jung und desillusioniert - reloaded

22.05.2015 um 23:02 Uhr

11 Jahre Hot Chip entlocken mir ein kleines OH!

Mir kommt es langsam so vor, als würde ich jedes mal nach einer langen Schreibpause etwas über Hot Chip zu sagen haben. Und liege es nur daran, dass die fünf Briten einfach in schöner, ja auch zuverlässiger Regelmäßigkeit Alben veröffentlichen; Alben, die immer ein bisschen zu cheesy sind, ein bisschen zu übertrieben tanzig als ernst genommen zu werden, zu ironisch um als sensibel durchzugehen. Dabei ist es ganz einfach: Auf diese Band muss man sich einfach einlassen, sie fordert nicht weniger von Ihnen als den One-Life-Stand. Scherz beiseite. Die Pitchfork nannte die neue Hot Chip Scheibe „Why make sense“ die viert-beste der Karriere der Elektroschlagerpunker, ohne zu erwähnen, was die anderen drei Platten sind (und was bei sechs Platten auch eher ein Schlag ins Gesicht ist). Ich würde, „Made in the Dark“ auf der eins verorten (kann man nicht viel gegen sagen) dann, die schon erwähnte One Life Stand und The Warning – ach. Ich könnte mich nicht entscheiden. Schon Album Nummer sechs kreuzt die Lande und ist endlich wieder mal eine Ansage nach „In Our Heads“ (die nichts desto trotz ihre schönen Momente hatte). 
Und, liebe Leserinnen, es kann nicht nur daran liegen, dass ich mir einen Aperol-Spritz zu viel ins Gesicht gegossen oder Hüllen- und Hemmungen vor kurzem fallen lassen habe. Das Songwriting derer ist einfach großartig. Natürlich kommen sie um die üblichen Schmuse-Saubermach-Musik nicht herum. Dafür kann das Album mit mindestens 5 Hits aufwarten, von denen 3 meine Geheimtipps sind und noch nicht vorab veröffentlicht worden sind: Da ist natürlich der krachende Opener „Hurrache Lights“ und das unumgängliche „I need you now“, was sie vielleicht schon vom Indiegelumpesender ihres Vertrauens her kennen. Viel gutiger und unscheinbarer daherkommen aber: „Started Right“ – mein absoluter Favorit des Albums, sowie „Cry for you“ (leider ohne Video) und „Easy To Get“. Ich lasse ihnen Kostproben angedeihen! 







 

Und so sitze ich nun hier an einem Freitag Abend, während meine besten Freunde und meine bessere Hälfte sich auf Schussfahrt richtung Süden befinden und ich auf die nächste – hoffentlich nicht bestreikte – Bahn zu meiner eigenen Famile warte ,vorm Rechner, schreibe Ihnen ein paar Zeilen und binge-dingse die Hot Chip Diskografie. Oh-oh. Es gab so viele gute Momente. Denken Sie doch nur an „I feel better“. „Touch too much“! „One Pure Thought“ - OH!
Fest steht: Im Gegensatz zu anderen Musikern produzieren diese Herrschaften nur einen Bruchteil ihres Schaffens Käse.

26.02.2015 um 21:03 Uhr

Eine kleine Musikspielliste

In Berlin ist schönes Wetter. Der Frühling spitzt verschmitzt um die Ecken und winkt mit der Fahne des auferstandenen Rock’n’Rolls. Dieses Jahr beehren uns mehrere Bands mit Tracks und Alben, die wunderschön rumpeln und ohne Konservenbässe und Synthiegeklimper auskommen. Sie dürfen mich nicht falsch verstehen, sie wissen ja, ich mag bummbumm  und so weiter. Aber Indie-lektro oder wie das heißt, möchte ich nicht mehr hören. Entweder wir machen Techno, oder wir machen Gitarrenmusik. Aber wir besetzen die Leerstelle in der Band NICHT mit einem Keyboard oder Chaospad. Bitteschön. Es gibt natürlich Ausnahmen (Karin Park zum Beispiel, aber die spielt in einem völlig anderen Team. Im Team der esoterischen Rohfleischesser.). Und ja, meine wunderbare Kolumne hat auch schon mal in jugendlichem Leichtsinn Bands gefietschtdingst, die wir heute im Klischee-Secondhand suchen müssen (oder im Notfallkatalog vom Melt!). Aber die Jungs von damals sind längst mit/ohne uns „erwachsen geworden“, haben die Neonklamotten an den Nagel gehängt und sich –oh Gott- weiterentwickelt (können die das mal lassen?!). Schluss mit Sternchen und elaborierten 3D-Grafiken! Schluss mit Kasettenketten und gelben Schnürsenkeln! Ich habe ihnen eine itzibitzi kleine Playlist zusammengestellt, die sie zum Frühjahrsputz motivieren soll oder was sie sonst so gerne hobbymäßig mit ihrem Leben anstellen. Mit dabei: ganz neue Leute, die neue Sachen machen;  alte Leute, die neue Sachen machen und mittelalte Leute, die das machen, was sie schon immer gemacht haben, allerdings jetzt mit anderen Leuten als mit ihren alten Leuten:





Carl Barât wird Ihnen noch bestens bekannt sein als der trübsinnige Teil der Schleudertruppe „The Libertines“, als er noch zusammen mit Kumpel Pete Steine rauchte. Braucht wieder Geld und ist jetzt mit den Jackals unterwegs. In die Playlist geschafft hat es Carl auch, weil ich mich gerade in sein Oevre einarbeite, das er morgen im Bang Bang Club - der jetzt gar nicht mehr da ist, wo ich ihn vermutet habe und wo ich früher viele schöne Stunden verbringen durfte - zum (hoffentlich) Besten geben wird. Die Veranstalter hoffen auf zahlreiches Erscheinen (also jetzt nicht das der Gäste, es ist nämlich ausverkauft, sondern das der Bandmitglieder)


The Kooks haben es in die Playlist geschafft, weil ich sie erstens heute morgen im Radio gehört habe (ich schäme mich nur ein kleines bisschen), sie zweitens seit 2014 eine neue Platte draußen haben, die an mir vorbeigegangen ist, weil sie gruselige Gospelchöre und funkige Rhythmen (und Fade-outs!) beherbergt. Wie dem auch sei, das hier ist ganz schön. 




Meine Neuentdeckung 2015 sind The Districts, mal wieder ein paar schlechtangezogene junge Menschen, die für ihre wahrscheinlich höchstens zwanzig Jahre (so genau lässt sich das nicht sagen, denn es gibt nicht mal einen Wikipediaeintrag über die vier Amis (nicht, dass ich das als Quelle irgendwie in Erwägung ziehen würde)) ganz schön gute Rockmusik machen. Mich erinnern Sie ein bisschen an eine aggressive Version der frühen Strokes, werden aber auch gerne mit den Black Keys verglichen (ja es gibt Pianosounds). Neben dem ganz toll offbeatigen Sound von „4th and Roebling“ (irgendwann ist mir aufgegangen, dass es sich dabei um eine Straßenkreuzung in NYC handeln muss) habe ich mich noch in „Hounds“ verliebt – dicke Geräuschmauer das. Nur warum heutzutage alle Produzenten denken, dass es cool ist, wenn ein Album ("A Flourish And A Spoil") klingt, als seien die eigenen Boxen kaputt, ist mir schleierhaft.



San Cisco gibt's auch schon seit 2009. Sie kommen aus Australien und sehen immer aus, als würden Sie gerade in den Urlaub fahren (paradox, wo sie doch quasi im Urlaub wohnen). Und ja, sie benutzen Keyboards. Egal!


Konzerttermine für alle Erwähnten in Berlin
Carl Barât and the Jackals – 27.02.15 Bang Bang Club (hier können Sie die Kolumnistin treffen)
The Kooks – hoppala, verpasst – 07.02.15 C-Halle (hauptsache die BZ war da)
The Districts – 16.04.15 Lido
San Cisco – 29.03.15 Privatclub

Uuuund, auch wenn Sie hier nicht singen konnte (denn die Dame möchte sich ihren Platz in meiner Kolumne nicht gern teilen! Da wird sie böse.):

Karin Park -15.04.2015 Berghain (ich werde berichten)

Bis bald oder bis dass der Spargel sticht!

