Von Wörtern, Herzen und komischen Dingen
"Mama?"
"Ja-ha?"
Wir liegen beide auf dem Rücken in ihren Bett und schauen an die Sternchen-Schmetterlinge-Sonnen-Decke. Irgendwie zufällig oder auch mit Absicht, wer weiß das schon, haben wir die gleiche Haltung eingenommen, die Hände auf unserem Bauch verschränkt, die Beine angewinkelt und übereinandergeschlagen.
"Ich möchte endlich ALLES schreiben können."
"Oh, du hast nicht mehr lang, dann lernst du das."
"Ja, aber es soll schon losgehen!"
"Ach ein bisschen Ferien noch vorher können nicht schaden, oder?"
"Ja." Sie seufzt. "Ausschlafen. Noch viel ausschlafen."
Die Erdnuss, die ihr Lebtag nicht nach 7.30 aufgestanden ist, hat eine Woche vor Schulbeginn das Ausschlafen für sich entdeckt und schläft jetzt gern mal bis 10 oder 11. Na? Ist das ein Timing?
"Mama?"
"Ja?"
"Freust du dich, wenn ich ein Schulkind bin?"
"Klar."
Sie muss das fehlende Ausrufezeichen gehört haben, denn sie fragt zögerlich: "Wenn ich ein Schulkind bin, dann bin ich der selbe Mensch, nä Mama?"
"Aber sicher!" Jetzt aber mit Ausrufezeichen!
"Ja, denn mein Herz pumpt immer nur für dich!"
Lächelnd unterdrücke ich ein Prusten und flüster verschwörerisch: "Und meins für dich!"
"Ist das lustig?" Da hilft kein Unterdrücken, sie kriegt ja doch alles mit.
"Ein bisschen."
"Ja, 'pumpen' ist ein komisches Wort."
"Mh." Ich denke über 'pumpen' nach.
"Man kann bei dem Wort an nix denken außer pumpen." Die Erdnuss kichert. "Weißte Mama, so: puomp, puomp, puomp." Mit gutturaler Stimme ahmt sie täuschend echt das Geräusch nach, was im Toilettenabfluss entsteht, wenn man sich mit einem Pömpel dran zu schaffen macht. Wir kichern beide.
"Gibt es noch so Wörter?" hakt sie nach.
Aha! Die Sprachwissenschaftlerin ist gefragt. Lautmalereien als, Moment, eins im Sinn, äh: "Blubbern, z.B." Kichernd blubbert die Erdnuss vor sich hin: "bluobb, bluobb, bluobb."
"Ist plätschern auch so ein Wort?"
"Joa, ein bisschen."
"Mh. Und klingeln?"
"Genau."
"Klingeling." Die Erdnuss nickt zufrieden. "Und pfeifen?"
"Jipp."
"Pfeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffffffffffffffffffff!"
"Sehr schön. Du hast das Prinzip verstanden." Ich halt mir die Ohren zu.
"Was ist ein Prinzip?"
"Ein Prinzip ist wie eine Regel oder wie mehrere Regeln"
Die Erdnuss schweigt.
Ich schweige.
Mit Prinzipien und Regeln hammers nicht so, das ist mal klar.
Wir schweigen weiter.
Plötzlich:
"Bu-sen-hal-ter." Die Erdnuss schaut nach rechts zu mir und grinst.
"Busenhalter." wiederhole ich ratlos.
"Busenhalter ist auch ein komisches Wort."
"Ja, das stimmt."
"Sind das zwei Sachen oder eine?"
"Was?"
"Der oder die Busenhalter."
"Ein Halter."
"Und Busen? Busen sind es doch zwei?"
"Brüste. Zwei Brüste - ein Busen."
"Hö?"
"naja, Busen sagt man zu beiden Brüsten. Und jeder hat dann einen."
"aber man kann doch auch eine Brust haben."
"Wie? Wenn eine fehlt?"
"Nee. Ich zum Beispiel," sie weist mit dem Zeigefinger auf ihr Herz "hab EINE Brust."
"Äh."
"Das Herz schlägt doch in der Brust. Nicht in den Brüsten."
"Äh." Ich denke nach. Ein Vorteil bei Kindern: Man muss immer so viel über Dinge nachdenken, über die man noch nie nachgedacht hat.
"Das versteh ich nicht, Mama."
"Naja, man meint verschiedene Sachen. Die Brust ist das Ganze mit Muskeln, Knochen und alles, also das zwischen Schultern und Rippen, und die Brüste meint man dann, wenn man nur diese, äh, also, das Weiche da." Sprachnot, die reine Sprachnot.
"Das runde mit der Murmel drauf, nä?" Die Erdnuss kichert. Sie erinnert sich gern an ihre Babysprache. Mit zwei oder so hat sie immer Murmeln zu den Brustwarzen gesagt.
"Ja. Das runde mit der Murmel drauf, das ist die Brust." Ich kicher auch.
