jung und desillusioniert - reloaded

31.10.2006 um 20:35 Uhr

Obacht bei Nacht

von: Kuhmilchrockt   Kategorie: In eigener Sache

Mit einem riesigen Jutesack neuer Erfahrungen, Bekanntschaften, fixer Ideen und Infektionskrankheiten kehrt die Kolumnistin aus der Hauptstadt zurück und findet: Wir alle leben doch eh nur in einem Vorort selbiger.

Schulden hin oder her, es ist jedoch einfach nicht fair, den von bunten Lichtern geblendeten, den Gehsteig besabbernden Noch-Abiturienten, wenn sie gerade von ihrer zukünftigen WG in Prenzberg träumen, den Twingo unter dem Popo wegschleppen zu wollen. So geschah dies leider dem besten Freund Flo, der an dieser Stelle ausdrücklich auch mal wieder mit einem kleinen Lobgesang bedacht werden sollte. Entzündet Feuerwerke und Kerzen! Werft Kränze von Herzen! Abschleppgebühren schmerzen!

Jetzt rotzfrech von der Leber weg und über den Durst zu behaupten, wir hätten nur Schnupfen und einen leeren Geldbeutel aus Berlin mitgebracht, schickte sich aber ebenso nicht. Schließlich wissen wir alle, warum uns diese seltsame Agglomeration da oben im Nordosten so fasziniert. Das Spaß-haben wird simplifiziert. Eigentlich braucht man dazu nur eine Hand voll nette Menschen um sich herum, die es mit Vernunft und Ordnung und so abgedroschenen Wertvorstellungen nicht so ganz genau nehmen.

Auch die Clublandschaft ist sehr zu preisen: Eine exemplarische Nacht lang verlor die Kolumnistin vor lauter guter Musik um sich herum den Kopf und ihre Mitstreiterin die Zähne. Obacht bei Nacht.

Vom vielen U-Bahn-Plan-Studieren, durch-regennasse-Straßen-und-urinnasse-Tunnel-Laufen und den-Schein-wahren ganz übermüdet und angestrengt, gönnen wir uns nun in dieser gruseligen Nacht einen schönen Nervenkitzel und trauen uns todemutig mal wieder mit der Schuhspitze in die Dorfdisse. Vielleicht können wir dort unsere berauschten Körper wieder vereinklangen.

28.10.2006 um 13:37 Uhr

Arm an Geld, reich an Erfahrung

Was tut man, wenn man sich als kleiner Mensch in einer großen Stadt befindet? Sich zwei Minuten nach der Ankunft erschöpft auf eine Parkbank niederlassen und den Rest des Tages damit verbringen, so doof wie möglich aus der Wäsche zu gucken.

Die geistige Bewegungsfreiheit in fremden Städten wird ja meistens schon durch elementare Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt: Da gibt es schon gewisse Codizes, an die man sich als weltoffener Globalisierungsbefürworter zu halten hat.

Erste Regel: Auf keinen Fall den Anschein erwecken, dass man hier nicht zuhause ist. Touristenimage ist absolut out und passt absolut schlecht zu Streifenshirt und Lederjacke. Fotos werden, wenn möglich, nur nachts und dann ohne Blitz gemacht. Verstecken Sie sich auf öffentlichen Toiletten, falls Sie der Versuchung erlegen sollten, jetzt ganz dringend Ihre nächsten Verwandten nach der Erbfolge ausfragen zu müssen (dies nur am Rande).

Zweite Regel: Haben Sie auf keinen Fall Spaß!! In Clubs geht nur, wer keinen halbbekifften Freundeskreis gitarrespielend bei sich in der Studenten-WG rumsitzen hat. Um Peinlichkeiten zu vermeiden, gehen Sie einfach früh ins Bett und träumen Sie vom nächsten Kreuzberger Charity-Event zugunsten dreibeiniger Hunde, deren Untergrundmusiker-Herrchen auf dem Weg zum Kippenautomat vor die U-Bahn gelaufen ist.

