jung und desillusioniert - reloaded

25.09.2015 um 00:55 Uhr

Tourist sein - heute: Portugal

Huch? Schon wieder Herbst? Ich habe in Portugal ja nichts mitgekriegt. Erst, als ich mir den kolumnistischen Zeh von Tranquillizern benommen beim Gangway-Verlassen an einem farbigen Laubblatt stieß, wurde mir klar: In diesem Deutschland ist was anders. Eben noch Lissabon bei 30 Grad genossen, ein Super Bock nach dem nächsten ins Gesicht gekippt, schwupps, hat ein Fliegzeug meinen ruhiggestellten Körper nach Kaltland gebracht (ja, das ist zum Teil politisch gemeint.)

Dieser Blogeintrag wäre aufgrund von Freizeitstress beinahe nicht zustande gekommen. Sie verstehen schon, Ich muss endlich zu meinem zweiten Socken den ersten fertig stricken, muss den gemütlich gewordenen Urlaubsbauch wieder stählen und die gröbsten Schnitzer in meinem Nagellack restaurieren. Gut, letzteres verschiebe ich wohl auf den Frühstückskaffee. Ein bisschen Lösungsmittel am Morgen hat noch Keinem geschadet.

Außerdem haben Kolumnistenschatz und ich sehr viel Zeit darin investiert, Äktschncam-Videos zu schneiden, romcom-mäßig aneinander zu klabüstern und und mit dramatischer Musik zu unterlegen. Unsere Künstlernamen könnten "Leihvideo-Lusitanier" (also eigentlich Leihvideo-Leih-Lusitanier, wir sind ja keine echten), "The Hispanic Hitchcocks" oder "Die Super-Achten" sein. Genau konnten wir uns da als Regisseusenteam noch nicht festlegen.

Doch zurück zum Urlaub! Was haben wir nicht alles gemacht!. Schon in Faro ging das los, mit dem alles machen, meine ich. Alles haben wir gemacht. Alles. Machen Sie das unbedingt auch, und, sollten Sie mal in der Gegend sein, einen Fährausflug zur Ilha Deserta - wie der Name sagt, eine einsame Insel und im September auch von Touristen ziemlich allein gelassen. Besteht nur aus Sandstrand, ein paar Agaven, einem Baguette-Restaurant und den türkisen Wellen. 

In Sagres haben wir dann noch mehr gemacht. Das Zipfelstück von Portugal ist vor allem bei Menschen beliebt, die gerne auf Schwimmbrettern balancieren, oder, in unserem Fall, den Oberkörper walrossartig darauf ablegen und schaukelnd auf Wellen warten. Übrigens eine der Hauptbeschäftigungen beim Surfen. Das, und Salzwasserkotzen.

Wenn Sie mal eine richtig gute, dafür aber nicht original-thüringische Rostbratwurst essen wollen (denn dafür kommt man doch nach Portugal?!), fahren Sie bitte ans Cabo Sao Vicente, den südwestlichsten Punkt Europas. Da gibt es, kein Witz: Die letzte Bratwurst vor Amerika. Schlimmer als die Möwen sich um eine Dose Sardinen raufen, können Sie hier ostdeutsche Rentner beobachten, wie Sie fachmännisch das längliche Schweinefleisch verkosten. Nicht verpassen!

Wenn Sie auf lange Autofahrten zum nächsten Minimercado oder überteuerten Dünenrestaurant ohne nennenswerte Ereignisse stehen (fahren Sie ruhig gelassen. Die anderen Verkehrsteilnehmer werden es ihnen danken und zu jeder Zeit aufmunternd zublinken) und auch sonst eher selten mit Menschen in Kontakt kommen wollen, empfehle ich Die Gegend um Melides/Carvalhal/Comporta. Schöne Strände, Dauerzikaden und Heugeruch inbegriffen.

