Weihnachten bei Fam. Erdnuss
So. Jetzt isses auch schon fast wieder vorbei. Und wie jedes Jahr frage ich mich, was denn all die Aufregung soll. Alle möglichen Gefühle werden in dieses Fest projiziert. Drei Tage. Drei winzig kleine Tage im so großen Jahr.
Und dann all die Rituale. Schon allein für den Heiligen Abend. Baum schmücken. Kirche. Bescherung. Gutes Essen. Weihnachtslieder. Kerzen. So allein hört sich das ganz schön an. Aber was da alles dran hängt. An Organisation. Erwartungen. Absprachen. Arbeit. Wir machen es uns so verdammt schwer. Ich versteh es nicht. Ich versteh es einfach nicht. Vielleicht bin ich einfach nicht der festliche Typ. Vielleicht funktioniert es bei mir einfach nicht auf Knopfdruck. Ich kann nicht anders: Ich finde es albern.
Projektion. Das ist ja auch so ne systemische Sache, nä?
Die Erdnuss fand es lustiger, das Lametta in ihrem Haar zu verteilen. Dass es nachher nicht mehr zu gebrauchen war, ließ zuerst ein Grummeln in meinem Bauch entstehen. Aber dann dachte ich: Warum nicht? Es glitzert. Es ist lang und silbrig. Haare. Warum nicht? Auf meinen Blick grinste die Erdnuss: "Das ist vielleicht nicht der Sinn der Sache," ja, das sagte sie wirklich wortwörtlich, "aber," ihre Hände vollführten in Zusammenarbeit mit den Schultern eine um Nachsicht bittende Geste, "so ist es ein bisschen witziger." Das brachte mich zum Lachen. Neben der Tatsache, dass die Erdnuss nun aussah, wie die Frau aus der Band der Muppetshow. Das war auch noch witzig. In der Kirche musste die Erdnuss aufs Klo. Warum es in einer Kirche keine Möglichkeit gibt, auf Toilette zu gehen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Zu irdisch? Ich weiß es nicht. Ich hock also mit meiner Tochter im Gebüsch. Die Straßen sind leer. Gegenüber streitet sich ein Paar auf dem Balkon. Sie rauchen und zischen sich gemeine Sachen zu. Im Gebüsch ist es zu kalt zum pinkeln. Die Erdnuss fängt an zu weinen und will nach Hause. Also gehen wir mitten im Krippenspiel, bei dem genierte Teenager aus der Realschule nebenan so tun, als wären sie Maria, Josef, die Hirten und die drei Könige.
Für die Bescherung haben wir uns dieses Jahr was Gutes ausgedacht: Wir würfeln die Geschenke, auf denen kleine Zahlen von 1-6 versteckt sind. Das hat schön lange gedauert, und jedes Geschenk bekam seine Würdigung. Die Weihnachtsmusik haben wir irgendwann abgestellt. Der Papa hat die Gitarre ausgepackt und wir haben 'Don't worry, be happy' gespielt. Das fand die Erdnuss, die eine ganz schreckliche präpräpubertäre Zappelphase durchmacht, zwar langweilig, aber dafür konnten wir danach mit dem 'Roten Pferd' punkten. Essen war sehr lecker. Wirklich sehr. Und dann haben wir das geschenkte Spiel gespielt. Dummerweise haben die Verwandten die besten Geschenke für sich behalten. Natürlich besteht man auf persönliche Übergabe. Das ist dann gestern und heute passiert. In der wundervollen Sonne haben die Erdnuss und ich Blumenzwiebeln im Garten verteilt, während ihre Großmutter es sich nicht nehmen ließ, ein paar Lieder auf der Blockflöte zum Besten zu geben. Streit gab es keinen. Aber ich frage mich einfach jede Minute, was das soll.
Mich setzt der ganze Weihnachtskram unter Druck. Ich spreche es ganz offen aus. Ich sehe die Liebe nicht. Wo sollen sich denn plötzlich Schleusen öffnen? Bin ich verkorkst? Ist es meine Geschichte? Morgen steht der letzte Weihnachtsbesuch an. Und ich sage mir ganz ehrlich: Ich kenne diese Leute gar nicht. Wir sehen sie das ganze Jahr nicht. Sie rufen nicht an. Sie wollen nicht wissen, wie es uns geht. Warum soll ich sie zum 'Fest der Liebe' behelligen? Und sie mich?