05.04.2013 um 13:50 Uhr

Drei Mus(i)ketiere an der Kaltfront

Haben Sie sich auch schon mit dem Gedanken angefreundet, nie wieder am Maybachufer im Punktekleidchen in die große Gelbe blinzelnd die Köstlichkeiten von Fräulein Frost genießen zu können, so wie ich? Dann liegen Sie mit dem Konsum dieser kleinen Kolumne suizidgefährdeter Sofayogis ja genau richtig. Hier wollen wir darüber diskutieren, was Sie tun können, wenn Ihre Freizeit Ihnen über den Kopf wächst! (Und wenn sie Ausrufezeichen doof finden, lesen Sie doch lieber einen von diesen regelmäßig erscheinenden, professionell erstellten und hübsch gelayouteten Blogs mit Anzeigenwerbung!!!!!!!!) 
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber die bockige kleine Mädchenstimme in meinem Kopf, die will, dass jetzt endlich, endlich Frühling wird und immer laut stampfend menno! schreit, wenn neue Flocken vom Himmel gewedelt kommen, klingt exakt wie diejenige von Karen O. Sie erinnern sich nicht? Wie gut, dass die Yeah Yeah Yeahs just in ein paar Tagen ihr viertes Album MOSQUITO veröffentlichen und es hier schon mal streamen lassen. Die Single Sacrilege machte uns ja schon vergangenen Monat Appetit auf noch mehr housy Kirchen-Dramatik. Soviel kann ich schon verraten: Dieser Wunsch wird leider enttäuscht. Und das mit dem Baby verstehe ich übrigens auch nicht. Das war schon bei Nirvana nur so halb-arty.


 

Wo wir schon beim Thema Stimmen im Kopf sind: DJ Koze möchte uns mit hübscher Musik und neuen heißen Kollaborationen (Caribou, Apparat, Matthew Dear u.a.) die AMYGDALA massieren. Für die Nicht-Biologen: Dieses mandelgroße Hirnareal ist zuständig für affektbasierte Emotionen, sprich Angst, Aggression, Lustempfinden. Das Hören des neuen Koze-Albums führt zwar mitnichten zu gesteigertem Flucht- oder Angriffsverhalten; macht aber extremst Lust lustig über den DF zu schwoofen. Zu Recht wurde dieses schlaue Stückchen Hochmusik von den knickrigen pitchfork-Briten mit der – ähem – Bestnote 8.6 bedacht. Und Hilde darf am Schluss auch noch was singen. So muss das. 



 

Was war noch? Ach ja. Thom Yorke macht mal wieder unter falschen Namen dieselbe Musik wie zu In Rainbows-Zeiten. Nicht ganz so gut natürlich. Aber total aktuell, im Hinblick auf den drohenden nordkoreanischen Supergau. Atoms for Peace, not for Westen-Plattmachen. Das Album heißt übrigens ganz passend AMOK, nur um das auch noch mal in Großbuchstaben zu erwähnen.


 

Mit diesen drei Mus(i)ketieren an der Kaltfront kann uns gar nichts passieren. Zumindest wird uns in der Eiszeit nicht langweilig!

 

 

 

17.06.2012 um 12:48 Uhr

Officetunes

(Auch wenn es nicht so aussieht, die Videos laden. Dauert nur lange. Anm. d. Kol.) 

Manchmal muss einfach Wochenende!

Ich sitze hier auf der Arbeit (Sie hätten nicht gedacht, dass ich in diese Gesellschaft noch etwas anderes zugebe als meinen Senf?) und gehe meiner wahren Berufung nach. Das heißt genauer gesagt, ich tue für einen Moment so, als sei dies um mich herum hier nicht ein langweiliges Bundesinstitut sondern das Headquarter des NME o.ä...

Das dumme am Musikhören am Arbeitsplatz ist ja, dass man damit entweder seine Kollegen in den Selbstmord treibt, oder aber - wie ich - von den nach außen hin super schallgedämpften Markenkopfhörern nen Satz warme Ohren verpasst bekommt. Gerade jetzt im Sommer eine unangenehme Sache; andererseits beugt es enorm der Verschwendung von Arbeitskraft durch Spontansuizid vor.
Um dennoch im Büro einen kühlen Kopf zu bewahren, sollte auf passende sommerliche Durchpustung der Gehörgänge nicht verzichtet werden. Tanzen wir ins Wochenende mit Hot Chip!

Zuerst macht es den Eindruck, als würde einen das neue Hot Chip Album genau da abholen, wo einen das alte hat sitzenlassen: nämlich im Niemandsland zwischen Hit und Lückenbüßer, der für dahin ein Markenzeichen der Band bleiben wird, ohne dass jedoch auch nur ein Song dabei seine Liebenswürdigkeit einbüßen müsste. 

