Kleine Erdnuss

25.01.2010 um 09:33 Uhr

Mut

"Im Schwimmbad gab es ein Becken, das war eiskalt!" Die Erdnuss war auf einem Ausflug mit Kevin und seinen Eltern. Ein Spaßbad mit allen Schikanen. Riesenrutsche. Wellenbad. Außenbecken. Der ganze Schnickschnack. Und eben das Kaltwasserbecken.

"Ich bin da nicht reingegangen."

"Nee. Das wär ich auch nicht."

"Der Kevin ist rein!"

"Echt?"

"Ja."

"Wow. Mutig!"

"Bin ich jetzt feige?" Blitzschnell die Frage. Blitzschnell! Das Thema arbeitet also weiter.

Ich muss lachen. "Naja. Man muss ja nicht alles machen, oder?"

"Nee. Ich hatte auch gar keine Lust dazu."

"Na siehste. Dann wär es nicht mutig, sondern sogar ein bisschen dumm."

"Mut ist komisch."

"Ja?"

"Es sind so viele Sachen mutig."

"Ja. Das stimmt."

"Die Wahrheit sagen ist mutig."

"Mmh. Oft. Nicht immer."

"Warum eigentlich?"

Ich muss ein bisschen lächeln. Ich bin so oft mit dem Ehrlichsein gestrauchelt. "Es kommt drauf an, wann du sie sagst. Und wem du sie sagst. Und warum du sie sagst."

"Ja. Es ist zum Beispiel mutig, jemandem zu sagen, dass man ihn liebt."

"Ja. Zum Beispiel."

"Aber es stimmt. Bei dir ist es nicht mutig. Wir haben es uns ja auch schon so oft gesagt."

"Ja. Wir kennen uns ja auch schon ewig."

Die Erdnuss lacht. "Mein ganzes Leben, nä, Mama?"

"Genau."

"Ich mag dich. UND ich liebe dich!"

"Ich mag und lieb dich auch!"

"Warum ist 'Ich mag dich' leichter zu sagen?"

"Wie jetzt?"

"Wenn ich es jemandem zum ersten Mal sage. Dann ist es leichter Ich mag dich zu sagen."

"Naja. Liebe... Es gibt so viele Formen..." Ich denke laut nach.

"ACH! Ich WEISS es schon: Wenn man jemanden liebt, kann man nicht so schnell damit aufhören wie mit dem mögen."

"Ja. Da ist was dran."

"Mögen kann man auch mal unterbrechen."

"Aha?"

"Ja. Die Catrina z.B., die hat einen Fehler."

"Aha?"

"Ja. Immer wenn sie mich was fragt, und ich erkläre es ihr, dann sagt sie, immer, IMMER! weißt du Mama, immer! ..."

Die Erdnuss macht eine bedeutungsvolle Kunstpause.

"Ja, habe verstanden: Immer sagt sie das. Was denn?"

"Dann sagt sie immer: "Das weiß ich schon!""

"Mh. Das ist ein Fehler?"

"Das nervt VOLL!"

"Aber du magst sie."

"Ja-ha. Aber dann nicht."

"Und nachher wieder?"

"Ja. Genau."

Die Erdnuss schiebt sich die Zahnbürste in den Mund und schrubbt. Und ich schau sie an. Diese vielen kleinen Denkfäden, die sie immer in mir anschubst. Mit dem Lieben kann man nicht aufhören. Auch wenn etwas nervt. Das stimmt... Und wenn man das jemandem sagt, der das weiß... Dann ist 'Ich mag dich' schon leichter...

Hach...

Liebe...

06.01.2010 um 21:33 Uhr

Tränen im Schnee...

Schnee! All die weiße Pracht. Überall liegt sie und lädt ein zu allerlei Spaß. So dachte ich. So dachte vielleicht auch die Erdnuss, aber heute nachmittag hatte sie es sich spontan anders überlegt. Mit ihrem besten Freund Kevin sind wir losgezogen. Den Schlitten im Schlepptau. "Ich freu mich!" krähte Kevin vergnügt. "Ich nicht!" schmollte die Erdnuss. Ach, dachte ich, das wird sich geben, sobald wir einen Hang runtergebrettert sind.

Nun. So kann man sich täuschen. Die Erdnuss sah den Hang (der - iiiiiihk - WIRKLICH sehr steil war) und verweigerte. Sie verweigerte mit allem, was sie hatte. Fette Tränen kullerten ihre Wangen herab, während Kevin und seine Mama 'Juchhu' schreiend den Berg runterfuhren. Ich versuchte zu trösten, aber wenn bei der Erdnuss einmal so eine Stimmung angefangen hat, dann hört sie so schnell nicht mehr auf. ALLES wurde in die Waagschale geworfen: "Ich habe ANGST!" und "Es ist mir SO peinlich!" über "Der Kevin hat SPASS und ICH NICHT!" bis hin zu "Ich hab doch GESAGT, dass ich nicht Schlitten fahren will!!!"

Nuja. Was sollten wir machen? Im Schnee sitzen und weinen? Nach Hause fahren? Der ganze weite Weg umsonst? "Sollen wir mal einen kleineren Hügel ausprobieren?" 

