine Gemüsebäuerin machen konnte, hat ihn wohl auch genervt. Eigentlich“, sie lacht ironisch, „sind das alles… ja ich weiß auch nicht, das ist doch alles irgendwie… Scheiße, nicht wahr? Wenn man sich liebt, dann… sind das doch alles irgendwie… Nichtigkeiten. Oder nicht? Wenn ich so unmöglich war, wieso hat er mich dann geheiratet?“

Sie stockt, hält inne, so als fiele ihr in genau diesem Moment der Grund dazu ein.

„Ja, warum hat er Sie dann geheiratet?“ hakt die Ärztin nach.

Sie antwortet nicht sofort, als müsse sie den Schmerz der Erkenntnis erst niederkämpfen. In Wahrheit jedoch, und das wissen sie beide, ist es nicht der Schmerz der Erkenntnis, sondern der Schmerz darüber, dass sie selbst sich nie wirklich liebenswert gefühlt hatte.

„Er sagte, ich sei seine Traumfrau. Ich habe… nie danach gefragt, was denn seine Traumfrau eigentlich ausmachte. Mir hat das genügt, wissen Sie? Ich habe dieses Kompliment aufgesaugt, mich daran geklammert. Der Traum eines anderen Menschen zu sein, das ist… doch ganz schön viel, nicht wahr? Zumindest… wenn es ein ehrlicher Traum war. Einer“, sie wendet den Kopf hinüber zum Birnbaum, „der mit meiner Persönlichkeit zu tun hatte. Nicht mit meiner Person. Nicht mit Äußerlichkeiten.“ Ihre Stimme wird leiser. „Ich habe mir immer gewünscht, um meiner selbst Willen geliebt zu werden. Eben gerade dafür, weil ich so bin wie ich bin.“

„Haben Sie das jemals so erfahren, wie sich das anfühlt?“

Sie hebt die Schultern. „Ich weiß es nicht. Bei dem anderen Menschen zum Schluss meiner Ehe glaubte ich das. Auch bei Leonard, da glaubte ich das auch.“ „Aber?“ Sie legt ihre Hände ineinander, betrachtet sie, zupft an ihrem Verband und mit einem Mal schämt sie sich für die Wunden, die sie sich erneut zugefügt hat.

Du bist ein Versager, das bist du immer gewesen!

Ob sie wirklich versagt hat, weil sie dem Moment ihrer Schwäche nachgegeben und zur Rasierklinge gegriffen hat?

„Dieser andere Mensch, wir sollten ihm einen Namen geben, oder auch Ihr jetziger Partner – glauben Sie ihnen heute nicht mehr?“

„Er heißt Sam“ entgegnet Elin gedankenverloren.

„Okay, Sam. Ihm und Ihrem Partner glauben Sie also nicht mehr?“

„Ich weiß nicht. Was Sam denkt oder fühlt“, Elin richtet den Blick wieder auf ihre Ärztin, „weiß ich nicht und es ist auch nicht mehr wichtig für mich. Er hat sich für sein altes Leben entschieden, ich mich für einen anderen Weg. Das wars. Er hat es sich eben einfach gemacht.“

„Zu bleiben… ist nicht immer der einfachste Weg. Und das wissen Sie.“

„Ja, ich weiß. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, das zu verstehen. Ich muss die Dinge immer verstehen, damit ich sie akzeptieren kann. Ich fand ihn schwach, ich fand ihn feige. Doch letztlich… war es gar nicht wichtig, welche Entscheidung er für sich traf. Ich hatte die meine getroffen und die war ganz unabhängig davon. Ich hätte mit meinem Ehemann nicht mehr leben können. Oder wollen. Und schon gar nicht glücklich mit ihm sein können. Dazu war zuviel passiert.“

 „Haben Sie sich gewünscht, dass er zu Ihnen steht? Dass er Verantwortung übernimmt?“

„Wäre das nicht das Richtige gewesen, wenn es Liebe gewesen wäre?“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Mein Gott, ja, damals habe ich mir das gewünscht. Müssen wir das jetzt noch auseinander nehmen? Das ist doch alles lange her und längst vorbei!“

 „Das ist Ihre Ehe auch“, antwortet die Ärztin sanft, „aber es lässt Sie bis heute nicht los. Und für Ihren Ex-Mann – wie heißt er eigentlich? - empfinden Sie sicherlich alles Mögliche, aber keine Liebe mehr. Verstehen Sie? Sie leben nach einem ganz bestimmten Muster. Ein Muster, das nichts mit Ihrem Ex-Mann und auch nichts mit Sam zu tun hat. Auch nichts mit Ihrem aktuellen Partner. Es liegt in Ihnen selbst. Sie sind auf der ständigen Suche nach Zuwendung, Nähe, Anerkennung. Das ist im Grunde nichts Schlechtes, im Gegenteil. Jedoch es wird vernichtend, weil Ihnen das schon verwehrt wurde, als Sie noch ein Kind waren, und es sich fortgesetzt hat in ihrer Ehe. Der Wunsch danach wurde zur Besessenheit und Sie stellen sich selbst sofort in Frage, wenn Sie nicht die Zuwendung bekommen, die Sie sich wünschen. Und das“, schließt die Ärztin, „ist der Kern unserer Arbeit. Wie können Sie von einem anderen Menschen erwarten, dass er sie bedingungslos liebt, wenn Sie es selbst nicht tun?“

„Mein Ex-Mann heißt Karl“, antwortet sie nach einer Weile.

26.04.2012 um 22:05 Uhr

lass mich in deinen armen schlafen

Let me sleep in your arms... 

Sie steht am Fenster ihres Malzimmers, die Musik in ihren Ohren hat sie aufgedreht, so weit sie das ertragen kann, und sie schaut zum Fenster hinaus, hinüber zu der Düne, zu der sie vor einigen Tagen gelaufen ist  und von deren Punkt aus sie das Gefühl übermannte, nichts könne sie je mehr aufhalten oder gar zurückhalten von dem Weg, den sie nunmehr begonnen hatte zu gehen.

Sie denkt an ihn und spürt, wie sehr er ihr fehlt. Wie gern sie sich jetzt einfach nur in seine Arme gelegt und die Augen geschlossen hätte. Er ist ein paar Tage in die Stadt gefahren, er will nach seiner Großmutter schauen und auch seine Tochter sehen. All das versteht sie. Trotzdem fühlt sie sich verloren ohne ihn. Jetzt und hier.

Manchmal schaut er sie an, so unvermittelt und mit einem so offenen, klaren Blick, dass sie ihn allein dafür lieben könnte. So als gäbe es nichts, das er vor ihr zu verbergen hätte, als gäbe es nichts, das sie je getrennt hätte.

Sie denkt daran, wie albern sie sich beide benehmen können und wie wohl sie sich damit fühlen.

Sie denkt daran, wie sie nachts aus ihren Träumen aufschreckt und wie wohl sie sich fühlt, wenn sie seine Silhouette im Dunkeln neben sich erkennt, wenn sie ihn berührt, wenn sie seinen Geruch atmet und schmeckt und mit jenem Gefühl der Geborgenheit wieder einschläft, mit ihrer Hand auf seinem Bauch.

Sie denkt daran, wie er morgens den Kaffee zubereitet, während sie sich noch wohlig im Bett räkelt und darauf wartet, dass er zu ihr zurückkehrt, mit seinem Geruch, seinem Geschmack, seinen warmen Händen und seinem Lächeln, das sie so liebt.

Sie denkt daran, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hat, noch in der Tür stehend und mit diesem fragenden Gesichtsausdruck, ob er wohl wirklich auf dieser Party erwünscht sei.

Noch heute ist ihr dieser Moment gegenwärtig, als er sich zu ihr beugte und auf die Wange küsste und sie spürte: Er ist anders, er ist… besonders.

„Du Augenmensch“, hatte Theodora später gelacht und den Kopf geschüttelt.

Sie hatte mitgelacht und nicht geantwortet. Darauf zu antworten, käme ihr gleich, als habe sie ihn oder sich selbst zu verteidigen – und das hielt sie für unnötig.

Ob es sein Lächeln war, ob es sein Geruch war, ob es sein offener Blick war oder einfach nur das Gefühl, dass ihn irgendetwas umgab, das sie selbst völlig einfing, das vermag sie bis heute nicht zu sagen. Sie weiß nur, dass jene Faszination noch immer in ihr lebt, mit jeder seiner Rückkehr vom Meer, wenn er im Badezimmer steht und sich den Bart abschabt und sie seinen leicht gebeugten Rücken betrachtet, während sie auf dem Wannenrand sitzt und ihm zusieht, um nicht einen einzigen dieser kostbaren Momente zu verschenken, in denen sie zusammen sein können.

Sie liebt es, seine Hemden auf ihrer nackten Haut zu spüren, seine Shorts zu tragen, ihre Musik zu hören, während sie Obst zerschneidet und darauf wartet, dass er mit dem Hund vom Lauf zurückkehrt.

„Sag mal, hast du Jasper schon wieder im Bett schlafen lassen?“

Sie weiß, dass er es hasst, wenn der Hund im Schlafzimmer und dann auch noch in seinem Bett schläft. Sie weiß es und lässt es trotzdem immer wieder geschehen, sobald er wieder aufs Meer zurückgekehrt ist in der Hoffnung, er möge es beim nächsten Mal ganz gewiss nicht bemerken.

Sie weiß, dass ihm bewusst ist, wie alleine sie sich fühlt, dass sie auch Angst davor hat, allein zu sein. Darum hat er ihr den Hund gekauft.

„Aber deshalb muss er nicht gleich in meinem Bett schlafen. Hör mal, du weißt, ich finde das eklig.“

„Ja.“ Sie weiß es und es ist nicht, dass sie seine Wünsche missachtet. Es ist nur, dass er wohl niemals verstehen würde, wie sehr es sie beruhigt, dass etwas neben ihr liegt, das atmet, das lebt und dass es genau das ist, was sie braucht, wenn er nicht bei ihr sein kann.

Sie wendet sich vom Fenster ab, kramt nach den Postkarten, die sie auf ihren Streifzügen in den Städten sammelt, und beginnt, an ihn zu schreiben. Ein Blick auf den Kalender verrät ihr, dass er sie in zwei Tagen lesen kann.

Der Gedanke, dass er etwas von ihr in den Händen hält, während sie hier ist und er dort, gefällt ihr. Nein, eine Locke von sich würde sie nicht in einen Briefumschlag tun, so etwas findet sie albern. Aber ihr Parfüm, das er so liebt, das tropft sie auf die Karte in der Hoffnung, ein Hauch dessen möge noch zu atmen sein, wenn Lenny den Briefumschlag  öffnet und die Karte herausnimmt. 
                                                                                           ***

Später am Nachmittag macht sie sich auf den Weg zu ihrer Ärztin.
Inzwischen wartet sie auf die Stunden, in denen sie miteinander sprechen, und beinah genießt sie das Gefühl, so offen über all ihre Gedanken und Empfindungen sprechen zu können, ohne dass sie befürchten müsse, einen anderen Menschen mit ihrer Offenheit zu verletzen.

Bislang hat sie an allen Therapiestunden teilgenommen, ohne sich mit fragwürdigen Entschuldigungen zu drücken oder sich kunstvoll den Anweisungen zu entziehen.

Manchmal erzählt sie dann von ihrem ersten Aufenthalt in der Klinik, von dem, das sie bestürzt, verwundert oder auch abgelehnt hatte.
Am meisten hasste sie diese Stunden, in denen sie sich auf fremde Menschen einlassen, fremde Menschen an sich heranlassen sollte.

Meist waren es gemischte Gruppen, Männer und Frauen, und sie spürte, wie wenig sie nicht nur die Nähe der Männer erträgt.

„Und nun sucht sich bitte jeder einen Partner. Einer bleibt flach auf der Matte liegen, der andere berührt nur mit den Fingern die Hand des anderen, streicht langsam über den Arm.“

Sie schreckte auf und starrte die anderen Patienten an.

Was sollte das hier werden?

„Wir üben hiermit Ihre Wahrnehmung und Sie sagen mir, was und wie Sie sich fühlen.“

Sie schaute auf die Frau neben sich, wie sie dalag mit geschlossenen Augen und einem ernsten Gesicht, während ein Mann neben ihr kniete und beinah zärtlich ihre Handinnenfläche streichelte, um dann über das Handgelenk weiter hinauf zum Arm zu streicheln.

„Tut… Tut mir leid, aber das… das kann ich nicht. Das geht nicht, das geht einfach nicht.“

Allein der Gedanke, dass ein fremder Mensch sie auf eine solche Weise berührte, ganz gleich, ob Mann oder Frau, das ertrug sie nicht, das konnte und das wollte sie auch nicht zulassen.

„Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich Sie berühre?“ hatte die Therapeutin gefragt und sie hatten einander angestarrt.

„Nein. Nein, das geht gar nicht. Es tut mir leid.“

Sie fühlt sich erneut bestürzt, als sie jetzt, gut vier Jahre später bei ihrer Ärztin sitzt und davon erzählt. „Was sollte das denn werden? Eine Aufforderung zum Gruppensex vielleicht? Man kann doch nicht erwarten, dass sich jeder einfach so anfassen lässt! Wie kann man sich denn von einem fremden Menschen streicheln lassen wollen?“

Die Ärztin lässt sie reden und sich die ganze Bestürzung entladen.

„Stecken Sie mich meinetwegen in die Schublade Sozialphobie, ist mir scheiß egal. Aber so was mache ich nicht mit, das geht gar nicht!“

„Sie müssen nicht alles mitmachen. Sie bestimmen, wo die Grenze ist“, antwortet die Ärztin sanft.

„Ja und meine Grenze war genau hier! Alle haben mich angeschaut, als habe ich nicht alle Tassen im Schrank, als sei ich nicht normal. Ich hab mich so… schuldig gefühlt, weil ich die einzige war, die aus der Rolle fiel. Aber… Hören Sie, ich mag es nicht, wenn fremde Menschen mich anfassen. Manchmal, da kommen Leute in meinen Laden, die reden mit mir und die wollen mich dabei anfassen, am Arm oder so, ich zucke da jedes Mal zurück. Ich ertrage das nicht. Manche Menschen haben nasse kalte Hände, manche Menschen riechen, manche Menschen haben einen für mich unerträglichen Geruch. Ich kann mich doch nicht von jedem anfassen lassen, oder?“

Wie anders das mit ihm war. Vom ersten Moment an.

Wie gern sie ihn berührt. Eigentlich möchte sie das ständig tun, sobald er in ihrer Nähe ist. So oft, dass es ihm manchmal zuviel wird und er sich ihrer Berührung, ihrem Kuss entzieht. Dann weicht sie sofort zurück, aber lange hält sie das nicht aus. Es ist ihr tiefes, inneres Bedürfnis, ihn zu berühren und sie blüht auf in jedem Augenblick, den er von sich aus auf die zukommt, seine Arme um sie legt und seinen Kopf in die Grube zwischen ihrem Hals und der Schulter legt. Dann atmet sie den Geruch seiner Haare, dann fasst sie mit den Fingern in seine Haare und wünscht, sie mögen einander nie mehr loslassen.

„Er fehlt mir“, sagt sie leise. „Manchmal ist es schwer, wenn er länger fort ist und wir uns nicht hören können. Dann bin ich unruhig, dann bin ich nervös, ich zerkratze meine Haut, zerbeiße meine Fingernägel, dann kann ich nicht schlafen und die Albträume kommen wieder.“

„Welche Albträume?“

„Es ist nicht immer derselbe Traum. Aber die Handlung, die ist immer dieselbe.“

„Welche Handlung?“

Sie schaudert.

„Dass ich angegriffen werde. Von einem Mann, aber ich kann nie dessen Gesicht sehen. Ich ahne ihn meistens nur und dann packt er mich schon. Immer von hinten. Manchmal werde ich hoch an die Zimmerdecke geschleudert, nur um dann mit Wucht auf den Boden geworfen zu werden. Manchmal hält man mir ein Messer an die Kehle.“

Sie stockt und fährt dann fort: „Das habe ich schon als Kind geträumt. Dass ein Mann mit dem Messer nach mir wirft.“

„Sind Sie auch mal getroffen worden?“

„Ja. An meiner rechten Hand.“

„Und sonst?“

„Sonst nicht. Als ich im Traum an der rechten Hand getroffen wurde, bin ich aufgewacht und die Hand schmerzte wirklich.“

Auf den Blick der Ärztin fügt sie hinzu: „Ich hab wohl um mich geschlagen, im Schlaf, denke ich. Nicht dass Sie denken, ich wäre verrückt oder so.“

„Hören Sie, Sie sind nicht verrückt. Sie sind eine junge Frau voller Angst und Zweifel und zugleich voller Träume. Es wird Zeit, dass wir all diese Träume in Ihre Schubladen ordnen, damit kein Platz mehr für anderes bleibt. Kein Platz mehr für das, das Ihnen Angst macht.“

Sie spürt, dass die Ärztin ein um das andere Mal ein großes Stück mehr auf sie zugeht, als sie vermutlich darf oder sollte. Für sie bedeutet das ein Stück Vertrauen, vielleicht auch Vertrautheit, mit der sie jedoch nicht umgehen kann.