"Die Brust? Nee. Das hast du eben noch anders gesagt."
"Naja, wenn man das Runde meint, ist es EINE Art von Brust, wo es eben zwei von gibt, die Brüste eben, und das andere ist eine ANDERE Art von Brust, wo es nur eine gibt."
"Mehrere Leute haben mehrere Brüste, oder?"
"Ja, aber..." Ich seufze.
"Lass mal, ich habs, glaub ich verstanden." Ich höre ein Glucksen in ihrer Stimme. Sie verarscht mich wieder ein bisschen, warum auch nicht... Ich kicher ein bisschen."Busenhalter" sag ich vor mich hin. Die Erdnuss kichert mit. "Es bleibt ein komisches Wort, nä Mama?" "Ja, das stimmt."
"Buuuuuuuuuuuuuuuuuuuusen." Hihihihi. "Und Popo. Popo ist auch ein komisches Wort."
"Stimmt."
"Und Mumu."
"Mumu sowieso." Gibt es ein gutes Wort für Geschlechtsteile? Männlich oder weiblich? Nee, oder?
"Päääääääääänis!" Haltlos kichert die Erdnuss vor sich hin. Ich grinse. Und dann kommt sie in Fahrt: "Pipi, Arsch, Kacke, Rotze, Kotze, Pimmel, Popel, Schmiere, Schei-ße UND"
Kunstpause.
"Arsch-loch!" Das letzte komische Wort verkommt zu einem verschwörerischen Flüstern.
"Genau." Gelassen falte ich wieder die Hände auf dem Bauch. "alles komische Wörter."
"Warum sind die so komisch? Das versteh ich nicht."
"Na, dann lass mal überlegen. "
"Es GIBT doch all die Sachen. Ich HABE doch ein Loch im Po. Dann muss man auch was dazu sagen, oder?"
"Ja, aber es gibt schöne Wörter dafür und weniger schöne."
"Wer sagt, was schön ist?"
"Ach, dumme Leute. Weißt du was, Erdnuss? Ich finde ALLE Wörter schön. Jedes hat seinen Platz in der Wörterwelt."
"Weißt du was ich glaube, Mama?"
"Nee."
"Ich glaube, es SIND gar keine komischen Wörter."
"Sondern?"
"Es sind nur komische Dinge."
"Aha?"
"Ja, irgendwie peinlich."
"Ja." Ich überlege kurz. "Das stimmt. Man redet nicht gern dadrüber."
"Kennst du ein komisches Wort für Sofakissen?"
"Nee." Ich lache laut. "Sofakissen sind ja auch nicht peinlich." Oder doch? Ich muss da nochmal drüber nachdenken. Ab sofort unterscheide ich abstrakte und konkrete Peinlichkeit. Denn es GIBT ja peinliche Sofakissen. Im Grunde sind Sofakissen per se peinlich. Also je nach dem. Ähm...
"Kaka und Pipi sind peinlich."
"Richtig. So sehen das die Leute."
"Aber alle machen es."
"Ja. Das ist wie mit der Popelgeschichte. Alle popeln, aber keiner gibt es zu."
"Essen alle ihre Popel?"
Ich zucke die Schultern. "Ach, weiß ich nicht. Macht ja keiner, wenn jemand dabei ist."
"Aber manche?"
"Bestimmt."
"Du?"
"Manchmal."
Die Erdnuss nickt zufrieden. "Ich auch." seufzt sie erleichtert.
Wir schweigen.
Wir schweigen noch sehr lange. Ich gehe in Gedanken all die seltsamen Konventionen durch, vielleicht macht die Erdnuss ja dasselbe.
An diesem Abend brauchen wir nicht mehr viele Wörter. Zufrieden ist die Erdnuss neben mir eingeschlafen.
Gute Nacht kleine Erdnuss, du bleibst derselbe Mensch, und wirst dich verändern. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.
Alles fließt. Nichts dauert.

Doch weißt du was? Ich glaube du hast selbst mal über diese Dinge nachgedacht, du hast es nur wieder vergessen... und sie Kleine erinnert dich jetzt :-)
Hoffentlich verliert sie diese Natürlichkeit nie! Und du natürlich auch nicht! ;o)
Murmel... *schmunzel*
danke für die kommentare...
ich bin gespannt, was sie sagt, wenn sie es mal zu lesen kriegt...
(der achtzehnte geburtstag ist ganz schön, oder? aber zur geburt des ersten kindes - das ist auch eine gute idee. könnten aber auch mehrere bücher werden. muss das hier mal ausdrucken, sind schon einige seiten, wa?.)
liebe grüße an euch!
Liebe Grüße,
Anna
Abspeichern? Klar, aber ich muss es irgendwann mal in Form bringen...
Aber du hast Recht, nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn ihre Klassenkameraden das lesen. Deswegen unbedingt weiter die Anonymität waren ;-)