Raufen, Ringen, faires Kämpfen
Judo. Na? Ist das ne geniale Idee? NE WELTIDEE! Ne absolute Weltidee! Judo und die Erdnuss passen zusammen wie, äh..., äh..., Brot und Wurst? Eier und Spinat? Kaffee und Milch? Ach, was weiß ich, jedenfalls antwortete sie auf unsere Frage, welchen Sport sie gerne machen würde, im Brustton der Überzeugung: "Boxen."
Äh.
Ich hab lange nachdenken müssen, bis ich auf Judo kam, aber als ich ihr davon erzählte und ihr Bilder im Internet gezeigt habe, leuchteten ihre Augen: "JA! DAS will ich machen."
Nu isses ja das eine, etwas zu sagen, etwas zu TUN - das andere.
Das gilt sowohl für MICH, als auch für SIE.
Zunächst zu mir: Da muss man ja jemanden ANRUFEN! Hallo? Mit einer fremden Person telefonieren? Schnuppertermine erfragen? Wegbeschreibung googlen? Och.
Irgendwann hab ich mich überwunden und mit der rheinischen Frohnatur etwa eine Viertelstunde über Fairness gefachsimpelt. Mittwoch hieß es. 15.30. UND: JWD! Halbe Stunde Fahrt mit Bus und Bahn...
Da muss man ja erstmal HIN!
Auch das haben wir geschafft. Kindergarten. Pünktlich wegkommen. Zum Bus laufen, 5 min Bus fahren, weitere 10 min auf die Bahn warten, 10 min Bahnfahrt, weitere 10 min Fußweg, ankommen, Lage sondieren, Trainer finden, unfreundliche Muttis grüßen, Schuhe in einem völlig überfüllten Flur ausziehen, schüchterne Erdnuss bei Laune halten, schlicht: Eine Herausforderung für eine menschenscheue Mutter.
ABER: die ECHTE WIRKLICHE UNMENSCHLICHE Herausforderung, die musste die Erdnuss stämmen:
Fremde Umgebung, fremder Trainer, fremde Kinder (11 Jungs, kein Mädchen), laut, unübersichtlich, neu, erwähnte ich schon 'fremd'?
Sie kaute am Ärmel. Sah mich unsicher an. Der Trainer sagte, dass Eltern nicht mit in die Halle dürfen. Von der Tür aus zugucken ging... Ich sah ihr aufmunternd in die Augen: "Du schaffst das!" Zweifelnd schaut sie mich an, den Kopf ganz schief, die Schultern hochgezogen, die Beine verknotet, ohMannomann, was für ein Kraftakt die Halle zu verlassen, aber ich habs gemacht.
Und dann gings los: Im Kreis rennen, Blinde Kuh spielen, Purzelbäume schlagen, gegen Matten laufen, und so weiter und so weiter, ich sehe ihrer Körperhaltung an, dass sie sich für jeden Schritt überwinden muss. Ich bin total verspannt, wenn ich Nägel kauen würde, wäre das eine perfekte Gelegenheit gewesen, beinahe hätte ich im hohen Alter noch damit angefangen.
Oje: Ein Wettkampf.
Alle Kinder sind Schildkröten. Ein Fänger. Die Schildkröten durchqueren auf allen vieren (wie sonst?) die Halle. Der Fänger versucht sich eine zu schnappen. Und muss sie auf den Rücken drehen. Dann ist auch diese ein Fänger. Usw, bis nur noch drei Schildkröten übrig sind.
"Schibbe!" Oder so ähnlich, ruft der Trainer und alle krabbeln durch die Halle. Erster Durchlauf: Die Erdnuss hält durch. Zweiter: Die Erdnuss hält durch. Dritter: Die Erdnuss hält durch. Vierter: Die Erdnuss hält durch. Die Fänger sind nun zu siebt. Noch vier Schildkröten übrig. "Schibbe!!!!" Nächster Durchlauf. Gleich vier Fänger stürzen sich auf die Erdnuss. SCHEISSE!!! Sie bleibt auf allen Vieren. Und sie bleibt. Bleibt. Bleibt. Bleibt. Sie zerren an ihr, versuchen alles. Und die Erdnuss steht und steht. Der Trainer wird aufmerksam. Ich atme schon seit 45 Sekunden nicht mehr. Er schreit: SUPER ERDNUSS! VIER JUNGS! GUCKT EUCH DAS AN! VIER JUNGS KÖNNEN EIN MÄDCHEN NICHT UMSCHMEISSEN!!" Die Erdnuss versucht davon zu krabbeln. Der Trainer zeigt ihr einen Punkt einen halben Meter vor ihr: "Bis HIERHIN! Wenn du es bis HIERHIN schaffst, bist du durch!" Meine Tochter streckt sich, zappelt, zieht und BUMMS, die Hand liegt auf der markierten Stelle! "SUPER! Super gemacht, Erdnuss!"
PfffffHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!
Ich atme aus.
Ich glaube, ich habe noch NIE, wirklich noch NIE IN MEINEM LEBEN einen spannenderen Moment erlebt.
Nachher: Der Trainer kommt nochmal zu mir. "Sie ist stark." sagt er. "Sehr stark." Stolz nicke ich mit dem Kopf. "Und" er grinst mich breit an. "SEHR ehrgeizig." Ich nicke wieder. "Ich glaub," spricht er weiter. "das ist was für sie."
Ja. Das glaub ich auch.
Und jetzt freu ich mich, gerade so, als ob ich selbst heute eine Stunde Sport gemacht hätte.