„Dafür, dass ich nicht verrückt bin, muss ich aber ziemlich viele Pillen schlucken“, entgegnet sie bitter. „Die Pillen schlucken Sie nicht, weil Sie verrückt sind. Sie helfen Ihnen nur, nachts besser schlafen zu können. Sie helfen Ihnen, Ihre Angst nicht so heftig zu spüren, dass sie Sie unbeweglich macht.“

„Ja, bewegen muss ich mich schließlich, nicht wahr? Es soll ja besser werden. Ich bin vierunddreißig, ich muss noch ein paar Jahre bis zur Rente arbeiten und dem Staat dienen, damit er anderswo das Geld verpulvern kann.“

„Wenn wir erreichen können, dass Sie wieder in das Leben zurückfinden, von dem Sie immer träumten, dann ist es genau das, worum es von Anfang an ging.“

„Ich möchte vor allem mit Leonard leben“, flüstert sie. „Ich möchte abends neben ihm einschlafen, meine Hand auf seinem Bauch, und ich möchte ihn riechen und wissen, er ist da, mir kann gar nichts passieren. Wenn er da ist… brauche ich nichts mehr. Gar nichts mehr.“

Die Ärztin lächelt.

„Das ist viel. Das ist ganz viel. Und wir werden unsere Arbeit tun, damit Sie auch genau das alles tun können, so unbeschwert das möglich ist.“

Let me sleep in your arms…

Sie lächelt.

25.04.2012 um 22:14 Uhr

Das Gestern

Musik: Yesterday (Dirk Reichard & Mirko Schaffer)

„Wie war das damals, Ihr erster Klinikaufenthalt?“

„Grauenvoll.“ Sie schüttelt langsam den Kopf. Sie hält die Hände gefaltet in ihrem Schoß, sie scheint völlig ruhig und ihr Blick ruht wie selbstvergessen auf ihrer Ärztin.

„Anfangs glaubte ich wirklich, man wolle mir helfen und die Schmerzen in meinem Körper wenigstens lindern. Wenn sie ihn schon nicht wegzaubern konnten. Aber lindern. Wenigstens so weit, dass ich nachts wieder schlafen könnte. Aber... Wie ich schon mal sagte: Es wurde in meiner Seele herumgestochert, es wurden alle möglichen Schubladen aufgerissen, aber sie wurden nicht wieder eingeordnet. Was das für mich bedeutete, was ich daraus machte, danach hat niemand gefragt. Wissen Sie, all Ihre ganzen Fragebögen, die können Sie doch vergessen. Glauben Sie wirklich, dass die Patienten nicht wissen, was sie ankreuzen müssen? Es ist ein Witz, wirklich. Und wenn man lange genug durchhält und sich keine neuen Wunden schneidet, wenn man brav seine Pillen schluckt, dann darf man auch wieder nach Hause gehen.“ Ihre Worte sind ruhig, ohne Anklage und dennoch mit einem resignierten Unterton. Sie lehnt sich zurück, ihr Blick wandert wie so oft wieder zum Birnbaum.

„Mit der Zeit weiß man, was man sagen kann oder darf, wie man euch Therapeuten fängt. Man weiß, was ihr hören wollt und was ihr in eure Akte schreibt. Ihr wollt vermutlich einfach glauben, dass ihr helfen könnt.“ Sie lächelt. „Aber eigentlich kümmert es euch einen Dreck, ob ihr helfen konntet oder nicht. Hauptsache, der Patient gilt als geheilt und die Statistik stimmt.“

„Wie lange waren Sie verheiratet?“

„Zehn Jahre.“

Der thematische Umschwung wundert sie mittlerweile nicht mehr, sie hat sich daran gewöhnt. "Was hat Sie bewogen, endlich die Konsequenzen zu ziehen?“

Sie antwortet nicht, sie bewegt sich auch nicht. Nichts in ihrer Haltung oder ihrem Gesicht deutet darauf hin, dass sie die Frage gehört und verstanden hat. „Haben Sie mich verstanden?“ Sie wendet ihr Gesicht, schaut die Ärztin an.

„Was hat Sie bewogen, Ihren Mann zu verlassen?“

„Eigentlich… ist es eine Geschichte wie jede andere. Mann und Frau führen eine gute oder eine schlechte Ehe, dann kommt ein Dritter, Mann oder Frau verlässt diese Ehe. Fertig.“

Die Ärztin lächelt.

„Sie sind nicht jeder andere. Sie sind Sie. Sie mit ihrer ganz eigenen Geschichte.“

Sie und ihre ganz eigene Geschichte.

So hatte sie selbst versucht, ihr Leben zu sehen, zu empfinden. Noch bevor all diese Dinge, auch all diese schrecklichen Dinge ihrer Ehe passiert waren. Noch bevor ihr eines Tages ein Mann in dem kleinen Buchladen gegenüber stand, der nach einem ganz bestimmten Buch suchte und es als ein Geschenk verpackt haben wollte. Sie hatte ihn nie zuvor gesehen oder möglicherweise war er ihr nur niemals aufgefallen. Doch von diesem Tag an kam er öfter zu ihr in den Buchladen. „Ich mag diese Atmosphäre hier“, hatte er gesagt, „es ist wie früher, so ein bisschen verramscht, verstaubt und dann dieser Sessel hier… Ich liebe so etwas.“ Er hatte sie angeschaut und auf eine Reaktion von ihr gewartet, doch sie hatte nur gelächelt und gefühlt, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

„Warum sind Sie rot geworden? Es war doch ein nettes Kompliment.“

„Es war dieser Blick“, flüstert sie, „es war, wie er mich ansah, als er sagte, dass er so etwas liebt.“

„Wie ging es weiter?“

„Ja… Er kam eben immer wieder vorbei. Manchmal suchte er nach einem Kinderbuch oder irgend so was… Kleines, was man halt so verschenkt. Meist aber suchte er Fachbücher. Die aber musste ich meist erst bestellen. Fachbücher… verkauften wir nicht.“

Sie lächelt ob der Erinnerung.

„Ich habe mich gefragt, wieso er immer zu mir kommt, wenn er doch weiß, dass wir keine Fachbücher führen.“

„Zu welcher Antwort kamen Sie?“

„Zu keiner. Ich habe diesen Gedanken nicht weiter verfolgt. Es hatte mich – ehrlich gesagt – auch nicht wirklich interessiert. Er war ein Kunde wie jeder andere auch, wissen Sie?“

„Was passierte dann?“

„Irgendwann… ich weiß nicht mehr, wann, fragte er mich, ob ich mit ihm ausgehen würde. Einfach so. Eine Kleinigkeit essen und bisschen reden.“

„Und Sie?“

„Ich habe abgelehnt. Wieso sollte ich das tun? Wieso sollte ich mit ihm ausgehen? Ich war verheiratet und er trug auch einen Ehering. Also wozu sollte das gut sein?“

„Vielleicht… Einfach nur, um einen schönen Abend zu genießen? Einen Abend, wie man ihn eben genießt, wenn sich Menschen kennen lernen?“

„Glauben Sie wirklich daran?“ reagiert sie mit einer Gegenfrage. „Glauben Sie wirklich, dass ein Mann eine Frau so völlig ohne Hintergedanken fragt, ob sie mit ihm was essen geht?“

„Dachten Sie, er habe Hintergedanken?“

„Nein. Ich weiß nicht. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Ich habe mich… eigentlich immer nur gewundert.“ „Worüber?“ Sie lächelt. „Dass er mich immer wieder fragte. Dass mein Nein ihn nicht abhielt, bei beinah jedem Besuch wieder zu fragen. Ich habe ihn angeschaut und gedacht: Was will dieser Mensch mit einer Frau wie mir? Wissen Sie, er… er wirkte so… so mittig, verstehen Sie? Er war doch verheiratet, wahrscheinlich hatte er auch Kinder und er schien mir wie ein Mensch, der liebt und der weiß, dass er geliebt wird. Er schien mir wie ein Mensch, der völlig in sich ruht.“

„Und?“

„Ich habe mich gefragt, was er dann von mir wollte. Was er dann mit mir wollte.“

„Haben Sie ihn das mal gefragt?“

„Ja. Irgendwann mal.“

„Was hat er gesagt?“ Sie lächelt verlegen. „Muss ich darauf antworten?“

„Ist es Ihnen zu persönlich?“

„Nein, das nicht. Es ist nur… Er… er hat mich gesehen als etwas, als das ich mich selbst nicht empfunden habe.“

„Und das war?“

„Als eine Frau!“ Ihre Augen sind groß und rund wie vor Erstaunen, wenn sie an jenen Moment zurückdenkt. „Als eine wunderschöne Frau, mit der man reden, etwas essen, etwas trinken, vielleicht auch Sex haben wollte. Mit der man alles teilen wollte und deren Liebe man als ein Geschenk empfinden könnte.“

„Waren Sie denn nicht schon vorher so eine Frau?“

„Ich habe mich nicht so empfunden. Und… ich habe auch nicht über mich nachgedacht. Ich habe mir all diese Fragen nie gestellt, weil ich… Für mich stand fest, dass ich nichts konnte, dass ich es im Leben zu nichts gebracht hatte.“

„Weil Ihr Mann Ihnen das immer wieder gesagt hatte?“

„Zehn Jahre. Ich habe es all die Jahre gehört. Natürlich tat es mir weh. Ich habe geweint, geschrien. Und mich letztlich immer verkrochen. Im Badezimmer eingeschlossen, im Schlafzimmer. Ich bin trotzdem geblieben und nichts hat sich geändert.“

Sie erinnert sich an die Angst, die sie empfand, als er zum ersten Mal die Tür eintrat und sie grob an den Armen packte. „Mit mir machst du das nicht! Das hier ist mein Haus und du schließt keine Tür vor mir ab!“

„Ich habe ihn geheiratet, kaum dass ich achtzehn geworden war. Ich wollte endlich raus, wollte etwas Eigenes haben, eine eigene Familie. Eine richtige Familie, verstehen Sie? Einen Menschen, der mich liebte und mir das auch zeigte. Nicht so wie meine Mutter, von der ich kaum noch etwas gehört hatte. Nicht wie mein Vater, für den ich gar nicht existiere. Nicht so wie meine Großmutter, die mich nie in die Arme genommen hat.“

Sie hält einen Moment inne.

„Warum sind Sie nicht gegangen, als Sie sahen, dass er es Ihnen nicht zeigen konnte?“

„Wissen Sie… Es ist ja nicht so… dass man… dass es von Anfang an so schlecht war. Vielleicht… vielleicht wäre alles anders geworden, wenn wir ein Kind gehabt hätten. Wenn es geklappt hätte. Wissen Sie, das war doch für uns beide nicht leicht. Es hat so lange gedauert, ehe ich überhaupt schwanger wurde. Und dann… dann verliere ich das Kind.“

Nicht mal das kannst du, hatte er damals zu ihr gesagt.

Nicht mal das kann ich, hatte sie sich späterhin selbst immer wieder gesagt.

„Er hatte immer eine Vorstellung in seinem Kopf, wie die Dinge laufen sollten. Er hatte immer… er hatte irgendwie immer einen Plan, glaube ich. Es machte ihn zufrieden, wenn alles sich erfüllte. Und  wenn nicht, dann… dann wusste er nicht, was er tun sollte. Oder wem er die Schuld dafür geben sollte.“ Alle seine Pläne hatten sich erfüllt. Eine gute Schulzeit, ein gutes Abitur, ein gutes Zuhause. Das Haus, das er baute. Die Firma, in der er stetig aufstieg. Und dann sie, ein Mädchen noch mit ihren knapp achtzehn Jahren, in das er sich sofort verliebte. Ihre langen blonden Haare, in die er sich verliebte. Sanft und weich, so sah seine Traumfrau aus, sie sollte es sein.

„Nur mit mir… lief eben nicht alles nach seinem Plan“, sagt sie und es scheint, als wolle sie sich noch immer dafür entschuldigen. „Ich bekam nicht das Kind, das er sich wünschte. Ich führte den Haushalt nicht so wie er es wollte. Der Garten hinter dem Haus – ich wollte nur Wiese. Er wollte, dass ich Beete anlegte, Gemüse säte, pflanzte. Er wollte, dass ich mich nur um das Haus und den Garten kümmerte und endlich seine Kinder zur Welt brachte. Aber all das… konnte ich nicht.“

Sie stockt.

„Was ist? Woran denken Sie?“

„Mir ist gerade eingefallen… Irgendwo habe ich mal gelesen, dass wir Menschen dazu neigen zu sagen: Ich kann nicht; obwohl wir eigentlich meinen: Ich will nicht.“

Sie hält inne, dann lächelt sie.

„Ich weiß nicht, ob das wirklich so war. Weil ich… So weit war ich damals noch gar nicht, mir all das irgendwie bewusst zu machen. Trotzdem… Später, als alles wirklich vorbei war, da dachte ich, dass es gut so war wie es war. Als wäre es… so bestimmt gewesen, dass wir keine Kinder bekommen haben. Vielleicht hätte ich sonst niemals von ihm weggehen können.“

„Als Sie sich getrennt haben… Haben Sie ihm von dem anderen Mann erzählt?“

„Nein. Also ich meine… nicht sofort. Weil, es ging doch gar nicht um den anderen, verstehen Sie? Ich habe meinen Mann nicht verlassen, um mit dem anderen zusammen zu sein. Ich habe mir immer und immer wieder die Frage gestellt: Kann ich mit meinem Mann je glücklich werden? So richtig glücklich? Er hat meine Träume, meine Vorstellungen immer abgetan: Das, was du willst, gibt es nur im Fernsehen.“ Sie wird heftig, die Erinnerung an frühere Auseinandersetzungen ist gegenwärtig und es scheint, als müsse sie sich noch immer rechtfertigen für eine Entscheidung, die sie schon längst getroffen hatte, lange bevor sie tatsächlich gegangen war.

„Aber das stimmte nicht! Das gab es nicht nur im Fernsehen. Ich hatte nur den falschen… Oder... Oder... Nein. Ich. Ich war falsch. Ich war einfach nicht die richtige Frau für ihn, wissen Sie? Das, was er brauchte und wollte, konnte ich ihm nicht geben. Und das, was mich glücklich machte, konnte er mir nicht geben. Darum bin ich gegangen. Nur darum!“

Sie lässt sich zurück in den Sessel fallen, ihre Hände zittern, in ihr ist Aufruhr.

„Er war… irgendwie fassungslos“, redet sie irgendwann weiter, leise und wie in Gedanken versunken. „Er konnte es gar nicht glauben, dass ich mich wirklich von ihm trennen wollte. Ich hatte immer Angst vor diesem Moment, ich dachte, dann würde er mir etwas Schreckliches antun. Aber er… Er war ganz still. Irgendwie so fassungslos. Ich hatte es ausgesprochen, ich hatte begonnen, meine Sachen einzupacken. Nur meine Sachen, sonst nichts. Und ich habe auf dem Sofa im Gästezimmer geschlafen. Ich musste nicht einmal flüchten, nicht Hals über Kopf das Haus verlassen, obwohl ich immer dachte, wenn es so weit kommt, dann müsste ich das tun! Ich war so ruhig, wissen Sie, so… Ich hatte auf einmal keine Angst mehr und ich war erleichtert, dass es ausgesprochen war.“

Sie hält wieder inne und die Ärztin wartet.

„Wissen Sie, ich habe an alles Mögliche gedacht. Wie es ist, auszuziehen, mir eine Wohnung zu suchen, sie mir so einzurichten, wie es mir gefiel, sie so zu gestalten, wie ich es mochte. Mich frei fühlen. Frei von Zwang, Pflicht, Schlägen und Beschimpfungen. Ich habe an alles gedacht, aber gar nicht an den anderen Mann. Er kam in diesen Gedanken gar nicht vor. Ist doch komisch, oder? Ich meine, ich habe ihn schon sehr geliebt, wirklich sehr. Und trotzdem...“

Jener erste Abend, an dem sie verwundert auf all seine Fragen antwortete. Fragen zu ihrem Leben, Fragen zu ihrer Persönlichkeit. Warum will er das alles wissen, hatte sie sich gefragt.

„Weil es mich interessiert“, hatte er später gesagt, „weil Sie mich interessieren.“

„Ja, aber wieso ausgerechnet ich? Sonst fragt mich doch auch niemand danach.“

Er hatte gelächelt.

