Kleine Erdnuss

06.01.2010 um 21:33 Uhr

Tränen im Schnee...

Schnee! All die weiße Pracht. Überall liegt sie und lädt ein zu allerlei Spaß. So dachte ich. So dachte vielleicht auch die Erdnuss, aber heute nachmittag hatte sie es sich spontan anders überlegt. Mit ihrem besten Freund Kevin sind wir losgezogen. Den Schlitten im Schlepptau. "Ich freu mich!" krähte Kevin vergnügt. "Ich nicht!" schmollte die Erdnuss. Ach, dachte ich, das wird sich geben, sobald wir einen Hang runtergebrettert sind.

Nun. So kann man sich täuschen. Die Erdnuss sah den Hang (der - iiiiiihk - WIRKLICH sehr steil war) und verweigerte. Sie verweigerte mit allem, was sie hatte. Fette Tränen kullerten ihre Wangen herab, während Kevin und seine Mama 'Juchhu' schreiend den Berg runterfuhren. Ich versuchte zu trösten, aber wenn bei der Erdnuss einmal so eine Stimmung angefangen hat, dann hört sie so schnell nicht mehr auf. ALLES wurde in die Waagschale geworfen: "Ich habe ANGST!" und "Es ist mir SO peinlich!" über "Der Kevin hat SPASS und ICH NICHT!" bis hin zu "Ich hab doch GESAGT, dass ich nicht Schlitten fahren will!!!"

Nuja. Was sollten wir machen? Im Schnee sitzen und weinen? Nach Hause fahren? Der ganze weite Weg umsonst? "Sollen wir mal einen kleineren Hügel ausprobieren?" 

"Pah!" schreit mich die Erdnuss an, "Bin ich vielleicht ein Baby?"

So langsam werd ich sauer. Ich versuch mich ein bisschen zurückzuhalten. "Wir schauen uns den anderen Berg einfach mal an. Vielleicht ist der besser?"

"Ich kann dir SAGEN, wie es da ist!" schreit die Erdnuss weiter. "UNBESSER ist es da! UNBESSER!"

Ich stapfe jetzt wortlos davon, während mir meine Tochter entrüstet hinterherschreit. "Jetzt lässt du mich auch noch ALLA-HEINE-he-he-he." Sie bricht schluchzend im Schnee zusammen, wie ich sehen kann, weil ich wieder auf dem Rückweg bin. 

Die Mutter von Kevin, die nun schon zig Male mit ihrem Sprössling den Hang runtergebrettert ist, hebt genervt die Augenbrauen. Das macht mich noch wütender. Sanft rede ich auf die Erdnuss ein. Wir schauen uns den anderen Hügel doch nur an. Runterfahren muss niemand. Sie nickt weinend. Folgt mir weinend. Alle schreien juchhu. Ich beiße die Zähne zusammen. Am kleineren Hügel angekommen, setzt sich die Erdnuss trotzig weinend auf den Schlitten. "Dann fahr eben!" Ich frag noch, ob es wirklich in Ordnung ist. Sie nickt. Der Hügel ist auch steil, aber nicht so lang. Wir brettern los und es ist wirklich ganz cool. Die Bahn ist nicht allzu vereist, ich kann ganz gut bremsen und wir fahren schön weit durch die Bahn zum Ausfahren.

Die Erdnuss weint. "Das war mir VIEL zu schnell!" Ich seufze. Nehm sie in den Arm. Tröste. Frage. "Wovor hast du Angst?" "Vom Schli-hi-hitten zu-hu fa-ha-hallen!" schluchzt die Erdnuss.

Oje. Dicke Umarmung. Weiterweinen. Der Kevin kommt an. Versucht zu trösten. Keine Chance. Versucht zwischen Schneehügeln zu vermitteln. Keine Chance. Spricht Einladungen aus. Keine Chance.

