Kleine Erdnuss

27.06.2008 um 22:16 Uhr

Glücklich in Trümmern

Besuch.

Jessi. Kastor. Lisa.

Jetzt liegt sowohl das Wohnzimmer als auch das Kinderzimmer sowie die Terrasse in Trümmern.

Alle, ausnahmslos alle, sind glücklich.

Aufräumen? Machen wir morgen.

Schön. Schön. Schön.

Schön wars.

 

26.06.2008 um 22:41 Uhr

Regeln müssen sein

"Bei der Erdnuss im Zimmer darf man nicht mehr pupsen." So raunt mir Papa Erdnuss heute nachmittag verschwörerisch zu. "Aha? Neue Regeln?" raune ich zurück. "Genau!" kichert der Erdnusspapa. Jetzt kichern wir gemeinsam. Wir kichern dieses Elternkichern. Dieses "Ist-sie-nicht-großartig?"-Kichern. Jawoll. Ist sie doch. Ist sie nicht großartig?

Nun ja. So viel zum Kichern.

Dass ich mir noch am gleichen Tag vor Lachen in die Hose machen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

 

 

 

 

Damit wir alle Bescheid wissen, prangt DAS hier an ihrer Zimmertür. Ziehen wir uns warm an. Das kann noch richtig heiter werden, wenn sie älter wird...

Puuuh, ich hab immer noch Lachtränen in den Augen.

 

26.06.2008 um 11:08 Uhr

Auge in Auge, Zahn um Zahn

"Mama?"

"Mh-mmh?"

"Wo ist ein Radiergummi?"

"In meinem Zimmer. Auf dem Tisch. Unter dem Skizzenblock. In einer Plastiktüte."

"Ok."

Ich warte. Normalerweise dauert es keine 10 Sekunden, und der Ruf ertönt: "Maaaamaaaa?", weil das einfach zu komplexe Anweisungen sind oder sich auch die Lust zum Suchen in Grenzen hält. Diesmal: Kein Mucks.

10 Minuten später: "Mama?"

"Mh-mmh?"

"Wo ist eine kleine Schere?"

"Öhm, überall sind kleine Scheren."

Grinsen. "Ja, ich weiß. Aber ich brauch nur eine davon."

Zurückgrinsen. "Ich glaube, in der Küche ist eine."

"Ja-ha. Aber die ist mir zu groß."

"Nee," überleg ich. "Da ist auch eine kleine. Und zwar in dem weißen Becher im Regal, wo auch die Stifte drin sind."

"Ok. Danke."

Hallo? Kein 'Hä'? Kein 'Kannst du mir das zeigen'? Kein 'Das find ich nicht'? Und überhaupt: 'Danke'? Gehts noch? Danke?

Sie rennt los. Kommt nicht wieder. Als ich nach ihr sehe, schnippelt und klebt sie völlig hingerissen und konzentriert an ihrem Tischchen. Tischchen. Bald braucht sie einen Tisch. Und einen ordentlichen Stuhl. Also einen größeren.

Die Dialoge hätte ich auch mit einer Kollegin führen können. Selbstvertsändlich hätte die nicht Mama zu mir gesagt und heute Nacht auch nicht in meinem Bett geschlafen. Dummerweise auf der Couch, mein Rücken tut immer noch weh. Aber den Teufel hätte ich getan, die Erdnuss wie sonst schlafend in ihr Bettchen zurückzubringen. Nee. Ich hörte ihrem Atmen zu, dem kleinen Schniefen und, ja, Mütterromantik ist zuweilen etwas seltsam, ihren knatternden Pupsen. Und ich war einfach nur froh. Klare Verhältnisse. Große Mami, kleine Tochter. Noch sind die Milchzähne vollständig. Mit jedem verlorenen Zahn wird sie selbständiger werden, jeder nachgewachsene wird ihr mehr Verantwortung und Unabhängigkeit eintragen.

"Mama?" murmelt sie heute morgen schlaftrunken. "ich gehör nur dir."

"Nein, meine Süße." antworte ich in einer seltsamen Mischung aus schläfrigem Behagen, Melancholie und Sanftheit. "Du gehörst mir nicht. Wir gehören zusammen, der Papa, du und ich. Aber du gehörst nur dir allein."

Und so ist es. Augenhöhe. Zahn um Zahn...

 

22.06.2008 um 20:51 Uhr

Wackelige Zeiten

Es passiert so viel. Jeden Tag. So viele Dinge. Bezaubernd. Überraschend. Witzig. Traurig. Klug. Albern.