„Als ich zum ersten Mal in Ihren Laden kam, da hatte ich das Gefühl, dieser ganze kleine Buchladen wird erhellt nur durch Sie. Sie standen da in Ihrem irren Rock und der Bluse und den zusammengebundenen Haaren – und Ihre Präsenz hat den ganzen Raum ausgefüllt. Wenn man den Laden betritt, nimmt man nur Sie wahr und sonst nichts.“

Sie hatte gelächelt und war rot geworden.

Und sie hatte auf die Uhr gesehen.

„Ich glaube, ich muss heim.“

„Ich bringe Sie nach Hause.“

„Ja. Nein. Nun… vielleicht… nicht direkt bis vor das Haus. Es… es wäre nicht so gut, wissen Sie?“

„Natürlich.“

Er hatte sie heimgefahren und den ganzen Weg über hatte sie sich seltsam befangen und beklommen gefühlt.

Hoffentlich küsst er mich jetzt nicht, dachte sie die ganze Zeit und als sie dem Wagen entstieg, war sie froh darüber, dass er es nicht getan, es nicht einmal versucht hatte. Sie wünschte sich mit einem Mal nur, er möge nicht zum letzten Mal in ihren Laden gekommen sein.

24.04.2012 um 21:27 Uhr

hör mich, ohne dass ich rede

Musik: There's Going to Be a Hearing/I Hated Kitchen Talk (Rolfe Kent)

Sie hat aufgehört zu malen. Die Anrufe der Galerie lässt sie unbeantwortet, hat sich völlig in sich selbst zurückgezogen und empfindet jedoch ein Wohlfühlen dabei. Keine Leere, keine Trostlosigkeit wie noch vor wenigen Jahren. Diesmal, so spürt sie es, kommt sie voran. Immer einen Schritt weiter. Und er empfindet es auch, ohne dass sie es beide ausgesprochen haben. Er sieht es in ihren Augen, und manchmal, wenn sie abends vor dem Haus in der Schaukel liegen, dann nimmt sie seine Hand und legt sie an ihre Wange. Und dann schweigen sie noch immer und fühlen sich noch immer wohl miteinander. Und auch wenn sie es nicht sagt und auch nicht zeigt, so ist sie ihm unglaublich dankbar dafür, dass er die Anrufe der Galerie beantwortet. Dass er sie abschirmt, ohne dass sie verliert. Irgendwas von einem Todesfall hat er erzählt, so etwas geht immer als Ausrede durch, für eine Weile nicht ansprechbar oder gar in der Lage zu sein, neue Bilder auszustellen oder Führungen zu übernehmen. Beinah fühlt sie sich ein wenig schuldig, Verständnis von Menschen zu bekommen, das sie gar nicht verdient hat.

Gleichwohl ist sie dankbar, dass er sie versteht, ohne sich erklären zu müssen.

                                                                               ***

Wie weit sie  schon gelaufen ist, weiß sie nicht. Sie stapft weiter durch das Gras, der Morast klebt an den Sohlen und sie lacht unvermittelt darüber, stapft weiter, immer weiter hinauf auf dem breiten Pfad zur Düne. In den angrenzenden Wald hinein wagt sie sich nicht, dort hat sie Angst. Sie hat den Umweg über die Wiese gewählt und schon kann sie das Meer hören, das Murmeln der Wellen, saugt alles auf, jede einzelne Sekunde, den Wind, der zärtlich durch ihr Haar wuselt, die Sonnenstrahlen, die liebevoll ihre Haut streicheln.

Keuchend erreicht sie endlich das Ziel, stemmt die Hände auf die Oberschenkel und versucht langsam und tief zu atmen, so wie sie es in der Atemtherapie lernen sollte. Merkwürdigerweise vermag sie sich in den Therapiestunden kaum wirklich zu konzentrieren, währenddessen es ihr im Alltäglichen wesentlich besser gelingt. Hier muss sie nur auf sich achten und auf nichts und niemanden sonst. Höchstens auf den Geruch der Kiefernbäume, des feuchten Sandes, des Meeres. Gerüche, die sie so liebt.
„Du schnupperst dich durch die Welt“, hat er mal scherzhaft gesagt, „du bleibst nur da, wo du den Geruch magst.“ Und sie hatte sich an ihn geschmiegt: „Stimmt. Deswegen trennt mich nichts und niemand von dir. Ich kenne dich so ewig lang und kann mich noch immer nicht sattriechen an dir.“

Hier nun am Meer muss sie nicht versuchen, flach und kurz zu atmen, um den unangenehmen Geruch des Menschen neben ihr nicht zu sehr wahrzunehmen. Ihn freundlich darauf hinzuweisen, sich doch bitte etwas besser zu pflegen, dazu fehlt ihr der Mut. Für solche Dinge hat ihr immer der Mut gefehlt. Allein aus der Angst heraus, einem anderen Menschen wehzutun, ihn zu verletzen.

Andererseits… Ein Mensch, der sich nicht pflegt, fragt ja auch nicht danach, ob sein Geruch eine Belästigung ist, geht ihr bei diesem Gedanken durch den Kopf und lächelt belustigt. Einfach mal mehr trauen, sagt sie sich, einmal der Hammer sein, nicht der Amboss. So hatte es ihr irgendwann einmal jemand gesagt und sie hatte geantwortet: „Ja, das sollte ich wohl“, wohl wissend, dass sie genau das in der Realität so niemals würde umsetzen können. Dann wäre ich ja nicht mehr ich, hat sie gedacht, auch wenn der andere mitnichten im Recht war.

„Du musst egoistischer sein“, ist ihr oft genug gesagt worden.

„Du musst lernen, deine Ellenbogen zu nutzen.“

„Heutzutage wird dir nichts geschenkt. Jeder ist sich selbst der Nächste.“

„Nur die Starken überleben, die Schwachen gehen zugrunde.“

Wie viele Ratschläge doch die Menschen füreinander haben und zugleich beklagen, wie kalt, rücksichtslos und berechnend die Menschen geworden seien.

Ist das, was wir bekommen, nicht auch das, was wir geben? hat sie sich oft gefragt. Ist es nicht so, dass Frustration und Ärger nur noch höhere Wellen schlagen, wenn wir ihnen ebenso frustriert und ärgerlich begegnen?  Wie oft ist nur ein einziger Tag heller und sonniger geworden, wenn sie einem alten Menschen behilflich war, in die U-Bahn zu steigen, ihm auf einen Platz zu verhelfen und den dankbaren Blick aufzunehmen. Wie schnell wird ein einziger Tag hell und sonnig, wenn man in das griesgrämige Gesicht der Verkäuferin im Bäckerladen um die Ecke ein Lächeln zaubern konnte. Wie schnell wird ein einziger Tag wunderschön, wenn sie ein Kinderbuch, das es kaum noch auf dem Markt zu finden war, dennoch aufstöbern und das Kind eines Kunden glücklich machen konnte. All diese kleinen Dinge. All diese Kleinigkeiten, die in Summe einen Tag erst richtig schön und sonnig machen.

Beinah jeden Morgen, wenn sie aufsteht, schaut sie zum Fenster hinaus, öffnet die Tür zur Terrasse, atmet tief ein: „Du Tag, was wirst du mir heute Schönes bringen?“

Dafür, das weiß sie, hat sie auch ihr geschiedener Mann gebraucht.

„Ich brauche dich, weil du immer erst mal an das Gute glaubst und ich eben nicht.“

Vielleicht hat er ja noch vor ihr gespürt, dass sie ihm eines Tages entglitt, dass das Negative in ihm das Positive in ihr zu ersticken drohte. Dass sie sich innerlich von ihm löste und sich ihm entzog, damit sie nicht vollständig aufhören würde zu existieren, eines Tages. Und als die Schläge seiner Worten sie nicht mehr trafen, erhob er die Hand. Anfangs zerschlug er Geschirr, Mobiliar und sie wusste: Das tut er, um mich nicht anzufassen.

Sie geht weiter hinunter ans Ufer, unwillkürlich schüttelt sie sich, so als könne sie den Erinnerungen entfliehen, sie abschütteln und einfach nur hinter sich lassen.

Seine flache Hand hinterließ in ihrem Gesicht nie eine dauerhafte Spur, die Haare, die er ihr ausriss, sah nur sie, so wie das Blut aus ihrer Nase, das in das Waschbecken tropfte und sich mit dem kalten, reinen Wasser mischte. Die Flecken auf ihren Armen, wenn er sie packte, über die sie selbst im Sommer lange Ärmel zog.

                                                                                 ***

„Haben Sie sich da schon selbst verletzt?“

„Ja, irgendwann in dieser Zeit hat es angefangen. Vielleicht… Ich meine, er war vielleicht nur unsicher, wusste nicht, wie er damit umgehen soll.“

„Wollen Sie ihn entschuldigen?“

„Keine Ahnung. Nein, ich glaube nicht. Ich will nur… ich versuche nur zu verstehen, was in ihm vorgegangen sein mag.“

„Haben Sie sich immer seine Gedanken gemacht?“

„Wie meinen Sie das?“

„Die Entscheidungen, die Sie trafen, waren das Ihre Entscheidungen oder waren das die, von denen Sie glaubten, dass Ihr Mann so entschieden hätte?“

„Ich verstehe  nicht…“

Sie bleibt stehen, in Erinnerung an vergangene Klinikaufenthalte.

Ärzte, die ihre Wunden versorgten.

Therapeuten, die ihre Seele versorgten.

„Ich glaube, wir kommen hier mit klassischer Medizin so nicht weiter“, hatte eines Tages eine Ärztin zu ihr gesagt, „entmüllen Sie endlich Ihre Seele, dann können Sie wieder schlafen und dann hören auch die Schmerzen auf.“

So hatte sie zum zweiten Mal den Weg zu einem Therapeuten gefunden.

Ich muss wohl. Wenn es besser werden soll, dann muss ich. Wenn ich selbst etwas dafür tun kann, dann muss ich das jetzt machen.

Nein. Der Punkt ist: Nur ICH kann etwas für mich tun. Nur ich. Und niemand sonst.

23.04.2012 um 23:39 Uhr

Immer tiefer hinein

Musik: the last goodbye (aaron zigman)

„Haben Sie sich Kinder gewünscht?“

„Ja.“

Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Ich war auch einmal schwanger. Aber… ich habe das Kind verloren.“ Die Ärztin blickt sie abwartend an, so als wüsste sie, dass es hierzu noch wesentlich mehr zu sagen gibt. Sie schüttelt den Kopf. Sie mag nicht über diesen Morgen reden, an dem sie aufstand und das Blut an ihren Beinen herunter lief. So bestürzt, so geängstigt war sie, dass sie in die Hocke gegangen war, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, Hilfe zu rufen. So hatte sie ihr Mann gefunden.

„Was ist denn mit dir los?“ „Das Kind… Ich glaube, ich verliere das Kind.“ „Und warum sitzt du dann hier und heulst?“ Er hatte ihr auf die Beine geholfen, dafür gesorgt, dass sie sich anzog und mit ihm zum Arzt fuhr.

„Es tut mir leid“, hieß es nach der Ultraschalluntersuchung, „da ist kein Herzschlag mehr.“ Sie hatte all das mit sich geschehen lassen, sich entkleiden und das OP-Hemd überstreifen, sich in den OP fahren lassen und der Anästhesistin zugesehen, die einen Zugang für die Nadel suchte. „Mein Gott, Sie sind aber auch dünn!“

„Ich bin danach nie wieder schwanger geworden.“

„Wünschen Sie es sich noch immer?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Also… zumindest in letzter Zeit nicht mehr. Als ich… als ich Leonard kennen lernte, da war dieser Wunsch ziemlich heftig in mir. Ich dachte, wenn wir… wenn ich uns etwas schenken könnte, das nur aus uns beiden entstehen kann, dann… dann wäre es das Großartigste, das wir beide je hervorbringen könnten.“ „Und heute denken Sie es nicht mehr?“ „Ich weiß nicht. Leonard… will keine Kinder mehr.“ „Was ist mit Ihnen?“

Sie lächelt verzweifelt. „Was nutzt es mir, ein Kind zu wollen, wenn er es nicht will? Ich bin bestimmt keine von denen, die heimlich mit der Verhütung aufhören.“ - „Nein, Sie haben mich missverstanden. Ich meinte, wenn Sie diesen Wunsch haben, ein Wunsch, der Ihnen durchaus zusteht, sprechen Sie dann nicht darüber? Oder ist für Sie nur Gesetz, was der Partner wünscht?“ - „Nein“, zögert sie. „So nicht. Aber…“

„Aber?“

„Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken“, sagt sie nach einer Weile in entschlossenem Ton. „Wir haben ja… genug andere Probleme. Und was soll ein Kind mit einer Mutter, die sich die Arme aufschneidet, Psychopillen schluckt und ständig zu irgendwelchen Ärzten gehen muss, nicht wahr?“ Jetzt bricht sie in Tränen aus und die Ärztin lässt sie weinen. Einfach nur weinen. Da ist sie wieder, diese Nacht, in der er auf ihren so innigen Wunsch einfach nur "ich weiß" geantwortet hatte.

„Hat Ihr Partner Kinder?“ „Ja. Eine Tochter.“ „Wie alt ist sie?“ „Zwölf.“ „Kennen Sie sie?“ „Ja natürlich, sie war ab und zu mal da. Sie war dann immer nur zu Besuch, übernachtet hat sie bei uns aber nicht. Jedenfalls nicht, wenn ich da war.“ „Warum nicht? Kommen Sie miteinander nicht zurecht?“ „Doch. Schon. Es hat sich nur... nicht so ergeben. Irgendwie so.“

Eine nette Umschreibung, denkt sie, dafür, dass ich nicht sagen will, wie gerne wir nackt durch das Haus laufen, wie sehr wir den Sex auf dem Küchentisch lieben oder aber auch sinnliche Berührungen im Vorbeigehen. Wie angefüllt die kurze Zeit ist, die er an Land ist. Die er bei ihr ist, mit ihr. Die sie so sehr genießen wollen. Und wie unmöglich all das ist, wenn die Tochter zu Besuch kommt. Oder will vor allem sie es? Und er? Was will er? Was will er wirklich? Ist es letztlich nicht auch ein Zwiespalt, dem sie ihn aussetzt? Mit einem Mal fühlt sie sich vollkommen unwohl in ihrer Haut.

„Wie ist das Verhältnis zur Mutter des Kindes?“ „Ich kenne sie nicht. Nicht persönlich.“ „Und wie ist das Verhältnis Ihres Partner zur Mutter seines Kindes?“ „Ganz gut, glaube ich“, antwortet sie mechanisch. „Wie gut?“

Sie hebt, wie so oft in den Sitzungen, die Schultern und lässt sie wieder fallen.

„Gut, denke ich. So gut, dass ich manchmal dachte, vielleicht liebt er sie ja immer noch.“ „Wie kommen Sie darauf?“

Sie lächelt. Es ist ein müdes, ironisches Lächeln. Eins, von dem er immer sagt, es stünde ihr nicht. „Als wir uns kennen lernten, wollte er ihr nichts von uns sagen. Er hatte Angst, es würde die gute Beziehung zwischen ihnen beiden zerstören. Und er hatte Angst davor, wie seine Tochter darauf reagieren würde. Er hatte Angst vor Streit.“

„Ziemlich viele Ängste… Wann hat er ihr von Ihnen erzählt?“ „Ich weiß nicht genau. Irgendwann war klar, dass sie es wusste.“ „Und hat es die gute Beziehung zerstört?“ „Nein, ich glaube nicht. Es gab wohl anfangs ein paar Sticheleien. Aber jetzt… ist das Thema wohl erledigt.“ - „Aber sicher sind Sie sich nicht?“

„Ich weiß nicht, ich denke nicht mehr darüber nach. Wissen Sie, ich will mich nicht mit dieser Frau befassen oder damit, was er… was er vielleicht noch für sie empfindet. Sie ist eher… uninteressant für mich. Was für mich zählt, ist nur, was er für mich empfindet.“

„Und was ist mit seiner Tochter?“ „Was soll mit seiner Tochter sein?“ antwortet sie und spürt, dass sie gereizt ist. Die Thematik ist nicht wichtig für sie, es geht ihr auf die Nerven und sie beginnt, die Haut an ihren Armen zu zerkratzen.

„Was regt Sie auf?“

„Na das alles hier. Können wir dieses Thema nicht lassen? Er war verheiratet, er hat ein Kind mit dieser Frau, jetzt sind sie geschieden und gut. Können wir es nicht dabei belassen?“
Können wir es nicht dabei belassen, dass er mit einer anderen Frau ein Kind haben wollte und mit mir nicht?

Die Ärztin bleibt still, mustert sie aufmerksam.

„Kommen wir zurück zu Ihrer eigenen Kindheit. Mit neun Jahren kamen Sie zu Ihrer Oma. Wie war das für Sie? Wie haben Sie diese Zeit erlebt?“

sie ist verwirrt von dem Umschwung.

