Kleine Erdnuss

27.02.2007 um 23:43 Uhr

Babytalk und andere Faxen...

Ein Thema von allerhöchster Brisanz. Die Mütter unter uns werden es verstehen. Darf man Utzi-Dutzi sagen? Steht für: Darf man sich dem Sprachniveau des Kindes anpassen? Ich sag: Ja, warum denn nich?

Vor der Geburt meiner Tochter hatte ich noch nie ein Baby auf dem Arm, keinerlei Kontakt zu Kindern, das einzige Kleinkind, was ich kannte, war mir unsympathisch (und ja! Das geb ich zu!).

Ansonsten war meine Sicht auf Umgang mit Babies und Kindern die eines Klischees des Kllischees, denn ich sah schließlich immer nur Ausschnitte. Eine Freundin voon mir erlebte ich öfter ungeduldig mit ihrem Sohn, wenn sie mit mir telefonierte, sie schrie auch manchmal - das nahm ich kritisch zur Kenntnis und mir vor, es später "besser" zu machen. Eine andere ließ einmal ihr Kind eine Stunde vor dem Fernseher sitzen. Eine Stunde - das fand ich zu viel. Wieder eine andere beugte sich einmal in den Kinderwagen und machte blblblgulligulli - und das fand ich mega-albern.

Ich betone - es waren keine regelmäßigen Beobachtungen, immer eine kleine Szene, ansonsten schaute ich nicht hin und machte mir keine Gedanken.

Die Gedanken beginnen, wenn dann doch das strampelnde hilflose Wesen in deinem Arm liegt. Jeder noch so kleine Apothekenfetzen, den ich über Babies fand, wurde zur Kenntnis genommen. Ich suchte nach einem Konzept und vor allem suchte ich nach mir. Keinesfalls wollte ich eine Utzi-Dutzi-Mama sein. Neinneinnein. Ich wollte eine resolute Mama sein, eine, die was verträgt, die konsequent und ernsthaft bei der Sache ist, die liebevoll und souverän erzieht und v.a. eine, die ihr Kind ernst nimmt und nicht so einen albernen BLLLLGULLIBLABLIBLU-Quatsch absondert.

Sicherlich entsteht ein solches Bild aus eigenen Erfahrungen vermengt mit einer guten Portion von gesellschaftlichen Trends - die Zeitschrift ELTERN hat bei mir ihr Übriges dazu beigetragen.

Mein Denkfehler: Ich dachte ja, dass genau diese Mutter einfach so in mir steckt und sozusagen mit dem Zeitpunkt der Geburt ein Hormoncocktail ausgeschüttet wird, der dieses Modus aktiviert und damit ist gut. Dann mach ich automatisch alles richtig. Es ist ja alles in mir drin...

Als ich dann einerseits Aggressionsschübe hatte, weil das Schreien nicht mehr aufhörte und andererseits stundenlang vor ihrer Wiege stand um mit meinem Finger auf meinem Mund Xylophon zu spielen, als ich merkte, wie groß meine Augen wurden, wenn ich mit ihr sprach und wie hoch meine Stimme, als ich mich Pieps und Wuff sagen hörte, als ich zur gleichen Zeit in den Konflikt trat weg zu wollen aber nicht zu können, als ich ihr tatsächlich eine Milchflasche mit ins Bett gab, weil nichts anderes mehr half, und genug vom Stillen hatte und es nie schaffte, mich an die Essenszeiten zu halten, und bei dem kleinsten Anzeichen von Verstopfung oder Schnupfen in Panik geriet, undundund, da merkte ich: Es steckt eine Mutter in mir - nur die muss mir ja nicht unbedingt gefallen. Bzw.: Die macht, was ihr gefällt. Und mein voriges Ich kann nichts dagegen tun. Mein voriges Ich verschmilzt mit dieser Mutter und bremst sie ab und zu oder treibt sie an. Aber der Muttermodus regiert und die Mutter hat Muster und Reflexe...

Und naja: Die sagt halt heute noch Mupe zur Hupe und Zwingili zu Zwillingen und 'saurige' Gurken und Hast du Aua? und Mumu statt Vagina oder Scheide.

Und sonst hat diese Mutter auch immer alles imitiert, was KE so von sich gab. Blulu war die Blume und Mäh das Schaf und Muh die Kuh und die Puppe hieß Puppa, da war nichts zu machen.

Keine Ahnung, was für Konsequenzen das hatte, keine Ahnung, ob das richtig oder falsch ist. Es war einfach so, und es wäre nur mit viel Disziplin und dauerhafter Verleugnung meiner Instinkte zu vermeiden gewesen.

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht an sich arbeiten kann oder soll - ich denke nur, dass unsere Intuitionen evtl. noch viel reibungsloser funktionierten, würden wir uns nicht so streng beobachten.

Gottseidank hörte dieser Identitätskonflikt irgendwann auf und das Eltern-Abo wurde zum Jahresende gekündigt...

Blabliblablu...

Ist doch lustig, oder nicht?

 

25.02.2007 um 02:35 Uhr

Kaputte Bleistifte werden schließlich auch ersetzt...

Was ich nicht vorenthalten möchte, ist die fantastische Unterhaltung, die ich in der 10. Woche meiner Schwangerschaft mit meinem Chef führte.

Damit sich keiner verplappern konnte, informierte ich ihn als einer der ersten.

Nuja, is ja Anlass zur Freude, ne?

Er müsse "es erstmal verdauen", so seine Worte.

Ok, es vergingen ein paar Tage - ich war wieder gesund und dann das folgende Gespräch.

"ich habe nochmal nachgedacht. Und Sie können sich vorstellen, dass ich STINKsauer bin."

"Äh." (Danke für die netten Wünsche...)

"Ja, und damit Sie's gleich wissen: Ihr Vertrag wird nicht verlängert."

"Aha."

"Ja, ich bin nämlich sauer."

"Ja, und damit SIE es gleich wissen, ich habe das nicht gemacht, um Sie zu ärgern."

"Ja, aber ich sage es Ihnen, Sie machen einen Fehler."

"Ich mache einen Fehler?"

"Ja. Und ich werde keinesfalls zulassen, dass das Konsequenzen auf meinen Arbeitsbereich hat. Nachher stehen Sie hier mit dem Anwalt."

"Ja. So kennen Sie mich ja."

"Das ist mir jetzt egal, dass Sie süffisant tun. Ein kaputter Bleistift wird schließlich auch ersetzt."

"Na dann."

"Ja, Sie müssen mich schließlich auch verstehen. Ich sorge hier für Ordnung, Ich kann mir keine Unregelmäßigkeiten leisten."

"Oha."

"..."

"Na, dann geh ich mal davon aus, dass Sie mir für die Zukunft alles Gute wünschen."

"Na, die haben Sie sich ja wohl jetzt versaut."

"Hören Sie ma! Ich bekomme ein Kind. Ich habe keine unheilbare Krankheit."

"Jetzt hören SIE mir mal zu! Ich bin ein netter Mensch. Und gutmütig ohne Ende. Und meinetwegen sollen die Leut doch Kinder in die Welt setzen, soviel sie wollen. Äh..."

"..." (Freundlicher Blick.)

"Ja, also, was soll ich Ihnen sagen. Ich habe ja doch Verständnis. Aber haben Sie bitte auch Verständis für MEINE Situation."

"..." (Freundlicher Blick.)

"Mein Bruder bekommt ja jetzt das Vierte."

"...?"

"Langsam wird's assozial, oder nicht?"

"...?"

"Also, ich gehe davon aus, dass wir uns einig sind?"

"Nee."

"Machen Sie doch, was Sie wollen. Aber tun Sie es ohne mich."

"Bestimmt!"

 

Kann es jemand glauben, dass ich wieder weich wurde, als er mit Tränen in den Augen und einem Frischhaltebeutel voll selbst gepflückte Nüsse vor mir stand und mich um Verzeihung bat?

Wenn Arschlöcher doch wenigstens eine gerade Linie verfolgen würden...

 

 

24.02.2007 um 19:32 Uhr

Gary

Die Erdnuss liebt Spongebob. Irgendwas hat da Klick gemacht, als wir zufälllig in die Sendung zappten. Sie jauchzte und klatschte in die zwei Jahre alten Patschhändchen. SCHPOOOONSCHPOP! Mir war das ja eigentlich zu schrill und zu laut, aber sie war davon nicht abzuhalten und nun kennt sie alle, den Thaddäus, Sandy, Patrick, Mr. Krabs, Plankton, und wie sie alle heißen und ich kenne sie - zwangsläufig - auch.

Letztens haben wir ein SCHPONSCHPOP-Überraschungsei gekauft - da war Gary drin.

Die Hausschnecke.

Aus Plastik.

Gary ist nun der Erdnuss bester Freund. Die beste Freundin vielmehr. Die Gary hier, die Gary da, ich muss erstmal Gary fragen, Gary hat Hunger, Gary will gestreichelt werden, Gary schläft in meinem Bett, Gary ist traurig, Gary will mitspielen, Gary, Gary, Gary, Gary...

