"Hey Süße, trink deine Vitamine aus und dann können wir gehen, ok?"
"Jaja..." Lustlos nuckelt die Erdnuss an ihrem Strohhalm rum. Plötzlich grinst sie: "Mama?"
"Ja-ha?" Ich hebe die Augenbrauen. Es war ein zäher Vormittag, heiß, schwül, voller Stolpersteine, vom Müsli angefangen bis hin zu den Vitaminen jetzt. Ich hab es eilig, will noch in die Stadt und Schulsachen kaufen. Mein Kopf ist voll, mein Rücken schmerzt, bis vor kurzem haben wir noch das Zimmer der Erdnuss umgeräumt, deren Klamotten jetzt kreuz und quer im Zimmer verteilt liegen. Quengeln war an der Tagesordnung, helfen nicht drin (wenn man von baumelnden Armen, einem Schmollmund und in spitzen Fingern baumelnden Unterhosen absieht, kurz: Schlechte Laune ist ein Euphemismus für meinen Gemütszustand.
"Was sollen eigentlich 'Wind-Tamiene' sein?"
"Hö?"
"Ja." Die Erdnuss schaut mich herausfordernd an. "Du hast gesagt, ich soll meine Wind-Tamiene trinken. Ich weiß doch gar nicht, was das ist."
Ich lehne mich zurück, atme tief ein und langsam wieder aus: "wind-Tamiene" beginne ich mehr oder weniger heiter zu fabulieren, "Wind-Tamiene, also, das..." (reine Zeitschinderei) "sind..." (jetzt hab ichs) "Kleine grell rosa Tierchen mit schwarzen Flügeln" Triumphierend lehne ich mich zurück.
"Wie klein?" fragt die Erdnuss wie aus der Pistole geschossen.
"Etwa so." Mit Daumen und Zeigefinger deute ich etwa 5 cm an.
"Ach, und?"
"Wie und?"
"Ja, was machen die so?"
"Mh. Die sind über und über mit blauen Härchen bedeckt, damit schweben sie durch die Luft."
"Und die schwarzen Flügel?"
"Sind nur zum Schmuck."
"Und wo wohnen die?"
"In kleinen selbst gebauten Häusern im Gebüsch." Na, das soll sie erstmal wechseln.
"Oha." Die Erdnuss schaut erstaunt.
Ich bastel weiter an der Wind-Tamienen-Art: "Sie bauen alles aus Gras und Blättern. Und alles sieht aus wie bei uns. Nur eben aus Gras und Blättern. Gras-Sofas, Blätterbetten, Astgabeln..." (Hier muss ich kichern.)
Die Erdnuss kichert mit. "Mama?" "Ja-ha." "Weißt du was?" "Ja-ha?" "Ja? Weißt du's?" "Nein," seufze ich "ich weiß es nicht." Kunstpause. "Wir sind auch Wind-Tamiene" "Nee." "Doch" "Nee." "Doch." "Aber wir haben doch keine blauen Härchen." "Doch! Tief in uns drin." "Hö?"
"Tja, Mama," Jetzt ist es an ihr triumphierend zu schauen. "Es gibt doch Riesen. Und diese Riesen sind so groß, dass wir sie nicht sehen können. Und wir sind so klein, dass die Riesen unsere Hülle nicht sehen können und die Riesen sehen nur unsere blauen Härchen, die sehen durch uns durch und von innen sehen wir rosa aus mit blauen Härchen udn wir können auch schweben, nur merken wir es nicht, aber die Riesen, die merken das, die sehen uns schweben und unsere Häuser sind für die Riesen auch versteckt, also sind wir auch Wind-Tamiene, so ist das nämlich."
Das nenn ich 'gewechselt'.
"Und was ist mit den kleinen Wind-Tamienen?" hake ich nach.
"Für die sind wir die Riesen."
"Und wissen die was von uns?"
"Nee. Wir sind zu groß. Eigentlich dürften wir auch nix von denen wissen, weil sie zu klein sind."
"Ach. Und warum wissen wir es jetzt DOCH?"
"Weil ich nach ihnen gefragt habe, ganz einfach."
Bestechend, oder?
"Ha! Aber schwarze Flügel haben wir NICHT!"
"Doch." Die Erdnuss lächelt. "Tief in uns drin."