„Wie wahrscheinlich jedes andere Kind auch.“ „Bleiben Sie bei sich selbst: Wie war das für Sie persönlich?“ „Na wie für jedes Kind. Man will zurück zur Mutter und so.“ „Bleiben Sie bitte ganz bei sich.“ Aber das tut mir weh, ist sie versucht zu sagen und bevor sie sich wie immer selbst daran hindert, spricht sie es auch aus. „Müssen wir darüber reden? Es tut doch nur weh!“

„Ich weiß. Doch auch wenn Sie nicht darüber sprechen, tut es Ihnen weh. Es arbeitet in Ihnen, ob Sie es wollen oder nicht. Ob Sie es bewusst wahrnehmen oder nicht.“ Sie schweigt und während sie einerseits noch immer versucht, die Erinnerung an diesen Schmerz zurückzudrängen, kommen die Bilder aus jener Zeit wieder in ihr Bewusstsein. Die Erinnerung an die Oma, die sich um sie kümmerte, aber nicht liebevoll war. Die darauf achtete, dass sie alles hatte, das sie brauchte, essen, trinken und ein Bett für die Nacht; die sie aber nie in die Arme nahm und an sich drückte. Die darüber lachte, dass sie sich in der Dunkelheit fürchtete. „Dich will doch sowieso keiner“, pflegte die Oma immer zu sagen.

„Wovor hatten Sie Angst?“ bricht die Stimme der Ärztin in ihre Gedanken ein.

„Ich weiß es nicht genau. Ich glaube… ich hatte Angst davor, dass mich jemand überfällt. Dass mich jemand angreift. Ich hatte selbst Angst davor, es läge jemand unter meinem Bett oder versteckte sich in einem Winkel des Zimmers und käme dann, wenn es dunkel würde.“ „Woher kam diese Angst?“ „Keine Ahnung.“ „Wirklich nicht? Ist Ihnen irgendetwas passiert, an das Sie sich nicht erinnern können oder wollen?“

Sie beginnt die Finger ineinander zu verhaken, die Nägel kerben sich in die Haut. „Ich… ich bin nicht sicher… Ich weiß nicht, ob die Angst aus Erlebtem heraus entstand oder einfach nur… aus meiner Phantasie.“

„Aus welchem Erlebtem?“

Sie sieht ihn vor sich. Der Mann an der Straße, frühmorgens im Schutz der Dunkelheit. Er stand dort, so als wüsste er, dass sich um diese Zeit ein kleines Mädchen auf den Weg zur Schule machen würde. Sie sah ihn dort stehen, aber sie registrierte nicht, was er dort tat. Sie nahm nicht wahr, dass er mit heruntergelassenen Hosen an der Straße stand, direkt neben einem Baum, und dass er seinen Penis in den Händen hielt.

Sie schließt die Augen, ihr ist kalt.

„Was wollte dieser Mann von Ihnen?“

„Er sagte, ich solle mit ihm kommen“, flüstert sie. „Er kam auf mich zu, mit seinem Penis in der Hand, und er sagte, ich solle mit ihm kommen.“ „Wie haben Sie reagiert?“ „Panik. Ich bekam einfach nur Panik. Gesagt habe ich gar nichts, glaube ich. Nur den Kopf geschüttelt. Und dann bin ich gelaufen.“ „Und der Mann?“ „Er lief mir nach. Er hatte die Hosen hochgezogen und lief mir nach. Ich hörte sein Keuchen, ich hörte seine Schritte.“ „Was ist dann passiert?“ „Nichts“, Sie scheint, als erwache sie aus einem früheren Traum, „es ist nichts passiert. Dort, wo die Laternen standen, ist er weggegangen.“ „Haben Sie jemandem davon erzählt?“ „Ja. Meiner Oma.“ „Wie hat sie reagiert?“

Sie lächelt ihr ironisches Lächeln.

„Gar nicht. Sie hat es sich angehört und das war’s. Ich weiß nicht mal, ob sie es mir geglaubt hat. Oder ob sie dachte: Es ist ja nichts passiert.“ Sie wird ernst, schaut der Ärztin ins Gesicht. „Es ist ja auch nichts passiert.“

Die Ärztin lehnt sich zurück, betrachtet sie. „Äußerlich nicht, nein.“

19.04.2012 um 18:17 Uhr

Stimmen

„Haben Sie später darüber gesprochen?“

Die Ärztin fragt ruhig, geduldig und ihr kommt unwillkürlich der Gedanke, ob die Ärztin im Privatleben auch so ruhig und geduldig sein mochte. Ob sie wohl Kinder hatte? Ob sie einen Mann hatte? Wie sie wohl sein mochte, wenn sie abends heimkam? Nur schwer vermag sie sich vorzustellen, wie ihre Ärztin sich in die Küche stellt und Fleisch brät.

„Ich habe ihn erst ein Jahr später wieder gesehen“, antwortet sie schließlich. „Und wir… wir haben nicht über uns gesprochen. Oder so. Er hat nicht gefragt, ich habe nichts gesagt. Er hat mir von einer anderen Frau erzählt.“

„Wie war das für Sie?“

„Ich weiß nicht“, sie zieht die Schultern noch, verharrt in dieser Position. „Ich wünschte ihm, dass er glücklich sei. Und mit mir… ging das ja ganz offensichtlich nicht.“

„Hat er Ihnen das gesagt?“

„Nein.“ Sie schaut zum ersten Mal der Ärztin in dieser Stunde klar und offen in die Augen. „Das musste er so nicht sagen. Er sagte, er sei glücklich. Er sagte, es gehe ihm gut. Und er sagte, er spüre mit dieser Frau endlich, was Liebe bedeutet.“

Sie schaut zum Birnbaum hinaus, ein Blick, den sie oft und gern verschenkt, wenn sie nachdenkt, wenn Erinnerungen erwachen und sie die rechte Zeit dafür bekommen möchte, diese zuzulassen.

Sonnenschein gibt es heute keinen.

Irgendwie trotzdem ein trostloser Anblick, denkt sie. Trostlos fühlt sie sich selbst jedoch nicht.

„Wie ging es Ihnen damit? Mit dieser Aussage?“

Sie antwortet nicht. Sie schaut noch immer auf diesen Birnbaum, doch vor ihren Augen hat sie das Bild, wie sie sich damals gegenüber gesessen haben, auf diesen harten Stühlen in ihrer Lieblings-Teestube. Sie haben Tee getrunken und Kekse gegessen, über ihre Narben hatte sie eine lange Strickjacke gezogen und die Haare zusammen gebunden. So wie er ihr Haar am liebsten mochte. Sie hat seinen Geruch geatmet, sie hat seinen Geruch geschmeckt und sie hat die Wärme seines Körpers an ihrem Arm gespürt. Wie vertraut er sich anfühlte, wie vertraut er schmeckte und wie vertraut seine Stimme klang nach diesem Jahr, in dem sie sich nicht sahen oder voneinander hörten.

Sie hat ihm zugehört, wenn er von der anderen Frau erzählte, sie hat ihm geantwortet, wenn er fragte.

„Warum haben Sie ihm nicht gesagt, was Sie für ihn noch immer fühlten?“

„Hätte es denn irgendeinen Sinn gemacht? Hätte es denn irgendetwas geändert?“

„Warum haben Sie ihn nicht gebeten zu schweigen? Sie hätten sich auch über andere Dinge unterhalten können.“

„Ja.“

Ja. Warum eigentlich nicht? Warum hat sie ihm zugehört, wie er von dieser anderen Frau erzählte und dabei wünschte, alles sei wie vor einem Jahr? Das kann sie nicht beantworten.

„Was ist dann passiert?“

„Nichts. Er ist gegangen, wir haben uns ganz normal verabschiedet.“

„Sonst ist nichts passiert?“

„Ich habe mir nicht die Arme aufgeschnitten, falls Sie das wissen wollten. Ich habe mich anschließend nur fürchterlich übergeben. All den Tee, all die schönen Kekse.“

Einen Moment schweigen sie beide.

„Es ist ähnlich wie in Ihrer Ehe gewesen. Jemand verletzt Sie und Sie lassen es zu. Sie schauen zu und wehren sich nicht.“

„Es war nicht seine Schuld. Er wusste ja nicht, dass ich… dass ich ihn immer noch liebe.“

„Aber Sie wussten es. Und Sie haben nicht reagiert. So wie in Ihrer Ehe nicht. Sie mögen sich gegen die Verletzungen gewehrt haben, aber Sie haben nichts unternommen, dass es auch aufhört.“

„Ja. Ich weiß. Ich weiß, dass ich selber schuld bin.“

Die Ärztin beugt sich vor.

„Es geht hier nicht um Schuld“, antwortet sie eindringlich. „Es geht darum, dass Sie Verletzungen durch andere zulassen. Und wir müssen herausfinden, warum das so ist.“

„Ich bin müde. Darf ich jetzt gehen?“

„Wir haben gerade erst begonnen.“

„Ich bin trotzdem müde.“

„Malen Sie eigentlich immer noch?“

Überrascht schaut sie auf.

„Ja. Warum?“

„Wann haben Sie das letzte Mal gezeichnet? Und was?“

„Das Gesicht einer Frau. Die Hälfte ist verdeckt von ihren Haaren. Die andere Hälfte ist… groß, eigentlich… zu groß. Der Mund… Das Auge…“

„Sie haben sich selbst gezeichnet?“

„Ich weiß nicht“, sagt sie überrascht, „der Gedanke ist mir noch gar nicht gekommen.“

„Große Augen… Wissen Sie, Sie haben manches Mal so große Augen, als würden Sie erstaunt die Welt entdecken und erst jetzt feststellen, was es alles Schönes in ihr gibt. Dabei bin ich mir sicher, dass Sie um all dieses Schöne bereits wissen. Es ist nur… Vielleicht schauen Sie bewusster. Vielleicht nehmen Sie bewusster auf. Und je bewusster Sie aufnehmen, umso mehr lassen Sie es an sich heran.“

„Und wenn ich damit nicht umgehen kann, schneide ich mir die Haut auf“, ergänzt sie bitter.

„Es ist eine Flucht“, antwortet die Ärztin behutsam, „und Sie wissen das. Sie wissen nur noch nicht, wie Sie anders flüchten können.“

„Ich bin wirklich müde“, wiederholt sie nun, „ich muss jetzt wirklich unbedingt gehen.“

„Erlauben Sie mir, dass ich Sie später noch einmal anrufe?“

Sie zuckt die Schultern, unschlüssig.

„Gut. Dann… entlasse ich Sie für heute.“

Also geht sie, fährt sie heim, sie verkriecht sich in ihrem Bett, presst die Hände auf die Ohren, um den verschiedenen Stimmen zu entgehen, die die Erinnerung hervorgeholt hat.

„…erst mit Laura weiß ich, was Liebe wirklich ist…“

„…du hast doch eh nie was getaugt. Und lieben, lieben tut dich sowieso keiner. Die wollen alle bloß mit dir ficken…“

„…ich kann das alles nicht… ich muss nachdenken, ich brauche Zeit… für mich allein…“

„…was bist du nur für eine Drecksschlampe, hätte ich nur auf die anderen gehört…“

Als die Ärztin viel später an diesem Tag anruft, ist sie eingeschlafen, die Hände noch immer an den Kopf gepresst, und er bringt es nicht über sich, sie aus diesem Schlaf zu erwecken. Ihr Gesicht sieht verweint aus, doch ihre Arme sind unversehrt.

16.04.2012 um 23:56 Uhr

Die Begegnung

Der Morgen ist eisig kalt - oder empfindet sie es nur so?

Sie hört nichts, sieht nichts um sich herum, spürt nichts außer der Kälte.

Die ihr durch die Sporthose kriecht, unter ihre Jacke und sie beginnt zu laufen. Weiter, immer weiter, bis sie zu keuchen und es in den Seiten zu stechen beginnt. Dann bleibt sie stehen, stemmt die Hände in die Hüften, beugt sich vor und atmet tief ein und aus.

Spürt beinah Zentimeter für Zentimeter, wie die kalte Morgenluft ihre Lungen füllt und sie von innen her auszukühlen scheint.

Dann läuft sie weiter.

Der Wirbel ihrer Gedanken ist zu nah, zu mächtig, als dass sie jetzt umkehren und einen Becher frischen heißen Kaffee in die Hände nehmen möchte.

So viel Vergangenes in ihrem Kopf und auch so viel von dem Neuen. Zuweilen scheint es ihr, als habe es vor dem Neuen niemals etwas anderes gegeben, als habe sie schon immer dieses Leben geführt, zu dem sie sich nun entschieden hatte. Als habe es in ihrem Leben niemals Platz für das Zurücklassen, das Verletzende gegeben und gäbe es heute nur die Hoffnung. Und die Zuversicht.

Dennoch spürt sie immer wieder, wie zerbrechlich diese Hoffnung und diese Zuversicht scheinen. Es gibt Tage, da genügt ein einziges Wort, das sie an längst Vergangenes erinnert. Und die Erinnerung ist so jäh, so stark, als befände sie sich noch mittendrin, als sei sie noch völlig unfrei. Dann spürt sie ihren Schmerz umso deutlicher, umso heftiger und sie vermag sich dieser Qual nur zu entziehen, indem sie sich einen anderen Schmerz zufügt. Ein anderer, akuter Schmerz, der sie von dem Mächtigen in ihrem Körper ablenkt.

Sie erinnert sich an seinen schockierten Blick, als er zum ersten Mal die Narben an ihren Armen, ihren Beinen sah.

Sie erinnert sich an jene Nacht, in der sie ihm aus ihrem Leben erzählte, leise, anfangs hastig, dann immer ruhiger werdend. Während er immer noch nichts sagte, nichts fragte und nur irgendwann bekümmert in den Raum stellte: „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Sie bleibt stehen, so als würde der Lauf ihre Gedanken behindern, sie an ihren Erinnerungen hindern.

 

 

Sie weiß noch auf den Tag genau, wann sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Sie weiß noch genau, was für ein Wetter an diesem Tag war und sie weiß auch noch genau, was er an diesem Tag getragen hatte.

Ebenso genau erinnert sie sich an sein Lächeln, an die Grübchen und an den vorsichtigen Kuss, den er ihr auf die Wange gegeben hatte.

„Alles Liebe auch von mir!“

Es war ihr Geburtstag, der zweite nach dem Ende ihrer Ehe, der zweite sozusagen in Freiheit; aber der erste, vor dem sie Angst hatte, ihn allein feiern zu müssen.

Und dann er da, ohne Geschenk, ohne Blumen – und dennoch ahnte sie, dass ihr mit dieser Begegnung das wohl größte Geschenk an diesem Tag bereitet worden war.

„Er ist der Freund von Daniel“, hatte ihre Freundin geflüstert, „ich kenne ihn nur vom Sehen und weiß auch nur, dass er gerade hier zu Besuch ist.“

Sie erinnert sich noch an ihre Schüchternheit, mit der sie beide anfangs miteinander umgegangen waren. Und dennoch zog es sie immer wieder zu ihm hin, suchte sie wie beinah zufällig seine Nähe, kamen sie immer wieder miteinander ins Gespräch. Die letzten Gäste gingen gegen ein Uhr morgens, er blieb bis halb vier Uhr, als er erschrocken auf die Uhr sah.

„Ich sollte jetzt aber auch gehen, du bist doch bestimmt schon müde.“

Wie kann man jemandem sagen, dass ihr dieser fremde Mann so völlig vertraut schien, als habe sie von jeher in sein Gesicht geblickt und sich die Geschichten aus seiner Jugendzeit angehört?

Wie kann man so etwas sagen und in einem Satz diese Wunderhaftigkeit des Augenblicks zum Ausdruck bringen?

Selbstverständlich war sie müde, aber zugleich viel zu aufgewühlt, um ihn gehen zu lassen und möglicherweise nicht wieder zu sehen?

Wie konnte sie ihn bitten zu bleiben, ohne dass er missverstand? Ohne dass er sie missverstand?

Als er sie zum Abschied umarmte, atmete sie zum ersten Mal seinen Geruch, seinen ganz eigenen Geruch, und sie sog ihn ein, als sollte es das letzte sein, das sie jemals noch tun würde. Seine Wange an ihrer Wange, ihre Hände, die seine Schultern umklammerten, seine Arme, die um ihren Körper geschlungen waren.

Zwei Menschen, zwei Körper, zwei Köpfe, vier Arme, vier Beine und dennoch… schien es einen Moment lang, als gäbe es nur einen einzigen Körper; ein Moment, den sie beide gleichermaßen empfanden, so dass sich ihre Lippen fanden, ohne dass es einen von beiden je überrascht hätte. Ein Selbstverständnis, ein Zauber in dieser Minute, dem sie sich beide völlig überließen; sein Geschmack, der für sie so vertraut schmeckte, ein bisschen Wein, ein bisschen Mann, ein bisschen Rauch. Sein warmer weicher Mund, der den ihren suchte und berührte, der ihre Augen, ihre Stirn, ihren Hals suchte und fand, zärtlich berührte, während ihre Hände an seinem Bauch entlangfuhren, so dass er leise aufstöhnte und sie umso fester an sich presste.

