Kleine Erdnuss

15.02.2012 um 08:06 Uhr

Männerunterhosen

Auf dem Heimweg kommen wir an dem Werbeplakat für ein bekanntes Modeunternehmen vorbei. "Mann!" denk ich. "Männerunterhosen braucht doch kein Schwein." Naja. Irgendwie ja schon. Die Männer eben. Aber deshalb muss ich sie ja nicht sehen. Bin ich prüde? frag ich mich. Oder hab ich da ästhetisch irgendwie keinen Zugang? Müsste ich mich nicht als Frau deutlich angesprochen fühlen von einem gut gebauten Mann in hautengen Boxershorts? Müsste ich nicht?

"Mama?" Die Erdnuss reißt mich aus meinen Gedanken.

"Ja-ha?"

"Findest du Männer in Unterhosen nicht auch..." Sie macht eine längere Pause und sucht nach Worten.

Ich warte. Will ja auch nicht projizieren...

"Mama, ich FIND da einfach keinen Ausdruck dafür."

"Mh." Jetzt also doch projizieren. "Erbärmlich vielleicht?"

"Nö."

"Eklig?"

"Nö."

"Peinlich?"

"JA-HA!" Erleichtert ruft sie dieses Ja und nickt vehement mit dem Kopf.

Ich kicher.

Sie auch.

"Mama?"

"Ja?"

"Welche Stelle findest du am peinlichsten?"

"Ach komm." antworte ich und grinse auch ein bisschen peinlich berührt. "Das kannst du dir doch denken, oder?"

Wir haben inzwischen das Plakat erreicht. Die Erdnuss schaut auf 'die Stelle'.

"Mama, sag doch mal!"

"Neee."

"Den Pänis, nä?"

"Na, den Penis nicht, aber die Stelle sieht doof aus."

"Ja." Wieder nickt die Erdnuss mit Nachdruck. "Die Unterhose ist auch zu eng, oder?"

"Find ICH auch, aber andere finden das nicht. Vielleicht ist sie auch bequem so? Ich weiß es ja nicht."

Die Erdnuss schweigt nachdenklich. Wir lassen das Plakat hinter uns.

"Mama?"

"Ja?"

"Beim Papa ist die Stelle nicht so dick."

Ich kann nicht anders. Ich muss lachen.

"Was ist denn los?" Die totale Unschuld. Sie hat keine Ahnung, dass das eventuell komisch klingen könnte.

"Naja." sag ich immer noch lachend. "Der Papa trägt auch nicht so enge Unterhosen."

"Na Gottseidank!" Die Erdnuss freut sich.

Ich mich auch. Verstohlen schau ich mich um, ob irgendwelche Nachbarn unser Gespräch belauscht haben könnten.

Niemand da.

Männerunterhosen...

Tsss.

 

09.02.2012 um 23:30 Uhr

Ding-Dong!

Na, wie gut, dass ich vor der Fortsetzung noch eine Nacht geschlafen habe. Wie gut, dass dazwischen noch ein Morgen lag, an dem ich mich ein bisschen reflektieren durfte.

Der Morgen beginnt bei uns meistens mit der Hummel. So auch diesen Morgen um halb sechs. Bis halb Acht, die erste Stunde war frei, vergingen (wer rechnen kann weißes schon) zwei Stunden und ich war TOTmüde. 

"Mäusschen?" flüster ich der Erdnuss ins Ohr. Sie erwacht, fast wie immer lächelnd, und freut sich, dass die Hummel auch da ist. Wir umarmen uns, und es ist einer dieser Momente, an denen ich eine tiefe Dankbarkeit fühle, dass die Dinge sind, wie sie sind. 

Sie mümmelt ein paar Minuten später ihren Toast, und während ich zwischen Küche und Esszimmer hin- und hertingel, hör ich ihn.

Den Dingdong-Ton.

"Erdnuss?" Noch ganz normal. "Was möchtest du denn aufs Bro-hot?"

Ich SINGE DAS O!

Ich singe nicht nur das O, sondern auch das U!

Zwanzig MInuten später übernimmt nämlich der Erdnusspapa und ich verabschiede mich folgender Maßen von der Erdnuss: "Soo." (Gesungenes O) "Viel Spaß in der Schuu-le" (Gesungenes U) "Ich geh jetzt duu-schen" (noch ein gesungenes U) "und hol dich um drei a-hab!" (JETZT AUCH NOCH EIN GESUNGENES A!)

Ding-Dong! 

Es ist ja so eine Sache, wenn man jemanden neben sich stehen hat. Einerseits macht man einfach weiter, man kriegt es einfach nicht geändert in dem Moment, andererseits registriert der Kopf, was da abgeht, ich stell mir dann die Frage, ob man es durch das Registrieren noch verstärkt, sozusagen Eskalation durch Sensibilisierung.