Versuchen Sie bitte darüber hinaus auf keinen Fall, anders zu sein oder mit spontanen Gedichtlesungen aus der Lyrik des 19.Jahrhunderts auf dem Gehweg zu überzeugen. Hier anders zu sein, ist etwas sehr gewolltes, kann also letztlich nur in Einsamkeit und Verzweiflung enden. Sie werden sich bei Trinkspielchen in Ihrer Studenten-WG ertappen und feststellen, dass diese ganzen hippen Regeln Sie davon abgehalten haben, sich den Berlinurlaub als etwas vorzustellen, was sich finanziell evtl. irgendwann einmal rentiert hätte.

Für Korrekturen habe ich nun leider keine Zeit mehr, da ich mich ganz schnell ins Großstadtgetümmel stürzen muss und so unauffällig wie möglich Preisschilder in schicken Indieläden umdrehe.

26.10.2006 um 17:00 Uhr

Wiedersehen in Berlin

von: Kuhmilchrockt   Kategorie: In eigener Sache

Nun ist es bald soweit: Nur noch einmal schlafen, dann weilt die Kolumnistin wieder in ihrem Lieblings-Party-People-Komische-Frisuren-und-Lebenseinstellungen-Melting-Pot: Berlin. Die Hauptstadt umschließt uns mit ihren mütterlichen Armen und wird für fünf schöne Tage der Ort sein, wo ich atme (muss mal wieder sein), schreibe, peinliche Fotos mache und vielleicht ab und an ein kleines befreites Jodeln hören lasse.

Hauptstädte sind toll. Schummrige Plattenläden mit Verkäufern, die den "Ich-weiß-mehr-von-Musik-als-du"-Blick nicht mal zum Duschen ablegen, genervte Einheimische, die uns mit einem freundlichen "Scheiß Touris" sanft den Ellenbogen zwischen die Rippen pfeffern, das Geräusch der U-Bahn beim anfahren, was Unerfahrene schon mal kurzzeitig mit der Wange am Fenster kleben und alle Beteiligten hektisch darauf hinweisen lässt, dass sie demnächst stürben. Und, zugegeben, das Nachtleben.

Nirgendwo kann man mit dem Pudernäschen so gut in Subkulturen herumstochern wie in Hauptstädten. Da laufen einfach so Indiemädchen, Hartmetaller, Untergrundgitarristen, Zigarettenschnorrer, Hausfrauen, Arbeitslose, Bushidos UND Kolumnistinnen rum, ohne sich die Köppe einzuschlagen. Nein ganz im Gegenteil: Beherzt nehmen sie sich in die Arme, tun familiär und teilen sich ritterlich ihre BVG-Tickets. Rührend, oder nicht?

Falls Sie nun alle ganz doll Lust gekriegt haben, auch mal wieder einfach mal alle Leute von oben herab anzugucken: Zählen Sie noch mal schnell alle Ihre Schlüpfer und schnappen Sie sich alsbald ihr D&G-Köfferchen aus dem letzten Türkeiurlaub. Man sieht sich dann.

21.10.2006 um 10:29 Uhr

Voll-Krass-Mucke

Musik: Von der Skyline zum Bordstein zurück und komm bitte nie wieder

Wir haben ein Unterschichtenproblem! Bravo, liebes statistisches Bundesamt! Wie das mit Tatsachen immer so ist, über die eigentlich jede Gemüsenrübe Bescheid weiß, mussten erst die Herrn Wissenschaftler in ihre ergonomischen Treter schlüpfen und die Sache sozusagen in die gummiummantelte Hand nehmen, bevor sie endlich öffentlich anerkannt wird. Forscher möchte man sein.

Unterschichtenproblem papperlapapp. Was ist denn mit dem Unterschichtenproblem gekommen und hat uns den Baseballschläger über die Künstlerseele gezogen? Das Unterniveaulöser-Musikgeschmack-Problem!

Es ist ja auch verständlich, dass man sich im Märkischen Viertel eben an das hält, was man versteht, was man praktisch schon mit der Muttermilch eingesogen hat. Das könnte man sagen, wenn die Zielgruppe Mütter hätte. Besser böte sich an: Was man schon vom Vater eigeprügelt bekommen hat.