Jeden Tag. In wackeligen Zeiten verwende ich all meine Konzentration darauf, nicht wegzubrechen. Da zu bleiben. Hinzusehen. Der Luxus des Schreibens, Beschreibens fällt dann weg. Kommt aber wieder. Es gibt plötzliche lichte Stellen in meinem überlasteten Kopf und dann ist wieder Platz zum Schwelgen in den Geschichten, die das Leben jeden Tag schreibt.

Zur Zeit fällt mir nur eine ein: Der Erdnusswackelzahn ist so wackelig, dass er schon waagerecht nach vorne steht, wenn man ihn lässt...

Sie wird groß. So schnell. Als würde plötzlich jemand den Vorspulknopf drücken... 

Was die Zeit der bleibenden Zähne wohl bringen wird?

 

12.06.2008 um 13:22 Uhr

Vergesslich...

Heute sind gleich drei Termine. Mittags Arzt (Sprach-, Seh-, Hörtest). Danach wieder zum Kindergarten (Karina abholen). Und heute morgen Picknick im Wald.

Oha. Bemerkt jemand die Reihenfolge? "Packen Sie Ihrem Kind regenfeste Kleidung und ein Picknick ein." Wer hats vergessen? Die Mama Erdnuss. Sch...

Ich nehm gleich mal Klamotten zum Wechseln und ne Banane mit...

Herrje. Mein Kopf ist manchmal zum Platzen gefüllt. Ich will Hausfrau sein... Einfach nur Hausfrau...

 

10.06.2008 um 21:26 Uhr

Altklugheitzementierungstendenzen

Justus ist zu Besuch. Die Beiden machen ihr Ding. Ein Selbstläufer. Nachbarsjunge und Nachbarsmädchen. Ein blondgelocktes Traumpaar.

Das rührt mich, deshalb bringe ich den beiden ein Wassereis. Waldmeister. Lecker. Ich schneide eins auf, reiche es der Erdnuss. Ich schneide das zweite auf und reiche es Justus.

"Mama?!"

"Ja?"

"Ich könnte mich täuschen, aber ist es nicht so, dass man den Gast zuerst bedient?"

 

Das muss man sich mal auf der ZUNGE zergehen lassen: Ich - könnte - mich - täuschen, - aber - ist - es  - nicht - so, - dass - man - den - Gast - zuerst - bedient?

Hallo? Hallo-ho?

Wie gut, dass heute alles so GLATT gelaufen ist, sonst könnte sich eine leichte Gereiztheit breit machen...

 

 

10.06.2008 um 02:36 Uhr

Am Rande

 

"Nicht sauer sein, Papi, ok? Die Mama und ich haben uns nur ein kleines Späßchen erlaubt."

(Auch ich mit meinem wahrhaftig nicht objektiven und überaus verliebten Blick auf die Erdnuss kann nun nicht mehr leugnen, dass die altkluge Phase eingeläutet wurde... Und trotzdem hab ich vor Lachen fast Pipi in die Hose gemacht...)

08.06.2008 um 21:41 Uhr

Küsse

"Mama?"

"Ja?"

"Wenn Küsse ungefähr so groß wären, nä?" Die Erdnuss legt beide Hände hohl aneinander. "Dann könnten wir reinbeißen. Und die wären voll lecker, die Küsse. Und wir würden sie -hamhamham- aufessen!"

Ich steh mal wieder völlig auf dem Schlauch. "Küche? Was für eine Küche? Wieso so kleine Küchen?"

"Ohhhhar, Mama! Küsse!"

"Oh!" Jetzt hab auch ich es verstanden. "KÜSSE!" Super Idee, oder?

Wir denken nach, was da drin sein könnte. "Sahne." sag ich wie aus der Pistole geschossen. "Himbeerwackelpudding." zieht die Erdnuss nach. "Schokolade." trag ich bei. "Ja, aber gesunde." ergänzt die Erdnuss. "Mmh." Ich überlege. "Tja, vielleicht noch Erdbeercreme?" "Nee." Die Erdnuss schüttelt kritisch den Kopf. "Martins. Auf jeden Fall Martins." (Das ist wie beim 'Mus' und der 'Mupe', Smarties sind und bleiben 'Martins'.) "Gut. Jetzt haben wir die Zutaten. Aber in welcher Reihenfolge?" "Also, das ist ganz einfach Mama. Erst kommt die Sahne. Dann der Himbeerwackelpudding, dann die gesunde Schokolade und dann die Martins. Fünf Stück, einer in der Mitte und vier im Kreis." (Algebra, habt Ihrs bemerkt? *stolz)

"Toll. So schmeckt also ein Kuss."