Kopf schüttelnd stand ich in der Dusche.

Ding-Dong.

Wie sagt mein Therapeut immer? Beobachten. Nicht werten.

Apropos.

Wie ging unser Gespräch gestern weiter?

Nachdem der Lollipop-Satz raus war, dachte ich eine Millisekunde nach.

Ich fragte mich, ob die Erdnuss sich mehr Grenzen von mir wünscht. Weniger Freundin, mehr Mama. Ich fragte mich, was ich anders machen könnte. Ich fragte mich, ob ich es mit der Guter-Cop-Böser-Cop-Nummer nicht übertreibe. Ich fragte mich auch, ob es meine Konfliktunfähigkeit ist, die mich ins Lollipop-Land treibt. Ich fragte mich, ob ich in solchen Momenten authentisch bin. Ich stellte fest, dass mir zumindest nichts Gegenteiliges bekannt ist.

Ja. So viel kann ich in einer Millisekunde denken.

Eine Millisekunde zu lang.

Das Erdnussgesicht verändert sich. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern.

"Hejjj." Sag ich. Wahrscheinlich im Dingdong-Ton, was weiß denn ich. Ich sehe nur, wie sich winzig kleine Seen in ihren Augen bilden. Keine Krokodilstränen. Echte Verzweiflung macht sich auf ihrem Gesicht breit. Mit erstickter Stimme sagt sie: "Mama!"

"Hejj..." Sag ich wieder und breite die Arme aus. Sie kommt um den Tisch geflogen und schmeißt sich rein. "Was ist denn?" Ich ahne es zwar, aber fragen wollte ich schon.

"Ich hab was Dooofes zu dir gesagt!"

"Wie bitte?" Ich horche kurz in mich hinein. Nachdenklich? Ja. Etwas besorgt? Auch. Amüsiert? Bis zu den Tränchen auf jeden Fall. Aber beleidigt? Nein. Null.

"Du hast nichts doofes gesagt. Wir haben doch noch darüber gelacht!"

"Ja. Aber dann am Schluss nicht mehr." 

"Ich hab doch nur nachgedacht."

"Worüüber de-henn?" Sie schnieft.

"Ob du vielleicht manchmal was Anderes brauchst. Ein bisschen mehr Ernst vielleicht. Oder weniger Geplapper von mir. Ob ich vielleicht was anders machen kann. DAS hab ich gedacht."

"Aber das SOLLST du nicht! Es tut mir Leid!"

"Ehrlich Süße, dass muss dir nicht Leid tun. Es ist alles in Ordnung zwischen uns." Lollipop? Ist das schon wieder Lollipop? Egal. es kommt einfach aus mir raus. "Es ist in ORDNUNG; wenn du mir sagst, was dich an mir stört. AB-SO-LUT in Ordnung! Du hast es nett gesagt. UND es war auch noch lustig."

"Aber je-hetzt mu-husst du naaachdenken!" Das Schniefen lässt langsam nach.

"Ja Nu." Kein Lollipop. Jetzt wirds lakonisch. "Das mach ich sowieso ständig."  Ich lache ich in ihre Haare hinein.

"Aber ich hab was Doofes gesagt." wiederholt sie. "Zu DIR!" 

"Nee Süße. Erstens DARFST du doofe Sachen zu mir sagen. Aber in diesem Fall gibt es wahrHAFTig schlimmeres als das Wort 'Lollipop-Mama'. Ich finds auch irgendwie schön..."

"Ja?"

"Ja."

"Und wenn ichs aber nervig finde?"

"Weißt du was?" Ich halt sie ein Stück von mir weg und schau ihr in die Augen. "Das Gute ist: Wenn man über sowas einmal gesprochen hat, dann isses raus. Das ist was GUTES! Und wenn du es das nächste Mal nervig findest, dass ich diesen Tooooonfall", ich singe grinsend das o, "habe, dann darfst du 'Lollipop' zu mir sagen. Dann weiß ich nämlich Bescheid."

"Hihi, und ich weiß Bescheid, dass DU Bescheid weißt."

"Jipp"

"Wie ein Geheimwort, nä?"

"Genau!"

"Mama?"

"Ja."

"Weißt du, was ich komisch finde?"

"Nee-hee?" (Lollipop? Mist, wenn man das Geheimwort auch mit sich selber verwendet...)

"Wenn ich Dinge sage. Und gleichzeitig denke, dass ich die Dinge, die ich sage, auch denke."

 

...

 

Ha!

Neues Thema. Neues Glück.

Schon wieder eine Fortsetzung wert.

Wenn du denkst, du denkst...

Gutnachtallerseits.