Nein, so kann man das auch nicht sagen. Lyrisch gesehen sind die Texte bekannter deutscher Sprechgesangler ja doch auch irgendwie anspruchsvoll. Um nicht nur das essenzielle zu verstehen, also die Fäkalsprache und die Frauen verachtenden Pointen, sollte man die Hauptschule nicht unbedingt schon nach der Siebten abgebrochen haben. Und was noch wichtiger ist: Man sollte überhaupt wenigstens ansatzweise Deutsch sprechen können, was heutzutage im Zentrum der sozialen Höllenglut nicht unbedingt selbstverständlich ist. Was für ein Glück, dass von Zeit zu Zeit auch Künstler den Markt bereichern, die ihre Texte auf aserbaidschanisch-serbokroatisch-türkisch schreiben. Wenn sie das denn können.

Tu doch was, du unsere allerliebste höchste Bundesregierung! Hallo?

Ich glaub die sind grad alle auf Klassenfahrt.

19.10.2006 um 21:17 Uhr

Mehr überschlaue Kolumnisten braucht das Land (Ich gefalle mir in dieser Rolle)

Mein Computer komplottiert gegen mich. Bis eben wollte er mir nicht erlauben einen Eintrag zu verfassen.

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, das wäre wohl auch besser so gewesen. Die Kolumnistin ist ziemlich betrunken und weiß vor lauter Buchstaben nicht, wo denn die Bäume in diesem Wald stehen... äh... ist auch egal.

Der Alkohol ist der Vater des Schwermuts, sagt man. Nein, eigentlich sagt man das nicht. Diesen wunderschönen Aphorismus hat sich die Kolumnistin soeben selber ausgedacht. Oder der Alkohol im Gewand der Väter von Dichtern und Denkern. Würde auch ne gute Figur abgeben, der Sack.

Ich kann nur empfehlen, insbesondere allen Musikern und Musikliebhabern, an welche sich diese Kolumne wendet: Baileys selber machen (oder jedenfalls sowas ähnliches). Knallt Ihnen echt die Birne weg und verschafft Ihnen unverhofft vielleicht sogar einmal den Kuss von Muse Martina Lampowskaya aus Unterhüttelsbach-Kleinhofen-ob der linksdrehenden Kulturjoghurt. Und hier das Rezept:

Ein bisschen Puderzucker (so zwei bis 45 Teelöffel)

Kakao (dito)

Ein ordentlicher Mantscher Saure Sahne

Pfirsichsaft (der aus den Konservendosen)

und das wichtigste: soviel Williams Christ Birnenschnaps, wie Sie das für das Wohl Ihrer Künstlerseele für notwendig halten.

Nun noch ordentlich shaken und fertig ist das Kolumnisten- und Literateusen-Getränk erster Güte. Ich nenne diese Kreation ganz schlicht und musikalisch "Blueseys". Jetzt sagen Sie alle doch noch mal, für wie originell Sie das halten!! (Oh nein, ich provoziere geradezu skandalöse Kommentare!)

15.10.2006 um 12:24 Uhr

Daheim im Moshpit

Ja, sie sehen richtig: Es ist nun wieder die grandiose Zeit herangekommen, da mich die Kunst dienstbeflissen am Ärmel zupft und ruft: Drück deinem gebeutelten Weblog doch mal wieder einen Beitrag aufs Auge.

Am Vortag hatte die Kolumnistin, selbstverständlich immer mit Notizblock und Kuli im Brusttäschchen für die gute Sache unterwegs, das unschätzbare Vergnügen, einem Konzert mehrerer hiesiger Todesmetaller-Combos beizuwohnen.

Mit den Todesmetallern ist das so eine Sache. Wenn die von der Kunst am Ärmel gezupft werden, kommt hinten (das heißt, eigentlich vorne: aber das ist bei Vertretern des Genres ja ohnehin schwer zu unterscheiden) meistens wenig Qualität und viel Quantität heraus, wobei sich Qualität auf Melodiösität und Quantität auf fledermausige Ächz- und Gebärlaute bezieht.