Also ziehen wir irgendwann wieder nach Hause. Die Erdnuss und ich. Sie weint und weint. Nach Hause wollte sie auch nicht so richtig. Nur, wenn der Kevin mitkommt. Aber der sollte noch weiter Schlitten fahren. Obwohl er jetzt AUCH keine Lust mehr hatte. Alle schrottgenervt. 

Der Tag war ohnehin nicht der Beste gewesen. Schweigsam ziehe ich die schweigende Erdnuss mit rotgeweinten Augen hinter mir her über die verschneite Wiese. "Mama?" leises Schluchzen. "Ja-ha?" "Bin ich jetzt ein Weichei?" "Ach Quatsch." "Wieso nicht?" "Ach komm, du traust dich Achterbahn zu fahren und schwimmst und tauchst und kletterst auf Bäume. Wie willst du da ein Weichei sein?" 

Wieder gehen die Schleusen auf. "A-ha-haber das sind ALLES Sachen, die SICHER sind! Da braucht man keinen Mut!" 

Ich überlege kurz. Setze mich zu ihr auf den Schlitten und lege den Arm um sie: "Schau mal: Wie sicher du etwas findest, das kannst immer nur du selbst fühlen. Manche Kinder haben Angst vor Wasser. Die fühlen sich da überHAUPT nicht sicher. Und auf Bäume klettern genauso. Manche gehen bis zum ersten Ast. Manche bis nach ganz oben. Angst ist nicht zu zählen."

"Aber Mut ist doch, wenn man es trotzdem macht, oder?"

"Ja. Das ist auch Mut. Aber Mut kann man auch anders zeigen. Es kann auch mutig sein, zuzugeben, dass man Angst hat." 

"Hast du auch manchmal Angst?"

"Ja."

"Und was machst du dann?"

"Ich überlege, wie wichtig es ist. Wenn mich die Angst von was Wichtigem abhält, versuche ich es trotzdem zu machen."

"Ist Schlittenfahren wichtig?"

"Süße. Das kannst nur du für dich entscheiden."

Sie schweigt. Und denkt nach. Wir stapfen durch die Abenddämmerung. Irgendwann quatschen wir über dies und das. Eine Rutschbahn entdecken wir auch noch. Wir lassen uns auf unseren Skihosenbedeckten Popos darauf hin und herrutschen. 

Heut abend haben wir Ronja Räubertochter zuende gelesen. Wir haben nicht mehr über Angst gesprochen. Beim Rausgehen sagte die Erdnuss: "Mama? Kennst du das, wenn du noch mit jemanden reden willst, aber nicht weißt, was du sagen sollst?"

Ich lächel. "Ja. Das kenn ich ganz genau." Ich mache eine Kehrtwendung und erkletter ihr Hochbett. Sie strahlt mich an. "Kommst du noch zu mir?" "Klar." Wir kuscheln. Kichern ein bisschen rum und sagen nicht mehr viel. Das Leben ist kompliziert. Das geht auch an einer 7-Jährigen irgendwann nicht mehr spurlos vorbei...

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSeren_a schreibt am 06.01.2010 um 22:03 Uhr:Och... ich kann so mitfühlen... Ich hab mich immer nur die flachen Hügel runtergetraut und fühlte mich schrecklich, wenn die anderen alle den steilen, buckligen Hang runterrasten... Mist ist das...
    Nur gut, dass die Erdnuss so eine liebe und weise Mami hat...
  2. zitierenTomDuck schreibt am 07.01.2010 um 01:36 Uhr:Mir steitgen grade die Tränen in die Augen.... Die lieben Kleinen!!!!
  3. zitierenindalo schreibt am 07.01.2010 um 07:46 Uhr:"Süße. Das kannst nur du für dich entscheiden."
    Eine weise Antwort!
  4. zitierenTigerschnute schreibt am 07.01.2010 um 11:34 Uhr:*Schnief* DAS war berührend.

