Kleine Erdnuss

29.12.2009 um 01:20 Uhr

Onkel Marius

Als Onkel Marius die kleine Erdnuss das erste Mal erblickte, war er um die 26 Jahre alt. Er hatte mit Kindern so viel am Hut wie mit Origami oder Töpfern. Ein Mittzwanziger, der unglaublich wenig Zeit hatte, weil er so unglaublich viel leben und arbeiten musste. Ich kannte ihn nicht besonders gut. Habe ihn auch bis heute nicht besser kennen gelernt. Es ist halt Marius. Immer hektisch. Immer höflich. Immer kurz angebunden. 

Als wir ihm die Erdnuss damals als drei Tage altes Würmchen in die Arme legten, sagte er nicht viel. Er saß nur da und traute sich nicht mehr auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Das Bündel verschwand fast in seinen langen Armen. Marius ist beinahe absurd groß. Er schaute aus seiner Schwindel erregenden Höhe auf den Minimenschen herunter, der sich manchmal genüsslich räkelte und diese unglaublich niedlichen Schnaufer von sich gab, und hielt still. Neben ihm saß wie immer seine Freundin Yvonne (zu der ich immer Iwonne sage) und langweilte sich (ebenfalls wie immer). Und auch wenn das Marius normalerweise immer schrecklich nervös machte, dass sich Iwonne langweilt, war die jetzt absolut abgemeldet. Ich hörte ihn vor sich hin murmeln und verstand erst nach einer halben Stunde, was er in regelmäßgen Abständen immer wieder flüsterte: "Knuffig." sagte er. Und dann wieder: "Knuffig." Und prompt nach einer Weile: "Die is knuffig." Ich, die ich vorher eigentlich immer nur die Erdnuss angucken konnte, bestaunte nun andächtig den sichtlich ergriffenen Onkel Marius.

"Knuffig."

Die Erdnuss hat nun ihrerseits einen Faible für Onkel Marius. Den hat sie seitdem. Sie sieht ihn ungefähr ein bis zwei Mal im Jahr. Ein jedes Mal strahlte, gluckste und hüpfte sie vor Freude. Seit sie ihrer Liebe mit Gesten aktiv Ausdruck verleihen kann, umarmt sie seinen Fuß, sein Knie, hangelt sich auf seinen Schoß, kräht MAAAAH-LUS, und natürlich inzwischen Marius. Ihre Augen strahlen, wenn sie nur seinen Namen hört. Und ein jedes Mal, wenn sie vor ihm steht, strahlen die seinen. 

Gestern saßen wir alle gefangen unter einem mit Gold durchwirkten Tüllweihnachtsbaum bei Tante Uschi fest. Wie ICH mich dabei fühlte, habe ich hier hinreichend beschrieben, aber Gott sei es gelobt, dass Marius und die Erdnuss sich im Schneidersitz auf den Boden setzten und kramten. Ja. Besser kann man es nicht beschreiben. Sie kramten. Gott sei übrigens ebenso gelaobt für die Tatsache,d ass Iwonne nicht dabei war. So war Zeit. Zeit für die kleine blonde quirlige Nichte. Marius blätterte in diversen Anleitungen. Die Erdnuss kruschelte in ihren Weihnachtstüten, nachdem sie von Tante Uschi gezwungen wurde, ein Weihnachtsgedicht aufzusagen (ich sage nur: Zickezacke, Hühnerkacke, aber davon ein andermal), zog hier und da was interessantes hervor, was sie leise mit ihrem Onkel besprach. Zwischendurch wurde sie nicht müde, ihm mit Uschis Weihnachtselch auf dem Kopf rumzuhauen, was Marius nicht nur stoisch, sondern mit einem amüsierten Lächeln über sich ergehen ließ. Sie kicherten, kuschelten und wuselten auf dem mintgrünen Teppich herum. Es war eine Freude das mit anzusehen.

Knuffig.

So wenig ich ihn kenne, den Onkel Marius. Ich liebe ihn dafür, wie er die Erdnuss liebt. Und ich liebe es zu sehen, wie sehr sie ihn liebt. Und dafür wollen wir jetzt gar nicht Weihnachten verantwortlich machen, neinneinnein, aber ich gebe zu, dass wir Onkel Marius ohne Weihnachten dieses Jahr gar nicht zu Gesicht bekommen hätten.

Und das wäre traurig gewesen...

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 29.12.2009 um 09:15 Uhr:Irgendwie habe ich mich in Deinen Worten gerade selbst entdeckt. Danke.
    Und ich frage mich, ob ich wohl auch so wahrgenommen werde, wenn die Freude über meine Nichten und Neffen unter meiner Oberfläche erstrahlt...
  2. zitierentaschenlampe schreibt am 29.12.2009 um 09:27 Uhr:Wunderbar! *lächel*
    Wunderbar für die kleine Erdnuss, für dich und für Marius!

    Ich verdrückte ein Tränchen, weil wir ähnliches erleben. Der Altersunterschied des Huhns zu ihrem Onkel "Marius" ist nicht ganz so groß, aber die Liebe zueinander ähnlich. Das Schönste daran, sie hält sich in wechselnden Ausprägungen bis heute!

    Der Erdnuss wünsch ich, dass er ihr SO lange erhalten bleiben wird!

    Und die Uschi... naja, man sollte zwar immer beide Seiten anhören *lach*, aber ich mag sie nicht! Sie ist eine Pute! ;o)

    liebe Grüße
  3. zitierentaschenlampe schreibt am 29.12.2009 um 09:41 Uhr:Zwischenweltler, ich glaube DIESE Wahrnehmungsfähigkeit ist in jungen Jahren noch nicht genügend gereift.
    Aber sie erkennen und schätzen mit Sicherheit deine Zuneigung und dein Interesse an ihnen und finden dich zudem cool. *lach*
  4. zitierenindalo schreibt am 29.12.2009 um 10:09 Uhr:Oh ja, jemanden dafür lieben wie er Menschen liebt, die man selbst liebt. Das kenn ich nur zu gut. So entsteht auch Liebe, und eine Tiefe Verbundenheit.
  5. zitierenZwischenweltler schreibt am 29.12.2009 um 10:19 Uhr:@Taschenlampe: Ich meinte nicht die Wahrnehmung der Nichten und Neffen selbst, sonder die derer Eltern bzw. des Umfeldes im Allgemeinen. So, wie es Sunny sieht eben.
  6. zitierentaschenlampe schreibt am 29.12.2009 um 10:31 Uhr:Okay, alles klar! ;o)

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