Einführungsveranstaltung in der Schule. Was hab ich mich gefreut. Wir uns alle. Auf diesen absurd kleinen Stühlchen hammer gesessen. Über das Kindergemurmel, -gelächter und geschrei hinweg ertönt eine feurige Rede über Kinderseelen und -gehirne. Der rechte Flügel wird von der Schulleiterin getadelt wegen Lautstärkeüberschreitung. Ich stelle sie mir mit einer Triangel vor, wie sie uns allen ein Ruhezeichen gibt und muss kichern, Gottseidank sitzen wir im linken Flügel...
"Noch Fragen?" Die Schulleiterin ist am Ende der Rede angelangt und schaut nahzu hilflos in den überfüllten Raum. Mal wieder betreibe ich Stoffwechsel. Hab ich Fragen? Nö. Ist doch noch ewig hin... Näääächstes Jahr erst. Die Erdnuss dreht sich zu mir rum und grinst. Ich grinse zurück.
"Sie haben etwas von integrativem Ansatz gesagt, wegen der Sonderbetreuung, ähm..."
"Falls sie ein Kind haben, dass spezielle Betreuung braucht, haben wir ohnehin noch ein EInzelgespräch."
"Nein, haben wir nicht. Aber es interessiert uns trotzdem, wie es in solchen Klassen abläuft. Das ist ja dann auch alles irgendwie anders, oder?"
Oje. Seit einer halben Stunde sitzen fünfzig Kinder samt Eltern in einem Raum und schwitzen. Jetzt wird erstmal die integrative Frage geklärt. Daraufhin die Kann-Kind-Frage. Dann die Zuzugsraum-Frage. Dann die Hausaufgabenfrage. Irgendwann blockt die Leiterin ab. Teilt uns in Gruppen ein. Azyklisch sollen vier Gruppen durch bebilderte Gänge geführt werden. Leider hat niemand verstanden, was azyklisch heißt. Alle stürmen auf die erste Lehrerin zu. Ruhig Blut, denk ich. Jeder bekommt eine Gruppe. In Zweierreihen lassen wir uns viereckige Räume zeigen. Manche mit Tischen, manche ohne. Warum nicht?
Zurück zur Aula. Jeder bekommt wieder sein Stühlchen. Der Drang, sich auf das Stühlchen zu setzen, auf dem man vorher gesessen hat, scheint übergroß zu sein. Fast kann man von einer unsichtbaren Ordnung sprechen. Unsere Kinder werden es noch lernen. Leider-leider...
Vernünftigerweise wird die beginnende Diskussion im Keim erstickt. Es gibt eine Kann-Kind-Gruppe, eine Zuzugs-Gruppe, und eine OGS-Gruppe. Ich stelle mich Interesse halber zu der OGS-Gruppe. Dort stehen auch die meisten. Von fünfzehn Müttern redet eine auf die zuständige Lehrerin ein.
"Was ist, wenn ich mein Kind früher abholen will?"
"Das geht um 14.00, 15.00 und 16.30. So sind die angenehmsten Zyklen."
"Und wenn ich es mal um eins abholen will?"
"Wir machen auch gern mal Ausnahmen, aber regelmäßig sehen wir das nicht so gern, der OGS-Platz soll ja genutzt werden."
"Aha. Und wenn ich den OGS-Platz nur an drei von fünf Tagen brauche?"
Kurzzeitig schlafe ich mit offenen Augen ein. Ich wache wieder auf bei der folgenden Frage von immer noch der gleichen Mutter.
"Wann ist Hausaufgabenzeit?"
Hallo? Sie redet von NÄCHSTEM Sommer? Und da will die wissen, wann Hausaufgabenzeit ist? Hallo? Das wird schon irgendwann sein in so'ner Ganztagsbetreuung, menschenskinder, was ändert es denn, wann die Scheißhausaufgabenzeit ist?
"13-14.00" (Ich bewundere die Geduld, mannometer bewundere ich die Geduld)
"Und wie lange machen die Kinder Hausaufgaben?"
"Die Erst- udn Zweitklässler eine halbe Stunde. Die Dritt- und Viertklässler eine Stunde"
Allgemeine Zustimmung. "Ja! Länger können die sich ja auch nicht konzentrieren." "Genau." "Jawohl" "Mmh-mmh" "jaja" "Sehr richtig!"
"Müssen wir die Hausaufgaben zuhause nochmal nachkontrollieren?"
Die Lehrerin lächelt gequält. "Natürlich würden wir uns darüber freuen, wenn Sie nochmal über die Hausaufgaben schauen."
"Was machen wir mit Fehlern?"
Gehts noch? Aus Protest schlaf ich wieder ein. Ein paar Minuten später meldet mein Kleinhirn eine Unverschämtheit, und ich blinzel in die Runde. Hab ich grade richtig gehört? Wurde diese nette Frau, die gerade ihr Bestes gibt und eigentlich längst hätte in die Luft gehen müssen, gerade gefragt, was sie denn eigentlich für "Kompetenzen vorzuweisen" habe? Ich fass es nicht. Aber sie steht duldsam Rede und Antwort. Sie hat Grundschul- und Sozialpädagogik studiert. man entblödet sich nicht, ihr zu sagen, dass es da ja auch genug unqualifiziertes Personal an den OGS's gibt. Alle nicken schon wieder. Zufriedene Gesichter. Eines ist fassungslos, soweit ich meine Gesichtsmuskeln richtig einschätze...
Schnell weg. Schnell so'n ollen Anmeldezettel ausfüllen im Oktober. Schnell nicht mehr drüber nachdenken. Über die ganzen Elternabende. Elternvertretung. Elternstammtische. Eltern-Po-Peltern. Ich habe ein klein wenig Angst.
Zuhause? Da hatten wir den Kevin mit, der schläft hier. Die Erdnuss fragt ihn: "Wie hats dir gefallen in der Schule?" "Gut," sagt der Kevin. "in die geh ich." "Ich auch", sagt die Erdnuss, "Super!" sagt der Kevin. "Dann gehen wir zusammen!", und schon war die Diskussion beendet.
Es könnt' alles so einfach sein...