"Ja-ha. Und in der Mitte ist ein Edelstein. Ungefähr so groß." Daumen und Zeigefinger zeigen ein etwa erbsengroßes Löchlein. "Nä Mama? EIn wertvoller wertvoller Edelstein. Ein..." Kurze Pause und dann verschwörerisches Flüstern. "Diamant!"

"Beißt man da nicht drauf?"

"Nee!" Sie schaut mich irritiert an. "Wir beißen doch vorsichtig in den Kuss. Das ist doch klar."

 

Jawoll. Jetzt haben wirs. Das Kussrezept. Nochmal zum Mitschreiben: EIn Klecks Sahne von Himbeerwackelpudding umhüllt mit gesunder Schokolade überzogen und fünf Martins, einer in der Mitte und vier im Kreis drumherum.

Der Diamant? Der entsteht von alleine...

 

08.06.2008 um 13:30 Uhr

Der Plural und die Erdnuss

Ab in den Wald. Taschenmesser, Becherlupe, Tupperdose, alles dabei. Ein Waldbuch will die Erdnuss mitnehmen, oder noch besser: ein Lexikon, oder noch viel besser: zwei Lexikons.

"Lexika." sag ich mechanisch.

"Hö?"

"Lexika. Ein Lexikon. Zwei Lexika."

Die Erdnuss schaut mich ratlos an. Ich nicke vehement mit dem Kopf. Ein feines Grinsen breitet sich langsam auf ihrem Gesicht aus. Sie nickt wissend mit dem Kopf. "Hihihi, Mama. Ich weiß schon. Du willst mich ANschmieren!"

Nee, wollt ich natürlich nicht. Aber je mehr ich den Plural von Lexikon anstarre, umso absurder kommt er mir vor...

Ab in den Wald. Dem geht der Numerus am Rand vorbei...

 

 

07.06.2008 um 16:55 Uhr

Springbrunnen, Seifenblasen, Blumen, Luftballons und Eis

Das Leben kann bisweilen so erstaunlich einfach sein. Verblüffend einfach. Schockierend einfach. Ist jetzt deutlich herausgekommen, dass ich überrascht bin, wie einfach das Leben manchmal sein kann?

Es begann damit, dass wir nicht wussten, was wir machen sollten.

"Wildpark? Och nö. Der ist langweilig."

"Was ist denn daran langweilig?"

"Ach ich weiß nicht. Der Wald."

"Aber du liebst doch den Wald."

"Ja, schon." Schulterzucken. "Aber die Käfige. Gitterstäbe und Wald, das passt einfach nicht zusammen."

"Ja. Stimmt." Ich habe dem nichts entgegenzusetzen.

"Wie wärs denn mit dem Zoo?"

"Ach was." Ich hasse den Zoo. "Gitterstäbe und Tiere, das passt wohl, he?"

"Nee. Hast Recht." Jetzt hat die Erdnuss nix entgegenzusetzen.

...

...

...

"Was sollen wir denn machen?"

"Tja..."

Wir sind ratlos.

Mir fällt eine Zwischenlösung ein. "Wie wärs, wenn du mit mir EInkaufen kommst, und dann gehen wir ein Eis essen?"

"JAAAAAAAAAA!"

Gesagt, getan. Beim EInkaufen wird noch flugs ein Döschen Seifenblasen eingepackt und ab zum Eisladen.

Ich weiß nicht, aber es gibt so Tage, da rutsche ich mit der Erdnuss wie der Löffel durch die Sahne. Schon auf dem Weg zum Eis, tut sie etwas Wunderbares. Es gibt so einen seltsamen Accessoire-Laden da, die haben doch tasächlich einen Riesensteinbuddha vor ihrer Tür angekettet. Die Kette führt um den Hals, so eine dicke fette Eisenkette mit Schloss. Schon immer wollte ich diesen gefangenen Buddha mal fotografieren, aber die Gelegenheiten finden uns, man muss nur manchmal ein bisschen darauf warten. Die Erdnuss klettert nämlich dem gefesselten Buddha auf den Schoß. Mein erster Impuls ist sie wieder da runter zu holen. Doch dann denk ich, ach scheiß drauf, und lass sie machen. Sie packt ihr Seifenblasendöschen aus und beginnt zu pusten. Und ich halte drauf, was das Zeug hält, fotografier von rechts von links von vorne von oben von unten. Großartig. Noch großartiger ist, dass alle lächeln. Breite fröhliche Lächeln treffen uns von allen Seiten. Ein junger Mann wird rot, als ich zurücklächel. Es gibt so Tage...