Wie blöd, dass Gary auf dem Zenit ihrer Liebe zur Erdnuss (nämllich heute) in das Gullyloch am Rande des Spielplatzes fiel. Glück im Unglück sorgte dafür, dass Gary sich mit ihren Fühlern quer verklemmte. Aber es gab kein Vor und kein Zurück. Ein Vor wäre auch eine Katastrophe gewesen, unwiederbringlich wäre Gary in den Ab- und Regenwasserfluten davongespült worden, unaussprechlich, evtl. sogar ertrunken.

Die Unterlippe ganz weit nach vorne geschoben, den Finger anklagend auf das Loch gerichtet, die andere Hand auf den Augen, stand die knallrote Kleine Erdnuss neben dem Gully und schrie hundserbärmlich, so dass ich dachte, sie hätte einen ihrer Finger verloren, aber den hätte sie noch eher hergegeben als ihre geliebte Gary.

Mein mütterlicher Ehrgeiz war nun der, die Sache möglichst schnell zu richten, Gary mit einem Plopp aus dem Loch zu befreien, Super-Sunny, Sunny-Man, Cat-Sunny, X-Sunny, Heldin eben.

Jetzt stand die Sache allerdings Fünfzig - Fünfzig, und zwar Fünfzig Prozent auf Superkatastrophe - Gary ertrinkt nach einem kleinen Stups endgültig im Wasserloch und ich bin die Raben-Sunny, die Doofe, die Unvorsichtige, Garymörderin, undundund.

Super-Sunny oder Garymörderin - Fingerspitzengefühl war gefragt.

Zunächst scheuchte ich alle Kinder in 20 m Umkreis davon. Man hätte meinen können, es handelt sich um eine Bombenentschärfung, und irgendwie war es das ja auch. Es ging um meinen Status als Mutter, das ist ähnlich wie Leben oder Tod.

Von Vorteil: Mein Handtaschenkontinuum.

In meiner Handtasche tummeln sich so alllerlei Gegenstände, von denen niemand glaubt, dass sie woanders sein sollten als im Spiegelschrank oder der Küchenschublade oder einem Setzkasten oder einer Spielzeugkiste oder eben (die meisten zugegebenermaßen) im Mülleimer.

Ich reihte auf: Einen kaputten Schraubenzieher, eine Schere, einen Kaffeelöffel, einen Kaugummi, ein Stöckchen und ein Küchenmesser.

Sunny MacGyver bei der Arbeit, bitte nicht stören. Die kleine Erdnuss schluchzte immer noch erbärmlich. Schaulustige Kinder und Eltern versammelten sich im 20 m-Umkreis und stellten Fragen. Was ist hier eigentlich passiert? was machst du da? Wieso weint das Mädchen? Wieso kniet die Frau da?

Geheimnisvoll drehte ich meinen Kopf zur Seite und legte den Finger auf den Mund. "PST"

Wie gesagt: Ein falscher Handgriff und Gary ist verloren.

Fieberhaft überleg ich: Schere oder Löffel? Messer oder Stöckchen? Ich entschied mich für eine Kombi aus Schere und Löffelstiel, bekam Gary zu fassen und er löste sich auch und...

Plöpp...

...hing er weitere 5 cm tiefer, nun nur noch gehalten von einem Scherenblatt, fast frei in der feuchten Luft des Gully's schweben, es sah nicht gut aus...

Der Mob wurde unruhig. Die Erdnuss schreit auf.

Angst macht erfinderisch: Der verramschte Tampon, von dem ich vor Monaten schon berichtete (s.o.) befand sich selbstverständlich immer noch in meiner Handtasche.

Tampons haben Bändchen.

Toll.

Ich scherte mich nicht um die Zuschauer, und holte ihn glücklich hervor.

Doch: Die Bänder sitzen ja fest an der Wolle (pragmatischerweise) - und dummerweise: die Schere klemmte im Gully.

Aha: Das Küchenmesser. Ich säge also wie eine Wilde einhändig mit dem Messer auf dem Tamponfädchen rum, während die andere Hand Gary auf dem Scherenblatt balanciert. Die Menge staunt.

Geschafft. Der Faden ist ab. Jetzt kam der Kaugummi zum Einsatz. Mit ihm klemme ich Gary sachte am Scherenblatt fest. Ein formvollendeter, sich selbst zuziehender Knoten wird gebunden und ein türkises Galgenbändchen auf Gary herabgelassen. Die Schlaufe zieht sich um seine Fühler - ein kurzer Ruck und Gary ist frei.

Kaugummiverklebt, angeschlagen - aber lebendig.

Die Erdnuss strahlt - die Menge tobt.

Ich bin Super-Sunny.

Die Erdnuss, Gary und ich sind Karnevalslieder gröhlend nach Hause gelaufen.

Es sind tatsächlich die kleinen Freuden, die das Leben lebenswert machen.

 

23.02.2007 um 13:30 Uhr

Zuzweit beim Therapeuten

Die Therapie hatte ich schon lange vorher begonnen. Das erste authentische Lächeln meines Therapeuten (die dürfen ja nicht lächeln, müssen sich aus allem raushalten, sitzen da und glotzen wie die Ölgötzen, hach ich reg mich wieder auf), jedenfalls, das erste Mal, dass er wirklich gelächelt hat, war, als er: Na dann alles Gute, Ihr zwei! sagte.

Ich glaube, da hab ich auch das erste Mal wirklich gelächelt in der doofen Therapiesitzung.

Ab da muss ich jedoch dem armen Mann gar fürchterlich auf die Nerven gegangen sein. Er hatte schon vorher keine nennenswerten Fortschritte mit mir gemacht und war unzufrieden mit dem Verlauf, was er (tiefenpsychologisch wie er war) natürlich nicht sagen konnte, was ich (emphatisch, wie ich war) natürlich wusste.

Nur, was sollte ich machen: Vorher waren mir meine Probleme nicht bewusst und nun hatte ich plötzlich keine mehr. Ich schwatzte über verständnislose Gynäkologen, Männer, Freundinnen, über den Nutzen von Fruchtwasseruntersuchungen, Hebammen, zeigte Ultraschallbildchen und der arme Mann durfte nix sagen, weil er ja nicht lenken darf. Wenn man das übrigens mal durchschaut hat, können Therapeuten wirklich ein toller Blitzableiter sein, man darf sich da fast alles erlauben, der Trick ist, dass sie davon ausgehen, man sei so sehr in seinen Mustern gefangen, dass man sich alles verbietet, stimmt ja auch, aber wehe, wenn mal losgelassen...

Nu, das plätscherte so alles vor sich hin und apropos plätschern, es gab zwischen mir und meinem Therapeuten so eine Art Running Gag und der ging so: Er hatte einen Schnupftücherspender auf seinem Tischchen stehen, schön in Reichweite des Patienten. Als ich das erste Mal bei ihm war, schaute ich diese Tücher an und legte alle Verachtung in meinen Blick. Ich betrachtete das flauschige Tüchlein, das oben herausschaute, die elegante Glasbox, in der sie fein säuberlich lagen und fragte mich, wie es aussieht, wenn dieser Mann, der mit dem Pokerface, der Ölgötze, also wie dieser aalglatte Psycho-Heini diese Tücher da reingepfriemelt hatte. Und ich nahm mir vor, immer, wenn ich Gefahr lief, den Tränen freien Lauf zu lassen, daran zu denken, wie Daddy Cool zwei Schräubchen von der Glasbox aufschraubt um Zellstoffnachschub einzufüllen. Das würde ein Grinsen auf meine Lippen zaubern und meine Tränendrüsen auf immer versiegeln.

Jaja, ich weiß es inzwischen, das ist alles tierisch durchsichtig - ich war der Cowboy und versuchte meinen Gefühlen zu entfliehen. Buhu. Was für ein kaltes Leben ich führte.

Daddy Cool hatte eine Angewohnheit oder einen Trick, wie man will, in traurigen Situationen, gab er der Glasbox einen Stups, einen ganz sanften Rempler, sodass sich eine Ecke in Richtung Patient verschob, und das bezeichnete er, glaub ich, als Einladung zum Weinen. Jedesmal, wenn er das tat, schenkte ich ihm einen spöttischen Blick und zog die Nase hoch. "Ich weiß, wie du die Dinger da rein pfriemelst und du siehst nicht gut dabei aus..." So dachte ich bei mir und verschränkte die Arme. Mann, wie durchschaubar...

Jetzt ging ich aber fortan zu zweit zu Daddy Cool und entfloh keinen Gefühlen mehr, nur dass diese Gefühle nichts mehr mit meinen ursprünglichen Problemen, sondern ausschließlich mit der kleinen Erdnuss zu tun hatten. Das muss seltsam für ihn gewesen sein. Für mich jedenfalls war nichts seltsam - für mich war alles so klar, wie noch nie. Allerdings fand ich die meisten Dinge komisch, ich kicherte mich durch die Dreiviertelstunde und redetet dummes Zeug. Arme verschränken ging gar nicht mehr, meine Hände ruhten schützend auf dem dicken Bauch.

Meine Freundin Tine, die auf ungefähr den gleichen Tag ausgerechnet war wie ich, hatte eines Tages eine Frühgeburt. Ein klassisches Siebenmonatskind - über 2 kg, alles war gut gelaufen, sie konnte den Kleinen schon zwei Wochen später mit nach Hause nehmen, heute ist er der Erdnuss bester Freund, aber ich war geschockt.

