Erdnuss 2.0
Das nächste Level ist definitiv erreicht. Und ich passe mich an. Sie ist groß. Sie handelt bewusst. Sie braucht mich noch. Aber beinahe auf Augenhöhe. Und das ist eine Sache, an die ich mich nur schwer gewöhne. Wie immer stolpert die Mama hilflos den Entwicklungen hinterher. "Ich verstehe dich", sagte sie neulich zu mir, nachdem ich ihr eine erzieherische Maßnahme erklärt hatte, "aber du musst auch MICH verstehen." Äh... Ja. Das ist richtig. Aber das war doch die ganze Zeit MEINE Sache. ICH habe dich verstanden und dann haben wir zusammen Dinge gemacht. ICH hatte ein Gefühl für dich und habe danach gehandelt. Jetzt hast du ganz feste Vorstellungen von dir. Die du mir mitteilst. Das ist gut. Ich bin so stolz. Stolz auf deine klugen Gedanken und auf deine Art zu verhandeln. Und auf deinen Witz und deinen Charme. Und du bist schön. Und schnell. Und ehrgeizig. Und liebevoll. Und gutmütig. Und trotzig. Und ein bisschen eitel. Und wahnsinnig empfindsam. Kuschelig. Schüchtern.
Ich seh das alles. Mit Liebe und Stolz. Der Unterschied ist inzwischen: Du weißt es auch. Du weißt, wie du bist. Und du handelst in diesem Bewusstsein. Du weißt auch, wie ich bin. Du weißt es nicht nur aus dem Bauch sondern aus dem Kopf. Handelst strategisch und zielorientiert. Du diskutierst und verhandelst. Du setzt deine Fähigkeiten ein. Die du nach einem Wertesystem einordnest. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.
"Jetzt sag mal ehrlich Mama..." Du griemelst mich an und zwinkerst ein bisschen. "Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?" In deinem Ton steckt die Wahrheit unter dem hübschen Kindermärchen, die weder ich noch du aussprechen wollen. Einem Zufall verdanken wir es, dass es letztes Jahr tatsächlich so aussah, als hätte keiner von uns Geschenke unter den Baum gelegt. Sie waren einfach plötzlich da. Auf diese Tatsache verweise ich jetzt nochmal. "jaaaa-ha." sagst du zweifelnd und schaust mir beinahe hypnotisch in die Augen, um eine Wahrheit zu finden. Du findest eine. Du siehst, dass ich es traurig finde, wenn du aufhörst, an den Weihnachtsmann zu glauben, und du tust mir den Gefallen: "Stimmt." sagst du lächelnd. "Wo sollen denn die Geschenke hergekommen sein..." Und wir wissen beide, dass es nicht stimmt, aber wir wissen auch beide, dass es schöner wäre, wenn es stimmen würde. Und deshalb nicken wir uns wissend zu. Irgendwie surreal.
Mir ist aufgefallen, dass das immense Auswirkungen auf diese Texte hier hat. Der Schwerpunkt hat sich verlagert. Und das ist nicht leicht. Ich schaue jetzt woanders hin. Mal sehen, was dabei herauskommt. Aber es wäre ein Frevel, wenn ich deswegen aufhöre zu schreiben. Es ist auch alles gar nicht so traurig, wie es hier klingt. Es ist normal. Und auch richtig gut. Wer mich nach der Erdnuss fragt, dem kann ich stets aus vollem Herzen und strahlend sagen, dass es ihr RICHTIG gut geht.
Komischerweise habe ich mehr und mehr das Gefühl, indiskret zu sein, wenn ich über ihr Leben schreibe. Also schreibe ich besser über meins. Mit einem großen Mädchen an meiner Seite, das in Siebenmeilenstiefeln in der Welt unterwegs ist.

in deinem letzten Absatz finde ich mich auch wieder. Es gäbe manchmal so wunderbare Mutter-Tochter-Gespräche oder Erlebnisse zu erzählen und dann zögere ich doch aus demselben Grund.
So ein bisschen reinspicken ist aber erlaubt, denke ich.
Nichtsdestotrotz ist auch interessant und bewegend zu lesen, wie DU dieses Loslassen erlebst. Das Loslassen des Kostbarsten, das wir haben. *lächel*
Liebe Grüße an eine große Mama...
TL
Darf ich fragen, wie alt die Erdnuss jetzt ist...?
Und ich finde es bewundernswert, dass du die Größe zeigst, der Diskretion ihren Raum zu geben... was vielleicht auch (leider) dazu führt, dass Momente nicht mehr so eindringlich reflektiert werden - und dennoch...