Das tut mir alles ganz schrecklich leid. Weil doch Weihnachten auch das Fest der Kinder ist. Und weil ich spüre, dass meine Gleichgültigkeit, ja sogar Abneigung gegenüber Weihnachten der Erdnuss nicht gerade die leuchtenden Augen zu geben vermag, die ich mir für sie wünschen würde.Â
Ich würde uns einen liebevollen Umgang zwischen den Generationen wünschen. Ich würde uns wünschen, gesünder groß geworden zu sein. Ich würde uns allen wünschen, freier zu sein. Warum verdammt nochmal soll ich an einem bestimmten Datum mehr lieben als sonst? Farben und Symbole verwenden, die mir nichts bedeuten?
Es ist wie es ist: Ich kann kein Weihnachten. Ich lerne Jahr für Jahr dazu. Und ich mag bestimmte Momente. Aber meistens haben sie weder mit dem Fest noch mit seinen Ritualen zu tun. Mir fehlt die Spontanität. Mir fehlt die Natürlichkeit.
Der Baum brennt. Und ich kneife ein wenig die Augen zusammen. Sehe funkelnde Sterne, deren leuchtend helle Strahlen den warmen Raum erfüllen.
Ein Moment der Stille.
Warum ist das denn so schwer?

Das Lametta im Haar ist schön! :)
Aber ich war dieses Jahr in der Vorweihnachtszeit so fertig, dass ich in der Einkaufsstraße heulen musst. Ich habe eine Freundin beinahe vergrault, weil ich vorgeschlagen habe, wir könnten uns dieses Jahr nur treffen, uns aber nichts schenken. Und mein Onkel hat sich gestern Abend betrunken, weil ihm so viele Menschen an diesem Abend fehlen.
Irgendwas läuft schon schief :/ aber ich sehe eine Menge Glitzern und Strahlen. Vielleicht bin ich da aber auch zu einfach gestrickt...ich weiß langsam auch nicht mehr
Als Kind beim Weihnachtsliedersingen, da fühlte ich es noch, wie der Schnee leise fällt, die Ros entsprungen ist und die Nacht war still und heilig. Von diesem Gefühl ist etwas übergeblieben..sie sind in einer Ecke noch vorhanden. Doch wer singt heute noch Weihnachtslieder und vor allem wer fühlt sie noch wirklich?
Liebe Grüsse
Viele Liebe Grüße JOE
du hast da ein paar Dinge für dich gut erkannt! Wenn dir weihnachtliche Rituale nichts geben, solltest du auch auf sie verzichten. Andererseits muss man nicht alles lassen was anderswo getan oder gar übertrieben wird.
Dass man an Weihnachten besonders lieben soll ist natürlich Quatsch. Entweder man liebt oder man tut es nicht. Scheinheiligkeit wäre da schlimm!
Nun ist es aber für viele Menschen so, dass sie diese Rituale mögen und deshalb auch pflegen! Das Beispiel des Familientreffens ist eines davon. Sicher kann und soll man die Familie oder Freunde auch außerhalb der Weihnachtszeit sehen, wenn man sich mag, wird man das sicher auch tun, aber diese Feiertage bieten sich dazu an, weil die meisten von uns nicht arbeiten müssen und so ist ein Treffen aller einfacher zu organisieren. Also hat das auch Vorteile! Damit das alles stressfrei und mit einem guten Gefühl sein kann, liegt immer auch an uns selbst.
Einen Tannenbaum hätte ich keinen gebraucht, doch meine Familie bestand darauf. Es war dann trotzdem sehr schön ihn zusammen mit meiner Tochter zu schmücken. Die im Übrigen das Lametta auch schon auf dem Kopf hatte... *lach*
Im Grunde sind wir selbst schuld, wenn wir uns mitreißen lassen von der Hektik und dem Konsumdenken. Es liegt allein an uns das zu ändern. Für uns gehört z.B. dazu, dass es an keinem der Weihnachtstage opulente Speisen gibt. Es gibt Leckeres, aber maßhaltig, so dass nicht hinterher tagelang „Reste“ verzehrt werden müssen oder jeder Gast mit einem „Freßpaket“ nach Hause geht.
Man könnte diese Reihe endlos fortsetzen…
Noch eins zum Krippenspiel: Da warst du jetzt ‘n bissel unfair, gell? *schmunzel* Teenager sind immer geniert, wenn sie so tun sollen, als wären sie jemand anderes…
Aber dass dort keine Toilette war, find ich krass. Da wär ich auch gegangen.
Ein schöner, offener Eintrag von dir!
liebe Grüße