Die Möglichkeit, dass auch nur eine Kleinigkeit schief laufen konnte, war plötzlich zum Greifen nah. Tine war völlig durch den Wind. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass bei mir alles gut und mein Bauch noch so unermesslich dick war. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte Mitleid und fand mich unmöglich dabei. Keine Ahnung, wie man damit richtig umgeht. Konfliktalarm in der Schwangerschaft.

Und dann ging ich zu Daddy Cool und wollte Trost - der hingegen wollte Erkenntnisse - Erkenntnisse von mir selbst über mich selbst, doch wie soll das gehen, wenn man zuzweit ist? Und wenn die Prioritäten ganz klar verteilt sind?

Ich habe in dieser Sitzung einen Satz gesagt: Meine Freundin hatte eine Frühgeburt.

Den Rest der Sitzung habe ich die Glasbox geleert und Daddy Cool hat zugesehen. Zugesehen, wie ich versuchte etwas zu sagen, um dann doch wieder quäkend ein Stück Zellulose aus der Box zu ziehen und mich geräuschvoll zu schneuzen.

"Sie müssen sich besser abgrenzen."

So sein Fazit. Stimmt vielleicht. Konnte ich damals auch. Konnte ich besser als nie zuvor, meinem Chef gegenüber, meinem Mann, meinen Freunden, der Kassiererin im Supermarkt, dem Busfahrer, die ganze Welt da draußen war ausgesperrt. Dreamteam Mama und Baby Erdnuss. Wehe, es droht Gefahr. Wehe, es tastet etwas an dem strampelnden Schützling.

Es mag die authentischste Zeit meines Lebens gewesen sein. Erkenntnisse über mich selbst konnte ich dennoch nicht daraus ziehen. Ich war nämlich nicht allein. Ein Urinstinkt beherrschte mich.

Und "Urinstinkt" wird vorne betont!

Kicher!

 

 

 

22.02.2007 um 10:21 Uhr

"U", wie Untersuchung

"Warst du schon bei der U7?"

"Habt Ihr die U7 schon hinter Euch gebracht?"

oder noch besser:

"Hat KE die U7 bestanden?"

Das wurde ich gegen Ende der ersten 24 Monate mit der kleinen Erdnuss ständig von aufgeregten Müttern gefragt (warum fragen sowas immer Mütter? Gehen Väter einfach partout nicht zum Kinderarzt?) und wurde auf folgendes Horrorszenario vorbereitet:

Die Kinder "müssen" mit Bauklötzen einen Turm von zehn Klötzen bauen (dabei spielen die doch nur noch Lego), sie "müssen" in die Hocke gehen, "müssen" auf den Zehenspitzen stehen und "müssen"... UND "MÜSSEN" 5 (in Worten fünf) (in Großbuchstaben FÜNF!!) Wörter sagen.

Das Problem ist weniger, ob die Kinder das können, sondern ob sie Bock drauf haben.

Die kleine Erdnuss hatte einige Wochen vorher im Krankenhaus einen Katheder gelegt bekommen und hatte mal so grundsätzllch GAR keinen Bock auf Arzt.

Als ich ihr sagte, wir gehen zur Tante Doktor, zog sich ihr Gesicht in Falten und sie sprach fortan den ganzen Weg über ihre Mumu.

"Nein, will nicht. Nicht meine Mumu. Nicht Mumu anfassen. Kein' Mumu, ne?"

Och Mensch. Es ging ja wirklich nicht im Geringsten um die Mumu, aber wie sie sich ängstigte, das ließ mich richtig mitleiden (das Wort Mitleid ist für Mütter und ihre Kinder geschrieben worden, kein Schmerz, auch der eigene geht einem so nah!)

Jedenfalls sagte ich ihr, dass gespielt wird und sie sich wahrscheinlich noch nicht mal ausziehen muss.

Das war ein Fehler.

Sie war halbwegs beruhigt, zwar noch immer beunruhigt genug, dass ich sie schreiend die Treppe zur Arztpraxis hochtragen musste, aber beruhigt genug, dass das Spielzeug im Wartezimmer (Lego, was sonst, ja wo sollen sie Bauklötze spielen denn lernen?) sie genügend reizte, um mit der Schreierei aufzuhören.

Wir waren dran. Es hieß: Nackig ausziehen. Na Bravo! Da hatte ich mich ja schön in die Nesseln gesetzt. Erklär mal einer Zweijährigen das Wort "wahrscheinlich".

"Äh, ich hab nicht gesagt, du musst dich NICHT ausziehen, ich habe nur gesagt, du musst dich WAHRSCHEINLICH NICHT ausziehen."

Nee, geht gar nicht.

Ok, Mama hatte sich vertan - es ging ganz gut, der Wutanfall vorüber, irgendwann saß mein Moppelchen mit ihrer Windel auf dem Riesentraktor, rollte herum und machte Brumm-brumm-Geräusche und krähte "BAGGA FAH'N". Ein friedliches Bild. Sie sah aus wie ein zu groß geratenes Baby, mit blonden Flaum auf'm Kopp, strahlte mit großen Augen in die Welt und war sowas von glücklich und gut zufrieden, das konnte gar nicht gut gehen.

Es kam, wie es kommen musste. Die Ärztin kam herein. Mit ihr ein Tross  von drei Arzthelferinnen und Praktikantin, alle mit Zettel und Stift bewaffnet - es war ja U7, wichtig, wichtig...

Jetzt war schluss mit lustig. Schluss mit "BAGGA FAH'N". Das fand sie nicht gut, die kleine Erdnuss.

Eine dicke kleine Nudel mit Windel auf schreiend buntem Traktor wird sauer. Man sah es kommen durch die purpurne Farbe, die plötzlich den ganzen Körper erfasste.

Frau Dr. Kohlmeise (nee, nicht wirklich, aber so ähnlich) begann eine Friedensverhandlung:

"Naaaa, bist duuuu aber groooß gewooorden?"

Der Gesichtsausdruck meiner Tochter wandelt sich von Misstrauen zu kalter Wut.

"Naaaaa? Dann komm doch mal her zu mir?"

Heiliger Zorn.

"Sooo? Muss die Mami dich holen?"

Ihr Blick wandert kurz zu mir. Mein Gesicht ist ganz bemüht aufmunternd. Sie schüttelt langsam den Kopf. 

Alle starren die kleine Erdnuss an. Stille.

Sie holt tief Luft, das Gesicht ist inzwischen knalledunkelrot. Sie schreit das Folgende:

"NEIN!

SEISSE!

DU NISS!"

Pause.

"LASS IN RUHE MIR!!!!"

Mh: "Nein. Scheiße. Du nicht! Lass in Ruhe mir!"  Ich platze vor Stolz.

- Schweigen -

- Entsetzte Blicke an der Arzthelferinnen-Front -

Die kleine Erdnuss fährt mit dem Traktor unter den Tisch.

Ich kicher dämlich und sage sinnlos:

"Sie spricht."

- Schweigen -

Und dann sah ich es aufgehen. Das fette Grinsen auf dem Gesicht von Frau Dr. Kohlmeise. Was war ich dankbar. Sie schaut ihre Angestellten an, weist auf deren Notizblöcke und sagt:

"Schreiben Sie auf: 'Kind spricht Vier-Wort-Sätze.'" 

Den Rest der Untersuchung hat Frau Dr. Kohlmeise mit der kleinen Erdnuss unter dem Tisch verbracht.

Dort hat sie die U7 bestanden.

Ich hoffe ja, dass es später in der Schule auch eine Frau Dr. Kohlmeise gibt.

 

21.02.2007 um 12:22 Uhr

Bedeutsame Jahre... - Teil I

Was sind bedeutsame Jahre? Wenn ein Kind geboren wird? Wenn man heiratet? Wenn man einen runden Geburtstag feiert? Wenn man das Studium abschließt?

Was, wenn man alles zusammen macht?

Glaubt mir, dann geht das alles unter.

Hochzeit im Juli, Examen im August, Geburtstag am Tag der Zeugnisvergabe, Geburt im September, dieser Anhäufung von Bedeutsamkeit kann keiner gerecht werden.

Auch ich nicht...

Und auch sonst keiner...

Als wir heirateten, taten wir es wegen des Kindes.

Nicht, dass wir das schicklich gefunden hätten.

Heiraten war schon durchaus vorher der Plan - wir hätten es ohne Schwangerschaft nur nicht auf die Reihe bekommen. Wir hätten es im Übrigen auch so beinahe nicht auf die Reihe bekommen. Es gab ja auch so viel zu tun und zu planen und wenn es Leute gab, die keinen Plan haben, dann die werdenden Eltern der kleinen Erdnuss.

Es galt z.B. einen Termin zu finden. Den hatten wir auch recht schnell. Der lag nämlich genau in der Mitte zwischen der schriftlichen und der mündlichen Prüfung. Das haben wir uns schlau ausgedacht. Wir schrieben ihn auf einen Bierdeckel und vergaßen ihn.

Und dann die Akquise von Trauzeugen. Der eine wollte lieber Patenonkel werden, die andere war selber schwanger und zickte vor sich hin (genau wie ich), aber irgendwann hatten wir sie zusammen und sagten ihnen, dass der Termin auf einem Bierdeckel stand und zur Mitteilung freigegeben wird, sobald wir ihn wiederfinden.

