Kleine Erdnuss

03.02.2007 um 02:26 Uhr

Heute

Der kleine Fleck, die kleine Erdnuss, wie ich unser Mädchen die gesamte Schwangerschaft über nannte, ist nun 1 Meter und 4 Zentimeter groß und zu schwer und zu selbständig zum tragen ist sie inzwischen auch, meine kleine Erdnuss.

Ich hatte in den letzte Jahren viel vor, wollte Fotoalben bemalen und bekleben, kleine Koffer mit ersten Stofftieren, Haarlocken, Strümpfchen, Mützchen und Schühchen füllen, aber vor allem wollte ich alles aufschreiben, jede erste kleine Bewegung, Regung, das erste Lächeln, die ersten Laute, die erste feste Mahlzeit, jedes erste kleine bisschen Pipapo, und ich habe mich redlich bemüht und immer wieder hier und da ein paar Zeilen geschrieben und diese Zettelchen und Notizbücher fliegen jetzt hier rum, im Handy wurden Notizen gemacht, auf dem Rechner existiert irgendwo auch eine Datei - es passt alles hinten und vorne nicht zusammen und wird verloren gehen, wenn ich es nicht irgendwann mal ordne...

Eine schöne Gelegenheit.  Vielleicht wird es nicht chronologisch werden, vielleicht gar nicht interessant, vielleicht langweiliger Babykram,  vielleicht entlarvt es mich als völlig neurotisch oder gar geist- oder farblos, am Ende (oje) vermutlich als völlig normal.

Nur eines weiß ich: Ich habe dabei ein gutes Gefühl...

 

03.02.2007 um 02:01 Uhr

Damals

Ich war noch in den Zwanzigern, als mir ausgerechnet die unsympathischste Arzthelferin, die olle mit der Brille und der lauten Stimme, diejenige, die mir bei meinen alljährlichen Gynäkologenbesuchen immer erbarmungslos zwischen die Beine geleuchtet hatte und dabei so doof gegrinst hat, als also ausgerechnet die mir dieses kleine Ultraschallbild in die Hand drückte. "Das werden Sie ja wohl haben wollen", hat sie gebrummt und fürchterlich grimmig gekuckt, als handele es sich bei dem gekrümmten kleinen Fleck um ein Krebsgeschwür, das ich mir natürlich durch eigenes Verschulden eingehandelt hatte. Sie schaute, als wollte sie hinzufügen: "Lassen Sie es sich eine Lehre sein, kleben Sie dieses Bild auf Ihre Zigarettenpackungen und machen Sie so etwas nie wieder, es wird Jahre dauern, bis wir das wieder in den Griff bekommen und wer zahlt den Scheiß? Der Steuerzahler!!!"

Na gut, "Herzlichen Glückwunsch!" hätte es ebenso getan, aber wir wollen auch mit "Das werden Sie ja wohl haben wollen!" zufrieden sein, denn so war es schließlich auch. Natürlich wollte ich dieses kleine Bild haben. Leben regte sich in mir und außer dem Indikatorstreifen, den mein Pipi rosa gefärbt hatte (ich hatte wirklich überlegt, den aufzuheben in einem Blümchenkarton mit Schleifchen und die ersten Schuhe mit rein und den Mutterkuchen am besten auch noch), hatte ich keinerlei Beweise, außer dem kleinen grauen krummen Fleck auf diesem dünnen Papier und ich schwor mir, es aufzuheben bis ans Ende meiner Tage. Keine ahnung, ob ich das schaffen werde, die Dinger bleichen ja auch aus, und weggeschmissen habe ich es auf keinen Fall, aber weiß der Geier, wo es gelandet ist. Für einige Wochen war es jedenfalls heilig. Dann kamen neue Bilder mit Gliedmaßen und Köpfchen und Mumu, "Dös-chen", wie mein Frauenarzt immer zur Vagina sagte, mein kleines Mädchen wuchs in mir heran. Schön.

