Kleine Erdnuss

27.11.2008 um 01:14 Uhr

Raufen, Ringen, faires Kämpfen

Judo. Na? Ist das ne geniale Idee? NE WELTIDEE! Ne absolute Weltidee! Judo und die Erdnuss passen zusammen wie, äh..., äh..., Brot und Wurst? Eier und Spinat? Kaffee und Milch? Ach, was weiß ich, jedenfalls antwortete sie auf unsere Frage, welchen Sport sie gerne machen würde, im Brustton der Überzeugung: "Boxen."

Äh.

Ich hab lange nachdenken müssen, bis ich auf Judo kam, aber als ich ihr davon erzählte und ihr Bilder im Internet gezeigt habe, leuchteten ihre Augen: "JA! DAS will ich machen."

Nu isses ja das eine, etwas zu sagen, etwas zu TUN - das andere.

Das gilt sowohl für MICH, als auch für SIE.

Zunächst zu mir: Da muss man ja jemanden ANRUFEN! Hallo? Mit einer fremden Person telefonieren? Schnuppertermine erfragen? Wegbeschreibung googlen? Och.

Irgendwann hab ich mich überwunden und mit der rheinischen Frohnatur etwa eine Viertelstunde über Fairness gefachsimpelt. Mittwoch hieß es. 15.30. UND: JWD! Halbe Stunde Fahrt mit Bus und Bahn...

Da muss man ja erstmal HIN!

Auch das haben wir geschafft.  Kindergarten. Pünktlich wegkommen. Zum Bus laufen, 5 min Bus fahren, weitere 10 min auf die Bahn warten, 10 min Bahnfahrt, weitere 10 min Fußweg, ankommen, Lage sondieren, Trainer finden, unfreundliche Muttis grüßen, Schuhe in einem völlig überfüllten Flur ausziehen, schüchterne Erdnuss bei Laune halten, schlicht: Eine Herausforderung für eine menschenscheue Mutter.

ABER: die ECHTE WIRKLICHE UNMENSCHLICHE Herausforderung, die musste die Erdnuss stämmen:

Fremde Umgebung, fremder Trainer, fremde Kinder (11 Jungs, kein Mädchen), laut, unübersichtlich, neu, erwähnte ich schon 'fremd'?

Sie kaute am Ärmel. Sah mich unsicher an. Der Trainer sagte, dass Eltern nicht mit in die Halle dürfen. Von der Tür aus zugucken ging... Ich sah ihr aufmunternd in die Augen: "Du schaffst das!" Zweifelnd schaut sie mich an, den Kopf ganz schief, die Schultern hochgezogen, die Beine verknotet, ohMannomann, was für ein Kraftakt die Halle zu verlassen, aber ich habs gemacht.

Und dann gings los: Im Kreis rennen, Blinde Kuh spielen, Purzelbäume schlagen, gegen Matten laufen, und so weiter und so weiter, ich sehe ihrer Körperhaltung an, dass sie sich für jeden Schritt überwinden muss. Ich bin total verspannt, wenn ich Nägel kauen würde, wäre das eine perfekte Gelegenheit gewesen, beinahe hätte ich im hohen Alter noch damit angefangen.

Oje: Ein Wettkampf.

Alle Kinder sind Schildkröten. Ein Fänger. Die Schildkröten durchqueren auf allen vieren (wie sonst?) die Halle. Der Fänger versucht sich eine zu schnappen. Und muss sie auf den Rücken drehen. Dann ist auch diese ein Fänger. Usw, bis nur noch drei Schildkröten übrig sind. 