Vor ein paar Jahren, als der Untergrund der Musikgeschichte größtenteils Mumpitz produzierte und gelangweilte Jugendliche sich die Zeit mit Massensuiziden vertrieben, mag das ja noch ok gegangen sein, denn dieser Mumpitz ist unter dem ganzen anderen Mumpitz nicht sonderlich aufgefallen. Doch seit es hip geworden ist "irgendwie anders als die anderen Kinder" zu sein, feiern Gothen, Todesmetaller, kommunistische Französisch-Lehrer und andere schwarz gekleidete Gestalten als schrullige Schwester des Gutmenschenrock ihre Auferstehung.

Das Wort "Auferstehung" erinnert mich an dieser Stelle ein wenig an Ostern. Warum also nicht eine zickige kleine Kampagne ins Leben rufen, die in grünen Karohosen vor Rathäusern rumlungert und Matetee-trinkend die Umbenennung von Ostern in "Ghostern" fordert? Ich finde, an dieser Stelle müssen sich die normalen Menschen mit den komischen Menschen (pardon, ich glaube sie haben es lieber, wenn man sie "Stilbruchaffine Langhaarige mit einheitlichem Kleidungscode" nennt) solidarisieren. Auch die Unverstandenen dieser Welt wollen mal einen Tag lang nur entspannen und sich auf ihre nächste Stimmbänder-Transplantation vorbereiten. Daher stimme ich für einen Feiertag nur für Todesmetaller.

10.10.2006 um 22:04 Uhr

Musikanten suchen ein Zuhause

Nichtigkeit und Leere wallen mit stratonimboser Grazie über den Garten meiner Welt. Denn zu dieser meiner größten Bedäuerlichkeit werde ich den Auftritt einer befreundeten Band am Wochenende verpassen.

Seit gut einem Jahr ist das Schaffen der populären Murky Moon nun schon in Stöckelschuhen an mir vorbeigeschlichen. Ergo würde die Kolumnistin nichts brennender interessieren, als Fortschritte der Jungs (zu denen sich fast alle Bandmitglieder zählen) am lebenden Objekt mitverfolgen zu können. Doch dazu wird es nicht kommen.

Das ist wirklich schade und wird auch zunehmend schader, wenn ich bedenke, was mir da entgehen will. Zumal auch die Sängerin von einem Gesangstalent kaum zu unterscheiden ist. Nun ja.

Bitte googeln Sie nach dieser gut gemeinten Werbung nun alle fleißig diese Kapelle, und laden Sie sie auf ihre nächste Tupperparty ein. Gerne zieht auch das ein oder andere Bandmitglied bei Ihnen ein, wenn sie Fernwärme und DSL-Anschluss anzubieten haben. Füttern Sie sie gut und stopfen Sie Ihnen regelmäßig die Socken, dann werden Sie lange viel Freude mit Ihrem persönlichen Murky Moon-Mitglied haben.

06.10.2006 um 19:40 Uhr

Das Drama-Jahrzehnt

Falls jemand meiner Interessenten zufälligerweise beruflich einer DJ-Tätigkeit nachgehen sollte, möge er mich bitte sofort widerlegen, wenn ich nun rotzfrech behaupten muss: Ohne dass wir es mitbekommen haben, sind wir mit den Pfennigabsätzen in das Jahrzehnt des DJ-Dramas gestolpert und werden dort ohne fremde Hilfe nicht so leicht wieder herauskommen und notärztliche Behandlung erwarten dürfen.

Ich bitte Sie, niemand spricht von der szenigen Szenelandschaft in szenigen Großstadtszenen. Der Opa brennt dort im Schaukelstuhl, wo DJs mit drolligen Zusatznamen wie "Gebüsch" (tatsächlich existent) oder "Schreibtischlampe" (eher weniger existent) die Plattentaschen schultern und zielstrebig die Decks der Dorfdisse ansteuern. Nach guten zwanzig Minuten Aufenthalt steht dann auch ab und an mal die Frage im Raum, wann den nun "DER DJ" kommt und seine Stammtischbekanntschaft, die dort oben offensichtlich an den Reglern steht und ihn vertritt, die Mücke macht. Und dann das Erwachen: Das IST der DJ!!

