The Show Must Go on
Da saßen wir also im Publikum. Die Erdnuss einkassiert von ihrem Gitarrenlehrer. Probe. Backstage. Gitarre stimmen. Sich zu den Eltern zurücksetzen. Und dann auf die neunte Nummer warten.
Verkrampft halten ihre Hände die Liste mit der Liederreihenfolge. Ihr kleiner Popo rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her. Noch am Morgen hat sie mich gefragt, ob sie das schaffen kann. Ich hab ihr gesagt, dass sie es schon 'geschafft' hat, wenn sie sich traut, vor so vielen Leuten zu spielen. WIE sie spielt, sei gar nicht so wichtig, und Fehler..., Fehler machen alle mal. Sie wand sich mit unglücklichem Gesicht und ich fragte, was denn ihre schlimmste und ihre schönste Vorstellung sei.
"Ich fang mit dem schönsten an, ok, Mama?"
"Ja. Klar!"
"Das schönste wird sein, wenn es vorbei ist. Wenn die Leute klatschen und ich von der Bühne gehe. Dann bin ich erleichtert und weiß, wie ich es gemacht habe."
Ich staune ein bisschen, wie klar ihre Vorstellungen sind. "Das klingt wirklich schön."sag ich. "Und was wäre schlimm?"
"Najaaaaa... 'Schlimm'. Schlimm ist nix, aber doof. Sehr doof wäre zum Beispiel, wenn ich alle Töne falsch spiele. Noch döfer wäre, wenn die Leute bei MIR weniger klatschen als bei den anderen. Oder, wenn ich mich GAR nicht traue, auf die Bühne zu gehen. DAS wäre auch doof. Am döfsten, mein ich." (Sie lernen grade die Steigerungsformen im Deutschunterricht.)
"Mh." Ich schau sie an und bin nochmal entgeisterter (Komparativ), wie bewusst sie an die Dinge ran geht. "Es gibt also nix Schlimmes, sondern nur Doofes und Schönes. Das ist doch schon mal super. Das Schöne kommt auf jeden Fall, es sei denn, das Döfste tritt ein. Ist das so?"
Sie überlegt kurz und nickt. "Jipp."
Wir schwiegen ein Weilchen. Und dann wechselte sie abrupt das Thema. Ich habe nicht mehr nachgehakt. Und jetzt sitze ich neben ihr und schwitze mit. Mal abgesehen davon, dass mein Riesenbauch auf meinen Oberschenkeln liegt und ich auch noch aus anderen Gründen als sie unruhig auf dem Stuhl rumwackel.
"Wer ist jetzt dran?" flüstert sie mir zu und hält mir die Liste hin. Ich weise auf Nummer 7, danach noch ein Junge und dann sie. Gequält schaut sie zu mir hoch. Keine fünf Minuten Später wird ihr Name aufgerufen. Verlegen lächelnd geht sie nach vorne, erklimmt den Hocker, das Mikro wird zurecht geschoben, die Gitarre auf dem Schoß sucht sie nochmal Blickkontakt mit uns. Und dann legt sie los. Das Gesicht hochkonzentriert und ernst auf die Noten gerichtet zupft sie die Saiten und das rhythmisch und schön, zwischendurch mal ein längeres Päuschen, als sie nach dem richtigen Griff sucht, dann erleichterte Schlussklänge und ein kleines Lächeln, als der letzte Ton verhallt und tatsächlich ein spontaner und warmherziger Applaus erklingt.
Das war also das Schönste. Das Klatschen hat noch nicht aufgehört, die Erdnuss schnappt die Gitarre am Hals und verlässt die Bühne. Grinsend läuft sie zu uns und will nix hören, das merk ich. Ich drück ihr die Hand und knutsch sie spontan auf die runde Backe. Mein Herz hüpft und die kleine Schwester im Bauch auch.
Nix Doofes. Nur Schönes...
Und eine Erfahrung mehr...