Was man vorab im Netz hören durfte, machte Geschmack auf ein großes technoides Feuerwerk, was kam, war dann allerdings doch - und ich sage bewusst nicht "nur" - eine typische Scheibe Hot Chip. Um Ihnen das begreiflicher zu machen, versuchte sich die Kolumnistin kurz mal im seriösen Musikhören und machte hinter jedem Track Sternchen, wie seriöse Musikhörer dies bekanntlich tun. Drei Sterne konnten erreicht werden, je mehr Sterne, desto mehr bleibt das Liedchen im Ohr stecken.

Motion Sickness ***
How Do You Do *
Don't Deny Your Heart *
Ends Of The Earth **
Let Me Be Him ***
Always Been Your Love ***
Look At Where We Are **
These Chains ***
Night And Day ***
Flutes ***(*)
Now there is nothing *

So viel also zum Einblick in den jungunddesillusioniert'schen Schaffensprozess. Ich lasse mir gerne vorwerfen, dass ich mit Sternen allgemein etwas inflationär umgehe, vorallem wenn es sich um von mir geliebte Kapellen handelt. Und spätestens beim nochmaligen Hören des obertollen "Flutes" habe ich mich dann auch geärgert, dass es nur drei Punkte gab und war gleich mit mir selber böse. Oder?


HOT CHIP "Flutes" von domino

Übrigens hört man es ab und zu ganz schön berlinern auf der Platte. Rein beatmäßig, natürlich. Vor allem "These Chains" hat sich wohl die Trompeter der Kalkbrenners ausgebort. Hoffentlich schlägt mich keiner für diese Aussage.

Gut, was? Mit diesem Post habe ich es nun also wieder einmal geschafft, Ihre und meine Zeit totzuschlagen, alle unnötigen Informationen in Ihren Schreibtischgehirnen zu löschen, und damit Wichtigerem Platz gemacht. Wie z.B. der Erkenntnis, dass wir jetzt alle ganz schnell nach Hause gehen sollten. Und obwohl mir die Arbeit bei meinem imaginären Musikmagazin solchen Spaß macht, habe auch ich mir mein Wochenende mehr als verdient. Nicht, dass wir am Ende noch Tag und Nacht arbeiten! Und falls doch: Nie ohne Musik.


HOT CHIP "Night & Day" von domino

(Auch wenn es nicht so aussieht, die Videos laden. Dauert nur lange. Anm. d. Kol.)

20.05.2012 um 13:57 Uhr

Wir vom Stamm der Großstädter

Ich sehe einen Trend auf uns zukommen: Alles wird altertümlicher (von wegen Endzeit und so!). Im Fernsehen hat Spartacus das Sagen,  „300“ und „10.000 B.C.“ laufen im Privaten auf Dauerrepeat und alle Menschen tragen Römersandaletten. Wir ernähren uns von dem, was wir mit unseren bloßen Händen erlegt haben und nennen es Paleo-Diät. Es könnte natürlich auch sein, dass die Holz- und Lederwarenindustrie hier einfach einen riesigen Werbefeldzug gestartet hat, und sich der nackten, schwitzenden Männerkörper bedient, um ihre Produkte zu promoten. Überall rohes Fleisch, verfilzte Haare und Martial Arts! Ich werd verrückt.

In der Musik ist es nicht anders: Santigold zum Beispiel wirft auch alle Instrumente in den Burggraben und kloppt wie äh – bekloppt – mit etwas das klingt wie Knochen auf etwas das klingt wie diese hohlen Dinger, die man in der Mitte festhalten muss und die sie einem im Kindergarten immer weggenommen haben, wenn man zu dolle Krawall gemacht hat, rum. Darüber legt Santi eine Art urbanen Stammesgesang – das klingt nach Freiheit, Jugend und Agilität. Nach Bastarmbändchen und Krokodilzahnketten. Und verbindet die Glaubwürdigkeit von M.I.A. mit der Rotzigkeit der Ting Tings.


Leider trägt die Gute hier echt hässliche Schuhe. Dann doch lieber Römersandaletten.

Ich hoffe, Sie alle haben jetzt, trotz dieses wirklich sehr subjektiven Kommentars zum Album „Master Of My Make-Believe“, nicht gänzlich die Lust am Nachhören verloren. Und schließlich muss es ja noch eine gute Alternative zum zweijährlichen Horror der „offiziellen Fußball-Hymnen“ geben,  die sich ja auch alle nur zu gern das bunte Großstädtertum des Sommers auf die Fahnen schreiben möchten.