Wie schreiben sich wohl Stellenanzeigen, die professionelle Musikdreher werben wollen? "Suchen wuchtigen, nicht besonders attraktiven Mitt-Vierziger, der sich vage in den Bereichen Nu-Metal und Ska auskennt und ab und zu für die armen verstörten Indie-Mädchen ein paar halbmainstreamige Partykracher runtereißt, damit die nicht anfangen mit ihren Augenringen vor lauter Langeweile Zielwerfen zu spielen."? Da diese Beschreibung auf schätzungsweise die Hälfte aller männlichen Bundesrepublikaner zutrifft, ist die Trefferquote denn auch ziemlich hoch. Verständlich also, dass lange Einstellungstests von Nöten sind, um die Creme de la Creme der Zunft zweifelsfrei zu identifizieren und an die nächstbesten Turntables zu ketten. Ob die wollen oder nicht.

Wenn man als Besucher eines solchen Clubs aufgehört hat, sich über die Egotour des DJs aufzuregen und Barinventar zusammenzuschlagen, hat man Zeit nachzudenken und kommt zu dem Schluss: Früher wollten DJs entertainen, waren geradezu gepimpte Versionen von Mutter Teresa, gaben jedem subkulturellen Geschmack seine Existenzberechtigung und beglückten musikalisch gesehen alle Bevölkerungsgruppen auf  Erden, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was sie sich jetzt selber gerne hinter den Wanst ziehen würden. Heute ist das umgekehrt.

Das in Insiderkreisen sogenannte achtzehnte Weltwunder hat mich bis heute noch nicht losgelassen und beschäftigt meine Gedanken beim trauerklößigen Rumhängen an der Theke jedes Mal wieder: Warum zur Hechtsuppe, landen die wirklichen Hits, die man als Indieaner schon ewig im mit Schüsseln und illegalen Antennen und unter Knarzen und Brummen herangesogenen französischen Radio mitbrüllt erst mit halbjährlicher Verspätung in den Dunstkreis der DJs? Gibts da ne geheime US-amerikanische Behörde, die mit schwarzen Sonnenbrillen ausgestattet Dj-Handtaschen durchwühlt und nach dem Grad der Mainstreamigkeit entscheidet, was junge Menschen zugemutet werden darf und was nicht?

Wo bleibt der heiße Scheiß, der uns den Barhocker unter der Röhrenhose wegglitschen lässt?

05.10.2006 um 16:54 Uhr

Entscheidungsproblemateure

Manche Menschen können sich einfach nicht entscheiden.

Es gibt Schauspieler und es gibt Schaumacher. Schauspieler spielen schau, was nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass sie das auch gut machen. Schaumacher spielen zwar auch schau, machen aber gleichzeitig noch Dinge, die ihre Berufsbeschreibung ursprünglich nicht vorgesehen hatte. Zum Beispiel Musik. Ebensogut könnte man Schaumacher also auch als Musikspieler bezeichnen oder man lässt es einfach sein, sich über sie Gedanken zu machen.

Gestern nun blieb ich beim Zappen durch den Urwald des Grauens, besser bekannt als die allgemeine Tv-Landschaft (engl: The General TV-Countryside) , am Vorspann eines waschechten Neunziger-Jahre-Horror-Schockers, den mir meine Fernsehzeitschrift plump als schnöden "Thriller" verkaufen wollte, kleben und stolperte genau dort über den Namen einer gewissen Juliette Lewis, einer Schaumacherin, heutzutage eher weniger filmisch als musikalisch mit ihrer Band Juliette und die Leckaffen (engl: The Licks) unterwegs (nicht: Lackaffen, engl: The Lacks). "The 4th Floor - Haus der Angst", ein absoluter Üüüberkracher (engl: Overcracker) übrigens, der nur deshalb nachts auf Kabel 1 läuft, damit er so richtig schön underground bleibt, überzeugt den geschmackvollen Cineasten reichlich schnell davon... dass es gar nicht mal so dumm ist, wenn sich Juliette jetzt öfter mit den Leckaffen als in drittklassigen Leinwandschrecks herumtreibt.