"Schibbe!" Oder so ähnlich, ruft der Trainer und alle krabbeln durch die Halle. Erster Durchlauf: Die Erdnuss hält durch. Zweiter: Die Erdnuss hält durch. Dritter: Die Erdnuss hält durch. Vierter: Die Erdnuss hält durch. Die Fänger sind nun zu siebt. Noch vier Schildkröten übrig. "Schibbe!!!!" Nächster Durchlauf. Gleich vier Fänger stürzen sich auf die Erdnuss. SCHEISSE!!! Sie bleibt auf allen Vieren. Und sie bleibt. Bleibt. Bleibt. Bleibt. Sie zerren an ihr, versuchen alles. Und die Erdnuss steht und steht. Der Trainer wird aufmerksam. Ich atme schon seit 45 Sekunden nicht mehr. Er schreit: SUPER ERDNUSS! VIER JUNGS! GUCKT EUCH DAS AN! VIER JUNGS KÖNNEN EIN MÄDCHEN NICHT UMSCHMEISSEN!!" Die Erdnuss versucht davon zu krabbeln. Der Trainer zeigt ihr einen Punkt einen halben Meter vor ihr: "Bis HIERHIN! Wenn du es bis HIERHIN schaffst, bist du durch!" Meine Tochter streckt sich, zappelt, zieht und BUMMS, die Hand liegt auf der markierten Stelle! "SUPER! Super gemacht, Erdnuss!"

PfffffHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!

Ich atme aus.

Ich glaube, ich habe noch NIE, wirklich noch NIE IN MEINEM LEBEN einen spannenderen Moment erlebt.

Nachher: Der Trainer kommt nochmal zu mir. "Sie ist stark." sagt er. "Sehr stark." Stolz nicke ich mit dem Kopf. "Und" er grinst mich breit an. "SEHR ehrgeizig." Ich nicke wieder. "Ich glaub," spricht er weiter. "das ist was für sie."

Ja. Das glaub ich auch.

Und jetzt freu ich mich, gerade so, als ob ich selbst heute eine Stunde Sport gemacht hätte.

 

 

22.11.2008 um 14:53 Uhr

Überraschung

Wir haben ein neues Spiel. So eine Art Activity für Kinder. Irgendwas mit Nilpferd für Junior, oder so. Sieht von außen doof aus, ist aber RICHTIG schön. MAn muss malen, Pantomime machen, Geschicklichkeitsspielchen und raten, was es in der Welt unglaubliches gibt oder nicht. Wir spielen es oft, und es wird nicht langweilig.

Allenfalls problematisch ist, dass man noch alle Begriffe vorlesen muss, weil die Erdnuss ja noch nicht lesen kann. Also kann immer nur einer raten, und der andere berät sich mit der Erdnuss, welchen Begriff sie jetzt malt oder pantomimisch darstellt.

Neulich haben wir zu zweit gespielt. Der Erdnuss Lieblingskategorie ist MALEN. Wenn ich ihr aber die Begriffe vorlese, kann ich nicht raten. Ein Konflikt. Die Erdnuss macht einen Vorschlag: "Mama, wie wärs, wenn ich mal versuche, das zu lesen. Wenn ich einen Buchstaben nicht kenne, frage ich dich."

"Ok, versuchen wirs."

Gefühlte Stunden schaut die Erdnuss auf die Karte. Sie bewegt ihre Lippen, flüstert, hält sich die Hand vor den Mund. Laute kommen aus ihrem Mund. Lllllll. Sssss. Iiiiii.

"Nee." Die Erdnuss schüttelt den Kopf. "Das ist zu schwer. Das kann ich nicht!"

"Na gut." sag ich, " dann warten wir eben, bis der Papa wieder da ist."

"Wieso?" staunt die Erdnuss, "ich brauch nur ein neues Wort. 'Polizist' kann ich nicht malen, das ist mir einfach zu schwer."

"Aber lesen kannst du es." Mir steht der Mund offen.

Sie zuckt mit den Schultern. Das nächste Wort war 'Ameise'. Das fand sie dann nicht zu schwer.

Könnt ihr euch noch an Heidi erinnern? Ich fand die Stelle unglaublich, an der Heidi plötzlich über Nacht lesen gelernt hat. Hammer! Mir ist das Buch seinerzeit vorgelesen worden. Toll! Ich dachte, wenn Heidi das schafft, schaff ich das auch. Und als ich meinen ersten Schultag hatte, dachte ich noch auf dem Weg dorthin: Aaaah, ab heute kann ich lesen.

Es war dann doch mühsamer als ich dachte, aber es saß trotzdem ganz schön schnell.

Und jetzt sitzt meine Tochter da und zuckt die Schultern. Als wär es das Selbstverständlichste der Welt.

Ich jedenfalls bin stolz wie Oskar. Und werd den Tag nicht vergessen. Allein, weil ich ihn hier schriftlich niedergelegt habe.