Die Städte Sesimbra, Coimbra, Porto und Lissabon haben den ungemein niedlichen Vorteil, dass sie treppenförmig an den Steilhang von großen Flüssen oder des Meeres gebaut worden sind. Genauer gesagt ist dieser Vorteil, dass auch die ärmsten Portugiesen eine nette Aussicht haben und man als Tourist mit schönen Waden wieder nach hause fährt. Das wirklich großartigste Fortaleza der Westküste befindet sich in Sesimbra (nicht. aber legen Sie sich in dieser Angelegenheit lieber nicht mit dem Lonely Planet an). Coimbra hat eine schöne, sehr alte Uni, die sich die armen Studenten mit den Touristen teilen müssen (auch die historischen Gebäude sind zum Teil in vollem Betrieb; Studenten prügeln sich in ihrer eigenen Cafeteria mit Reisebusomis um die letzten Pasteis de Nata).

In Porto kann man gemütlich über die wirklich hohe, leicht schwankende Brücke von Dom Luis I. auf die andere Flussseite richtung Vila Nova de Gaia spazieren, mit der Seilbahn wieder auf Meeresspiegelniveau heruntergondeln und sich in den dort befindlichen Portweinkellern Verkostung um Verkostung besinnungslos trinken. Oder man benimmt sich.

Und ja, auch wenn es ungemein touristisch ist, eine Fahrt mit der Electrico 28 in Lissabon ist schon aufgrund der ungeheuerlichen Steigungen in den Gassen der Altstadt zu empfehlen. Und auch sonst ist das ein echtes Abenteuer. Die Fahrzeugführer müssen allesamt ehemalige Kampfjetpiloten mit Erfahrungen im Krokodilschmusen sein. Sie sind rebellisch, draufgängerisch und nieten alles und jeden mit um, das oder der sich ihnen in den Weg stellt. Und immer mit einem freundlichen Geklingel.

Sollten Sie zu Fuß unterwegs sein und Ihnen die vielen Treppen auffallen, die scheinbare Abkürzungen zu Ihrem Ziel darstellen (das laut Google Maps ca. 200m entfernt ist, ihre Gangzeit aber mit 30min veranschlagt wird): Versuchen. Sie. Nicht. Schlauer. Als. Das. Navi. Zu. Sein. NICHT! 

Obrigada für Ihre Aufmerksamkeit.

04.09.2015 um 00:04 Uhr

Die Kolumnistin in Portugal

Hach, Portugal. Da denkt man doch gleich an _____. Wäre dies ein podcast, würden Sie anstelle von ______  vielleicht ein Geräusch hören, das klänge wie der Zonk. Sie wissen schon. diese Neunzigerjahre-Spielshow mit dem unsäglichen Teufelstier (und schon beginnt das Kopfkino, wie Jörg Dräger, Werner Schulze-Erdel und Peter Bond zusammen einen Softeisstand betreiben - wieso sahen die eigentlich alle gleich aus und warum tragen sie in meiner Fantasie rosé-weiß gestreifte Schürzen und lächeln wie eine Werbung für besonders günstige Zahnreinigung?) Das war jedenfalls das Geräusch, das mein Innenohr machte, als es erfuhr, dass es mit mir in das südwestliche, unbekannte Land reisen würde. Da schnappte sich die Kolumnistin als erstes ihr elektronisches Buchlesegerät und lud sich flixflux ein aufklärerisches Werk darnieder. Dort kann man lesen, dass die Portugiesen gerne Fisch essen, sich gern bemitleiden, niemandem gehören wollen, gerne schwatzen, sich quasi als Exileuropäer auf dem eigenen Kontinent definieren. Irgendwie sympathisch. Sie geben gerne Geld aus, schimpfen auf das eigene Volk und verteidigen es vehement, wenn desselben ein Nichtportugiese sich erdreistet. Südeuropäerklischees sind mühelos anwendbar. Im Laufe der Geschichte stand man sich immer irgendwie selbst im Weg, machte sich abhängig, hasste die Spanier. Immerhin hatte man Portwein und Fado, um sich ein bisschen von der Realität und sich selbst zu entfremden.

Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde, das klingt nach dem perfekten Ort zum Urlaub machen; die Küste komplett abzuschnorcheln und sich davon überzeugen zu lassen, dass die Portugiesen mehr zu bieten haben als Saudade. In diesem Land! Mit seinem türkisblauen Wasser, zerklüfteten Küsten, Delfinen, Prunkbauten, gemütlichen Hutzelomis und Tintenfischgerichten!

