Kleine Erdnuss

13.05.2011 um 09:33 Uhr

Spieglein, Spieglein...

Die Erdnuss ist jetzt 'große Schwester'. Das ist bekannt. Logisch. Kausal nachvollziehbar. Aber was heißt es?

Man merkte einige Wochen, wie sehr die Erdnuss gesucht hat. Nach den neuen Gefühlen, Eindrücken, Aufgaben... Zuerst hat sie viel geschaut, gestreichelt, gefragt. Nach und nach auch herzhaft zugepackt, sich das Nüsschen auf die Schulter gehievt und durch die Wohnung getragen. Gekitzelt, geknutscht, gerasselt. Die Händchen greifen lassen und über den Greifreflex der Füße gequietscht. 

So weit so gut. Wenn aber die schlechte Laune oder Blähungen von dem Nüsschen Besitz ergriffen, dann hat sich Verunsicherung breit gemacht. Wir haben sie auch nicht weiter gedrängt oder erklärt. Ihr Tempo, nicht unseres.

Als aber neulich wieder mal mein Beckenboden streikte, musste das schreiende, naja fast kreischende Nüsschen im Erdnusszimmer bleiben, während ich im benachbarten Badezimmer gepieselt habe (zu viel Information? Höm. Was soll ich machen? Pieseln ist zurzeit ein wesentlicher Betsandteil meines Lebens...) 

Naja. Worauf will ich hinaus? Als ich zurückkam, sah ich die Erdnuss mit dem schwesterlichen Bündel in ihrem kleinen Zimmer auf und ab stapfen. 

"Mmmmmmmmmh" brummte sie, "Ooooooh jeeeeeeeeeeeeeeeeeeh", summte sie, "Das ist gaaaaaaaaaaaaaaar nicht so schlimm" säuselte sie weiter, "Ich kann das versteeeeeeeeeeeeeeeehn", ein sanftes Singen, das überging in ein liebevolles Murmeln: "Bauchweh ist nicht schööööön, das weiiiß ich, das kenn ich, da muss man weiiiiiinen, jaaah, das ist okeeeh, das daaaarfst duuuu!" Sie schaukelte hin und her, die Augen geschlossen, das Schreien der kleinen Nuss wurde langsam zu einer Abfolge von kleinen quengeligen Seufzern. "Ja, meine Kleiiine..." Die Stimme nahm inzwischen den betörenden Klang von Ka an, der Schlange aus dem Dschungelbuch, und auch ihre Körperbewegungen hatten etwas hypnotisches. "Mein Mäuschen... Mauselmatz. Lassss esss rauuuuussss... Schlaaaf ruuuhig. Ich bin daaaaa...."

Stille.

Das Nüsschen ist eingeschlafen.

Bumms.

Ich stand da wie vom Donner gerührt. Unmöglich meine Gefühle zu beschreiben. Sicherlich war ich stolz. Stolz auf so viel Souveränität, Zärtlichkeit und Geduld. Stolz auch auf so viel Mut. Und Geschick.

Aber wirklich frappiert war ich über den Spiegel, der mir da vorgehalten wurde. Sie benutzte meine Worte. Und das unbewusst. Sie wusste noch nicht mal, dass ich sie beobachtete. 

Mauselmatz... Ja. Das hat schon meine Mutter zu mir gesagt... Sie hatte weniger Geduld. Das rauslassen war eine spätere, völlig neue Erkenntnis von mir... Für mich. Mein Kind.

Aber dennoch... So zieht sich alles über die Generationen.

Alles fließt.

Nichts dauert.

Einiges bleibt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenTheNicciPain schreibt am 13.05.2011 um 10:37 Uhr:Mir schossen beim Lesen die Tränen in die Augen. Vor Rührung!
  2. zitierenrose_of_pain schreibt am 13.05.2011 um 11:34 Uhr:Mir genauso! Ich kann garnicht sagen, wie oft mir das hier schon so gegangen ist. Ich liebe deine Erzählungen.

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