Das Denken hatte längst ausgesetzt, hier war nur noch das Fühlen, das Begehren, und so erschien es selbstverständlich, dass er ihr Shirt vom Körper streifte, während sie ihm das Hemd aufknöpfte.

Als er sie auf das Bett legte, sich über sie beugte, hielt er mit einem Mal inne. Und schaute sie fragend an. Sie öffnete ihre Augen, schaute ihn ebenso an und ihr war, als habe sie kaum jemals in ein anderes Gesicht geblickt als seines. Dieses Gefühl, in seine Augen zu schauen und darin zu versinken, in die Tiefe seiner Seele zu tauchen und sich selbst darin wieder zu erkennen.

Mein Gott, das ist es, ging es ihr durch den Kopf, und alles in ihr begann zu vibrieren. Wenn es das nicht sein soll, dann weiß ich nicht, wie es sich jemals anfühlen sollte.

„Für mich ist das hier nicht einfach nur so“, flüsterte sie, „weil ich niemals einfach nur so mit jemandem schlafe.“

Er lächelte.

„Das ist gut. Das ist wirklich gut. Weil… Einfach nur so kann ich es nämlich auch nicht.“

Dass sie sich erst vor einigen Stunden zum ersten Mal begegnet waren, war vergessen.

Dass sie kaum etwas voneinander wussten, spielte keine Rolle.

In diesem Moment war nur von Bedeutung, was sie hier taten und dass sie beide wussten, dass sie sich hier nicht zum letzten Mal begegneten.

 

„Wie kannst du dir nur so sicher sein?“ mit diesen Worten ließ sich Theodora neben ihr nieder, eine Tasse Kaffee in der Hand.

„Ich weiß es einfach“, seufzte sie, „glaub mir, ich weiß es einfach. Ich spür es. Mir ist, als kenne ich ihn schon viel länger. Und ich weiß einfach, dass er nicht diesen Moment ausgenutzt hat. Ich weiß, er wird sich wieder melden.“

„Glaub mir, ich wünsche es dir wirklich. Aber weißt du, es wäre mir trotzdem lieber, du wärst ein wenig vorsichtiger. Ich will einfach nur nicht, dass dich wieder jemand verletzt. Und ich weiß nicht, ob du alles andere wirklich schon verarbeitet hast.“

Sie lächelte, legte den Kopf zurück.

„Das weiß ich auch alles nicht“, antwortete sie versonnen, „aber wenn ich die Chance hab, alles zu vergessen und hinter mir zu lassen, dann… dann ist das genau jetzt und genau mit diesem Menschen.“

Sie richtete sich wieder auf und schaute Theodora an.

„Ich finde nichts Schlimmes dabei, etwas Vergangenes durch etwas Neues zu vergessen. Ist es denn nicht fast immer so im Leben, dass es uns nur so gelingt? Jedenfalls meistens, das musst du doch zugeben.“

Einen Moment lang schwiegen beide Freundinnen, dann lächelten sie sich an.

„Du wirst das schon machen“, stellte Theodora schließlich fest und trank ihren Kaffee aus.

Sie lehnte sich wieder zurück und schaute auf die Uhr. Auch ihre Pause war um, sie musste zurück in den kleinen Buchladen um die Ecke.

Dennoch schloss sie die Augen und dachte an ihn.

Seine Berührungen.

Seinen Atem.

Seine Küsse.

Wie lange sie sich noch im Arm gehalten hatten, als die Sonne schon satt in das Zimmer schien und jeden Winkel ihres Zimmers zu erkunden schien.

Er war nicht einfach aufgestanden und gegangen; sie hatten gemeinsam gefrühstückt, gemeinsam geduscht und er hatte ihr zugesehen, wie sie ihr nasses Haar kämmte.

„Bleib genau so, wie du gerade bist“, hatte er gesagt und ein Foto von ihr gemacht.

In diesem Augenblick hatte sie sich so zugehörig zu ihm gefühlt, dass in ihr gar nicht erst die Frage entstand, wie er es wohl empfinden mochte.

„Ich melde mich“, hatte er zum Abschied gesagt und sie geküsst. Wie schwer es ihr fiel, ihn gehen zu lassen. Wie leicht es ihr fiel, ihm das zu sagen und auch zu zeigen.

Er hatte gelächelt.

„Ich komm ja wieder.“

Darauf vertraute sie, daran glaubte sie.

Es wäre eine der vielen gewöhnlichen Geschichten nach einer gemeinsam verbrachten Nacht, dass er sich nicht mehr meldete und sie in ihrem Liebeskummer zerfloss.

Sie hätte es weder erklären noch begründen können, warum sie vom ersten Moment an, dem sie ihm gegenüberstand, wusste, dass ihre Geschichte eben keine der vielen gewöhnlichen war.

Sie wusste es einfach und das genügte ihr.

 

 

Ihr wird kalt und sie läuft weiter. Jetzt läuft sie ruhiger, in ihr wird es ruhiger. So ist es immer gewesen: Wenn sie ihn bei sich spürt, verliert sich ihre Unruhe, findet sie zurück zu sich selbst und zur Ruhe in ihr selbst.

„Immer, wenn wir uns sehen, schläfst du“, hatte er einmal scherzhaft zu ihr gesagt.

Sie muss unwillkürlich lächeln, als sie daran denkt. Sie hat ihm nicht erklären können, wie beschützt und geborgen sie sich mit ihm fühlt. Er würde nicht verstehen, warum sie auch dann ihre Arme zerschneiden muss, wenn er bei ihr ist.

Er würde nicht verstehen, dass er ihr nicht in jeder Situation helfen konnte und er würde erst recht nicht verstehen, dass dies auch nicht seine Aufgabe war.

Und er würde nicht verstehen, wie sehr sie ihn dennoch brauchte.

 

„Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht ertragen“, hatte er gesagt, als er sie zum ersten Mal im Badezimmer fand, das Blut im Waschbecken, das Blut an ihren Armen, während sie in der Ecke neben der Toilette hockte, die Beine an sich gezogen, die Finger, die sich in ihrem Haar verkrampft hatten und es ausrissen.

Er hatte ihr auf die Beine geholfen, er hatte die Wunden gesäubert und verbunden. Er hatte Teewasser aufgesetzt, das tat er immer, wenn er nicht mehr weiter wusste. Lange hatten sie schweigend nebeneinander gesessen und wie gern hätte sie ihn einfach nur berührt. Ihn berührt, um zu spüren, dass er auch wirklich da war, dass er nicht schon fort war, selbst wenn er hier noch saß.

„Ich kann das nicht“, wiederholte er und schaute sie an.

Die Ahnung war zur Gewissheit geworden, die sich in ihr zusammenkrampfte wie ein schweres klebriges Ding in ihrem Hals, das ihr den Atem zu nehmen schien und sie ebenso am Sprechen hinderte.

„Ich muss… ich muss eine Weile darüber nachdenken, wie das weitergehen soll. Ich muss einfach ein bisschen Ruhe und Zeit haben.“

Als sie nicht antwortete, sprach er weiter: „Ich weiß nichts aus deinem Leben, ich wusste auch nichts von dir, als ich mit zu deinem Geburtstag kam. Ich… Ich dachte einfach nur, es könnte ja vielleicht ein netter Abend werden, mehr nicht. Dass ich mich in dich verlieben würde… ja gut, das kann man vorher nicht wissen. Und ich dachte, es sei alles gut, es sei alles schön so wie es ist. Und jetzt so was hier… Ich weiß nicht, warum du so was machst, ich weiß nicht, was dir passiert ist. Nur… ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen. Bitte… bitte versteh mich, mir ist das… mir ist das hier irgendwie alles zu kompliziert, zu anstrengend. Und ich…“ An dieser Stelle brach er ab und schwieg.

Sie antwortete immer noch nicht.

Vielleicht wünschte sie, dass er seinen Worten noch etwas hinzufügte, das ihr Hoffnung schenkte.

Vielleicht wünschte sie, dass er sie einfach nur in die Arme nehmen würde.

Sie fühlte sich schuldig, dass er sie so im Badezimmer vorgefunden hatte, ohne ihn je darauf vorbereitet zu haben.

Sie fühlte sich schuldig für den Moment, in dem sie keine andere Lösung gefunden hatte, als sich die Wunden zuzufügen.

Sie fühlte sich schuldig dafür, dass sie es noch immer nicht vermocht hatte, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Als er nichts dergleichen tat, von dem sie annahm, dass sie es sich wünschte, sondern aufstand und ging, wusste sie, dass er nicht wiederkommen würde. Sie konnte sich nur nicht vorstellen, dass es auch tatsächlich so sein sollte. Und er erst nach einem Jahr zurückkehrte.

Und wenn er jetzt wieder geht? Und überhaupt nicht mehr wiederkommt?

12.04.2012 um 22:55 Uhr

wenn nachts das leben erwacht

Musik: The Obsession (Jan A. P. Kaczmarek)

Seit ihre Bilder in der Galerie ausgestellt sind, bekommt er sie kaum noch zu Gesicht. Und wenn doch, dann ist sie meist mit ihren Gedanken ganz woanders. Dann klemmt sie die Haarsträhne mit einer ungeduldigen Bewegung hinter das Ohr, blättert in Zeitschriften, breitet Postkarten und Fotos auf dem Boden aus - immer auf der Suche nach einer neuen Idee, nach einer Inspiration.

"Wir könnten mal wieder einen ausgedehnten Spaziergang machen", hat er vorgeschlagen und sie hat ihn angeschaut, als habe er gerade angeregt, eine Reise zum Mond anzutreten. "Na ja", hatte er beinah entschuldigend hinzugefügt, "vielleicht machts ja deinen Kopf wieder frei und du siehst irgendwas, das dich inspiriert." Missbilligend schüttelte sie den Kopf. "Unsinn, wie soll das gehen? Landschaften inspirieren mich nicht." "Dort draußen sind auch Menschen. Dinge. Situationen. Leben. Alles davon kann Ideen wecken."
"Musik", antwortet sie beim Hinausgehen, "Musik ist alles, was ich brauche."
"Falsche Antwort", ruft er ihr hinterher, "ICH bin alles, was du brauchst!" Und dann lacht er.

Nachts, wenn er erwacht, hat sie oft das Bett bereits verlassen, dann hat sie sich in ihrem Zimmer vergraben, ihr Zimmer, in dem nur Regale und ihr geliebtes Lounge-Sofa stehen.  Die vielen Bücher, die vielen Schallplatten, die er auf Streifzügen im Internet oder in kleinen Musikshops von überall her mit bringt. Anfangs hatte sie sein Hobby belächelt. "Wer hört heute noch Schallplatten?" hatte sie ihn gefragt, "heute, im Zeitalter der digitalen Technik, im Zeitalter von iPod & Co.?" Inzwischen liebt sie seinen Plattenspieler, sie liebt das leise Knacken der Scheibe, wenn die feine Nadel über sie hinwegtanzt und ihre Bahnen zieht. Dann entzündet sie all ihre Kerzen, schenkt sich ein Glas Weißweinschorle ein - und beginnt zu malen. Das sind dann die Momente, in denen die Energie in ihr zu fließen beginnt, wo Ideen geboren werden und auf der Leinwand Gestalt annehmen.

"Verdammt, ich brauch wohl eine Brille", murmelt sie vor sich hin, wenn sie ab und an ein Auge zukneifen oder gar zuhalten muss, weil die Linien vor ihren Augen verschwimmen.

Manchmal nachts, wenn er ohne sie neben sich erwacht, steht er auf und geht hinab in die Küche, trinkt die kalte Milch direkt aus der Flasche, obwohl er weiß, dass sie das nicht mag. Und bevor er zurückkehrt ins Bett, bleibt er dann und wann in der Tür zu ihrem Zimmer stehen, schaut ihr zu, wortlos, reglos, und er mag das, was er sieht. Er mag ihre Besessenheit, ihr Streben, ihren unbändigen Willen, den er an anderer Stelle vermisst. Hier aber sieht und spürt er ihn, diesen Willen, diesen Wunsch nach einem Weiterkommen, ihren Wunsch nach Anerkennung, nach Bestätigung. Gerade nachts, wenn der Tag zur Ruhe gekehrt ist, wenn Gedanken und Gefühle sich beruhigen, dann erwacht in ihr das Leben. Das Funkeln in den Augen. Sie braucht nur ein Ziel. Ein wirkliches Ziel. Keinen aufgeweichten Pfad, auf dem sie planlos herumwandelt. Nein. Ein wirkliches Ziel, das sie anschubst. Manchmal tut er es, um sie aus ihrer Starre herauszulösen, in die sie zurückfällt, sobald sie aufhört, sich zu bewegen. Doch eigentlich tut er es gegen seine Überzeugung. Sie muss sich auch dann bewegen, wenn er nicht da ist.

Dass die Galerie ihm jedoch die Nächte mit ihr nimmt, das hat er sich so nicht vorgestellt. 

11.04.2012 um 22:38 Uhr

erinner dich an mich

Musik: Where Do You Go (Dirk Reichardt, Mirko Schaffer)

Er lehnt am Türrahmen, in der Hand hält er das Glas Sekt und er schaut ihr zu.

Wie sie die Besucher unterhält.

Ihr schönes langes Haar hat sie locker zusammengesteckt, Strähnen lösen sich und fallen zartlockig auf ihre Schultern, ihre Augen sind groß und strahlend, ihre Wangen rosa gefärbt, doch am allermeisten wird ihr Gesicht bestimmt von dem vollmundigen Schwung ihrer Lippen, die sie heute für diesen Anlass rot bemalt hat.
Und nun steht sie da, strahlt die fremden Menschen an, zeigt, erklärt, nickt. Und immer lächelt sie dabei.

So glücklich sieht sie aus in diesem Moment.

So glücklich, dass er diesen Augenblick am liebsten einfangen würde. Für sich. Für sie beide.

Vergessen der Nachmittag, an dem sie ratlos vor ihrem Kleiderschrank stand und wie immer nichts wusste anzuziehen. Nichts erschien ihr angemessen oder gar perfekt genug für diesen ersten Auftritt, auf den sie so lange gehofft und gewartet hatte - und nun war er da. Es konnte doch nun nicht daran scheitern, dass nun nichts wirklich Passendes in ihrem Schrank zu finden war?
"Was ist mit dem kleinen Schwarzen?" "Oh Gott, das ist so klassisch und genau das ist so langweilig! Die meisten Frauen gehen im kleinen Schwarzen zu ihrer Party und das machen sie nur, weil sie nichts Besseres gefunden haben!"
Er nahm einen Bügel aus dem Schrank, hielt ihr das Kleid hin.
"Dann nimm doch das."
Und sie lächelte und sie nahm es.
Es war das Kleid, das er ihr für die Reise nach Holland gekauft hatte.
Das schlichte helle kurze Kleid und als sie sich das Haar zusammensteckte und die Lippen in dunkles Rot tauchte, als sie ihn fragend ansah, da konnte er nur nicken und lächeln.
Sie ist es.
Nur aussprechen konnte er es nicht.
Lies es in meinen Augen, sagten seine Augen.

Und nun sah er ihr zu und ihm fiel wieder ein, warum er sich in sie verliebt hatte, damals, vor wenigen Jahren.
Es war ihr Lachen.
Es war ihre Begeisterung, die ihn mitriss, die beinah kindliche Freude über die kleinen Dinge.
Es war diese Mischung aus Mädchen und Frau, diese wechselnden Rollen, die sie nicht spielte, die ihr nicht bewusst waren, diese Rollen, in denen sie ihm immer wieder begegnete und es ihm möglich machte,  sie immer wieder aufs Neue zu entdecken.

Bei all den Sorgen und Problemen jedoch, gegen die sie beinah täglich ankämpften, hatte er fast dieses Mädchen in ihr vergessen. Sein Mädchen.

Er ist froh, dass er diesen Tag mit ihr teilen konnte. Sie ist dankbar, dass er bei ihr ist.

Als sie spätabends die Galerie verlassen, zieht sie die Schuhe aus, läuft barfuss zum Auto und wirft sich in den Sitz. "Würden Sie mich nach Hause fahren, junger Mann?" "Tut mir leid, das geht nicht. Meine Frau kommt gleich. Meine wunderschöne Frau. Sie würden Sie mögen." Sie schaut ihn an, dann lacht sie unvermittelt, hebt die Arme, um ihn zu umarmen.
Ein wunderbarer Tag, ein wunderbarer Abend und als sie aus dem Badezimmer kommt, auf ihrer Haut den Hauch ihres Parfüms, das Haar geöffnet, der Körper bedeckt vom zarten Nichts, als sie das Schlafzimmer betritt und erwartungsvoll auf ihn blickt, da ist er inzwischen eingeschlafen.

