jung und desillusioniert - reloaded

17.10.2014 um 17:09 Uhr

Machen Se keen Mumpitz und bleim Se jesund wa

Musik: gibt's dazu auf jungunddesillusioniert.blogspot.com

Natürlich sollte ich jetzt eigentlich arbeiten. Wie jeder vernunftbegabte Mensch verdiene ich mein Geld brav angekettet in einem Job, der meine Kreativität von 9 bis 6 hinter automatisch schließenden Jalousien verwahrt. Ich weiß schon und ja – ich höre mir selber zu. First World Problems, oh Gott, ich habe Arbeit und genug zu essen, bin gesund und wohne angenehm, aber leider, leider spinnt mein Kopf sich eine ganz andere Realität zusammen und damit komme ich weißer Wohlstandsarsch nicht zurecht, weil die Kluft ja oh so DEEP ist. Kotz.

Die Arbeit mit etwas angenehmen verbinden heißt für mich: Kopfhörer auf. Ganz erhlich: Wie bitte können sich Leute beim Musikhören konzentrieren? Ich ertappe mich alle fünf Minuten dabei, wie ich schon wieder der Welt mein neu entdecktes Schätzelein auf Twitter, Soundcloud und Co. mitteilen möchte, damit auch ja jeder weiß, was ich gut finde (warum ist uns das wichtig?), Trackrecherche betreibe (was ja leider bei der elektronischen Musik irgendwie zum täglich Brot gehört) oder, Sie sehen selbst – kolumnistisch tätig werden muss. Ein Absatz nur, dann wieder Wissenschaft, dann wieder ein Absatz, wieder ein bisschen Wissenschaft. Das reicht meist schon, um den Geist wieder zu erden. Oder zu himmeln. Wäre ich doch mal so produktiv wenn es um Datenanalysen und den Entwurf fürs erste eigene Paper geht.  Mit Schreiben hat das ja auch zu tun.

Stattdessen zuckt das Tanzbein, es starren die Augen Zügen hinterher (mein Schreibtisch guckt auf die S-Bahn) und auf dem Kopf steht „vor Verzehr kräftig schütteln“. Und dann fallen ja auch die Blätter so lustig. Ich hab mir sogar eines eingesteckt, dass trockne ich in einem Lehrbuch und klebe es mir dann an die Backe. Mit Wissenschaft hat das allerdings nur im entferntesten Sinne zu tun. Work-Life-Balance heißt das Zauberwort, das allen entfläucht, wenn sie sich um 5 nach Hause schleichen. Und das ist gut so.

Hören wir also auf, uns unnötig Vorwürfe zu machen, wenn die Kollegen noch fleißig sind, während wir die Füße in die Haus- oder Ausgehschuhe stecken. Es ist schließlich nicht so, also ob uns irgendetwas von dem Papierkram, den Analysen, Präsentationen und den Mails davonliefe. Und die Vorgesetzten werden von diesem temporären Schlendrian nichts mitbekommen, so lange Sie ab und an gute Arbeit leisten. Und das, behaupte ich frech, können wir schließlich alle von uns sagen. Außerdem treten wir das Hamsterrad gleich noch mal schneller, wenn der Kopf ausgeruht ist. (Außer, Sie haben es am Wochenende mal wieder übertrieben.)

Auf die Gefahr hin, dass ich mich anhöre wie Pfarrer Fliege (Kennt den noch jemand?): Bleiben Sie gesund.