Was wir vergaßen: Den Trauzeugen kann man auch noch eine Woche vorher Bescheid sagen. Im Standesamt galt es längere Fristen zu beachten. Da hieß es dann, dass der Termin (wir hatten inzwischen den Bierdeckel wiedergefunden und den Trauzeugen Bescheid gesagt) nicht mehr frei sei. Nicht mehr frei? Darauf wären wir im Leben nicht gekommen. Und selbst, wenn er frei wäre, so hieß es, hätten wir unsere Papiere ja gar nicht zusammen. Papiere? Zum Heiraten braucht man Papiere? Es wurde hektisch. Geburtsurkunden wurden beantragt, Standesbeamte bekniet und ... äh ... über den ganzen Trubel vergaß ich mein Hochzeitsoutfit.

Drei Tage vor dem Termin zwischen mündlicher und schriftlicher Prüfung (die Tränen einer Melone können Wunder bewirken): Ich und meine Freundin Klarissa (der Esel nennt sich in der Tat immer zuerst und Klarissa ist nicht mehr meine Freundin) machten uns auf den Weg eine Melone für ihre Hochzeit auszustaffieren. Schwarz macht ja schlank, bemühte sich meine Freundin Klarissa (die meine Freundin nicht mehr ist) mir mein Handicap besonders schonend beizubringen. Als ich bei H&M eine Hose anprobierte, schlug meine Freundin Klarissa (die ich nicht mehr zur Freundin habe) die Hände vor den Mund und sagte, Weiha, was für eine Kiste. Sie lag falsch. Mein Po war eine Melone, keine Kiste, eine Wassermelone, ich bestand nur noch aus Melonen, und Melone reimt sich immerhin auf Hormone. Das macht nicht schlank, waren die gebetsmühlenartigen Worte meiner Freundin Klarissa (ohne die mein Leben viel reicher ist), immer wenn ich schwitzend die Kabine verließ. Ich gab auf. Es würde sich schon irgendwas im Kleiderschrank finden. Auf Äußerlichkeiten kam es nicht mehr an. So dachte ich, im Gegensatz zu meiner Freundin Klarissa, mit der ich das letzte Mal durch Dick und Dünn gegangen war.

Nun denn. Eines Abends vor Tag X. Die Eheschließung naht. Und ich kann nicht schlafen. Nicht nur, dass ich nicht weiß, was ich anziehen soll. Nein, was, ja WAS NUR, wenn ich morgen einen Fehler mache? Alles, was ich wollte, waren 100 %. Alles, was ich hatte, waren 99.

Mit 99% werde ich nicht ja sagen.

Das beruhigt mich gar nicht. Das beunruhigt mich sogar.

5.00 morgens am großen Tag. Die Erdnuss bewegt sich nicht. Das beunruhigt mich auch. Also halt ich ihr eine Spieluhr ans Ohr. Die kleine Erdnuss versetzt mir einen Knuff. Da denke ich wieder ans Heiraten. Das beunruhigt mich. Wo krieg ich jetzt 1% her?

Ich leg mich ins Bett und beobachte Licht und Schatten an den Wänden. Plötzlich richtet sich der werdende Vater im Bette auf. Er lacht. Lacht im Schlaf. Er blinzelt. Er schaut mich an. Er sagt die folgenden bedeutsamen Worte: "Lustig - Pu-pustig! Es wird geheiratet."

Skurril, ich weiß. Aber da hatte ich mein Prozent.

Am Ende des Tages X dachte ich bei mir: "Heute hast du was richtig Gutes gemacht."

Wen kümmert da noch die Hochzeitskleidung?

 

 

16.02.2007 um 17:39 Uhr

Meerschweinchen

von: sunnysightup   Kategorie: Aktuelles

Die kleine Erdnuss hat eine quietschrote Plastikclownnase. Sie befestigt sie jetzt schon seit Stunden mit den Gummibändern überall auf ihrem Körper und lacht sich schief.

HAHA, MEIN POPO HAT EINE NAAAASE!

HAHA. MEINE BRUST KANN RIECHEN!

HAHA, ICH HABE EINE RIESENGROSSE ROTE BEULE AUF MEINEM KOPF!

HAHA, ICH BIN EIN CLOWN.

 Wahrlich das ist sie und vielleicht wären diese frohen Stunden gar nicht eines Eintrags wert gewesen, hätte sie sich nicht das Plüschmeerschweinchen geschnappt und ihm die Plastiknase wie ein Sauerstoffgerät vor die Nase gehalten.

"Komm, Meersau!" hat sie mit gutturaler Stimme gesagt. "Jetzt biste DRAN! Es ist KARneval! Und DU KRIEGST JETZT SPASS!"

Keine Drohung. Ein Versprechen.   

Das ist es u.a., warum ich mein Leben als Mutter so absolut so unvergrößerbar grandios groß finde.

16.02.2007 um 11:23 Uhr

Der liebe Gott

von: sunnysightup   Kategorie: Sprüche

MS (Mama Sunny, heute 7.00 Uhr, total verkrümelt und verpennt im Bett): "Noch ne Rund kuscheln?"

KE (Kleine Erdnuss, total wach und beneidenswert beweglich, vor dem Bett): "Natürlich!"

(springt ins Bett, rollt sich rum, fummelt mir an den Ohren)

(Kuscheln...)

KE:  "Ich hab mich lieb!"

MS: "Toll!"

KE: "Und dich!"

MS: "Toll!"

KE: "Und den Papa!"

MS: "Toll!" 

(Gesprächigkeit ist morgens nicht meine Stärke) 

KE: "Wenn der liebe Gott ein Baby macht, dann kann man ihn nicht sehen..."

MS: "Nee, aber auch sonst nicht."

KE: "DU und der PAPA müssen ja auch ein Baby machen. Willst du dann den lieben Gott sehen?" 

MS: "Den lieben Gott kann man nie sehen."

KE: "Aber willst du ihn sehen?"

MS: "Nicht wirklich. Ich weiß ja, dass er da ist. Das muss uns reichen."

KE: "Die Dinosaurier haben es gut."

MS: "Hä?"

KE: "Als der liebe Gott das erste Dinosaurierbaby gemacht hat, da hatte er nicht so viel zu tun."

MS: "Nee?"

KE: "Nee, da waren die Menschen ja noch nicht da. Die machen viel Arbeit."

MS: "Ja. Das stimmt."

KE: "Ja, und deshalb konnten die Dinosaurier den lieben Gott sehen. Weil er da noch nicht so viel zu tun hatte und nicht überall sein musste."

MS: "Ich glaube, den lieben Gott konnte man nie sehen. Er ist, äh..., naja, vielleicht wie ein Geist?"

KE: "Er hat keinen Körper?"

MS: "Ja genau."

KE: "Und er ist jetzt hier? Und wir können ihn nicht sehen?"

MS: "ich denk schon."

KE: "Heute morgen war er in meinem Zimmer."

MS: "Aha?"

KE: "ich habe ihn nicht gesehen, aber gehört."

MS: "Was hat er denn gesagt?"

KE: "Zuerst hatte ich Angst, ob es ein Geist ist."

MS: "Das musst du nicht."

KE: "Nee, war ja der liebe Gott."

MS: "Und was sagt er?"

KE: "Er hat gesagt, er liebt 'Deutschland sucht den Superstar'."

MS: "Der liebe Gott guckt 'Deutschland sucht den Superstar'?

KE: "Natürlich."

MS: "Und es gefällt ihm?"

KE: "Er liebt es."

MS: "Das ist schön."

KE: "Wenn der liebe Gott ALLE Menschen liebt, dann liebt er auch den Dieter Bohlen."

MS: "Joaah."

KE: "Und dich!"

MS: "Und dich!"

KE: "Und den Papa!"

KE und MS: "Toll!"

 

Na, da haben wir ja mal wieder eine Menge geklärt.... 

 

15.02.2007 um 12:04 Uhr

Eine gute Vorbereitung ist ja alles...

Natürlich mussten wir einen Geburtsvorbereitungskurs machen. NATÜRLICH! Das gehörte sich so und zum guten Ton auch. Natürlich müssen Akademiker alles ganz genau wissen und machen, sie halten sich an die Gepflogenheiten und sie lesen zu viel. Definitiv zu viel. Dabei fällt mir ein:

 

Entfremden musst du den Gepflogenheiten,

die du in allen diesen Gassen schaust,

und dich verschließen den Gewogenheiten

der Dienstbereiten, drauf du jetzt noch baust;

erst bis du allen den Verlogenheiten

entwachsen sein wirst, denen du vertraust,

bist du am Anfang deiner selbst

und stehst an einem Meer,

auf dem du ruhig gehst, ohne zu ahnen,

dass du Wunder tust, die von den Menschen dich für immer scheiden.

RILKE

 

Ja, wir lesen zu viel und glauben zu wenig...

 

Allerdings widersprechen wir auch zu wenig. Wir melden uns an in einen Vorbereitungskurs, für den Mann kostet das 70 €, den Mann, der da gar keinen Bock drauf hat, und die Frau, die immerzu denkt, was das alles soll, sie schleppt ihn da mit hin, sie sind ein Paar, sie sind schwanger, sie bereiten sich vor.