11.04.2012 um 16:33 Uhr

ungeöffnete briefe

Musik: I Built Myself A Life (Hollywood Studio Symphony)

Noch vor wenigen Jahren hätte sie sich nach einer Nacht wie der letzten, in der sie sich mit soviel Innigkeit und Leidenschaft begegneten und die trotz allem merkwürdig distanziert endete, zunächst in sich selbst zurückgezogen, sowieso den Grund dafür in sich selbst gesucht und trotz alledem darauf gewartet, dass er sie aus diesem Käfig des in sich selbst Gefangenseins befreite.
An diesem Morgen jedoch, als sie erwacht und ihn neben sich sieht, seine verstrubbelten Haare, die kreuz und quer aus dem Kissen ragen, das geliebte Gesicht, das sie inzwischen so gut kennt und so oft mit ihren Fingern zärtlich nachgezeichnet hat, dass sie ihn selbst mit blind gewordenen Augen immer wiedererkennen würde - an diesem Morgen ist ihr immer noch nicht egal, dass er offenbar den Wunsch der gemeinsamen Familie nicht mit ihr trägt, aber vor allem ist sie dankbar dafür, überhaupt in sein Gesicht schauen zu können. Das ist nach all der Zeit immer noch das einzige, in das sie schauen möchte, wenn sie morgens erwacht.

Und so ist sie es, die jetzt ohne Zögern und ohne auch nur einen einzigen Millimeter Distanz von innen und von außen an ihn heranrückt, aufmerksam sein Gesicht betrachtet, ob er wirklich noch schläft oder nur so tut und dann liebevoll an seinen Schultern rüttelt.  "Aufwachen!" Er brummelt irgendetwas, der öffnet seine Augen nicht, sie versucht es mit Kitzeln, aber ach ja, das kann er unterdrücken, dagegen ist er immun.
Sie kuschelt sich eng an ihn.
"Heute machst du das Frühstück. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee, die große rote übrigens, und dann hätte ich gern frische Brötchen, die Erdbeermarmelade und... ah ja, ein Ei dazu. Bitte nicht zu hart gekocht, du weißt doch, ich mag das, wenns auf dem Brötchen zerläuft."
Was er erneut brummelt, versteht sie nicht, gleichwohl schlingt sie zufrieden und entspannt ihre Arme um ihn. "Lass dir ruhig Zeit mit dem Aufstehen, ich kanns den ganzen Tag hier aushalten."

Irgendwann schlafen sie beide wieder ein, und es ist fast Mittag, als er endlich aufsteht, hinüber zum Fenster geht und den Laden nach außen drückt. "He Schlafmütze. Draußen ist so ein Sonnenwetter und was machen wir?" "Du machst Frühstück und ich geh inzwischen duschen", murmelt sie mit geschlossenen Augen und während er theatralisch seufzend die Küche betritt, bleibt sie genauso reglos liegen wie zuvor, doch öffnet sie die Augen und ihr Gesicht ist mit einem Mal vollkommen ernst und nachdenklich.
Sie kann sich nicht erinnern, dass er jemals so lange geschlafen hat.
Irgendetwas ist anders, und es ist dieses Fühlen ohne Wissen, das ihr Angst bereitet.
Bewegen.
Aufstehen und bewegen, jetzt ausgiebig duschen und mit jedem Wassertropfen die Ängste hinter ihrer Stirn herausperlen und hinabspülen lassen.

Inzwischen hat er den Tisch gedeckt, der Duft des frischen Kaffees zieht bereits durch das Haus, er pfeift vor sich hin und als sie die Küche betritt und sich zu ihm an den Tisch setzt, schiebt er ihr die Zeitung und die Post zu.
"Da ist was für dich dabei."

Gleich mit dem ersten Brief springt sie auf. "Die Galerie! Die Galerie hat geschrieben! Oh mein Gott, ich hoffe, es ist etwas Gutes!" Er lächelt ihr zu, während er weiter in aller Seelenruhe sein Brötchen bestreicht und Kaffee einschenkt. Ungeduldig reißt sie den Umschlag auf, beinah zerreißt sie dabei noch das Schreiben darin und ihre Hände zittern, ihre Augen glänzen, als sie die Zeilen erst überfliegt und dann noch einmal langsamer und aufmerksamer liest, nur um ihm dann den Inhalt zu präsentieren.

"Sie stellen aus! Kannst du das glauben? Sie wollen meine Bilder ausstellen!"

Sie springt auf und tanzt vor Freude in der Küche herum; es gibt nichts, das sie jetzt auf diesem Stuhl halten könnte. "Mein Gott! Oh mein Gott! Ich werde gleich verrückt! Nein, ich dreh durch! Ich.. Ich glaub das gar nicht! Meine Bilder! Dass die MEINE Bilder wollen!"

Er zieht sie zu sich heran, einfach so schnappt er sie sich, während er gelassen auf dem Stuhl sitzen bleibt und während sie auf seinem Schoß Platz nimmt, bedeckt sie seinen Mund, seine Augen, seine Stirn mit Küssen und möchte zugleich wieder aufspringen und weiter herumtanzen.

Endlich! Endlich! Wie lange hat sie auf diesen Moment gewartet, auf diese Gelegenheit, wie oft hat sie an sich und ihren Bildern gezweifelt, Phantasiebilder, bunte Bilder, von denen sie irgendwann nicht mehr sicher war, ob sie überhaupt nur einem einzigen anderen Menschen gefallen konnten, ob nur überhaupt ein einziger anderer Mensch das sehen konnte, was sie sah, wenn sie die Pinselstriche auf die Leinwand setzte. 

"Da ist noch ein Brief", fügt er schließlich hinzu und schneidet das nächste Brötchen auf. Seine Stimme klingt ruhig, gefasst, aber anders und sie hält sofort in ihrer Bewegung inne, dreht sich herum zu ihm, zum Tisch und greift nach dem kleinen Stapel Post. "Ich hoffe, ich habe nicht vergessen, eine Rechnung zu bezahlen", sie sagt das, obwohl sie genau weiß, dass es etwas ganz anderes ist. Sie weiß es und er weiß, dass sie es weiß.
Also antwortet er nichts, frühstückt scheinbar unbeteiligt weiter und als sie den einen Brief in ihre Hand nimmt, die ihr wohlbekannte Handschrift, Briefe, wie sie regelmäßig immer wieder kommen und die sie nie gelesen hat, nicht einen einzigen davon.
Ihre Hand mit diesem Brief sinkt, sie starrt vor sich hin.
"Wie wärs denn, wenn du einfach mal einen aufmachst und liest?" fragt er.
Sie setzt sich, legt den Brief zur Seite und greift zu ihrem Kaffeebecher. Ihre Hand zittert, ihr Mund verzieht sich zu einem schmalen Strich. "Nein." - "Und warum nicht?"
Sie setzt den Kaffeebecher ab, lehnt sich zurück und starrt ins Nirgendwo.
"Ich habe keinen dieser Briefe gelesen. Oder lesen wollen. Ich wüsste auch nicht, wieso ich jetzt damit anfangen sollte. Manches lässt sich nicht wieder gerade biegen. Und schon gar nicht mit irgendwelchen Briefen."
"OK. Das versteh ich. Aber ein Brief... ist auch ein erster Schritt, meinst du nicht?"
"Ein erster Schritt für was?"
"Nun... Dass ihr einfach mal miteinander sprecht? Dass du hörst, was er dir zu sagen hat?"
"Ich hab all die Jahre auch ganz gut ohne seine Meinung gelebt."
"So. Meinst du."
"Ich weiß, dass er mich nicht wollte. Dass er mich nie wollte. Dass er meine Mutter zur Abtreibung zwingen wollte. Dass er meine Mutter zerbrechen wollte, weil sie sich für mich entschied. Was muss ich da noch wissen?"
Er beißt von dem Brötchen ab, trinkt einen Schluck Kaffee.
Manchmal reizt sie seine Ruhe und Bedächtigkeit, dann möchte sie aufspringen, schreien oder ihn rütteln. Das tut sie nicht, das würde sie niemals tun, gerade für seine Ruhe liebt sie ihn ja.
"Du weißt nur, was deine Mutter dir erzählte. Oder deine Großmutter. Vielleicht war alles ja auch ganz anders?"

Sie reagiert nicht sofort und so, wie sie dasitzt, ist er auch nicht sicher, ob sie seine Worte überhaupt verstanden hat. In dem Moment, als er nachhaken will, wendet sie den Kopf, ruht ihr Blick auf ihm.

"Ich habe Nein gesagt."

Er schließt den Mund, ohne etwas gesagt zu haben.

"Ich habe Nein gesagt! Ich habe so oft Nein gesagt! Und niemand hat es gehört, niemand!"

Sie steht auf, geht in der Küche erregt hin und her. 

"Setz dich bitte wieder", sagt er, doch auch wenn sie hört, was er sagt, dringt es nicht zu ihr durch.

"Hörst du nicht? Setz dich bitte wieder. Es ist ok, wenn du nicht möchtest, ich werde dich auch nicht drängen. Aber setz dich bitte wieder hin."

Also lässt sie sich fallen auf ihren Stuhl, greift erneut nach dem Kaffeebecher, ihr Brötchen bleibt unberührt auf dem Teller liegen. Er zeigt darauf. "Komm, iss doch etwas. Die Eier sind heut wirklich gut geworden."

Ihr Blick schwenkt hin und her, zwischen ihrem Teller und ihm und in ihrem Blick liegt die Distanz der letzten Nacht, als sie sagt: "Ich habe es so satt, dass mir jeder immer sagen will, was ich tun soll und was nicht. Ich habe es so satt, dass alle immer glauben, was gut für mich sei, ohne dass mich überhaupt mal jemand fragt!"

Er wirft ihr einen Blick zu, er ist fertig mit dem Frühstücken, er fährt sich kurz durch die Haare, dann beginnt er, den Tisch abzuräumen.

"Nun, ich nehme an, ich kann dein Geschirr auch mit abräumen?"

Sie antwortet nicht, sie schaut ihn auch nicht an.

Er lässt Wasser in das Spülbecken laufen und eine Weile ist nichts zu hören in dieser Küche als das Ticken der alten Holzuhr und das Klirren des Geschirrs. Er schwenkt das Geschirrtuch, hängt es sich über die Schulter und während er sich gegen das Spülbecken lehnt, ein Bein vor dem anderen verkreuzt, den Kopf schiefgelegt, betrachtet er sie, wie sie immer noch so da sitzt und kein Wort sagt.

"Verstehst du jetzt, warum ich keine Familie gründen kann? Wir haben so viele Probleme mit uns, die wir lösen sollten. Wir haben keine Zeit, keinen Raum, um Kinder zu bekommen und uns um sie zu kümmern."

"Ja. Es tut mir leid, dass ich so anstrengend bin. So ein Pflegefall, es ist natürlich unzumutbar. Nur in fünf Jahren bin ich zu alt, dann will ich keine Familie mehr. Und du wohl auch kaum. Jedenfalls nicht mit mir. Vielleicht mit einer, die zehn Jahre jünger ist als ich."

Er lässt sich nicht provozieren, nicht heute und nicht jetzt.

"Auch wenn du kein Kind hast, hast du bereits eine Familie", sagt er ruhig, "ich denke, wir sollten erst einmal das in Ordnung bringen können. Wenn uns dafür schon die Kraft fehlt, brauchen wir erst recht nicht über ein Kind nachdenken." Sie hat Tränen in den Augen, als sie ihn ansieht: "Du hast ja schon ein Kind. Für dich ist das nicht mehr so wichtig. Aber für mich. Für mich ist es das."

Er geht zu ihr, hockt sich vor sie und legt seine Hände auf ihre Knie.

"Das Wichtigste für mich bist du. Ich werde alles tun, das dich glücklich macht. Weil du alles tust, das mich glücklich macht. Aber das alles nicht um jeden Preis."

Sie schauen sich an, sie sehen sich in die Augen und schweigen. Sie müssen jetzt auch nicht reden. Es ist alles gesagt. Sie weiß, dass er recht hat. Nur eingestehen kann sie es sich nicht. Nicht in diesem Moment. 

 

11.04.2012 um 00:30 Uhr

die sehnsucht tief in ihr

Musik: How Does It Feel (Dirk Reichardt & Mirko Schaffer)

Es gibt Momente, da schaut sie ihn an und es überkommt sie dieses Gefühl, als würde sie tief in ihn eintauchen, durch seine Augen hinein in seine Seele, hinab in die Tiefe seiner Empfindungen, und dann glaubt sie, sich selbst darin wiederzuerkennen. Sich selbst in ihm wiederzufinden. 

Es gibt Momente, da schaut sie ihn an und alles um sie herum versinkt in einem Nichts aus Lärm und bunten Farben, die sie nicht mehr sieht und den sie nicht mehr hört.

Dann nimmt sie seine Hand und legt ihr Gesicht hinein, schließt ihre Augen  und obschon er überhaupt nichts tut, so gar nicht reagiert, sondern einfach nur geschehen lässt, fühlt sie sich umfangen von ihm, eingehüllt in das Bewusstsein, dass er da ist - gleich einer innigen Umarmung; wie nah er ist und dass es nur dieser Bewegung bedarf, den Arm auszustrecken, um ihn zu berühren.

Wenn er sie berührt, scheint es ihr, als habe sie niemals ein anderer Mann berührt.
Wenn sie neben ihm sitzt und ihren Kopf an seine Schulter lehnt, scheint es ihr, als habe sie niemals neben einem anderen Mann gesessen.
Wenn sie nachts bei ihm liegt, mit sachten Küssen seine Haut bedeckt, wenn ihre Finger zärtlich seinen Körper berühren und sie jeden noch so kleinen Winkel immer wieder neu entdeckt, dann scheint es ihr, als habe es niemals einen anderen Mann in ihrem Leben gegeben, als habe sie in ihrem ganzen Leben immer nur diesen einen Menschen geliebt, der beide Hände in ihrem langen Haar vergräbt und ihren Mund so durstig küsst, als müsse er von ihren Lippen kosten, um nicht zu verdorren; dessen Hände so warm und zärtlich über ihre kleinen Brüste und den Schwung ihrer Hüften gleiten und sie zur schönsten Frau der ganzen Welt machen. Dann gibt sie sich hin mit all ihrer sinnlichen Leidenschaft, mit all ihrem Begehren für diesen einen Menschen, dann umklammern ihre Arme seine Schultern, hinterlassen ihre Nägel Spuren auf seiner Haut und umschlingen ihre Beine seine Beine, so als wolle sie ihn niemals mehr loslassen...

"Manchmal", flüstert sie in die Nacht hinein, während sie nebeneinander liegen, eng beieinander, die Körper ermattet und noch im atemlosen Auf und Ab, "wünschte ich, wir würden ein Kind miteinander haben."

Hat sie das jetzt wirklich gesagt? Sie hat es kaum ausgesprochen und ist im selben Moment über sich erschrocken. Was wird er sagen, was wird er denken? "Sprich mit mir", hatte er immer gesagt, "tu alles, aber hör nicht auf mit mir zu sprechen." Sie hat keine Scheu mehr davor, ihre Gedanken auszusprechen. Doch noch heute empfindet sie Angst vor den Antworten, die er ihr geben würde. Angst vor den Antworten, von denen sie glaubt, dass er sie ihr geben könnte. "Ich weiß", antwortet er. Das ist alles. Einfach nur: Ich weiß.
In ihrem Kopf wirbeln die Gedanken, die Empfindungen des gerade erlebten Gipfelsturmes, die Liebe zu ihm, die Innigkeit ihres Miteinander - all das mengt sich mit seinem schlichten "ich weiß" zu dem Vertrauten, dass es im Grunde keiner Worte, keiner Erklärungen bedarf. Dennoch bleibt etwas in ihr, ein Unausgefülltsein, ein Unbefriedigtsein, ein Nichtvollendetsein mit diesem "ich weiß". Je heftiger die Emotionen an ihrem Inneren rütteln und zerren, umso weniger genügt ihr ein Blick, eine Berührung - oder nur ein "ich weiß".
Heute Nacht genügt es ihr nicht. Heute Nacht möchte sie mehr von ihm. Eine Antwort.

Er löst sich aus ihrer Umarmung und steht auf. "Ich muss was trinken. Möchtest du auch etwas?"

Sie schüttelt nur den Kopf, legt sich zurück, schließt die Augen. Sie bekommt nicht die Antwort, die sie hören möchte. Er wendet kurz den Kopf, schaut auf sie, bevor er das Zimmer verlässt und hinab zur Küche steigt.

Einst hatte er bereits eine Familie gegründet. Er hat eine Tochter, die er kaum sieht.
Heute führt er ein anderes Leben, in dem so vieles noch unfertig und noch vieles zu bewältigen ist. 
Ein Leben, das auch ihm so vieles abverlangt. Manchmal zuviel und dann flüchtet er wieder hinauf aufs Meer. 
Heute fühlt er sich unfähig, erneut eine Familie zu gründen. Es gibt zuviele Sorgen. Zuvieles anderes.
Und er hat keine Ahnung, wie er ihr das erklären soll, damit sie ihn versteht und nicht erneut an sich selbst zweifelt. Also sagt er einfach gar nichts.