18.05.2012 um 17:29 Uhr

Die Band zum Sitzenbleiben

Ursprünglich wollte ich in alphabetischer Reihenfolge bei der Abhandlung neuer Alben vorgehen. Doch dann kreuzte für einen Sekundenbruchteil eine britische TV-Werbung für ein erfolgreiches deutsches Exportprodukt meinen Weg. Ganz abgesehen davon, dass hier ganz offensichtlich hinterlistig von Beach House's "Take Care" abgekupfert wurde, war es um mich geschehen. Denn raten Sie, wer auch eine neue Platte hat?

Wer zum ersten Mal Beach House hört, muss sich zwangsläufig bedingungslos verlieben. Der oder die Betroffene wird von nun an jedes mal, wenn er eine Triangel, eine Synth-Orgel, ein gedämpftes Pluckern oder diese - ja, Hawaii-Gitarre hört, dem übermächtigen Bedürfnis widerstehen müssen, sich sofort in eine Schicht aus Lammfell zu wickeln, literweise heißen Kakao zu ordern und sich dem Gefühl des ersten Herzschmerzes hinzugeben. Das kann - ich gebe zu, problematisch werden, wenn man sich in einer unverständigen Öffentlichkeit bewegt. Manch Vorgesetzter wird eventuell ein Auge zudrücken, wenn Sie die Hälfte Ihrer Arbeitszeit mit Flennen auf der Toilette verbringen, und die andere Hälfte des Tages aussehen, als hätte Sie ein wirklich großes Pferd getreten - aber: Schalten Sie besser vorsichtshalber alle guten Radiosender in Ihrer Umgebung auf Energy und erliegen Sie nicht der Versuchung Kopfhörer aufzusetzen (letzteres gilt vor allem bei Kundenberatungen, Patientenvisiten oder Reden im Bundestag).

Mit "Bloom" setzt uns das Duo, bestehend aus Victoria Legrand und Alex Scally, nun den absolut logischen Nachfolger von "Teen Dream" vor. Mal ehrlich: Wer von Ihnen war nicht schon enttäuscht darüber, wenn Bands wie Radiohead, Bloc Party oder die Arctic Monkeys nach einer wirklich gelungenen Platte irgendeinen experimentellen Mist veröffentlichten, den man dann, um Schlagworten wie "Weiterentwicklung", "Neuorientierung" und "Erwachsenwerden" Respekt zu zollen, gut finden musste? Bei Beach House ist die Angst vor solcherlei Artist-Mumpitz jedenfalls ganz unbegründet. Oder mit anderen Worten: Alle Platten klingen gleich. Gleich gut. (Randnotiz: Wäre ja noch schöner, wenn Musiker demnächst selbst entscheiden dürften, wie sie ihr Innerstes nach außen kehren. Da ist das Puplikum selbstverständlich schlauer... auch auf die Gefahr hin, aus Thom Yorke, Kele Okereke und Alex Turner internationale Rex Gildos zu machen.)

Einen Unterschied zum Vorgänger kann der geneigte Hörer dann aber doch entdecken: Seit wann klingen Beach House dermaßen positiv? Wer hat der Frau und dem Mann da Glücklichmacher verschrieben? Jeder Track auf "Bloom" fängt gewohnt melancholisch an, um dann in einem hoffnungsvollen Dur-Akkord auszuklingen. Hallo?! DUHUR? So viel Neuerung gegenüber war man sich dann doch nicht zu schade. Und auch wenn die Scheibe noch nicht ganz so ins Ohr geht wie jene damals 2010 - die Kolumnistin freut sich auf ein memorables Konzert in der Berliner Volksbühne. Selbstverständlich bestuhlt.

06.12.2011 um 15:03 Uhr

Mit Stumpenkerzen gegen die Dunkle Seite

Sie werden schon gemerkt haben, dass ich keine Freundin von saisonal motivierten Posts bin. Es sei denn, diese machen sich über saisonal motivierte Posts lustig – oder es geht um Musik:

Verehrte Leserschaft! Jahresendzeitstimmung macht sich allerorten breit, und damit meine ich nicht die Torschlusspanik, welche die Piratenpartei offensichtlich befallen hat, als die neulich „Bastel dir ein Wahlprogramm“ gespielt haben und alle guten Punkte schon weg waren, und auch nicht die Friedhofsstimmung, die sich im Bundestag breit macht, wenn Angela schon wieder mit der ollen Eurokrise nervt. Nö! Kann doch wirklich keiner mehr hören.