Und da ist die gute Frau schon wieder eine Ausnahme. Niemand würde z.B. Jennifer Lopez entgegenrufen: Tu das, was du am besten kannst, sing!! Oder, auch wenig realistisch aber immer noch wahrscheinlicher: Tu das, was du am besten kannst, schauspiele!!

Außerdem schafft die Band als erste das perfekt, was die anderen noch nicht mal schaffen wollten, weil sie die Notwendigkeit dazu schlichtweg nicht erkannten: den Generationenaustausch im Spagat. Muttern kennt die Frontfrau aus dem undergroundigen Abendprogramm der Kabel 1-Schinken, das Kind aus der Indiedisse. Bitte also nicht wundern, wenn sie demnächst aus der Nachbarwohnung Rufe hören wie:

"Guck doch, Klaus-Dieter! Die kenn ich doch aus dem undergroundigen Abendprogramm!! Die hat doch immer in so Kabel 1-Schinken gespielt!!" (engl: tba.)

 

04.10.2006 um 21:02 Uhr

Richtigstellung

Stimmung: ziemlich aufrichtig

Diese unsere Meinungsfreiheit ist überall da fehl am Platze, wo sie liebe Menschen mit vorschlaghämmerlicher Gewalt trifft. Deshalb muss ich da wohl was richtig stellen. Und im Übrigen bitte ich den humorigen Stil zu entschuldigen, der nur verhindern soll, dass auch noch mein letzter Leser den Lemming macht.

Damit aus dem markenrechtlich geschützten besten Freund Flo (einer Bezeichnung, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie A) auf Gegeliebe stößt und B) nicht eher einseitig ist) nicht vielleicht bald ein "Freund Flo" mit copyright, oder, was noch schlimmer wäre, ein Bekannter xy wird, an den ich noch dazu keinerlei rechtliche Ansprüche stellen könnte, gilt es nun, folgendes Statement zu beachten:

Langzeitstundenten sind toll! Sie wissen, für was es sich zu leben lohnt, haben im Gegensatz zu im Hotelgewerbe angestellten Kolumnistinnen sehr oft Zeit, ausführlich mit ihren Freunden zu telefonieren, und werden dem Staat dank Studiengebühren demnächst auch nicht mehr auf der Tasche liegen. Es gibt also nichts dagegen einzuwenden, sich seinen eigenen, persönlichen Langzeitstudenten zuzulegen. Und das wichtigste wäre mir beinah durch die Hirnlappen entwischt: Sie haben einen prima Musikgeschmack, in dessen Genuss ich immer mal wieder indirekt dank bestimmter bester Freunde komme.

Und - Überraschung! - natürlich finde ich all das toll, was die Libertines und Bosse und Fehlfarben und all die anderen Trauerkappellen jemals produziert haben. Die krame ich dann demnächst hervor (dann kippelt mein Tisch zwar ein bisschen) und weine dazu über verlorene Freunde. Und natürlich bewahre ich keine CDs unter Tischbeinen auf, sondern, wie jeder andere gepflegte Musikliebhaber, im CD-Regal.

03.10.2006 um 16:39 Uhr

Es war einmal: Ein Traum

Ich versuche gar nicht erst, gegen den Strom zu schwimmen. Ich weiß schon, von mir wird erwartet, dass ich so richtig derbe meinen Senf zum heutigen Freudentag hinzugebe. Das Brandenburger Tor glitzert mir praktisch aus den Pupillen.

Für alle, denen immer noch nicht aufgegangen ist, warum sie sich heut morgen noch mal zwei bis fünf Stunden rumdrehen konnten und die, als sie ehrenvoll ihrem Tagwerk nachgehen wollten, feststellten, dass der Banktresor zeitschlossgesichert war und auch niemand hinterm Tresen saß, den man hätte schnittig bedrohen können: Ganz Deutschland ist feiern gegangen! Will heißen, ganz Deutschland hat sich zum Kaffeetrinken in der Schweiz getroffen und hinterher eine Runde extra vom Nummernkonto springen lassen.