10 Sitzungen sind geplant - mit uns sind noch zwei Paare da und zufälligerweise sind wir uns alle total UNSYMPATHISCH!

Na bravo! Dünn sind sie, die beiden Frauen, haben eine kleine Rundung vorne, sie haben schicke Sachen an und ich bin neidisch.

Gewichtszunahme ist tatsächlich das erste Thema, was wir besprechen. Die Hebamme ist freundlich, sie lächelt undifferenziert in den Raum und sagt, dass wir da ja alle keine Probleme mit haben, sie schaut die dünnen Frauen an und sagt, "Ihr seid ja zierlich..", sie schaut mich an und sagt, "Naja, und du, du, äh," sie lächelt wieder in denn Raum und verkündet: "Sunny ist normal."

Abwegiger ging es nicht.

Wir machen einen Plan. Besprachen, wann wir den Kreißsaal besichtigen, wann wir die biologischen Details besprechen, wann wir Entspannungsübungen machen und welche.

Herr und Frau SPunkt langweilen sich.

Es wird gehechelt. Die Männer hecheln mit. Wir werden aufgefordert im Entengang durch den Raum zu gehen. Sechs erwachsene Menschen laufen im Entengang in einem 20 m2 -Raum im Kreis.

Mal auf den Zehenspitzen.

Mal auf den Hacken.

Dabei hecheln wir.

Die Männer sollen ihren Beckenboden spüren.

Sie haben doch gar keinen, dacht ich.

Wir sollen in den Anus atmen.

Hallo?

Zum Schluss liegen wir auf den Boden und sollen unsere Arme spüren.

Und da ist es wieder.

ich kann es nicht aufhalten.

Ich versuche es. Versuche es mit meiner GANZEN Willenskraft. Versuche meinen Arm zu fühlen, ihn zu füllen mit frischer Luft, die frische Luft soll bis zu meinen Fingerspitzen fließen. Alles soll fließen.

Die kleine Erdnuss findet das alles ganz und gar nicht beruhigend. Sie tritt und strampelt wie eine Irre. Sie tritt mir mitten in die Blase.

"Alles soll fließen," sagt die Hebamme, "Euer ganzer Körper fließt."

Haha. Das Kichern entsteht im Zentrum der kleinen Erdnuss, es kommt so tief aus meinem Bauch, da ist sie wieder die andere Seite, mein Kind schenkt mir einen Lachanfall.

Erst glucks ich nur so rum, der Harndrang wird stärker, ich japse, ich pruste verhalten, der Raum ist ja ganz dunkel, die Hoffnung, dass es vorübergeht, stirbt, und Herr SPunkt greift nach meiner Hand, er ist besorgt, er weiß, was kommt.

"Lasst die Luft aus Euern Armen."

Das wars dann, ich lasse die Luft aus meinen Armen und sie fährt, wie es sich gehört, aus meinem Mund, ich biege mich, ich heule vor Lachen, ich japse "Ich kann nicht mehr." und laufe laut gröhlend mit der Hand auf meinem Mund aus dem Raum.

Noch beim Pinkeln bog ich mich vor Lachen. Schwangere Männer und Frauen sollen Luft in die Arme pumpen und sie wieder rauslassen. Sie laufen im Entengang im Kreis. Sie hopsen auf Gummibällen und pusten. Sie spüren gemeinsam ihren Anus. Demnächst noch die Erbsen.

Und außer mir fand das keiner komisch?

Nee, irgendwie nicht.

 

14.02.2007 um 12:55 Uhr

Warum Frauen menstruieren und Männer keine Kinder bekommen können

Frauen menstruieren, weil sie sonst keine Kinder bekommen können.

Männer können keine Kinder bekommen, weil sie sonst menstruieren müssten.

Was sie nicht können.

Wenns mal so einfach ist.

Als ich wie eine überreife und -dimensionale Melone durch die Gegend rollte - glaubt mir: ich sah aus, als müsste ich jederzeit einfach so auseinanderplatzen - da hatte ich alles, was man (äh?) so haben kann, wenn man (also Ihr wisst schon) schwanger ist. Fatale Rückenschmerzen, Wassereinlagerungen in den Füßen und Fingern, Sodbrennen, Brustschmerzen, Übelkeit (ja zum Schluss kam das wieder), Hirnsausen, Kreislaufattacken und Schwindelanfälle - und wie fühlte ich mich?

Großartig.

Sinnlich.

Übersinnlich.

Das hätte ich niemals zugegeben. Niemand sonst fand diese überreife Melone mit Hohlkreuz sinnlich.

Ich mich schon.

Von Angst keine Spur. Kein Leiden unter der Mühsal. (auch das hätte ich nicht zugegeben.)

Nur Ruhe, Kraft und Natürlichkeit.

Meine Vermutung: 12 mal im Jahr nehmen wir Krämpfe, Übelkeit und hormonelle Schwankungen in Kauf. Und das ca. 30-40 Jahre lang. Immer wieder. Da hilft kein Murren und kein Klagen...

Evolution! Toll! Ein Mann kann sich prügeln, kann sich in die Brust werfen, einen lauten Tarzanschrei ausstoßen, aber die Strapazen einer Schwangerschaft würde er niemals überstehen. Weil er nicht menstruiert. Weil er nicht regelmäßig leidet.

Starkes Geschlecht? Mag sein.

Uns Frauen hat die Evolution zu zähen Ludern gemacht. Und Männer, die uns in einer solchen Zeit als kaputte Bleistifte bezeichnen, die sollten sich bei ihrer Mami entschuldigen.


12.02.2007 um 08:59 Uhr

Hühnchen

von: sunnysightup   Kategorie: Sprüche

KE (Kleine Erdnuss):

"Sag mal" (stocher mit der Gabel am Hähnchenschenkel) "kann ein Hühnchen ein Hähnchen essen?"

Mama:

"Nee, ehrlich gesagt, essen WIR Hühnchen. Vielleicht noch Füchse, die essen Hühner auch."

Papa:

"Naja, jetzt ist es sowieso zu spät" (haut rein)

Mama:

"Und das Hühnchen merkt das auch nicht mehr"

KE: (nicht überzeugt)

"Nee."

Mama: (Überzeugungsarbeit leistend)

"Nee, ne?"

KE: (nachdenklich)

"Wir essen das Hühnchen auf und dann wird es zu Kaka."

Mama:

"Und dann spülen wir es das Klo runter, das macht Spaß."

(KE überlegt.)

(KE stochert)

KE:

"WOLLTE das Hühnchen denn gegessen werden?"

Mama:

"Äh..."

Papa:

"Jetzt ist aber mal Schluss. Das Hühnchen ist schließlich dazu da, um gegessen zu werden."

KE (laut):

"Ja! Das kannst du JETZT sagen. Aber früher, als das Hühnchen noch echt war, da war das anders."

(Nickt energisch mit dem Kopf und haut mit großen Appetit rein)

Das gute an Kindern: Sie sind von ihren eigenen Einsichten sowas von ungerührt - die Schenkel waren, blieben und bleiben ihr Lieblingsessen. Vegetarische Tendenzen sind nicht festzustellen.

Puuh...

10.02.2007 um 01:06 Uhr

Tritt ins Gesicht

Es gibt und gab nicht immer was zu lästern. Es gab Momente, die waren einfach nur schön. Schön. Es gibt kein schöneres Wort als 'schön'...

(und hört mir auf mit 'wunder'schön.) 

Z.B. der Augenblick, als die kleine Erdnuss ihren Papa das erste Mal ins Gesicht getreten hat.

Seine Wange lag auf meinem Bauch (meinem 16 Wochen alten Schwangerschaftsbauch) und wie so oft, bewegte sie sich, und ich wollte es ihm gerade sagen, da hat er es von selbst gespürt.

Er hatte Tränen in den Augen und ich auch.

Nee - doch: Das war WUNDERschön.

V.a., weil ich dann wusste, dass sie sich wirklich bewegt und ich mir das alles nicht einbilde.

Unsere kleine Erdnuss.

 Tss..

 

09.02.2007 um 00:09 Uhr

Weltmeister

von: sunnysightup   Kategorie: Sprüche

"Mama! Ich bin Weltmeister!"

"Aha? Wodrin denn?"

"In der Welt natürlich!" 

 

07.02.2007 um 23:31 Uhr

Schule

von: sunnysightup   Kategorie: Aktuelles

Wenn man (frau!) Mutter ist, ist man (frau!) irgendwie erwachsen. Da kann man (hihi, frau!) sich nicht wehren, irgendwann ist der erste Elternabend in der Kindertagesstätte, da werden Leute wie ich zum (r!) Elternvertreter (in!) gewählt (Horror, ich werde berichten) und wenn man zu einem Elternabend geht, dann ist das definitiv was erwachsenes.

Noch erwachsener wird man, wenn der erste Schulinformationsabend ansteht. Als gut informierte Mutter, bzw. als eine, die es sein will, geht man (jaja...) da natürlich hin.

Ein extrem gut aussehender Schulleiter führt durch den Abend, da hatte ich Glück.