    Welches Kind wünscht sich nicht sooo viel Akzeptanz, Vertrauen, Zuspruch und Verständnis? Wieviele Mamis gibts, bei denen die Genervtheit siegt, die sich gefangen nehmen lassen von ihren Emotionen, die sich mitreißen lassen von den Miss-stimmungen ihrer Kinder. Wo sich die Fronten verhärten, wo aus einem Käfig heraus reagiert wird. Deine Erdnuss bekommt das, was alle Kinder brauchen. Du hörst ihr WIRKLICH zu, Du erkennst und versuchst mit Mitgefühl Fragen zu stellen, auf dessen Antwort sie sich dann selbst sanft hinführen lässt.

    So viel Liebe...

    Erfrischend. Inspirierend. Berührend.

    Danke Mama Erdnuss.
    *knutsch*
  5. zitierenrabbitbrain schreibt am 07.01.2010 um 16:41 Uhr:Jaaa...total lieb und auch vorbildhaft hast du gehandelt...ganz im Gegensatz zu Kevins Mutter...Augenbrauen hochziehen kann mehr verletzen als manches Wort...beneidenswert, dass du ihr nicht nen Schneeball Richtung Brauen geworfen hast...:))
    Die Erdnuss hat diesen Tag gespeichert und bestimmt viel daraus gelernt...sie kann entscheiden, was ihr wichtig ist...ich geh mal davon aus, dass Schlittenfahren keinen vorderen Platz mehr einnimmt... :)) GLG JOE
  6. zitierenindalo schreibt am 07.01.2010 um 20:00 Uhr:@rabbitbrain
    Das glaube ich nicht, Schlitten fahren kann noch einen sehr wichtigen, bzw. forderen Platz einnehmen. Als Grundangst sozusagen, weißt?
  7. zitierenrabbitbrain schreibt am 07.01.2010 um 21:52 Uhr:@indalo
    Natürlich hast du Recht...dachte eher an diesen Winter...an was Kurzfristiges...und natürlich kann das nach ner gewissen Zeit wieder gaaaaaaaanz anders aussehen...ein Erweitern der "Komfortzone" is sehr wichtig...das Ganze muss und sollte nur von innen raus passieren und nicht einem Erwartungsdruck geschuldet...Sunny hats jedenfalls klasse gehandelt!!!
  8. zitierenindalo schreibt am 07.01.2010 um 21:56 Uhr:Oh ja, das hat sie. Sehr weise
  9. zitierensunnysightup schreibt am 07.01.2010 um 22:37 Uhr:ich bin knallrot im gesicht... so viel liebe worte. und ich weiß WIRKLICH nicht, ob ich sie verdient habe. ist rübergekommen, wie genervt ich war? und ich glaube nicht, dass man das hinter noch so sanften worten verstecken kann. ich freu mich riesig, dass ihr so viel positives rauslest. (ist ja auch drin, höm)
    aber es ist manchmal einfach eine gratwanderung. (mit schlitten :-))

    sonnige schneegrüße an euch alle!!!
  10. zitierenSeren_a schreibt am 07.01.2010 um 22:39 Uhr:Ja, is rübergekommen und is auch verständlich... umso mehr gilt das Lob und ist die Liebe zu spüren... auch wenn Du jetzt noch knallroter wirst... ;)
  11. zitierenindalo schreibt am 08.01.2010 um 09:19 Uhr:Sicherlich ist es eine Gradwanderung, und ja, ich hab auch gelesen, wie genervt du warst. Aber du warst nicht schnippisch, hast ihr nicht gesagt, dass Schlittenfahren nicht wichtig ist. Eine Antwort, die wohl viele geben würden, denn wozu ist Schlitten fahren wichtig?
  12. zitierenCorinna schreibt am 15.01.2010 um 12:20 Uhr:Ich wünschte ich könnte noch so gelassen reagieren, wenn ich entnervt bin. Ich wünschte mir würden immer so weise Antworten einfallen.

    Und ich denke, deine Tochter wird mal genauso wie du, denn sie stellt jetzt schon ganz oft so weise Fragen....

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