Die Einheit ist's, die uns das Wasser in die Schweißdrüsen treibt: Was haben wir ihr nicht alles zu verdanken.

Ja, ok, allen, die ich jetzt lautstark "Sachdochmal!" aus der letzten Zuschauerecke blöken höre, sei gesagt: Silbermond, Tokio Hotel UND: Detlef D! Soest. Da springt Ihnen die Kuchengabel übers Parkett, was? Und irgenwie lässt das ja schon wieder Sympathie für die ehemalige DDR aufkeimen. Was bei Erich Auftrittsverbot und lebenslang Bautzen gekriegt hätte, lassen wir in der freien Wildbahn herumspringen. Ach so ja, Silbermond hätten dafür ja noch nicht mal umziehen müssen.

Doch zum Glück fiel der eiserne Vorhang. Ein kalter Krieg ist vorbei, der nächste hat schon begonnen. Wir erkennen uns gegenseitig als Brüder und Schwestern und vergessen getrost, dass uns bis eben noch "Schrei!!!!" oder "Rette mich!!!!" auf der schwarzrotgoldenen Zunge lag. Und auch, dass kontextspezifisch bald eine Platte namens "Give Me A Wall" in meinem Briefkasten liegen wird.

02.10.2006 um 21:38 Uhr

Und außerdem:

Ich bin rückfällig geworden!! Habe mir heute nachmittag "Give me a wall" von iForward Russia! bestellt. Aber darüber sprechen hilft ja meißt auch schon. Oder schreiben. Gebt mir eine Mauer, die mich von meinem Plattenladen fernhält!!

02.10.2006 um 21:21 Uhr

Im Jammertal

von: Kuhmilchrockt   Kategorie: In eigener Sache

Ich leide unter einem ganz elementaren Problem: Mir ist langweilig. So wie auf einem Depeche Mode-Konzert. Ich höre Lieder, die „Paul ist tot" heißen, das sagt doch wohl alles. Erinnert ein bisschen an „Le coq est mort". Ich muss mich langsam auch fragen, ob all die sogenannten Menschen, mit denen man über nah oder fern in einer Beziehung steht, nicht auch alle tot sind. Oder wenigstens in den Armen von Langzeitstudenten dahingammeln statt mit mir um die Häuser zu ziehen. Wo doch jeder weiß, dass Montags abends die Welt nur so glitzert und glämmert vor lauter Vergnügungsunternehmungen. Man könnte zum Beispiel Tanken fahren und dann wegen der Benzinpreise solange hyperventilieren, bis man in Ohnmacht fällt. Und dann sieht man Sternchen, was ja auch schon wieder irgendwie launig ist.

Wenigstens kommt jetzt im Radio grade das eine Lied aus der Ipod-Werbung (ja, die schon wieder). Traurige Sache das. Ich meine, dass so viel gute Musik in irgendwelche Backrounds von irgendwelchen uninteressanten Foregrounds gelegt wird. Aber darüber gab es an dieser Stelle ja schon mal einen Beitrag, deswegen will ich jetzt nicht schon wieder anfangen zu jammern.

02.10.2006 um 14:34 Uhr

Der Zeitgeist auf dem Scheiterhaufen

Sich von sich selbst angewiedert den Vokuhila ins Gesicht kämmen, die Kutte drüber ziehen und sich ganz laut schämen müssen alle, die mit großen musikgeschichtlichen Meisterplatten nichts anfangen können. Selbstverständlich kennt man die Cover aus der Ipod-Werbung, muss sich in der Presse vollfachsimpeln lassen. Man wedelt mit Ketzerbeil und Harpune und bezeichnet mich lauthals schreiend als Pseudo-Indieander.