Wir (ca. 89 Mütter und 11 Väter) erfahren, dass Schule, Kinndergarten und Elternhaus Hand in Hand arbeiten müssen.

Soso.

Wir entnehmen einem Pyramidendiagramm, dass Kinder Liebe und Akzeptanz brauchen.

Ahja.

Ein Sprachförderungseignungssoundsosonstwietest wird ab März 2007 in den Kindergärten durchgeführt.

Aha.

Leider weiß noch keiner wie der aussieht.

Oho.

empörte Eltern klagen an, sie fragen wieder und wieder, wie denn dieser Test aufgebaut ist, wie denn ungefähr das Sprachvermögen ihrer lieben Kleinen abgefragt werden soll, siee sind verzweifelt, sie hassen den Staat für seine schnellen Entscheidungen, sie prangern an, sie wollen es wissen.

Es zieht sich.

Langsam fang ich an, die 'letztlich's und 'grundsätzlich's des nervösen Schulleiters zu zählen. Im Kopf komm ich nicht mehr mit, also mach ich eine Strichliste. Meine Lieblingsmami sitzt links neben mir und bekommt einen stummen Kicheranfall. Eine unbekannte Mama sitzt rechts neben mir und schaut mich strafend an.

Es dauert.

Ich bin bei 42 'letztlich's und 26 'grundsätzlich's angelangt und habe eine neue Kategorie mit 'ebent' begonnen, als es plötzlich hieß, dass die Schuleingangsphase bei Lernverzögerungen auf mögliche fünf Jahre verlängert wird.

Oho, again.

"Jaaa, da muss ich aber mal nachfragen..." Eine klimaktöse kostümträgerin hat bedenken... oha. "Was ist denn, wenn die Kinder diese gestattete Bummelei ausnutzen und - wie möchte ich es sagen - der Schlendrian einreißt?"

Der Schlendrian? DER SCHLENDRIAN? Ja hör mal, das hat meine alte Religionslehrerin immer gesagt und die war damals um die Vierzig, achja, obwohl, dann könnte das ja nun zwanzig Jahre später wohl hinhauen...

Eine andere Mutter ergreift die Panik: "Ist mein Kind, wenn es die fünf Jahre ausnutzt, stigmatisiert? Kommt dann evtl. allenfalls die Realschule in Frage?"

Andere Eltern sind empört über den Zeitverlust, man kündigt an, dass viele nun ihre Kinder VOR der Schulpflicht anmelden werden, das ist ja wohl auch hinterrücks vom Staat so geplant.

Wieder andere Eltern erheben nun die Stimme und fragen, wie denn nun der Sprachtest im Kindergarten aussieht. Man weiß es immer noch nicht.

Die Grundschulaula wird zum Hornissennest. Empörtes Summen allerortens.

---

87 'ebent's und 43 'grundsätzlich's später:

Der Schulleiter dankt für die Aufmerksamkeit und wünscht einen schönen Abend.

47 Mütter und 7 Väter stürmen nach vorne, und sie alle wollen doch nur das Beste.

Ich weiß nur nicht, wie viel das mit unseren Kindern zu tun hatte, die alle selig schlummernd in ihren Betten lagen, noch mindestens zwei Jahre im Kindergarten bummeln dürfen und (aufgemerkt!) Liebe und Akzeptanz brauchen.

Ich hab's mir aufgeschrieben.

 

07.02.2007 um 12:13 Uhr

Gynäkologen

Ein Nachteil hat die ganze Hormonkacke, man kann nicht mehr so gut nachdenken. Und vieles fällt einem echt zu spät auf.

So zum Beispiel, dass sich der Frauenarzt meines Vertrauens in der Schwangerschaft als ausgemachtes Arschloch entpuppte.

In der 8 schwangerschaftswoche hatte ich leichte Blutungen, ich glaube nicht, dass ich Worte finde für das Entsetzen, das ich empfand, als ich das entdeckte. Zweifel hin, Zweifel her, in diesem Moment wusste ich überaus genau, dass die kleine Erdnuss zu mir gehört, dass ich brüten will, sie ausbrüten und dass sie mir keiner, KEINER, auch GOTT nicht!!!, wieder weg nehmen durfte.

Hysterie ist der richtige Ausdruck für meinen Zustand, in dem ich bei meinem Frauenarzt ankam.

Wie mir später von Hebammenseite berichtet wurde, ist es nicht unnormal und durchaus nicht unbedingt gefährlich, in dieser Phase der Schwangerschaft leicht zu bluten, aber zu diesem Zeitpunkt hatte es der Gynäkologe schon versaut. Er schaute kritisch, seufzte schwer und sagte, dass man nichts sagen könne.

Verdammt nochmal - Herztöne waren da, alles sah super aus. Kein Wort davon, dass das gute Zeichen waren, nur dieses Seufzen, das Krankschreiben, das Bewegungsverbot und der kritische Blick.

Ich war verzweifelt.

Nun muss man wissen: der Gynäkologe war selber schwanger. Das heißt, seine Schwiegertochter war es und er selbst schon am Rande der Senilität, wobei ich sagen musss, dass genau das mich für ihn begeistert hat, denn von einem Opa einen Abstrich gemacht zu bekommen, ist die am wenigsten peinliche Variante. Inzwischen habe ich ein mittelaltes Erdmännchen als Frauenarzt, aber dazu ein andermal.

Jedenfalls war er besorgt um seine Schwiegertochter und das ließ er in vollem Maße an mir aus. Ich musste jeden Tag zur Untersuchung, seinen Abrechnungen kam das schließlich auch zugute, mir jedoch war die erste Freude definitiv versaut. 

Apropos Abrechnung: Er lehnte natürlich ab, dass ich einen Teil der Vorsorgeuntersuchungen bei meiner Hebamme vornehmen lasse (von der ich auch zu spät merkte, dass sie eine Bratze war, aber auch dazu an anderer stelle).

Mein Gynäkologe hielt nichts von Hebammen. Ihm waren Hebammen unheimlich:

"Hören Sie mir auf mit Hebammen. Die haben sie nicht mehr alle. Viel Rumlabern und dann schreiben sie Ringelblumensalbe auf fürs Döschen."

Den Ausdruck "Döschen", für mein Geschlechtsmerkmal Nr.1, das zu untersuchen es in seiner Praxis schon mehrere Male galt, kannte ich schon und fand ihn bis dato nicht uncharmant. Ich halte es ja gerne mit Monty Python und sage "Mumu", aber Döschen fand ich auch nicht schlecht. Aber nun beschlich mich ein unangenehmes Gefühl, eines, das mit fehlendem Respekt zu tun hatte, andererseits fand ein Teil von mir (die toughe Frau, wir erinnern uns) es auch in einem gewissen Maß komisch. Also lachte ich.

Und Dr. Dose fuhr fort: 

"Überhaupt, diese Entwicklungen heutzutage. Da müssen die Männer in Geburtsvorbereitungskurse mitlatschen, dann sitzen sie auf Gummibällen und pusten. Das ist doch absurd. Völlig absurd."

Auch da war was Wahres dran, der Geburtsvorbereitungskurs war eine einzige Farce, und auch dazu kommen noch Einträge, ich hatte nur das Gefühl, dass er mich gerade ganz mies beeinflusste, und ich hasste es.

"Wissen Sie, das ist doch alles unnatürlich" (UNNATÜRLICH? HÄ?) "Mein Großvater, der hätte einen Kinderwagen noch nicht mal angefasst, und womit? Mit Recht."

Ah ja...

"Bleiben Sie mir von den Hebammen weg. Ich habe mal von welchen gehört, die Erbsen mit dem Döschen aufsammeln lassen. Das ist doch alles Humbug, das ist das LETZTE!"

Er war jetzt völlig in Rage, und ich konnte nicht verhindern, dass mir über die Vorstellung, dass schwangere Frauen mit ihrer Mumu Erbsen aufsammelten, ein Kichern entfuhr. Wer sie allerdings nicht mehr hatte, war Opa Dose, nur irgendwie war ich in diesem Moment nicht in der Lage, das einzusehen...

Als ich es einsah, war es zu spät, da war ich in der 35. SW und hatte eine Grippe. Es war kurz vor den mündlichen Prüfungen und ich bat um Linderung der Symptome, fragte nach einem schwangerschaftsverträglichen Kopfschmerzmittel, Nasentropfen, irgendwas, es hätte auch homöopathisch sein dürfen.

Dr. Dose: "Da kann man nichts machen."

Ich: "Es ist alles ein bisschen viel. Examen. Kopfschmerzen. Gliederschmerzen. Können Sie denn gar nichts machen?"

Dr. Dose: "Nee, da müssen Sie eben etwas leiser treten."

Ich: "Aber irgendetwas MUSS es doch geben, und sei eis nur was zum Einreiben, meinetwegen Heilpflanzenöl, irgendwas mit Ringelblumen, so helfen Sie mir doch."

Dr. Dose: "Man KANN nichts machen, hab ich doch schon geSAGT. Und jetzt gehen Sie nach Hause und ruhen sich aus."

Er war schrottgenervt und ließ es raushängen.

Ich war völlig erschöpft und verzweifelt und ließ es raushängen.

Ich weinte.

