Picknick
Wir sind mit den Fahrrädern zum Rhein gefahren. Haben dort ein schattiges Plätzchen mitten in Baumwollbüschelchen gefunden. Fein geschmierte Stullen hatten wir dabei und mit vollen Backen lauschten wir dem leisen weit entfernten Donnergrollen.
Später sind wir mit unseren Gummischuhen im Rhein spazieren gegangen, die Sonne schien uns prall ins Gesicht und wir strotzten vor Lebensfreude, vor Liebe zum Leben, kleine Flöckchen, irgendwelche Pollen flogen um uns herum, wir füllten die Wasserpistole und patschten kichernd unter dem Strahl durch. Blumen wurden gepflückt und Marienkäfer gestreichelt und fliegen gelassen.
"Irgendwie ist heut alles schöner als sonst..."
"Das macht der Sommer." ich schaue blinzelnd über das glitzernde Wasser in Richtung Sonne.
"Die Sonne ist stark, nä Mama?"
"Ja, das isse." Unwillkürlich wende ich mich den dunklen Wolken auf der anderen Seite zu. Wind kommt auf, das Gebüsch beginnt zu rauschen. Donner. Etwas lauter, aber immer noch weit entfernt.
"Ist das gefährlich Mama?"
"Nee. Gar nicht. Das Gewitter ist noch ganz weit weg."
Und wirklich. Es ist kaum vorstellbar, dass diese sommerliche Hitze ein Ende finden kann. Unvorstellbar, dass die Schwüle durch echte Tropfen in Kühle umschlägt. ich tippe auf eine Stunde, denke noch, dass wir gehen, wenn die Sonne hinter Wolken verschwindet, aber dazu ist noch viel zu viel blaue Himmelfläche zu sehen. Doch plötzlich...
Auf dem Wasser sah man es zuerst. Viele dicke Löcher machen sich breit. Hier ein Loch, da ein Loch, und es geht so schnell, dass ich mich frage, wer denn da mit vielen kleinen Steinchen schmeißt, aber es sind Regentropfen, dicke fette Regentropfen, jetzt spüren wir sie auch auf dem Gesicht.
Aufgeregt rennt die Erdnuss rum, sammelt Sachen ein. "Die Sonne scheint noch so sehr" ruft sie mir durch den Wind zu. "Vielleicht sehen wir einen Regenbogen." Im rauschenden Wind sieht sie wieder mal wie ein kleiner Kobold aus. Die wirren blonden Haare flattern, das Blumenkleid wölbt sich und sie grinst mich mit ihrer süßen Zahnlücke an. "Mama? Hörst du mich?"
Ja. Ich höre sie. Aber ich kann nicht antworten. Wie erstarrt stehe ich im prasselnden Regen und kann die Augen nicht von dem sich mir dort bietenden Spektakel nehmen. Wie betäubt winke ich Papa Erdnuss und unseren Kobold und zeige stumm aufs Wasser. Quer über den Rhein spannt sich der größte, der farbenfrohste, der vollständigste Regenbogen, den ich je gesehen habe.
Einen Moment stehen wir alle da. Familie Erdnuss im Regen. Familie Erdnuss im Regenbogen. Man sieht wie Wassermassen sich aufbauen und auf uns zuregnen. Und dann sind sie da. Eimerweise kübelt Wasser auf uns herab. Wir knüllen die Picknickdecke zusammen und rennen lachend durch das spritzende Wasser. Die Erdnuss schreit: "Ein Schauer! Ein echter Schauer! Wir sind in einem Schauer!" Und immer noch scheint die Sonne hell und klar auf uns herab, durch uns hindurch.
Wir schwingen uns auf die Räder. Die Straßen haben sich in wirbelnde, prasselnde Spiegel verwandelt. Fröhlich fahren wir durch die Pfützen und können es gar nicht glauben, wie warm es trotzdem ist. Leise Sorge überkommt mich wegen meines weißen Tops, aber ich wische sie weg und freu mich über den Fahrtwind, die nassen Rosenblüten hinter den weißen Gartenzäunen und ich jubel in die Sonne, wie schön das Leben sein kann.
Kurz vor unserer Haustür hat sich der Schauer in ein leichtes Nieseln verwandelt.
"Guck Mama, die Sonne hat gewonnen!"
Ja, so ist es. Sie strahlt unbeeindruckt mit abendlicher Sommerwärme zwischen den Ästen des Kirschbaums hindurch.
"Gott ist grad bei mir..." nuschelt die Erdnuss beim Gutenachtsagen in ihr Kissen. Bah, ist das dick aufgetragen, aber es ist so passiert und sie hat die Wahrheit gesagt, an manchen Tagen spürt man es einfach stärker als an anderen...