Nun gut. Bester Freund Flo™ hat mich noch ein letztes Mal vor dem Scheiterhaufen bewahrt, indem er mir quasi imperativ ein Libertines-Album ins Auto legte. Ich warte immer noch drauf, dass sein Hologramm aus der Hülle hervorsteigt und mir ins Gesicht brüllt: Anhören!! Gefallen!! Konnte mich nun endlich dazu überwinden, es den Player von innen anschauen zu lassen. Nicht dass ich was gegen die Großväter der anglophilen Schunkelmusik habe... aber ich hätte mir das irgendwie anders vorgestellt. Mehr so mit "ach ja bis auf Geschlechtsverkehr und Drogen ist alles scheiße auf der Welt und überhaupt braucht ihr gar nicht so doof zu gucken, ja, das bin ich, der Pete, und später lege ich die Rimmel-London Kompanie flach und wedle dem NME mit der Cognacflasche vorm Gesicht rum". Viel zu jazzy, viel zu country, zu viel Wiener Kaffeehaus-y.

Aber zum Glück gibt's ja noch andere Ungerechtigkeiten auf der Welt, über die man in aller Ruhe unbeachtete Weblogs verfassen kann. Zum Beispiel warum die Hidden Tracks ausgerechnet immer die Besten sind? Und wenn man nach zwanzig Minuten Funkstille schon längst eingeschlafen ist, drögeln die über den Lautsprecher und beim Aufwachen lässt einen das Gefühl, etwas verpasst zu haben, nicht mehr los. Oder warum sich so viele Bands deutscher Vokabeln in Albumtiteln bedienen, damit es möglichst lächerlich klingt ("All Roads Lead To Ausfahrt, I Killed The Zeitgeist, na ja und das Franz Ferdinand - Gedöns, was ja noch verständlich ist)? Na toll und jetzt fehlt mir auch noch eine passende Schlussbemerkung. Goodbye Kreativität.

01.10.2006 um 14:55 Uhr

Moderatorengenozid

Ja! Es ist Oktober. Da muss ich mit einem netten kleinen Eintrag natürlich sofort eine Farbveränderung im Kalender (siehe links) hervorrufen.

Und da kommt auch schon der erste Schock um die Ecke gehechtet, achtung festhalten, Gasmasken und Antiterrorausrüstung bereithalten: MEHR ALS DIE HÄLFTE DER JUNGEN MUSIKKONSUMENTEN IN UNSEREN LANDEN FINDET MUSIKFERNSEHEN DOOF!! Damit konnte einfach niemand rechnen. Dieser Schlag kam zu plötzlich und zu heftig, sage ich ihnen! Appell an die Bundespresseagentur hiermit: Nachrichten bitte in Zukunft abgemildert und scheibchenweise unters Publikum streuen. In etwa: "In Deutschland gibt es jede Menge Jugendliche. Die hören manchmal ganz gern fetzige Musik. Etwas weniger als die Hälfte dieser Menschen findet Mtv und Viva richtig klasse. Dies bestätigten der Redaktion auch Crazy Frog (38) und Tweety (25)" Die Klingeltonwerbung hat schon zu viele klinisch tote Opfer gekostet, jetzt müssen wir nicht auch noch die Massenselbstmorde von Konzernchefs und Plattenbossen hinnehmen!!

Im Ernst: Ohne Musikfernsehen ginge der Arbeitsmarkt erst recht den Bach runter. Quasi das Auffanglager rotweintrinkender Buchhalterinnen mit durchschnittlichem Deutsch-Abi, ist z.B. Mtv aus dem unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wer möchte in Zukunft schon von Nora Tschirner an der Norma-Kasse mit einem freundlichen "Kleingeld dabei?" begrüßt werden? Wer möchte seine Kinder Grundschullehrer Kavka anvertrauen, der Schulstunden mit "Hamwawiedawasgelernt" abmoderiert? Und wer zum Hengst möchte, dass all die vormals Geknechteten der armen Arbeitslosigkeitspionierin Kuttner die Gelegenheitsjobs wegnehmen??? Na also.

Was übrigens auch überrascht: 64% der Zielgruppe haben von wackelnden Ärschen und Bling-Bling die Nase gestrichen voll (wenn diese mal nicht grad anderweitig zum Einsatz kommt), wollen mehr Punk und Schwermetall. Tipp in diesem Sinne: Sich einfach mal von den großen weltpolitischen Fragen zurückziehen und Freizeitnihilist werden.