"Pah!" schreit mich die Erdnuss an, "Bin ich vielleicht ein Baby?"

So langsam werd ich sauer. Ich versuch mich ein bisschen zurückzuhalten. "Wir schauen uns den anderen Berg einfach mal an. Vielleicht ist der besser?"

"Ich kann dir SAGEN, wie es da ist!" schreit die Erdnuss weiter. "UNBESSER ist es da! UNBESSER!"

Ich stapfe jetzt wortlos davon, während mir meine Tochter entrüstet hinterherschreit. "Jetzt lässt du mich auch noch ALLA-HEINE-he-he-he." Sie bricht schluchzend im Schnee zusammen, wie ich sehen kann, weil ich wieder auf dem Rückweg bin. 

Die Mutter von Kevin, die nun schon zig Male mit ihrem Sprössling den Hang runtergebrettert ist, hebt genervt die Augenbrauen. Das macht mich noch wütender. Sanft rede ich auf die Erdnuss ein. Wir schauen uns den anderen Hügel doch nur an. Runterfahren muss niemand. Sie nickt weinend. Folgt mir weinend. Alle schreien juchhu. Ich beiße die Zähne zusammen. Am kleineren Hügel angekommen, setzt sich die Erdnuss trotzig weinend auf den Schlitten. "Dann fahr eben!" Ich frag noch, ob es wirklich in Ordnung ist. Sie nickt. Der Hügel ist auch steil, aber nicht so lang. Wir brettern los und es ist wirklich ganz cool. Die Bahn ist nicht allzu vereist, ich kann ganz gut bremsen und wir fahren schön weit durch die Bahn zum Ausfahren.

Die Erdnuss weint. "Das war mir VIEL zu schnell!" Ich seufze. Nehm sie in den Arm. Tröste. Frage. "Wovor hast du Angst?" "Vom Schli-hi-hitten zu-hu fa-ha-hallen!" schluchzt die Erdnuss.

Oje. Dicke Umarmung. Weiterweinen. Der Kevin kommt an. Versucht zu trösten. Keine Chance. Versucht zwischen Schneehügeln zu vermitteln. Keine Chance. Spricht Einladungen aus. Keine Chance.

Also ziehen wir irgendwann wieder nach Hause. Die Erdnuss und ich. Sie weint und weint. Nach Hause wollte sie auch nicht so richtig. Nur, wenn der Kevin mitkommt. Aber der sollte noch weiter Schlitten fahren. Obwohl er jetzt AUCH keine Lust mehr hatte. Alle schrottgenervt. 

Der Tag war ohnehin nicht der Beste gewesen. Schweigsam ziehe ich die schweigende Erdnuss mit rotgeweinten Augen hinter mir her über die verschneite Wiese. "Mama?" leises Schluchzen. "Ja-ha?" "Bin ich jetzt ein Weichei?" "Ach Quatsch." "Wieso nicht?" "Ach komm, du traust dich Achterbahn zu fahren und schwimmst und tauchst und kletterst auf Bäume. Wie willst du da ein Weichei sein?" 

Wieder gehen die Schleusen auf. "A-ha-haber das sind ALLES Sachen, die SICHER sind! Da braucht man keinen Mut!" 

Ich überlege kurz. Setze mich zu ihr auf den Schlitten und lege den Arm um sie: "Schau mal: Wie sicher du etwas findest, das kannst immer nur du selbst fühlen. Manche Kinder haben Angst vor Wasser. Die fühlen sich da überHAUPT nicht sicher. Und auf Bäume klettern genauso. Manche gehen bis zum ersten Ast. Manche bis nach ganz oben. Angst ist nicht zu zählen."

"Aber Mut ist doch, wenn man es trotzdem macht, oder?"

"Ja. Das ist auch Mut. Aber Mut kann man auch anders zeigen. Es kann auch mutig sein, zuzugeben, dass man Angst hat." 

"Hast du auch manchmal Angst?"

"Ja."

"Und was machst du dann?"

"Ich überlege, wie wichtig es ist. Wenn mich die Angst von was Wichtigem abhält, versuche ich es trotzdem zu machen."

"Ist Schlittenfahren wichtig?"

"Süße. Das kannst nur du für dich entscheiden."

Sie schweigt. Und denkt nach. Wir stapfen durch die Abenddämmerung. Irgendwann quatschen wir über dies und das. Eine Rutschbahn entdecken wir auch noch. Wir lassen uns auf unseren Skihosenbedeckten Popos darauf hin und herrutschen. 

Heut abend haben wir Ronja Räubertochter zuende gelesen. Wir haben nicht mehr über Angst gesprochen. Beim Rausgehen sagte die Erdnuss: "Mama? Kennst du das, wenn du noch mit jemanden reden willst, aber nicht weißt, was du sagen sollst?"

Ich lächel. "Ja. Das kenn ich ganz genau." Ich mache eine Kehrtwendung und erkletter ihr Hochbett. Sie strahlt mich an. "Kommst du noch zu mir?" "Klar." Wir kuscheln. Kichern ein bisschen rum und sagen nicht mehr viel. Das Leben ist kompliziert. Das geht auch an einer 7-Jährigen irgendwann nicht mehr spurlos vorbei...