Beim Eisladen lauscht uns verzückt ein wirklich wirklich attraktiver Mittdreißiger. Er schielt uns von der Seite an, schmunzelt, lacht sogar einmal laut auf. Das ist schön, aber noch schöner ist es, weiter durch die Sahne zu rutschen, nämlich zum Blumenmarkt. Zwei Euro für so'n Strauß rosa Blumen. Ich sag, dass ich die haben will und der Verkäufer sagt, nee, die passen nicht zu Ihnen. Ja, aber schön billig sind die, grins ich breit, und er greift in den Nachbareimer und überreicht mir einen großen Strauß Nelken mit Fresien und Margeriten für viel mehr Euros und sagt, das passt, zwei Euro her und machen Sie sich einen schönen Tag!  

Wir wandern weiter, die Erdnuss und ich, zum Springbrunnen. Vanille Joghurt ich, Schoko Vanille die Erdnuss. "Du lässt mich mal am Joghurt probieren und ich dich an Schoko, ok?" Ok. So wirds gemacht. Dann find ich einen verramschten Luftballon in meinem Handtaschenkontinuum, der wird aufgeblasen und fliegen gelassen, aufgeblasen und fliegen gelassen udn immer so weiter. Seifenblasen mischen sich dazu, wir kichern wild, weil wir so tun, als wären die Seifenblasen Frösche, die durch die Luft fliegen.

"HÜTET EUCH VOR DEN FRÖSCHEN" schreit die Erdnuss den Menschen scheinbar absurderweise zu.

Für mich war es folgerichtig. Nichts gegen Frösche, aber wenn sie durch die Luft fliegen und auf einem zerplatzen, dann sollte man sich tatsächlich hüten...

Der Nachhauseweg führte durch die Nachbarschaft. Häuser, Gärten, nix besonderes. Und doch blieben wir immer wieder stehen und staunten.

Ich staune immer noch. Staune, wie einfach das Leben sein kann...

 

 

03.06.2008 um 21:17 Uhr

Wolkenauto

Wenn man schläft, sieht man sich nicht mehr, aber macht nichts, wir haben uns im Traum verabredet, wir werden mit einem Wolkenauto zur Sonne fahren und die ist weich und warm, gar nicht heiß und gefährlich, das darf sie auch nicht, DENN in unserem Autos sind jede Menge Lutscher, und das Wolkenauto besteht aus Zuckerwatte, würde sonst 'schmilzen' und die Reifen vom Wolkenauto sind aus Lakritz, das schmeckt zwar nicht, aber wer trotzdem mag, darf mal abbeißen, auch gerne richtig viel, weil die Reifen brauchen wir ja eigentlich gar nicht, dennwir fahren ja nicht, wir fliegen ja, mit rotweiß geringelten Lutschern zur Sonne, einfach mal Guten Tag sagen, ja das machen wir, und wenn wir zurückfliegen, ist ein Stück Sonne in unserem Herzen, davon können wir anderen Menschen was abgeben, aber nicht alles, dass es nämlich auch noch für uns selber reicht...

 

Gute Nacht und süße Träume an alle.

 

01.06.2008 um 14:06 Uhr

Neugeboren

"Dein Papa ist tot, nä, Mama?"

"Mh.."

"Und der is da oben, nä?" Fingerzeig nach oben.

"Ja. Im Himmel."

"Und der kann dich sehen, nä?"

"Ich glaube daran. Ja."

"Genau wissen kann mans nich, nä?"

"Nee. Man kann es glauben."

"Ich glaube das auch. Und wenn ich mal neugeboren bin, dann sag ichs dir."

"Neugeboren?"

"Ja-ha. Wir kommen immer wieder. Und wenn ich dann wiederkomme, sag ich dir, ob ich dich gesehen habe."

"Wie kommst du denn auf das Wiederkommen?"

Pause. Schulterzucken.

Nach der Stille, ein kleiner Ruck geht durch die Erdnuss: "Na gut, ich sags dir: Ich habe mir etwas überlegt."

"Aha. Und was?"

"Das Leben geht IMMER weiter."

"Immer weiter... So ist es, mein Schatz."

 

Dass sie so etwas zu einer Zeit raushaut, wo ich in Starre verharre, ist zwar ganz sicher kein Zufall, für mich ist es dennoch ein kleines Wunder...