Als er sich wieder zu ihr legt, rückt sie wortlos heran, legt ihre Hand auf seinen Bauch. Wie sie das immer tut, damit sie einschlafen kann. Doch ihr Zögern hat er bemerkt. Ihre Zurückhaltung hat er bemerkt so wie er auch spürt, dass ihr Körper sich nicht mehr so recht an seinen anzuschmiegen vermag, wie nah sie auch bei ihm liegt.

Der Zauber der Nacht ist verflogen. 

 

08.04.2012 um 11:54 Uhr

Im nächsten Leben wird alles anders sein

Musik: What Happens Instead (Thomas Newman)

Wenn sie eines an diesem alten Haus liebt, dann dies, morgens aufzustehen, barfuss über den Holzfußboden zu laufen, hinunter in die Küche, den Teekessel aufzusetzen und frischen Kaffee in die Kanne zu füllen.
Sie liebt diesen Teekessel, den sie irgendwann auf einem ihrer unzähligen Streifzüge über Flohmärkte erstanden hatte, und vermutlich hatte sie viel zu viel dafür bezahlt. Dafür aber besaß sie ihn jetzt, und gerade an Tagen wie diesen, die ruhig und auf bestimmte Weise irgendwie sinnlich begannen, benutzt sie ihn, legt ihre Lieblings-CD in den Player und füllt den Raum mit den Klängen, die zart und zugleich so kraftvoll durch den Raum perlen, öffnet sie die Fensterflügel und lässt die frische Morgenluft hinein, lauscht sie auf das Konzert der Vögel im Garten vor dem Haus, rührt sie die Zutaten für einen Kuchen und während dieser beim Backen den ersten süßen Geruch verströmt, hat sie den Tisch gedeckt und während sie leichtfüßig über den Boden tänzelt, da und dort den Schrank öffnet, um noch etwas herauszunehmen, mit der Musik ihren Körper bewegt und mitsingt, steht er schon in der Tür und schaut ihr dabei zu. Das sind die Augenblicke, für die er sie liebt, das sind diese Momentaufnahmen, die er jedesmal mit sich nimmt, wenn er wieder auf das Schiff geht und sich auf die Weite des unendlichen Meeres begibt. Das sind genau diese Augenblicke, in denen er sich oft fragt, wann er die Leidenschaft für das Meer tauschen wollen würde für die Liebe, die er empfindet, wenn er ihr so zusieht.
Danach gefragt hat sie schon lang nicht mehr, sie weiß, wie sehr er das Meer und die Freiheit liebt, und doch weiß er, wie sehr sie sich wünscht, eines Tages nicht mehr auf ihn warten zu müssen. Jede Nacht neben ihm einzuschlafen und jeden Morgen neben ihm zu erwachen.
Aber ob es dann noch so besonders wäre?
Ob sie dann immer noch so glücklich miteinander wären und sich jeden Tag so aufeinander freuen würden?
Oder ob sie in den Alltag hineinkommen würden, der ihnen Augen und Ohren verschloss?
Sie hatten es beide erlebt, beide in ihrem Leben vorher, und sie hatten sich beide vorgenommen:
Im nächsten Leben würde alles anders sein.
Das ist die Angst, die er hat, und sie, so glaubt er, befürchtet es auch.
Doch der Wunsch nach dem gemeinsamen Leben ist ebenso da und lässt sich ebenso wenig unterdrücken.
Immer weniger.

Da bemerkt sie ihn und läuft auf ihn zu, legt ihre Arme um ihn, küsst ihn auf Nase und Mund.
"Hey, du bist ja schon wach! Hast du gut geschlafen?"
Er dehnt sich, streckt sich und versucht, die letzte Müdigkeit aus den Gliedern zu drängen.
Er mag es, wenn sie etwas von ihm trägt, seine Shirts oder die Jacke seines Schlafanzuges, von der ihr die Ärmel viel zu lang sind und über ihre Hände hinaus reichen. Manchmal schiebt sie sie hoch, unbedacht, und dann kann er die Narben an ihrem Arm sehen. Die Narben, die sie oft zu verbergen versucht, auch weil sie weiß, dass er den Gedanken nicht erträgt an das Leben, das sie vor ihm führte. Das Leben, von dem die Narben auf ihrer Haut und auch auf ihrer Seele geblieben sind. Und wenn er sie heute anschaut, ihr fröhliches Lachen, ihr zuweilen unbeschwertes Wesen, dann versteht er noch weniger, wie es möglich ist, dass Menschen einander so sehr verletzen; und zuweilen fragt er sich, wie echt ihr Lachen heute wirklich ist und ob es wirklich so sein kann, dass man so ein Leben tatsächlich hinter sich lassen kann.

Sie schiebt ihm die Zeitung zu. "Schau mal, heute ist Flohmarkt, was meinst du, fahren wir hin?"
"Schon wieder Flohmarkt?" foppt er sie. "Unser Haus ist selbst bald ein Antikmarkt."
Sie lacht. "Also ja? Also ja!"
Ein wunderbarer Sonnentag, an dem sie mit kindlicher Entdeckerfreude über den Flohmarkt laufen, entdecken, einander zeigen, Kaffee aus Pappbechern trinken und als sie am Nachmittag heimkehren, essen sie ihren frischgebackenen Kuchen, sammelt sie anschließend die ersten Äpfel, die mit leisem Plumps ins Gras gefallen sind, verteilt sie sie in die kleinen Körbe überall im Haus, und dann stellt sie die neue Leinwand auf die Staffelei und greift zum Pinsel.
Er ist froh über ihre Geschäftigkeit, er ist froh über die Energie, die in ihr steckt. Er ist froh, dass sie nicht mehr an den letzten Termin bei ihrer Ärztin denkt, von dem sie doch recht verstört heimkehrte und kaum erzählen mochte, was eigentlich vorgefallen war.

Er ahnt nicht, dass ihre Geschäftigkeit sie einzig und allein vor den Gedanken bewahren soll, vor der Angst, die in ihr lebt. Die Angst, dass sie ihn verliert. Die Angst, dass irgendetwas mit ihm geschieht. Und sie weiß, wenn sie sich nicht bewegt, wenn sie still stehenbleibt, dann wird sie sich in dieser Angst verlieren. Und ihn erdrücken.

02.04.2012 um 23:17 Uhr

Alles dreht sich

Musik: At Home (Jan A.P. Kaczmarek)

Nervös rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, und auch wenn sie sich noch so sehr zur Ruhe zwingt, so fährt sie sich immer wieder mit den Fingern durch das Haar, reibt sie die Handflächen aneinander, gräbt sie ihre Fingernägel in die Arme.

"Sie sind heute so gar nicht bei der Sache", der Blick der Ärztin ruht aufmerksam auf ihr.

Nein. Das ist sie auch nicht und sie kann es nicht erklären. Irgend etwas arbeitet in ihr, ihre Gedanken taumeln wild durcheinander, ziellos, planlos, kaum zu erfassen, kaum klar zu ordnen. Sie weiß nicht, wie sie fühlen soll, wie sie sich selbst empfinden soll und ihr scheint, als vibriere ihr ganzer Körper. Sie ist so fahrig und zapplig, dass sie beinah hören kann, wie er jetzt sagen würde: "Jetzt hör doch mal auf bitte, du machst mich noch ganz verrückt."
Aber er ist nicht da. Er ist beim Haus geblieben, als sie in die Stadt fuhr.
"Der Rasen muss gemäht werden", hatte er gesagt, und sie hatte ihn betrachtet, wie er da so stand, barfuss auf den ausgelatschten Stufen, die Hand über die Augen gelegt und wie er nachdenklich in den Garten schaute.
Sie war an ihn herangetreten, blieb hinter seinem Rücken stehen und hatte ihre Arme um ihn gelegt.
"Und wenn du ihn einfach so lässt? Schau doch mal, die Mohnblumen, die Kornblumen, ich mag das."
"Ich weiß. Aber bald muss ich wieder los und wenn ich wiederkomm, ist vermutlich eine Dornenhecke daraus geworden und dann muss ich darum kämpfen, zum Dornröschen durchzukommen."
Sie hatte gelacht "Jetzt wachsen bei uns sogar schon Kornblumen mit Dornen" und einen zärtlichen Kuss auf seine Schulter gedrückt. Er war so stehen geblieben, ruhig, fest auf der Erde und einmal mehr empfand sie ihn als ihren sicheren Hafen, eine ruhige Festung, die nichts und niemand erschüttern konnte.
Gleichwohl entging ihr nicht, wie müde er war und wie abgespannt er ausgesehen hatte. Das Wohlgefühl ihrer Reise nach Holland, es war immer noch da, und doch schien er müde und erschöpft, da konnte er abwiegeln wie er wollte. Und sie hatte begonnen, sich Vorwürfe zu machen, dass sie diese Fahrt nach Holland gemacht hatten. Nur weil es ihr nicht gut ging. Nur weil er etwas tun wollte, damit es ihr besser ging. Sie liebt ihn für diese Idee, aber sie möchte sie nicht um jeden Preis. 

"Wovor haben Sie Angst?"

Sie schaut auf. Diese Frage überrascht sie. Dass sie Angst haben könnte, daran hat sie gar nicht gedacht. Angst? Wovor denn?

"Erzählen Sie von Holland", fordert die Ärztin sie auf und mit einem Mal springt sie auf, läuft im Zimmer auf und ab, hin und her, immer wieder, und ebenso immer wieder fährt sie sich mit den Fingern durch das Haar, zerkratzt sie sich den Hals, die Stirn, die Wangen. So lange, bis die Ärztin ebenfalls aufsteht und sie in die Arme nimmt, mit einem derart festen, ruhigen Griff, der es ihr unmöglich macht, auch nur einen Schritt zu gehen oder nur eine Bewegung zu machen. Das erdrückt sie, das nimmt ihr den Atem, und urplötzlich überkommt sie das Gefühl, diese fremde Frau von sich stoßen, sich befreien zu müssen. Doch diese Frau lässt sich nicht abschütteln. Das kann sie nicht ertragen. Sie hasst es, von fremden Menschen angefasst, berührt zu werden. Und erst recht hasst sie es, derart festgehalten und bewegungsunfähig gemacht zu werden.
"Lassen Sie mich doch los!" brüllt sie unvermittelt los und obschon die Ärztin überrascht ist über diesen Ausbruch, scheint sie zugleich nicht überrascht von dieser Kraft, die mit einem Mal von innen nach außen dringen will.

Sie wehrt sich, sie kämpft, doch die Ärztin lässt nicht los.
Bis sie zusammensackt, auf ihre Knie fällt und zu weinen beginnt.
Erst dann lockert die Ärztin den Griff, lässt sie immer noch nicht los. Doch sie wehrt sich auch nicht mehr. Sie liegt auf ihren Knien, die Hände hält sie vor das Gesicht, und sie weint hemmungslos und lässt geschehen, dass sie im Arm dieser Ärztin liegt, wie ein Kind, das gestürzt und sich die Knie aufgeschlagen hat und nun von der Mama getröstet wird.

Es ist, als löse sich etwas in ihr.

Und dann flüstert sie: "Als ich ihn heute Nachmittag so stehen sah... Als er sagte, er müsse unbedingt den Rasen mähen und es doch nicht tat... Er war so müde. Er war so erschöpft. Und dabei schläft er soviel. Wissen Sie... Da habe ich Angst bekommen. Es hat mir Angst gemacht. So kenne ich ihn nicht. So ist er nicht. Was er sagt, das macht er, was er sich vornimmt, das setzt er um." Sie macht eine Pause, kramt nach ihrem Taschentuch. "Ich glaube... Ich glaube, dass... Wissen Sie, all die Jahre reden wir immer nur von mir. Von meiner Krankheit, von meiner Kindheit, von all der hässlichen Zeit, die vor ihm war. Er hat sich immer Sorgen um mich gemacht." Sie hebt den Kopf, sie richtet den Blick zum Fenster, dort, wo die Sonne scheint.

"Ich habe Angst, ihn zu verlieren. Ich habe Angst, dass wir immer nur von mir sprechen und dabei übersehen, dass er es ist, der gerade Hilfe braucht."

01.04.2012 um 10:39 Uhr

Herzklopfen

Musik: candy (paolo nutini)

Er liebt es, ihr zuzusehen, wie sie barfuss und mit hochgekrempelten Jeans am Ufer entlangläuft, die Arme ausgebreitet. Manchmal ruft sie ihm etwas zu und dann lacht er, weil das Tosen der Wellen ihre Stimme übertönt und er dennoch ihre kindliche Begeisterung spürt.
Er liebt es, wenn sie den Haarknoten löst und er in ihrem Haar wühlen kann. Wenn es lang auf ihren Rücken fällt und er ihr die Strähne aus dem Gesicht streicht.
Er liebt es, wenn der Wind ihr Haar zerzaust, ihre Wangen rosa färbt und in ihren Augen diese Lust am Leben funkelt. 

Sie liebt es, ihn nur anzusehen und zu spüren, wie ein wohliges Gefühl von Liebe, Zuneigung, Zutrauen, Vertrauen sie durchrieselt, seine wundervollen Augen, die oft so etwas Sehnsuchtsvolles, Verträumtes im Blick haben und das sie so an sich selbst erinnert.
Sie liebt es, nachts an seiner Seite einzuschlafen, ihre Arme, ihre Beine um ihn geschlungen; diese Augenblicke, wenn sie nachts erwacht, schlecht geträumt oder auch nicht, und dann öffnet sie die Augen und sieht, nein, eher fühlt sie seine Nähe, seinen Körper, warm vom Schlaf; dann ist er so beruhigend nah und während er sorglos schläft, kuschelt sie sich an ihn heran, nur um ihre Hand auf seinen Bauch zu legen und mit einem Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit wieder einzuschlafen.
Sie liebt es, ihre Hand in seine Hand zu legen, wenn sie durch die Straßen laufen; ihre Finger in seine Finger zu verhaken.

Als sie einander kennen lernten, war es die Faszination des Augenblicks.
Als sie einander lieben lernten, war es die Faszination des geteilten Lebens.
Wenn der Alltag einzieht, droht man zu vergessen.
Wenn der Alltag einzieht, droht man sich zu gewöhnen und sich zu verlieren.

Manchmal genügt ein einziger Nachmittag, ein einziger Abend in einer fremden Stadt, an einem anderen Ort, um einander wieder zu entdecken. Und sich zu erinnern an das, was man doch weiß. Manchmal... muss man einfach öfter mal an einen fremden Platz fahren und vom Alltag loslassen. Es ist dieses Miteinander, dieses Erlebte, dieses sich Fallenlassen, die Erinnerung an so viele kleine und doch großartige Augenblicke. 

Als sie am Morgen erwacht und aus dem niedrigen kleinen Fenster der Mühle hinunter und in die Weite des grünen Landes schaut, fühlt sie sich beinah wie wenn sie am Ufer des Meeres steht. Dann möchte sie die Arme ausbreiten, die Flügel ausbreiten und sich hinauf in den blauen Himmel erheben, der sich endlos über ihr dehnt.
Sie dreht sich um und schaut ihm dabei zu, wie er die letzten Sachen in die Tasche packt.
Sie lächelt und es tut ihr nicht leid, dass sie schon wieder fahren müssen.
Sie ist einfach nur glücklich und dankbar, hier gewesen zu sein und so reich wieder heimzufahren.
Er schaut hoch und lächelt: "Haben wir alles? Haben wir nichts vergessen?"
Sie geht zu ihm und kuschelt sich an seine Brust.
"Wir haben alles, was wir brauchen."