 

16.11.2008 um 15:15 Uhr

Theater, Theater...

Die Erdnuss ist unter die Schauspieler gegangen. Sie wird im Weihnachtsstück im Kindergarten UND in der Grundschule auftreten. Ich platze vor Stolz. Und nicht nur, weil sie mitmacht. Nein. Ich platze vor Stolz, weil sie es so sehr will, so sehr wollte, dass sie schon im Vorfeld, lange bevor das Stück geplant war, mit der Kindergartenleiterin sprechen wollte, um überhaupt ein Stück ins Leben zu rufen. Wenn es nach der Erdnuss gegangen wäre, hätte es "Weihnachten bei Pippi Langstrumpf" gegeben, sie hätte es zusammen mit ihren Freunden aufgeführt. So gibt es aber ein anderes Stück. Und sie darf nichts darüber sagen, auch wenn ich noch so geschickte Fragen stelle. Alles, was ich weiß, ist, dass sie ein Schäfchen spielt.

"Du wirst viel lachen", hat sie angekündigt. "Wir sind lustig und es gibt Überraschungen."

"Müsst ihr auch was sagen?"

"Tja..." Sie lächelt schelmisch. "Das ist AUCH eine Überraschung."

"Du musst mir ja nicht sagen, WAS ihr dann sagt."

"Na gut" wohlwollend lächelt sie mir zu. "Wir sagen was. Aber mehr sag ich nicht."

"Menno." Ich schmolle theatralisch.

"Mama?" Plötzlich fängt die Erdnuss an zu kichern. "Es gibt auch einen Nikolaus! Und DER macht vielleicht lustige Sachen!!!"

"Ja? Was denn?" Blitzschnell ergreif ich die Gelegenheit, meiner Neugier Ausdruck zu verleihen.

"Hihihi, ich sag nix."

Ein Riesenspaß. Ich seh mich schon herzklopfend vor der Aufführung auf meinem Stuhl rumrutschen. Herrje. Und ein Kostüm braucht sie auch noch! Und jetzt wünschte ich, ich wär eine Mama, die all ihre Energie in so ein Kostüm stecken könnte. Einfach mal als wichtigstes Detail in meinem Leben ein Schäfchenkostüm... Es wird auch so was werden. Freiräume schaffen. Ganz wichtig. Freiräume schaffen und die richtigen Prioritäten setzen. Ich geb mir Mühe. Ehrlich Mühe...

 

08.11.2008 um 12:18 Uhr

Rabimmel, rabammel....

Gestern habe ich mir dreieinhalb Stunden den Arsch abgefroren. Zwei Stunden davon habe ich laut Martinslieder schmetternd in einem bunt leuchtenden Zug direkt hinter dem Riesenarsch (ich bin heut aber auch) des Martinspferdes verbracht. Eineinhalb weitere Stunden haben wir an fremden Türen geklingelt und Süßigkeiten gefordert. Also eigentlich nicht ich. Die Erdnuss und die Zoe haben das gemacht. Mit leuchtenden Laternen (die Erdnuss hatte sich doch für eine Monet-Seerosen-Laterne entschieden) standen die beiden vor den Türen und einigten sich immer, kurz bevor die Tür aufging, auf eins der mannigfaltigen Lieder. St Martin war eine Herausforderung. sowohl für die unbekannten NAchbarn, als auch für uns Mütter. St Martin hat nämlcih vier Strophen. Und wenn Zoe oder die Erdnuss oder beide mal eine vergessen hatten, bspw. die dritte, dann fingen sie stets wieder bei der ersten an. Der Kohärenz zuliebe. Auch wenn sie das Wort nicht kennen.

Es war kalt. Es war nicht mein Ding. Sozialstress ums Martinsfeuer. Tausend Gesichter. Fünfhundert hallos. Einhundert 'und wie gehts'. Fünfzig 'auch hier's. Neeneenee, nicht mein Ding.

Aber die Erdnuss fands GROSSARTIG! Ganz und gar großartig. Immerzu rief sie: "Die haben SCHON WIEDER was gegeben!" "Wir haben SCHON WIEDER was gekriegt!"

Begeisterung pur.

Und darum geht es ja auch...