Man hört nur mit dem Herzen gut.
"Mama?"
...
"Maaaaaamaa!"
...
"Mama-ha?"
...
"MAAAAAMAAAAAAAAAAAA!"
"JA-HA!" brülle ich laut aus dem Badezimmer, die Waschmaschine läuft, ich flitze zwischen kleinen Klamottenhäufchen durch die Wohnung, die ganz kurz aufblitzende Sonne zeigt mir, dass die Fenster dringend mal wieder geputzt werden müssten bzw. dass die letzte Putzaktion richtig peinliche Streifen hinterlassen hat, in der Küche steht der Putzeimer in einer Pfütze, die sich aus dem kleinen Riss langsam und stetig ausbreitet, der Esstisch ist übersät von Quittungen, Zeitschriften und kleinen Papierchen, von der halbgepackten Riesentüte mit der Sommerkleidung mal ganz abgesehen, und der Ruf "Mamaaa!" übertönt die Fußballberichterstattung aus dem Radio.Kurz: Stress. Genauer: Haushaltsstress, und ich weiß nicht, ob ich schon erwähnte, dass ich in der Haushaltbewältigung ungefähr zwischen 3- und 4+ angesiedelt bin. Inzwischen ist es noch nicht mal mehr Bocklosigkeit. Ich habe viel Lust auf eine sauber Wohnung. Ich bin nur einfach völlig unbegabt.
"KOMMST DU MAAAAAAAAL?"
"WAS DENN?" Meiner Stimme ist anzumerken, dass jetzt aber auch wirklich etwas sein muss. Was wichtiges. Was richtig wichtiges.
"ICH WILL DIR WAS ZEIJJJJ - GEN!"
"Ich komme!" Genervt stapfe ich quer durch den ungemachten Haushalt in ein bunt zusammen gewürfeltes Kinderzimmer, wo mir die Erdnuss etwas schüchtern (sie kennt meine Stimmung) ein paar zusammengetackerte Blätter überreicht.
"Ich habe etwas geschrieben." brüllt die Erdnuss. Sie brüllt, weil sie meinen alten MP3-Player geschenkt bekommen hat, den sie aber nur mit diesen überdimensionalen gepolsterten Kopfhörern hört. Sie sieht so süß aus mit den schwarzen Riesenohren und dem kleinen runden Gesichtchen darunter. "Magst du es lesen?"
Bumms. Die Stimmung schlägt um. Gerührt nehme ich die Blätterchen entgegen und richte mich auf einen kleinen Satz ein. Es waren aber mehrere Sätze, ich brauche meine Zeit, um sie zu entziffern und sie treffen mich mitten ins Herz. Ich schau sie an. Tränchen steigen mir in die Augen. "Das ist wunderschön." sag ich. "Ja." sagt, äh brüllt die Erdnuss, "das habe ich gedacht und aufgeschrieben. Und jetzt möchte ich dir NOCH was zeigen!"
Alles. Alles kann sie mir zeigen. Ich hab Zeit. Ich hab alle Zeit der Welt. Gemütlich lasse ich mich auf ihrem Hochbett nieder, während die Erdnuss in hektischen aber zielsicheren Bewegungen zu tanzen anfängt. Sie bewegt ihre Arme wie ein Rapper, lässt ihre Füßchen wirbeln und hüpft in einem Rhythmus, den ich nicht hören kann, auf und ab. Irgendwann zeiht sie umständlich den Kopfhörer ab und stellt fest: "Du kannst die Musik gar nicht hören, oder?" Ich lächel. "Doch." sag ich. "Ein bisschen schon." Sie nickt fachmännisch. "Ein bisschen ist nicht genug." Ihr CD-Recorder wird angeworfen, eine Plastikpalme zum Mikro umfunktioniert und dann geht es los.
Was stand in dem kleinen gebastelten Büchlein? Die folgende Wahrheit:
DAS IST EINE GESChIHCDE ÜBA LIDA MEISTENZ IST MAN SER GLÜKLIH WEN MAN MUSIK HÖRT ÖGENTWI HAT MAN EIN GUTES GEFÜL UNT MAN HT ÜBAHAUPT KEINE ANST DAROM IST MAN SER GÜKLEHC WEN MAN MUSIK HÖERT MEISTEN WEN MAN SUSAMEN IST.
Und das lass ich jetzt unkommentiert hier stehen...