Und Dr. Dose baut sich vor mir auf, schnaubt verächtlich und geht aus dem Raum.

Aber damit nicht genug.

Er konnte es sich und mir nicht ersparen, den Kopf nochmal durch die Tür zu stecken und folgende ruhmreichen Schlusssätze von sich zu geben:

"Und?" Kurze Pause. "Was flennen Sie jetzt?" Kurze Pause. Verächtliches Schnauben: "Wissen Sie selber nicht!"

Versteht sich, dass ich da nicht mehr hinging?

Doch klar ging ich wieder hin. Die toughe Frau in mir, die diese Kritik als berechtigt ansah, schlief nur, sie war nicht im Koma. 

 

06.02.2007 um 16:26 Uhr

Identitätskrise

Schwanger sein ist uncool. Schwanger sein ist sogar ziemlich das uncoolste, was mir in meinem Leben passiert ist. Bedenkt man, wie viel Wert ich immer darauf gelegt hatte, eine coole Sau zu sein, eine, die was vertragen kann, die so schnell nichts umhaut, die tough ist, unantastbar, distanziert, etc., musste das ja in einer Identitätskrise münden.

Zunächst.

Zunächst fühlte sich das schrecklich an. Und als ich zum Schluss nur noch watscheln konnte und meine Schuhe nicht mehr zu bekam, da war im Grunde auch äußerlich der Zenit erreicht, aber da hatte ich mich schon lange an diesen Zustand gewöhnt und ihn (wenn auch leider nicht bewusst) genossen.

Man fühlt sich 'hormonell fehlgeleitet', das kann ich nur bestätigen ( Dankeschön für meinen ersten Gästebucheintrag :-)), in der Rückschau kann ich es aber nur als  'hormonell korrigiert' bezeichnen.

Antastbar sein, verletzlich zu sein, zu weinen, wenn einem danach ist, zu kichern, wenn es kommt, zu zicken, zu streiten, zu kriteln, zu lächeln und zu streicheln, das zu tun, was einem gerade gut tut, und stets den Panzer der Schwangerschaft mit sich zu tragen, vor sich her zu tragen geradezu, was kann es schöneres geben.

Es war herrlich eindeutig, herrlich egozentrisch, herrlich zweisam. 

Gegen Ende der Schwangerschaft hatte ich meinen letzten Vorsorgetermin bei der Hebamme und weil ich noch 10 Minuten Zeit hatte, ging ich in ein Fotogeschäft und schaute mir Fotoalben an. Als ich wieder draußen war, war eine Dreiviertel Stunde vergangen und ich wusste nicht mehr, wo ich war und was ich wollte.

Das hatte aber keineswegs was beängstigendes. Das wichtigste wusste ich ja. In meinem Bauch schwamm und strampelte die kleine Erdnuss, ich hatte genug geschlafen und gegessen, es war alles in bester Ordnung... Ich brauchte eine Weile, um mich zu orientieren und dann noch eine Weile, zu realisieren, dass ich hier in der Nähe einen Termin hatte, dann fiel mir auch noch ein, was das war und dann watschelte ich einfach dahin.

Ein wenig gewundert hat es mich, dass man dermaßen das Gehirn ausschalten kann, doch irritiert war ich nicht, nur amüsiert. Selbst der genervte Blick der Hebamme konnte mir nichts anhaben, ich fand's lustig.

Der Blick von außen kann das alles kaputt machen, Spötteleien, Lästereien, genervte Freunde, und die Angst um die eigene Identität, im besten Fall aber sieht man (und mal wieder: frau!) sich nur selbst. Nie ist Egoismus wieder so verzeihlich...

 

06.02.2007 um 00:53 Uhr

Rock and Roll

von: sunnysightup   Kategorie: Aktuelles

Gestern noch fast vor Stolz geplatzt, heute müde und abgekämpft. Einen langen Arbeitstag hinter mich gebracht, zum Kindergarten gehetzt, winziges, aber schweres Fahrrad hingetragen, ein kurzer Moment der Freude über das selbstverständliche Strampeln und Schlenkern, und dann eine Holperfahrt durch die Kälte zum Spielplatz. Mehr Rock als Roll.

An jeder Ecke Tränen über die kleinsten Kleinigkeiten. Die kleine Erdnuss war - genau wie ich - gar nicht gut gelaunt. Einmal hatte ich sie wirklich schon fast wieder aufgeheitert, da fuhr sie bis zur nächsten Straßenecke, um dort nochmal so richtig aufzudrehen. Man hätte meinen können, sie hätte sich so richtig das Knie aufgeschlagen oder den Arm verstaucht, doch sie hatte einfach nur ihre kleinen Beinchen auf den Boden gestemmt, angehalten und losgekreischt, ich übertreibe nicht: Gekreischt!

Das hatte sie schon als Baby drauf, ihre Umwelt glauben zu lassen, dass jetzt gerade die Welt untergeht. Manch andere Mutter mit Säugling mied mich bzw. uns damals wie der Teufel das Weihwasser, weil ein ruhiger Spaziergang einfach nicht möglich war und die Erdnuss, so klein sie auch war, Babies in meilenweiter Entfernung aufwecken konnte, so laut schrie sie und das mit zwei Wochen, als die anderen noch dieses niedliche Quäken ausprobierten. "Schreien lassen", so sagten sie damals immer zu mir, jedoch sagten sie das nie, wenn sie in unmittelbarer Nähe waren, gerne erhielt ich solche Ratschläge aus sicherer Entfernung am Telefon.

Jedenfalls bin ich es gewohnt, dass die gesamte Umgebung mit rumphilosophiert, was das Kind nur haben kannn, das Kreischen KANN nichts banales sein, irgendwas muss ganz entscheidend schief gelaufen sein. Im Supermarkt stand ich einmal mit Kinderwagen und schlafenden 55-cm-Bündel in der Schlange, in einer langen Schlange wohlgemerkt, als die Erdnuss loslegte, und die nächste Viertelstunde, in der ich schwitzend den Kinderwagen durchrüttelte, schwatzte die halbe Welt auf mich ein, sogar die Kassiererin mischte sich ein, von ihr kam die kluge Bemerkung, das Kind habe zu viel Licht, na danke. 

Auch heute staubt die Erdnuss, wenn auch wesentlich seltener, über solche Kreischattacken sehr viel Aufmerksamkeit ab.

Dieses Mal stand sie da und kreischte, und bis ich an der Straßenecke ankam, hatten ihr schon zwei Omas Gummibärchen geschenkt. "Ochjö, hast du dir wöhgetan?"

Nö. Hatte sie nicht. Wisst Ihr, was sie mir gesagt hat? Sie weint, weil ich vergessen habe, ihr die Tränen abzuwischen... 

Das Gute: Sie hat nicht nur meinen Hang zur Melodramatik geerbt, auch von Humor ist sie reichlich gesegnet.

Wir schauen uns stumm an. Ihr Gesicht ist ganz nass. Mensch wie konsequent. Ein Taschentuch auszupacken, lohnt sich jetzt auf jeden Fall...

Vielleicht hat sie das selbe gedacht. Vielleicht war es einfach Zeit für einen Lachanfall. 

Jedenfalls sind wir immer noch lachend zwei MInuten später zuhause angekommen.

Auf Weinkrämpfe folgen Lachanfälle. Wenigstens auf eines ist Verlass...

Vielleicht war die Hormonkur Schwangerschaft eine wunderbare Vorbereitung auf das Leben mit einem Kind.

Vielleicht ist das Leben aber auch einfach so...

Alles fifty-fifty.

Rock and Roll... 

05.02.2007 um 01:30 Uhr

Den Bikini oder den Badeanzug?

Es gibt Fragen, auf die gibt es keine richtige Antwort. Es gibt Situationen, in denen KANN man sich einfach nicht richtig verhalten.

Wenn deine schwangere, Puddingteilchen futternde Freundin dich fragt, ob sie besser den Bikini oder den Badeanzug ins Schwimmbad anziehen soll, ist das genau so eine Situation, genau so eine Frage. Jungs, sagt in solchen Situationen einfach nichts, bemüht Euch nicht, Ihr könnt es nur noch schlimmer machen.

"Soll ich den Badeanzug anziehen oder den Bikini?"

"Ähm."

"Sag doch mal."

"Naja, wodrin du dich wohler fühlst..."

(netter versuch)

"Ich fühle mich natürlich darin wohler, worin ich besser aussehe."

"Ja, ist klar."

"Das hilft mir jetzt auch nicht weiter."

"Was ist denn bequemer?"

(neenee, so nicht mein lieber)

"Bequem, bequem, darum geht es doch nicht. Ich zeig dir das jetzt mal."

Im nächsten Moment stolzier ich im schwarzen Badeanzug vor ihm auf und ab.

"Na? Was meinst du?"

"schön."

"Findest du schwarz nicht ein bisschen langweilig?"

"Öhm..."

"Mmh?"

"Nö?"

"Ok, dann der Bikini."

Der Bikini stammt aus meiner unschwangeren Zehn-Kilo-leichter-Zeit, ist knallorange und sitzt spack. Feige den Blick in den Spiegel meidend präsentier ich mich in diesem Ding. Ich werde heute noch rot, wenn ich daran denke. Es sah schon schlimm genug aus, wenn ich an mir heruntersah...