Was sie aber definitiv HÖREN sollten in dieser – ja, ich scheue nicht vor dem bösen Wort zurück – Weihnachtszeit, ist das schon länger auffällig um den Platz des besten Albums des Jahres buhlende Ceremonials von Florence und ihrer (Plätzchenback?-)Maschine. Vielleicht halten Sie die ja schon wieder für oll. Ick find'se toll. Und komme erst jetzt damit rum, weil ich grade wieder mal meine Plattensammlung für suizidale Wintertage quäle, während ich mit einer Stumpenkerze versuche, laserschwertähnlich die Dämonen der Finsternis zu vertreiben. Die richtige Festtagsmucke also, um mit zwei Katzen und einer Tasse Glühwein (wahlweise Kindercola) schnuffig zu tun (wenn man das will)...

Florence hat sogar einen Song über das Gefühl geschrieben, dass einen morgens um 7 in der U12 auf dem Weg in ein glattes Berlin-Dahlem beschleicht (zumindest möchte ich mir das einbilden):



Ich hätte ziemlich gern ein musikalisches Tattoo von der Frau. Also jetzt, wenn man sich Sound irgendwo – auf den Allerheiligsten vielleicht – hintätowieren lassen könnte, ich würd's tun mit diesen schaurig schönen Melodien. Und jedesmal, wenn ich eine öffentliche Toilette benutzen würde, erklänge: shake it out, shake it out!

In diesem Sinne -


30.08.2011 um 15:15 Uhr

Lektion für den Herbst: Fusiondisco

Vielleicht haben auch Sie im Schüttelschuppen ihres Vertrauens in letzter Zeit schon einmal die Feststellung gemacht, dass dort vollmundige Rythmen, erotisches Herumgeseufze von tiefen Frauen- oder hellen Männerstimmchen sowie der Einsatz von Klaviaturen, Glöckchen und Handclaps Hochkonjunktur haben. Ganz falsch, wer das nun für schnöde Housemusik gehalten hat. Der Kenner weiß: Hierbei handelt es sich selbstverständlich um die Funksouldiscohouse-Welle, im Genre-Katalog unter Bestellnummer #2.034 587 692 209 987 654 zu finden (noch nicht gewusst? Wenn Sie stolzer Schöpfer eines neuen Musikstückes sind und partout keine Ihnen angenehme Schublade zum reindrücken finden, schauen Sie einfach in den Genre-Katalog und suchen sich unter so ausgefallenen Stücken wie Witch House, Großmuttercore oder eben den anderen zwei Trillionen Labels (ja, die Nullen habe ich PERSÖNLICH gezählt!) eins raus. Schöne neue Welt.). Da die Kolumnistin wenig Lust auf eine Kiefersperre hat, tauft sie das ganze noch flux in eine schicke Eigenkreation um, in, mal überlegen: Fusodiho. Oder, weil das blöd klingt, in Fusiondisco. Fertig ist das 2.034 587 692 209 987 655. Genre!
Bevor ich sie jetzt jedoch noch länger auf die Folter spanne, möchte ich an dieser Stelle nun zwei schöne Alben vorstellen, die in meinem virtuellen Plattenschrank unter Fusiondisco laufen.
Zum einen sind da die wundervollen Azari & III, die uns  Jamie Jones mit diesem wohlbekannten  Remix nähergebracht und uns damit zuindest das musikalische Jahr 2011 in Sonne getaucht hat:

  Azari & III - Hungry For The Power (Jamie Jones Ridge Street Mix) byari.ilovehousemusic

Interessantes Fusiondisco-Album (wenn ich's ganz oft sage, vielleicht verwenden es dann bald alle...ha! Wieder ein Schlag ins Gesicht der Unkultur gelandet!) haben Azari & III mit "Azari & III" (weniger kreativ als ich, muss man schon sagen) rausgebracht:



Probieren Sie mal wieder ihre Gesäßmuskeln aus! Die sind nämlich, auch aus medizinischer Sicht, nicht nur zum Warmhalten Ihrer Couchkuhle da.

Zweiter Fusiondiscerich soll nun Ghostpoet sein. Nicht ganz so happy-clappig wie die Herrschaften hierüber, da eher eine tottraurige Mischung aus Faithless und James Blake, aber ganz passend zum Herbst, wie ich finde.


Ghostpoet Liiines from Nicholas Bentley on Vimeo.


Sein Album "Peanut Butter Blues & Melancholy Jam" (schön, nicht?) besorgen Sie sich nun umgehend. (Es kommt kein Bitte mehr.)

