Fragen über Fragen
Ich, Sunnysightup SPunkt, habe am Mittwoch, den 19.08.2009 um 15.30, alles verkehrt gemacht, was eine Mutter nur verkehrt machen konnte.
Als ich die Erdnuss am Morgen, (ey sagt mal, wie kommt man eigentlich auf Dauer mit SO einer Uhrzeit klar, he?) ins Schulhaus laufen sah, liefen sie, die Tränen. Ich dachte, ich hätte sie alle vergossen, am Vortag, in der Kirche, in der Aula, auf dem Schulhof, zuhause, im Schwimmbad, ja sogar im Reptilienhaus, wo die Erdnuss unbedingt hinwollte, stieg mir nochmal das Wasser inne Augen.
Genug, dachte ich, aber nöööööööö, da rannen sie wieder die Wangen herab, fertig, ich war fertig mit der Welt. Achim, der überaus nette Mann von Kristina (naa? erinnern wir uns?) textete wie verrückt auf mich ein, während ich mehr oder weniger verstohlen mit dem Handrücken in meinem Gesicht rum wischte. Er merkte nüscht, typisch Mann, was war ich froh, dass wir von DIESEM Elternteil Cathrinas begleitet wurden.
Im Büro saß ich da. Dumdidumdidumdidum. Viertel vor Neun. Jetzt ist die erste Stunde rum. Neun Uhr fünfunddreißig. Jetzt ist große Pause. Elf Uhr fünfunddreißig. Übermittagsbetreuung. Dreizehn Uhr. Mittagessen. Vierzehn Uhr. Hausaufgabenzeit. Fünfzehn Uhr. Ich stürme haltlos aus dem Büro.
Schweißüberströmt komme ich am Hort an. Ich schmeiß mein Fahrrad ins Gebüsch (kein Witz) und renne fast über das Gelände. Die Erdnuss kommt mir mit einem schlecht gelaunten Flunsch entgegen. "Was ist los?" frag ich alarmiert. (Alarmiert? Hä? Warum? Sie ist halt schlecht gelaunt...) "Sag ich nicht." Ok, das kann ich grad so stehen lassen. Aber dann geht es mit mir durch. Ich arbeite mich von "Wie wars?" bis hin zu "Wie sind denn die Kinder in deiner Klasse?" über "Hat die Lehrerin die Hausaufgaben kontrolliert?" und (das ist mir jetzt ziemlich peinlich) "Was hat sie denn zu den Hausaufgaben gesagt?".
Die Erdnuss hatte brilliante Hausaufgaben gemacht. Sie sollte ALLE Wörter aufschreiben, die sie kennt. Und das waren so viele, dass sie EINE Stunde daran gesessen hat, obwohl ich sie immerzu bremsen wollte. Und sie hat TOLLE Wörter geschrieben, z.B. POLISIE und KESTE und BAOM und HAOS und ZEDE (wer rausfindet, was letzteres heißt, bekommt einen Lutscher) - und da wollte ich natürlich direkt mal wissen, ob das ein Sternchen oder ein Bienchen oder was weiß ich, was es inzwischen anstelle einer EINS gibt, gegeben hat.
Erwähnte ich schon, dass mir mein Verhalten peinlich ist? Mir war es auch in diesem Moment peinlich, aber ich KONNTE nicht anders. Während die Erdnuss "ja", "nein" und "vielleicht", wahlweise "will ich nicht sagen" oder "muss ich dadrüber reden?" hinausschnodderte, kriegte ich mich vor lauter Sorgen nicht mehr ein, und fuhr fort mit meiner Fragenkanonade. Peinlich. Ich kann es nicht oft genug sagen. Achja: Verkehrt. Absolut verkehrt. Und das wissentlich...
Irgendwann kippte die Stimmung ins Ungute. Die Erdnuss schmollte auf dem Sofa, ich schmollte am Esstisch, den Ranzen sollte ich gar nicht aufmachen und das schicke orangene Käppchen für die Ersklässler war verloren gegangen, irgendwo im Nirwana oder im Ranzenfach in der Schule.
Shit.
Ich versuchte, wieder in meinen Körper zurückzukehren, es war schlimm, mich bei all diesen Fehlern zu beobachten. Manche sagen: Ich komme nicht aus meiner Haut. Ich kam nicht wieder in sie zurück. Irgendwann gelang es mir. Ich sagte einen authentischen Satz, ach quatsch ganz viele, nämlich die Folgenden: "Erdnuss. Es tut mir Leid. Ich weiß, dass du müde bist. Ich weiß, dass du nicht reden willst. Ich versteh das. Aber versteh auch, dass ich so neugierig bin. Ich WEISS doch noch gar nichts über eure Schule." Misstrauisch linst mich die Erdnuss über das Sofakissen an. "Und weißt du," fahre ich fort, "ich möchte doch nur, dass du glücklich bist. Und dann frag ich, um rauszufinden, wie es dir geht."
"Du willst, dass ich glücklich bin?" Ernst schaut die Erdnuss hinter dem Sofakissen hervor.
"Ja." antworte ich voller Inbrunst.
"Oh, dann habe ich einen Tipp für dich." Ein Griemelgrübchen erscheint in ihren Wangen. Was freue ich mich über dieses Griemelgrübchen.
"Was für einen Tipp?" frage ich nichts ahnend.
"Stell einfach nicht so viele Fragen." Lachend versenkt die Erdnuss diesen Treffer.
Der saß.
Am nächsten Nachmittag sind wir schweigend nach Hause gelaufen. Freitag lachte sie wieder auf dem Nachhauseweg. Schule war nur noch zufällig Thema. Am Wochenende sowieso nicht. Schließlich fragt ja jeder Hinz und Kunz: "Naaaaaaaaaaaaaaaaaa? GeFÄLLTS dir in der Schuuule?"
Heute sind wir die Namen auf der Adressliste durchgegangen und haben festgestellt, dass laute Jungens doof sein können. Und die Leilah, die ist nett. Mit der hat die Erdnuss auf dem Mädchenklo gekichert. Und da hab ich mich erinnert, dass ich auch viel auf dem Mädchenklo gekichert habe. Und dass das schön war, das fiel mir auch wieder ein.
Gute Nacht allerseits. Es läuft. Es läuft ganz gut...