"Und?"

"Äh."

"Was jetzt?"

"Auch schön"

"Und was ist besser?"

"Beides schön."

"Seh ich sexy aus?"

(Orca stellt die Killerfrage.)

"Äh, irgendwie schon."

(ein charmantes Nein, also)

"Was soll ich denn jetzt anziehen?"

"Was weiß ich" (langsam bröckeln seine Nerven) "Was findest DU denn schöner?"

"Darum geht es doch jetzt gar nicht. Du sollst doch sagen, was dir besser gefällt."

"Mh. Was ist denn bequemer?"

"Fragst du das jetzt, weil das Ding hier unbequemer aussieht?"

"Nein. Ich frage das, weil du dich wohl fühlen sollst."

"Na toll, ich hab dir schon gesagt, dass es um Schönheit und nicht um Bequemlichkeit geht. ALSO: WAS findest du jetzt schöner?"

"Naja, eher den Badeanzug."

(na bitte! ich habs gewusst!)

...

...

Ich kann gar nicht mehr wirklich beschreiben, was damals in mir vorging. Ich weiß nur noch, dass es höchst komplex war. Einerseits liebte ich diesen Bikini und ich wollte ihn unbedingt anziehen. Andererseits hatte ich die Rettungsringe bemerkt. Er PASSTE einfach nicht mehr. Er sah scheiße aus. Was ich aber (Achtung! Irrational!) nicht wollte, war, dass er das auch bemerkt. Noch weniger wollte ich, dass er mir das sagt. Oder irgendwie zum Ausdruck bringt. Hätte er aber gesagt, dass der Bikini schöner ist, hätte ich den niemals angezogen, und geglaubt hätte ich ihm auch nicht. Dann hätte ich ihn der Lüge bezichtigt und die Dinge wären genauso gelaufen, wie sie auch jetzt liefen.

"Peter?"

"Ja?"

"Findest du mich dick?"

"nein."

(Prompt. Sehr prompt. Zu prompt.)

"Sieht man, dass ich zugenommen habe?"

(Sagt mal, wie bescheuert kann man eigentlich sein? Man steht im sechsten Monat schwanger mit Hüftspeck und Hormonplauze in einem knallorangenen und ebenso engen Bikini vor dem Verursacher dieses - nunja, sagen wir es vorsichtig - Wachstums und fragt ihn, ob man etwas bemerkt. Völlig absurd.)

"Es ist süß."

"Also sieht man es."

(Mir schwillt jetzt zu allem Überfluss auch noch der Kamm. Bei ihm schrillen längst alle Alarmglocken)

"Naja. Irgendwie schon."

"KANNST DU DICH NICHT EIN EINZIGES MAL KLAR AUSDRÜCKEN?`"

"Was willst du denn hören?"

(er windet sich, und das macht mich umso wütender)

"Bin ich jetzt dick oder nicht?"

"Äh... Du bist schwanger."

Da war es. Das Urteil. Ich bin schwanger. Wie konnte er etwas so gemeines sagen? Als er mich eine Viertelstunde später immer noch Rotz und Wasser heulend auf dem Sofa sitzen sah, stellte er die sinnige Frage, was eigentlich los sei, woraufhin ich ihm (um nun wirklich ALLE Klischees rund zu machen) "DU FINDEST MICH FETT!" ins Gesicht schluchzte.

Gottseidank haben wir Humor.

Es entstand diese Schweigeminute, in der jeder seinen Gedanken nachhing. Ich hatte es gesagt.

"Buhuhuuuh. Du findest mich fett!"

Unglaublich.

Der Blick an mir herunter sagte mir, dass diese Einschätzung der Sachlage völlig korrekt war. Im Sitzen war alles noch schlimmer. Vom Bikini war kaum etwas zu sehen, so sehr wurde er von meiner Körpermasse erdrückt. Ein Kichern stieg in mir hoch. Und da war sie. Die andere Seite. Auf Weinkrämpfe folgten Lachkrämpfe. Zumindest auf eines war Verlass. Und wie mein Mann da stand, ratlos, verwundert und irgendwie immer noch misstrauisch, das machte die Sache noch komischer.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, zog ich den schwarzen Badeanzug an.

Im Schwimmbad spielten wir Captain Ahab und Moby Dick. Wer da gewonnen hat, ist ja hinreichend bekannt.  

05.02.2007 um 00:34 Uhr

Rolling, rolling, rolling...

von: sunnysightup   Kategorie: Aktuelles

SIE ROLLT! Sie tritt in die Pedalen, auf diesem grotesk winzigen Fahrrad. Ganz schnell arbeiten ihre Beinchen, der Lenker schlenkert, die Haare unter dem Riesenhelm flattern im Wind, ein kleiner Mensch hat heute Fahrrad fahren gelernt, wie vielleicht Millionen anderer kleinen Menschen auch, und doch kommt es mir einzigartig vor, zum Heulen, als sei es nie einem Menschen vor mir, vor ihr passiert.

Manchmal möchte ich einfach die Zeit anhalten...

04.02.2007 um 02:00 Uhr

Schwanger!!!

Wie ging es nach unserem Eröffnungsgespräch weiter? Nunja, ich wurde dick, fürchterlich dick, grotesk, so fand ich, ja, ich gehörte zu der Sorte Frau, die schwanger sein für einen Freibrief zum Teilchen essen hielt. Und so hatte ich schon nach wenigen Wochen sechs Kilo drauf, zu einem Zeitpunkt, als die kleine Erdnuss erst wenige Gramm wiegen konnte. Die Brillenschlange beim Gynäkologen meines Vertrauens schnaubte nur verächtlich und sagte, "das kann doch jetzt nicht sein". Und ich schnaubte verächtlich zurück und sagte, "das sehen Sie doch". Und sie schnaubte verächtlich und fragte, "Was machen Sie denn den ganzen Tag?" und ich schnaubte verächtlich und antwortete wahrheitsgemäß "Teilchen essen" und sie schnaubte verächtlich und sagte "So geht das aber nicht weiter" und ich ging von der Waage runter und schaute ihr tief in die Augen und saget "DOCH! Genauso geht es weiter. Bis ich platze." Und dann schnaubte sie nur noch verächtlich und sagte nichts mehr, aber es fiel ihr sichtlich schwer, und ich merkte, dass Schwangersein außer den Teilchen noch mehr gewichtige Vorteile barg, die zu erkunden eine ganz wundervolle Angelegenheit werden würde.

Fettzellen und Gehirnzellen stehen nicht miteinander in Konkurrenz. Hormone sind da eine ganz andere Kategorie, aber irgendwie schaffte ich es, meine fünf Sinne zusammen zu halten und zwei Monate später meine Examensarbeit abzugeben.

Ich glaube mit dem Ausdrucken dieser geistigen Ergüsse war der Zeitpunkt gekommen, an dem es bergab ging. Nicht für mich. Oh nein, für meine Umgebung, versteht sich.

Ich weiß noch, wie ich mit den 125 losen Blättern an meinen Bauch gedrückt im Copyshop stand und zitterte. Der Perser, der mich bediente, schaute verständnislos, als er den Kopierauftrag erhielt, ich aber die ausgedruckten Seiten nicht loslassen wollte. Es war schließlich alles gesagt, drei kopierte Exemplare, alle drei binden, eines in rot, eines in gelb, eines in kackebraun, nämlich das für meinen Prof, der mich, als er von meinem Zustand erfuhr, mit einem kaputten Bleistift verglichen (O-Ton: "Die werden schließlich auch ersetzt") und mir kurzerhand den Vertrag nicht mehr verlängert hatte. Aber das nur nebenbei.

Da stand ich nun, dick und hormonbestimmt in der Kopieranstalt meines Vertrauens und ließ nicht los. Der Perser wiederholt den Auftrag. Ich nicke bedächtig. Er schaut auf die mittlerweile schon etwas zerdrückten DIN A4 Blätter. Er schaut mich fragend an. Und ich steh da und zitter. Er zieht an dem Stapel, ich halt ihn fest, er zieht, ich halte, Sie müssen jetzt loslassen, sagt er verzweifelt, und ich kicher hilflos und sag ihm, dass ich schwanger bin.

Das war für mich eine absolut kohärente und durch und durch folgerichtige und vernünftige Begründung für die Situation. Heut find ich das, genau wie der persische Copyshopmitarbeiter, eher irritierend. Aber damit hatte meine Umgebung in den folgenden Monaten einfach zu leben.

Ich bin schwanger, war mein Dauerfazit, für mich eine wunderbare Zeit, die stetig zwischen Zicker- und Träumereien schwankte, Lach- und Weinkrämpfe waren an der Tagesordnung, und so jubelte und heulte ich mich durch die Schwangerschaftswochen, ich möchte mein Freund nicht gewesen sein.

Nachher war nichts mehr so unmittelbar, so eindringlich, so real, so ursprünglich.

Hormone, die beste Droge der Welt.

Paradoxerweise würde ich diese Zeit als die ausgeglichenste meines Lebens bezeichnen.

Aber auch das hat die Evolution super hinbekommen. Wenn man (äh, kicher 'frau') sich die Strapazen merken würde, wären wir längst ausgestorben.