Anmerkung: Wenn Sie sich fragen, warum ich unter einem willkürlich gewählten Etikett wie dem total beknackten "Fusiondisco" zwei Musikstile poste, die zueinander passen wie das Präservativ zum Papst, beweist das nur, dass Sie den Quark doch tatsächlich glauben, den ich da schelmenhaft versuchte, Ihnen unters Toupet zu schmieren. Hihi. (Die Musiktipps, jedoch, waren mein voller Ernst.)

Anmerkung II: Wenn Sie sich außerdem gefragt haben, was denn zum Humbug Witch House ist, dann sehen Sie sich noch das hier an:



Großmuttercore habe ich übrigens erfunden.


16.07.2011 um 15:42 Uhr

Melancholie, die Zweite

Herrschaften, wenn ich diesen Post nicht sofort an die Luft setze, dann explodiert er ganz sicher in mir! Es handelt sich dabei wieder einmal um einen geschmacklich voll ausgereiften Musiktipp. Die Kolumnistin hat ja eigentlich ganz andere Dinge zu tun, als auf ihrem Ikea-Stuhl Reise nach Jerusalem für eine Person zu spielen, das kann ich Ihnen sagen. Aber die Band Beach House macht einfach zu schöne Musik, als das man sich da noch auf unwesentliche Dinge wie ein Studium konzentrieren könnte. Das Album "Teen Dream" enthält eine große Portion -  um nicht zu sagen: einen ausgewachsenen Jutesack - voller vor-herbstlicher Schwermut. "Im Sommer?", fragen Sie zu Recht und ich frage zurück: "Sie meinen dieses halbgare Wetterphänomen, das ich von meinem Fenster aus beobachten kann, nicht miterleben darf und das sich nach Feierabend als totbringender Nieselregen outet?"
Daher gibt's nun für mich Melancholie, die Zweite. Und wenn Sie möchten, können Sie teilhaben. Oder Sie gehen mit ihren vielen Freunden, die auch alle Urlaub haben, Eis essen, an den See, auf Open-Air-Konzerte. Meinetwegen können Sie in Zentralasien vollautomatisch halb-kirgisische Ameisen zählen. Mir doch egal!





24.06.2011 um 00:04 Uhr

Im Sommer werden alle immer gleich melancholisch

Hallo Kinder!

Kaum befinde ich mich zwei Sekunden in der provinziellen Heimat, zupfe mir die Natur aus dem Haarschopf, versuche, das, was ich da einatme und gar nicht nach Benzin und Nikotin riecht, als "Luft" einzuordnen, überkommt mich auch schon das Heimweh. Nach Lärm, nach der U1, nach Spätis, Kopfsteinpflaster, "Straßenfeger" & "Motz". Nach Stuckdecken. Nach Club Mate. Und nach guter Musik.
Zeit, einmal endlich das ganze Metronomy-Album durchzuhören, von dem alle sprechen, und die Äcker um mich her mit ihnen unbekannten Beats zu beschallen.
Es ist wunderschön, eine runde Sache, nennt man das, glaube ich. Wobei mir dabei nie ganz in den Kopf will, was der Volksmund am Eckigen so doof findet (Doch Designfragen werden woanders geklärt). Neben dem Überflieger "The Look", der dortzulande schon die Radiostationen eingesommert hat, finden sich noch neun weitere, nicht ganz so hitverdächtige, aber schummrig-sanfte und sehr liebenswürdige Tracks auf "The English Riviera". Manchmal singt die Schlagzeugfrau, manchmal überrascht ein dumpfer Bass, immer begeistern tolle Melodien. Für mich die perfekte - und zum Weltuntergangsstimmungswetter passende Sommermelancholieplatte. Hat mich fast davon überzeugt, dass das hier nicht die dritte Welt, sondern nur Baden-Württemberg ist. Trotz Tausender-DSL. Und hier zum Anhören mein zweites Lieblingsding der Platte:

 

Ihre Kolumnistin
(Hier gehts zum Metronomy-Special)

18.02.2011 um 22:14 Uhr

Kikeriki, die neue Radiohead ist hie!

