Sehnsucht
Die Erdnuss ist heute bei der Oma. Und weil die Oma 100 km entfernt wohnt, bleibt sie da auch bis Sonntag. Die beiden lieben sich heiß und innig, und die Erdnuss lässt alle Griffel fallen, wenn sie nur das Wort Oma hört. Schön. Schön, das zu sehen. Manchmal kommt die Eifersucht, aber im Grunde finde ich es einfach nur wundervoll, dass sich so ein Vertrauen aufgebaut hat. Dass ich sicher sein kann, dass noch ein anderer Mensch so sehr von ihr geliebt wird wie wir und dass noch ein anderer Mensch unsere Tochter von Herzen liebt.
Familie. Ich tu mich unendlich schwer mit dem Thema.
Aber heute, da habe ich mal wieder gespürt, was es im Grunde, ja ganz im Grunde des Herzens, damit auf sich hat.
Sie brach auf, meine Kleine, und da stand sie im Flur: den kleinen niedlichen Marienkäfer-Rucksack auf ihrem kleinen Rücken, eine gestreifte Mütze auf dem Kopf, die mit solchen franseligen Bommeln an der Seite, die hingen da so runter wie zwei kleine Zöpfchen. Die Backen von einem kleinen Mittagsschlaf leicht gerötet, noch ein bisschen duselig, das Stofftier unter ihrem Arm, Flecki und Becki, ein Drache und ein Eichhörnchen. Sie stand da in Ausflugslaune, freute sich auf ein Wochenende mit ihrer Oma, scharrte ungeduldig mit den Füßen und streckte mir wie nebenbei ihr Schnütchen zu einem kleinen Kuss hin. "Ich wünsch dir viel Spaß bei der Oma. Du wirst mir fehlen. Weißt du eigentlich, wie langweilig es ohne dich ist?" "Mhja." Abwesend nickte sie mit dem Kopf, schlang nochmal ihre Ärmchen um mich und ging durch die Wohnungstür. "Fahrt vorsichtig." Kuss für den Ehemann. "Bis gleich." Wir freuen uns auf einen gemeinsamen Abend. Morgen gehts in die Sauna. Ach, was will ich denn in der Sauna? He? Entspannen? Wozu?
Im Hausflur haben wir einen großen Spiegel, in dem sich die Erdnuss nochmal zufrieden zugrinst und -nickt. Sie verschwindet, verschwindet einfach hinter dem Treppengeländer, die Bommeln wippen ein wenig mit ihren Schritten die Treppe hinunter. Als auch kein noch so klitzekleiner Mützenstreifen mehr zu sehen ist, steh ich da, wie festgenagelt, starre in das leere Treppenhaus und höre auf die kleinen tapsenden Treppenschrittchen, auf die freundliche Unterhaltung, auf ihr leiser werdendes Stimmchen. Und als sich sentimentalerweise meine Augen mit Tränen füllen, da wird das Stimmchen nochmal lauter, die Schritte tapsen die Treppe hoch, ein kleiner Kopf mit dicken Backen taucht nochmal zwischen den Geländerstangen auf: "Mama, hast du auch meine Schwimmbrille eingepackt?" "Ja hab ich." Und ich könnt sie jetzt auch wirklich gut gebrauchen, füg ich in Gedanken hinzu...
"Super!" Luftkuss und weg war sie.
Mannomann. Für einen Moment hat das körperlich wehgetan. Ein fieses Ziehen rund um mein Mutterherz. Jetzt sitz ich hier und höre tierisch laute Musik. Wir werden bis früh Morgens aufbleiben und ausschlafen und all den Mist von früher. Wenn es regnet, werden wir DVDs gucken und wenn die Sonne scheint, spazieren und Schneeglöckchen jagen. Und abends wieder ausgehen. Ins Kino oder so. Vielleicht 'I am Legend' gucken?
Ich versuchs mir grade wirklich schön zu reden, aber ich finds grade wirklich ungeheuer grausam, übelerregend schmerzhaft und einfach nur doof, doof-doof-doof, dass sie nicht da ist...