Viel mehr als diese Platitüden bekomme ich über Portugal noch immer nicht zusammen - aber dafür bereise ich es ja schließlich. Portugal ist ein weißer Fleck in meiner geistigen Landkarte - es ist das Land, das einfach schon immer irgendwie da war, aber in dem auf jeden Fall noch nie ein Film oder die Handlung eines Buches spielte. Dessen Sprache klingt wie eine seltsame Mischung aus Spanisch und Polnisch und dem wir Brasilien und sehenswerten Fußball zu verdanken haben. 

Am Montag geht es los, ich werde mich bewusstlos schlagen und in eines dieser fliegenden Ungetüme verfrachten lassen, die sie Flugzeuge nennen, und um die Mittagszeit, wenn Sie sich freuen, dass Deutschland Ihnen eine Regenpause für die Kippe nach dem Businesslunch einräumt, den Boden von Faro bei kuscheligen 27 Grad auf der Celsiusskala betreten. Von dort aus bringt uns ein Mietauto, das hoffentlich nur gelegentlich aufgebrochen werden wird, um den Steiß des europäischen Kontinents herum nach Porto und schließlich Lissabon, in die, so habe ich mir sagen lassen, schönste Stadt Europas (was natürlich Schwachsinn ist. Wie wir alle wissen, ist das Berlin.) Um den Hutzelomis ihre Tram nicht wegzunehmen, werden wir aber natürlich auf eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahn verzichten.

Coming soon: Verfolgen Sie hier im Liveticker, wie meine Haut im Minutentakt brauner wird und freuen Sie sich auf abenteuerliche Äktschncamvideos von Ankerfriedhöfen. Jetzt nur kein Neid!

02.09.2015 um 20:37 Uhr

Sentimentalitäten

von: Kuhmilchrockt   Kategorie: In eigener Sache

Stimmung: Urlaub!

Verrückt - ich habe früher (das heißt 2006 - vor NEUN Jahren also!) etwa acht mal am Tag gebloggt und eine imaginäre Zuleserschaft mit meinen geistig Erbrochenen gequält. Gut, der Blog war neu, es waren Sommerferien in der 12. Klasse und ich hatte mir noch nicht das Gehirn von der Biotechnologie zerfressen lassen. Mein Anspruch war kein breites Publikum. Ich wollte nicht einmal besonders viel musikalischen Inhalt anbieten (auch heute noch suchen Sie vergeblich nach Vollständigkeit). Ich habe geschrieben, was mir gerade in den Sinn kam, auch viel Persönliches, Freunde wurden involviert, meist nicht ganz freiwillig. Die Sprache war noch weniger p.c. als heute - die Kolumnistin von damals ist halt doch noch ein widerborstiges, unüberlegtes Kind. Ein Kind das ein neues Medium entdeckte: Das Internet, denn ein solcher Anschluss war damals, erst recht auf dem Dorf, noch keine Normalität, schon gar nicht so ein neumodisches D-S-L. Die ersten Beiträge wurden Ihnen noch über ein quietschendes Modem kredenzt und der Upload dauerte ein paar Minuten. Trotzdem möchte ich keinen einzigen Eintrag nicht geschrieben zu haben; sie sind meine kauzigen Kinder, meine bunte Hinterlassenschaft an die Nachwelt. Ich archiviere sie nun liebevoll, da es mir nicht geheuer ist, meine Kinderchen irgendwo in diesem Neuland, das wir Netz nennen, dem Untergang einer Webseite anheim fallen zu lassen. Beim Stöbern kommen Erinnerungen hoch - Babyöl in der Nase oder der Umzug nach Berlin: große und kleine Lebensereignisse erinnern an die großen und kleinen Gefühle von damals. Wenn J+D nächstes Jahr sein Zehnjähriges feiert, bekommen Sie von mir eine umfassende Retrospektive auf die Augen gedrückt! Oder nicht. Denn Kunst kann man diese Schmiererei nicht nennen! Ich ziehe die Lebenskunst vor.