30.03.2012 um 00:06 Uhr

nur eine stunde

Musik: Rupert Bear (Gabriel Yared)

irgendwann einmal hatte sie es ihm versprochen: "ich kümmere mich um mich." und so geht sie eine zeitlang regelmäßig zu den anonymen emoholikern, wie sie das scherzhaft ausdrückt. "wir haben kein problem mit dem trinken, aber ein problem mit unserem gefühlsrausch", so hat sie es mal gesagt und ob ihr diese einzelnen stunden etwas bringen oder nicht, das vermag sie nicht einzuschätzen. sie setzt sich dazu, sie hört zu, sie äußert sich kaum, schweigt meist und saugt aber dennoch alles auf, das hier gesagt oder getan wird.
manchmal weiß sie nicht einmal, wofür sie es tut. sie hat es ihm versprochen, also tut sie es. manchmal, wenn sie lieber malen oder ein buch in der sonne lesen will, dann ruft sie an und meldet sich krank, murmelt etwas von durchfall - diese ausrede zieht immer, solange sie sie nicht missbraucht.

heute jedoch kann sie sich nicht herausreden. er hat ohnehin etwas in der stadt zu erledigen, er will sie mit dem auto mitnehmen und sie sitzen schweigend nebeneinander, jeder hängt seinen gedanken nach und ihre hand auf sein bein zu legen, wie sie das oft tut, wenn sie unterwegs sind, das wagt sie heute nicht. irgendetwas geht von ihm aus, das ihn unnahbar macht.
"ich hol dich dann wieder hier ab, in einer stunde", sagt er und gibt ihr einen kuss.

und dann findet sie sich auch schon wieder, inmitten der bekannten gesichter, eigentlich sind es immer dieselben, die sich hier zusammenfinden, voneinander berichten und die froh und irgendwie auch dankbar sind, dass ihnen wenigstens hier jemand zuhört. geduldig. abwartend. und vielleicht mit ein paar worten, die helfen sollen, ein wenig klarheit in die eigenen gedanken zu bringen, die sich gern verstricken, wenn man sich zu lange selbst nur im kreise dreht.
"erzähl doch von dir mal etwas", wird sie aufgefordert und sie scheut sich. wie sie das immer tut. manchmal will sie einfach nicht reden, nichts von sich preisgeben, manchmal jedoch empfindet sie ihre eigene welt als zu klein gegen das, was die anderen mit sich bringen.
"wo hat die denn überhaupt ein problem?" bricht in diese gedanken die stimme einer älteren, scheinbar resoluten frau, die ihr herbes wesen mit zuviel schminke und zu enger kleidung feminin betonen möchte. "seht sie euch doch an! sieht so jemand aus, der probleme hat? der ernsthaft sorgen hat?"
sie spürt, wie etwas in ihr in bewegung gerät, gleich dem pendel einer uhr, hin und her, hin und wieder her; sie spürt, wie sie eine unruhe überkommt, doch noch ist sie äußerlich vollkommen ruhig, noch sagt sie nichts und fühlt sich wie gelähmt von den worten dieser anderen frau: "sie ist doch noch jung, sie ist gesund und sie sieht gesund aus. und hier, hier sind leben, die am seidenen faden hängen. leben, die täglich darum kämpfen, überhaupt aus dem haus gehen zu können. das sollten wir bereden!"

erinnerungen kommen in ihr hoch. bilder. worte.
sie spürt das zittern in ihrer stimme, noch bevor es in den körper übergeht, und dann beginnt sie leise, aber deutlich zu sprechen: "ich habe sicherlich nicht so etwas durchgemacht wie du oder sie oder ihr alle. ich will mich auch nicht mit euch vergleichen oder gar an euch messen. aber auch ich habe dinge erlebt, die für mich zur belastung geworden sind. es gibt immer etwas, das noch schlimmer ist, und doch kann ich mich nicht immer nur am schmerz oder problem eines anderen menschen messen. denn davon wird mein eigenes nicht kleiner, nicht geringer. es mag sein, dass es mich erdet, ja, das tut es. aber helfen tut es mir nicht. ich weiß, wie es ist, in einen raum eingeschlossen und verletzt zu werden. wie es sich anfühlt, machtlos und vollkommen wehrlos zu sein. ich weiß, wie es ist, wenn du von einem mann verfolgt wirst, der dich zwingen will, mit ihm zu gehen, der dich zwingen will, ihn überall anzufassen. noch heute wache ich manchmal auf und spüre seinen gehetzten atem in meinem nacken, sehe ich seine hände, die nach mir fassen wollen, höre ich seine schritte, wie er mich durch den park hetzt. ich war zehn jahre alt. noch heute habe ich angst im dunkeln und meide jeden platz und jeden raum, in dem ich mich allein und schutzlos fühle. noch heute kommen immer wieder diese alpträume, in denen man mich jagt, mich packt, in denen man mir ein messer durch die haut stoßen oder meine knochen zerbrechen will, sobald ich mich auch nur irgendwie wehren oder um hilfe rufen wollte. auch ich habe schon momente erlebt, in denen ich am fenster stand und dachte: lass dich jetzt einfach nur fallen, dann ist endlich alles vorbei, niemand kann dir mehr weh tun, du wirst nie mehr schutzlos sein. vielleicht geht es mir heute noch immer besser wie dir, das mag sein. vielleicht sehe ich gesünder aus als du, auch das mag sein. aber ich komme hierher, weil ich angst habe, weil mir mein körper weh tut, weil ich nachts nicht schlafen kann. ich will endlich ruhe finden, ich will, dass es endlich aufhört und dass das nicht mein leben beherrscht, sondern ich mein leben. weil ich genießen will, was ich habe, bevor es mich vielleicht verlässt, ohne dass ich je wirklich erfahren hab, wie viel mir wirklich geschenkt wurde. ich habe angst, meinen partner zu verlieren. jeder mensch leidet für das, was er erlebt hat, und jeder mensch leidet auf seine weise. mag sein, ich sehe nicht krank aus. doch wie es mir wirklich geht, das wissen die wenigsten, und ich muss niemandem beweisen, wie schlecht es mir geht. ich muss es euch und auch sonst niemandem zeigen, wie es in mir wirklich aussieht und was geschieht, wenn ich abends allein bin. ich muss nichts sagen und nichts zeigen, weil es euch nichts bringt und mir nichts hilft."

eine weile ist es ruhig und niemand sagt ein wort. in ihrer stimme lag bis zuletzt jenes zittern, das ihre innere unruhe ausdrückt, ihre augen haben einen punkt an der wand fixiert, damit sie niemandem in das gesicht schauen musste. ihre finger umkrampfen das taschentuch, zerreißen es in tausend kleine stücke und sowohl dies als auch ihr fuß, der hin und her wippt, zeigen, wie angespannt sie ist.

"es ist gut so", sagt eine andere frau, "und es ist wahnsinn, wie du dich ausdrückst und dich damit positionierst. wie du dein recht einforderst. so soll es auch sein." sie schaut diese frau an, doch ihr blick schweift ab, kann sich auch später auf dieses gesicht nicht mehr besinnen. da ist es wieder, dieses gefühl der abwertung: was hast du schon für kummer, was hast du schon für sorgen? gefühle, die sie schon als kind empfand, damals, als die mutter sie für diesen jürgen zurückließ, als sie bei ihrer großmutter einzog, die für das kind weder geduld noch verständnis aufzubringen vermochte. eine pragmatische frau, die mit den bunten träumen und phantasien eines kindes nichts anzufangen wusste und es stattdessen zum schlachten und ausweiden des geflügels mit in den stall zwang.
und so kehrt es wieder. und immer wieder. es zerfrisst sie. dieses gefühl, nicht genug zu sein. dass das, was sie ist und was sie ausmacht, nicht ausreicht, um sie lieben und annehmen zu können. dass sie erst tun und leisten und geben muss, nur damit sie überhaupt erst einmal wahrgenommen wird.
was kann sie schon auch entgegensetzen, wenn ein mensch sagt: "hier hängt ein leben an einem seidenen faden"?

sie verlässt den raum nach dieser stunde und sie weiß, dass sie nicht wiederkommen wird. ganz gleich, was er sagen wird. sie wird es nicht mehr tun. es muss einen anderen weg für sie geben. sie wühlen und stochern in ihrer seele, in ihren erinnerungen und am ende bleibt sie nicht nur damit zurück, sondern auch mit diesem gefühl, dass sie sich möglicherweise... einfach nur anstellt.

als sie zu ihm ins auto steigt, ist sie still und hat den blick abgewandt. er kennt das, er weiß das, und doch spürt er, dass heute etwas anders ist. er wird sie jetzt nicht fragen, vielleicht wird sie es ihm später erzählen.
"hast du hunger?" fragt er. sie schüttelt nur den kopf. "hmm. vielleicht solltest du etwas essen. die fahrt könnte etwas länger dauern." sie schaut auf. er lächelt, deutet mit dem kopf auf die rückbank. dort steht die braune lederne reisetasche, die sie manchmal nehmen, wenn sie für ein oder zwei tage irgendwohin fahren.
sie schaut die tasche an und schaut ihn an und begreift nicht. "was hast du vor?"
er lächelt noch immer, startet den motor. "ich denke, du bist zuviel allein. du solltest das nicht tun. auch wenn ich nicht da bin, solltest du unter menschen sein. ich kann nicht immer auf dich aufpassen, mich nicht immer um dich kümmern. aber heute", ruhig und sicher lenkt er den wagen aus der stadt heraus, "heute kann ich das und heute will ich das. du musst mal raus."
er hat zu essen eingekauft, zu trinken, er hat ihr ein leichtes, schlichtes sommerkleid und ein paar schuhe aus leinen gekauft. "wir fahren nach holland in eine mühle. das wolltest du doch schon immer mal machen."

sie beginnt zu weinen und er fragt nichts und er sagt nichts. er lenkt das auto und sie legt ihre hand auf sein knie.

25.03.2012 um 16:41 Uhr

Sonne und Regen

Manchmal freut man sich so sehr auf den anderen, dass man sich überlegt, was man alles tun möchte, und dann wünscht man, ein Tag würde sich endlos dehnen, damit genügend Zeit bliebe für all die Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit und liebevollen Gesten, die man für den einen aufgespart hat und sich aber auch für sich selber wünscht.

Und dann kommt er heim und sie stellt nicht zum ersten Mal fest, dass er vor allem froh ist, wieder daheim zu sein, dass er die Anstrengung seiner letzten Wochen einfach nur abstreifen will wie einen Mantel, der zu schwer auf die Schultern drückt; dass er am liebsten nur ganz still auf dem Sofa lümmeln und sich durch die Welt zappen will - alles, Hauptsache, nicht gefordert werden. Nicht erzählen müssen. Nichts tun müssen. Nichts geben müssen und aber auch nichts für sich haben wollen. Einfach nur ein Punkt, wo er weiß: Ich bin gerade im Niemandsland und würde auch ganz gern für ein Weilchen dort bleiben.
Er weiß, wie sehr sie sich auf ihn gefreut hat. Sehr wohl hat er gesehen, wie liebevoll sie den Tisch gedeckt und sein Lieblingsessen zubereitet hat. Sehr wohl hat er die Behaglichkeit des Zimmers in sich aufgenommen, als er den Raum betreten hatte. Er weiß sehr wohl, wie sie an seinen Lippen hängt und darauf wartet, dass er nicht nur erzählt von den Abenteuern und Erlebnissen seiner letzten Reise, sondern dass sie ebenso darauf wartet, dass er sagt: "Wie schön du bist und wie gut du riechst."
All das weiß er und doch ist er dazu nicht in der Lage. Nicht sofort und auch nicht auf Knopfdruck. Ein Streit, den sie im Grunde genommen immer wieder führen, sobald er zurückgekehrt ist. Ein Streit, wo er manchmal wütend den Seesack treten und sagen möchte: "Verdammt, ich bin doch auch nur ein Mensch!"

Im Gegenzug weiß sie genau, dass er sich so fühlt und wie er sich fühlt und wie sehr sie sich auch immer zu Verständnis und Geduld überreden möchte - so bleiben immer noch all die leeren Tage ohne ihn, die ganze lange Zeit, in der sie zumeist mit sich allein war und stundenlang mit dem Hund am Meer entlanglief, die Früchte der Kiefern am Rand der Dünen einsammelte und daheim in hohe Gläser füllte. All die leeren, einsamen Tage, in denen sie es vermisste, ihre Gedanken mitteilen zu können, ihre Gefühle und Empfindungen, ihre Träume des Tags und der Nacht, und sie wünscht sich, all das aussprechen zu können, dabei seine Augen, seinen Mund, seine Reaktion sehen zu können und den beruhigenden Klang seiner Stimme zu hören.
Er, so empfindet sie es, bringt Ordnung in ihre Gedanken und Gefühle, und obschon sie die Welt oftmals auch mit anderen Augen sieht als er, bringt er mit seiner Welt eine Struktur in ihr Leben, die ihr immer gefehlt hatte. Eine Struktur, die sie lenkt und die sie mitunter auch aufmerksamer macht für Dinge, die zum Leben gehören und für die sie bislang keinen Blick hatte.

Trotz all des Wissens, das beide umeinander haben, verfangen sie sich immer wieder in Streit darüber, warum er so still und in sich gekehrt ist, ob er sie noch liebt, ob er sie genauso vermisst hat wie sie ihn und warum er Stunden ohne sie bei seiner Großmutter verbrachte, obschon sie sie doch beide hätten besuchen können. Gemeinsam. Für sie ist jede einzelne Stunde, die er wieder auf dem Land ist, eine derart kostbare und wertvolle Stunde, dass sie am liebsten keine einzige davon missen und jeden Augenblick mit ihm verbringen möchte - auch wenn das bedeutete, dass er mit der Großmutter sprach und sich um Handwerkliches in deren Haus kümmerte, und sie währenddessen in der Hängematte schaukelte und ein Buch las. Aber sie könnte ihn sehen. Sie bräuchte dann nur den Blick zu heben, um ihn zu sehen, ihn anzuschauen und dieses wohlige Gefühl in sich tragen, das sie immer dann spürte, wenn sie zusammen waren.

Statt dessen jedoch verlieren sie sich in unsinnigen Vorhaltungen, die ruhig beginnen und nicht selten darin enden, dass hinter einem von beiden die Tür ins Schloss fällt.

Anfangs hatte ihr das Angst gemacht. Dass er nicht wiederkommen würde. Dass er nicht mehr da wäre, wenn sie zurückkäme.

Jetzt ist er wieder gegangen. Jedoch nur, um Taschen und Tüten aus dem Wagen zu holen.

"Es tut mir leid", sagt sie, als er zurückkommt. "Ich weiß", sagt er müde, "mir auch."

24.03.2012 um 08:29 Uhr

Wenn die Tage endlos werden

Die Zeit, die er nicht da ist, nicht bei ihr ist, dehnt sich endlos, dann fühlt sie sich oftmals leer, allein und zurückgelassen und eigentlich ist sie das doch gar nicht. Dann schreibt sie Briefe oder Postkarten und verwahrt sie in der kleinen Schatulle aus Holz, die er ihr von einer seiner Reisen mitgebracht hatte. Schlicht und zugleich wundervoll verziert, und während er noch glaubte, sie würde ihren Schmuck oder das, was Frauen eben so in Schatullen tun, hineinlegen, lächelte sie, legte sie den Kopf schief und sagte: "Nennen wir sie einfach unsere Mailbox."

Und so ist es bis heute. Bis heute legt sie alles an ihrem Gedankengut in diese Schatulle, die er immer dann in Ruhe zu sich holt, wenn er zurückgekommen ist.

Schon vor Tagen hat sie begonnen, das Haus in Ordnung zu bringen und ist dabei selbst immer wieder überrascht und belustigt, wie oberflächlich sie über das eine hinweggehen kann, während sie sich an anderer Stelle in unsagbarer Peniblität verlieren kann. So zum Beispiel bürstet sie sorgfältig die Verzierungen ihrer antiken Möbel aus, während sie das Bügeln seiner Hemden nur mit Ungeduld hinter sich bringen kann, obwohl sie weiß, wie wichtig ihm an dieser Stelle Sorgfalt ist. Aber so ist sie eben. Er hat sich daran gewöhnt.

Dann hat sie eingekauft, mit Bedacht ausgewählt, was sie zubereiten würde, wenn er endlich da ist, sie hat neue Kerzen gekauft und nun atmet das ganze alte Haus eine Behaglichkeit aus, dass sie meint, er müsse nun sofort kommen und schauen und sie in die Arme nehmen.

Sie sitzt am Tisch, spielt gedankenverloren mit der Gabel und die Kerzen brennen langsam herunter. Und er kommt nicht. "Ich schau nur mal schnell bei Großmutter vorbei", hatte er gesagt und auch, wenn sie das nur all zu sehr versteht, so sind es nach all dem Warten auf seine Heimkehr immer die letzten Tage, insbesondere die letzten Stunden, die sich endlos dehnen, zäh wie Leim, und dann spürt sie, wie die Vorfreude langsam zu kippen droht und einer Frustration Platz geben will, die einfach nicht in den Moment des Wiedersehens gehört. Aus "schnell" werden bei ihm oft auch Stunden, lange Stunden, immer längere Stunden. Dann ist sie manchmal an einem Punkt, wo sie das Essen wütend in den Müll kippen und mit den Füßen auftrappeln möchte wie ein bockiges Kind. Jedoch, sie ist kein Kind mehr, sie weiß sich doch zu benehmen, sie hat es doch gelernt all die Jahre. Oder etwa doch nicht?

Sie steht am Fenster, das Essen ist längst kalt geworden, und doch, als sie sieht, wie die Lichter seines Wagens auf den Hof tasten, wie er aussteigt und seinen Seesack schultert, wie er schon den Blick zum Haus sucht, da spürt sie, wie alles von ihr abfällt, spürt sie, wie sehr er ihr gefehlt hat, und dann läuft sie zur Tür, reißt sie auf, nur um sich in seine Arme zu werfen. Endlich.