An diesem Tag, dem Tag mit meinem ersten heiligen Ultraschallbild ging ich verträumt nach hause, schmiss meine Zigaretten in den Müllleimer und freute mich auf den Moment, es dem Erzeuger zu erzählen, der laut eigener Aussage nichts mehr wollte, als eine Familie mit mir zu gründen. Ich räumte die Wohnung auf, hörte leise, romantische Musik und versuchte, geheimnisvolle schwangere Stimmung zu verbreiten, was mir offensichtlich ganz gut gelang, denn mein Mann kam nach Hause und fragte, was los sei, ich wirke so geheimnisvoll. Das Geheimnis wurde gelüftet und mein Mann schmiss seine Zigaretten auch in den Mülleimer.

Zwei Stunden später gruben wir beide am Ende unserer Nerven die bösen Stängel zwischen Bananen- und Kartoffelschalen wieder hervor, nämlich am Ende des folgenden Gesprächs:

"Du bist schwanger? Das ist ja großartig!"

(verträumter Blick)

"Ja, nicht wahr? Ich finde es auch großartig!"

(verträumter Blick)

"Zeig nochmal das Bild!"

"Hier."

(Beide verträumte Blicke auf das Bild)

"Toll."

"Ja. Toll."

"Schatz?"

"Ja."

"Es gibt jetzt so viel zu tun."

(ja, natürlich gibt es viel zu tun. Ich bin schwanger und ich muss meine Examensarbeit in 6 Wochen abgeben und kotzen werde ich auch die ganze Zeit und dick, ich werde fürchterlich dick werden und die Streifen, diese schrecklichen Streifen, ich muss Créme besorgen und will ich wirklich 9 Monate nicht mehr rauchen?)

Aber ich lächel süß und frage: "Was gibt es denn zu tun?

"Wir müssen die Wohnung babysicher machen."

"Hä?"

"ja, und ein Auto brauchen wir jetzt."

"Was?"

"Und dieser Schimmel da an der einen Ecke im Flur, das muss dringend gemacht werden."

"Bitte?"

(ein schlechtes Zeichen, wenn ich graduell höflicher werde, ganz schlecht, das weiß er auch, aber er ist durcheinander, der Arme, völlig überfordert...)

"Mensch-mensch-mensch, toll, wir sind schwanger..."

"Wie bitte?"

"Wir sind schwanger."

"Entschuldige, wenn ich deine Gefühle verletze, aber schwanger bin ja wohl ich."

"Jaja, du weißt doch, was ich meine."

"Nein, tut mir leid, im Moment weiß ich das nicht."

"Das betrifft uns doch beide. Ich bin doch jetzt auch ein bisschen schwanger."

(ich weiß, es ist süß, ich weiß es auch in diesem Moment, aber ich weiß es nur, ich fühl es nicht.)

"Nein bist du nicht. Ich bekomme jetzt den Bauch."

"Ja-haha."

(er kichert, er wagt es zu kichern)

"Hey..." (Rettungsversuch.) "...ist doch toll so ein Babybauch."

"JAAA, naTÜÜÜÜRlich, und Hauptsache, die Wohnung ist babysicher und du kannst in KFZ-Magazinen blättern und mit Gebrauchtwagenhändlern fachsimpeln und dann tapezierst du noch den Flur und die Sache ist für dich geritzt, na KLAR, WIR sind schwanger, WIR kaufen ein Auto, großartig."

"Äh."

"Denkst du vielleicht mal an meine GeFÜHLE? Weißt du eigentlich, wie sich das anfühlt, wenn der Körper sich gerade von SUPERSEXY STUDENTIN in DICKE HILFLOSE GEBÄRMASCHINE verwandelt?"

Nein, weiß er natürlich nicht, und deshalb kramen wir auch zwei Stunden später im Mülleimer und frönen unserer augenblicklich letzten gefühlten Gemeinsamkeit.

Irgendwie sind die Momente, die wir uns erträumen, nie so großartig, wie sie es sein sollten, der Größe des Ereignisses selbst konnte wahrscheinlich gar nichts gerecht werden.

Und doch. Es war ein süßer Moment und ich lächel, während ich das schreibe.

Wir sind schwanger und sie wollen ein Auto kaufen...

tss...