jung und desillusioniert - reloaded

17.11.2014 um 20:44 Uhr

Früher Abitur, heute endlich on Tour!

November! Draußen pfeift der Wind und im Kopf der Glühwein! Zeit, sich in die Decken zu ducken und eine ordentliche Gemütlichkeitssalve loszulassen. Mitnichten! Dachten sich auch meine Vorgesetzten und schickten die Kolumnistin beinah zwei Wochen lang auf Reisen.

Zweihundertdrölfzig KM/H. Ich gucke schnell wieder weg, denn die Geschwindigkeitsanzeige und das Wackeln der Kabine machen mir Angst. Ich sitze im Hochgeschwindigkeitsverkehrsmittel der Deutschen Streik AG und freue mich, dass ich transportiert werde. Aber ich hasse leider Geschwindigkeit und, wie alle vernünftigen Menschen, meide ich das Flugzeug. So versuche ich 4 Stunden lang etwas für meine Leserschaft ins Muttiheftchen zu kritzeln und angestrengt nicht an Eschede zu denken. Reisen ist schon eine tolle Sache: Man trifft Menschen und lernt neue Dinge kennen - sprich: macht alles, was ich normalerweise tunlichst vermeide. Richtig großes Kino wird die Reise, wenn man sich auf der Fahrt zum Berliner Hauptbahnhof durch Zillionen Verrückte schaufeln muss, die aus irgendeinem Grund total ergriffen dem Abflug von 20K weißen, umweltfreundlichen Ballons beiwohnen. Vor 25 Jahren gab es auf dem Weg von Ostberlin (wo ich wohne) nach Westberlin (wo der Zug abfährt) eben auch "Hindernisse". Warum nicht zelebrieren und die Grenze zum Gedenken noch mal zustellen? Letzten Samstag hätten Sie mich sehen sollen, wie ich mit hochrotem Kopf im Bus zum Bahnhof sitze, in letzter Sekunde den ICE Richtung deutsche Provinz erklimme um dann mit fremden Menschen um den Sitzplatz prügelnd langsam innerlich auszurasten. Ein. Fest.

Natürlich wäre es mir ebensowenig recht, wenn wir 50 fahren würden, zumal die freundliche Staatsbedienstete am Schalter 5 mir nur entspannte 13 Minuten Umsteigezeit eingeplant hat (ich nehme an, die Dame hatte vom Streik - und so - gehört).

Bis vorletzte Woche (da bin ich von meiner ersten Geschäftsreise nach Erlangen zurückgekehrt), dachte ich noch, das wäre etwas für mich: All die Hotelgoodies und das aufregende Schlafen in einem fremden Bett. Nun stelle ich mir zur Ablenkung vor, ich wäre eine dieser wichtigen Leute, die im Zug arbeiten. Stimmt ja eigentlich auch. Als Berichterstatterin aus den Sümpfen der Gesellschaft arbeite ich ja quasi ständig. Und irgendwann gewöhnt man sich schon auch an das Schaukeln! Und das Alleinsein. Bestimmt wird man so zum wunderlichen Brabbler, der sich Leuten in der U-Bahn auf den Schoß setzt.