 

09.02.2012 um 00:24 Uhr

Lolli-Pop

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Ich bin so froh, dass Ihr meine Eltern seid!" Hugh! Die Erdnuss hat gesprochen und beißt gleich ein Stück Käsebrot ab. Kaut zufrieden. Grinst mit Brotkrümeln zwischen den Zähnen.

"Das ist schön" antworte ich und grinse zurück. Ohne Brotkrümel. Nur mit Rapunzelsalat zwischen den Zähnen, ich weightwatche, Punktepunktepunktezählen...

Schweigend kauen wir ein bisschen. Papa Erdnuss ist aus. Die Hummel saugt selbstvergessen und hingebungsvoll an einem Stückchen Gurke. Friedlich isses. Und schön.

Plötzlich überkommt es mich: "Hättest du denn nicht manchmal ein paar Sachen anders an uns?"

"Hö?" Die Erdnuss schaut mich verständnislos an.

"Naja, Familie ist ja nicht immer lustig und toll, manchmal ärgert man sich doch auch mal übereinander."

"Joah..." Ein Fragezeichen bildet sich zwischen ihren Augenbrauen.

Ich will nicht weiter nachhaken. Gespannt bin ich allerdings schon, stopf mir aber lieber schnell noch eine Gabel Rapunzeln mit Zwiebeln in den Mund.

Während ich kaue, denkt sie nach. 

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Wenn Ihr beide mit mir streitet, DAS ist doof!"

"Du meinst, wenn wir beide schimpfen?"

"Ja, genau."

"Das ist aber selten, oder?"

Ihr erinnert Euch: Guter Cop, schlechter Cop. Es ist ja nicht so, als hätten wir kein System, oder so. Wenn gemeckert wird, lenk ich meistens ein. Aufgabe ist Aufgabe. Ob das nun richtig ist, hab ich schon oft in Frage gestellt, aber vielleicht liegts ja in meiner Natur. 

Doch tatsächlich gibts Themen, wo wir beide sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Fallen mir jetzt natürlich nicht ein, ich erinner mich an Haushaltsdebatten, a lá keine Lust zum Aufräumenhaben...

Nuja. Jedenfalls glaub ich die Situationen zu kennen, und sie sind überschaubar. Innerlich atme ich ein bisschen auf.

"Ja." Die Erdnuss kaut wieder genüsslich und zufrieden. "Das ist nicht oft, aber wenn, dann fühlt's sich ziemlich doof an. Musst du auch mal ÜBERLEGEN: ZWEI..." Sie macht eine Kunstpause und hebt zwei Finger hoch. "...gegen einen!" Anklagend schwebt ihr kleiner Zeigefinger vor meinen Augen. 

"Erdnuss?" 

"Ja-ha?"

"Auch wenns sich manchmal so anfühlt..." Wie formulier ich das jetzt nur? "...wir sind nicht gegen dich."

"Es fühlt sich aber so an."

"Ja, das kann ich mir vorstellen, aber mir ist schon wichtig, dass du das weißt..." Wie erklär ich ihr das nur? Wie soll man denn 'Erziehung' umschreiben? Ach! Ich lasses besser. Ich sag jetzt einfach nix mehr.

Plötzlich kichert sie. Und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das erleichtert. 

"Mir fällt noch was ein!" Die Erdnuss gluckst in sich hinein. 

"Aha! Ich bin gespannt!"

"Manchmal..." Sie holt tief Luft. "Da nervst DU mich!"

"Ach was!" Ich kann nicht anders. Ich muss mitkichern.

"Manchmal, da hast du diesen Toooonfall." Sie singt das 'o' hoch und runter. 

MIST! Ich erkenn mich wieder. Finds aber auch knallerlustig. Lachend frag ich nach: "Wann denn?" 

"Ach zum Beispiel gestern, als wir spazieren waren, da hast du gesagt: Hach wie schö-hön," schon wieder singt sie, "dass wir hier durch die Sonne laufen, ojö-ojö, ist das schö-hön!"

Wir lachen jetzt beide. Mir bleibt fast der Salat im Hals stecken. GeNAU so hab ichs gesagt. Es ist auch ein bisschen gruselig, aber sie hat mich so perfekt imitiert - ich bin neben amüsiert auch völlig verblüfft.

"Weißt du, Mama, manchmal, da bist du eben voll die Lolli-Pop-Mama. Und DAS nervt." 

Uuh. Jetzt wird es ernst. Sie grinst noch. Aber da ist auch viel Nachdruck dahinter.

Kritik. Echte Kritik. 

Mannometer. 

Wie es weiterging, kann ich erst beim nächsten Mal schreiben. Die Lolli-Pop-Mama muss jetzt ins Bett. Sonst ist sie morgen unausstehlich... 

Plopp! Licht aus!

 

 

Fortsetzung folgt.