Nach langem Gegacker ist es nun endlich soweit: Thom Yorke hat ein neues Ei gelegt. Eine Eigenart von Radiohead-Fans ist ja, dass sie, sobald das Erscheinungsdatum eines neuen Tonträgers ihrer Helden näher rückt, liebevoll alle Kalender, die ihnen unterkommen, mit Kreuzchen schmücken, den heimischen Putz mit Strichmännchen verunstalten und ihren gesamten Jahresurlaub auf einmal nehmen, um rechtzeitig ganz bei ihrem Küken sein zu können. Genervte Freunde, die ihre Kalender nachkaufen müssen, Vermieter, die die Kündigung schwenken und Arbeitgeber, die das dann schon erfolgreich getan haben, spielen keine Rolle mehr. Doch der Radiohead-Fan ist glücklich, denn er ist nun wieder für ein paar Wochen Hahn im Korb ein paar neuer, furchtbar durchdachter Tracks. (Und dann beginnt's von vorn, ja ja.)

Doch genug der Hühnerwitze! Radiohead haben also ihr neues Album "The King of Limbs" veröffentlicht. Als verantwortungsvolle Blogmutter und professionelle Senf-dazu-Geberin möchte auch ich Ihnen meinen ersten Eindruck natürlich nicht vorenthalten. Und Sie dachten schon, Sie kommen drum herum!
Wie das immer mit neuen Platten von alteingesessenen und viel gemochten Kapellen so ist, verursacht das erste Hören nicht gerade Erleuchtung. Ich denke, das ist gut so. Denn springt man bei ohrfremder Musik sofort an die Decke, läuft man Gefahr, sich erstens den Kopf zu stoßen und zweitens, das neue Ding kurzerhand, wie ich es nenne, totzuhören. Und das ist schließlich, wie wir alle wissen, des Zuhörers ärgster Feind. Und ja, auch diese Platte ist wie immer anspruchsvoll und wird wohl eine Weile brauchen, bis sie den Hühnerstall verlassen und mit den anderen im Sand unserer Herzen scharren darf (ok, der musste noch sein).

Nach "In Rainbows" tut sich ein Nachfolger zugegebenermaßen auch schwer, da es sich hierbei quasi um das goldene Ei handelte (und der). Die neue Platte ist, wie vorherzusehen war, mit leicht elektronischem Kling-Klang unterlegt, was für meinen Geschmack ein bisschen mehr hätte übertrieben werden können. Dafür hätte ich gern ein bisschen weniger Weinerlichkeit, ein bisschen schnellere Beats und ein oder zwei Tracks obendrauf. Da das "Do-it-yourself-Radiohead-Album" zum Glück aber bisher nicht erfunden wurde, müssen Sie und ich dann doch mit dem vorhandenen Material "arbeiten". Und wenn mich mein kolumnistisches Gefühl nicht täuscht, dann werden wir es lieben. Wie immer.

Damit Sie sich selbst ein Bild machen können (da fällt mir auf: sich ein Bild von Musik machen, ist ja auch irgendwie dämlich), streicheln Sie den Link unter diesem Text oder 
unterstützen Sie den Geflügelhof finanziell. Zicke-Zacke - na Sie wissen schon.


Radiohead - Lotus Flower

15.02.2011 um 15:01 Uhr

Spring Break Now!

Musik: siehe Link

Ich erkläre hiermit den Frühling für eröffnet. Sie mögen mich voreilig nennen, aber wer hat gesagt, dass absterbende Gliedmaßen und die miese Laune von ebenfalls ganz schön abgestorben aussehenden DienstleisterInnen kein Grund für kawummige Musik sind? Zelebrieren Sie mit mir die guten Seiten des Februars: Steinharte Hundehaufen (ätsch!) und dass er nur28 Tage hat. Meine Playlist für kalte Tage und warme Gedanken:

01Crystal Fighters - Xtatic Truth: "Wir machen Dance-Musik mit baskischen Elementen", sagen sie über ihre Musik.Von mir aus hätten die auch auf Kochtöpfe eindreschen können: Für mich klingts nach Bollywood, aber in gut. Eine Band, deren Platten tatsächlich noch innovativ sind und trotzdem keine Banalität. Unbedingt noch mehr hören!
02Totally Enormous Extinct Dinosaurus -Garden:Keine Angst, es muss niemand gleich wieder weinerlich werden, weil er die Band nicht kennt. Es erging mir ähnlich. Die Kolumnistin hat ebenfalls Unfehlbarkeitsausfälle, aber stolpert von Zeit zu Zeit über Schätze und stößt sich den musikalischen Zeh an Diamanten. Augen schließen und den Orgeltupfern lauschen (Ja, da sind sie wieder. Überhaupt glaube ich, sind die 10er Jahre DASJahrzehnt für Orgeln und Panflöten).
03Mark Ronson and the Business Intl- BangBang Bang: Regelmäßige Leser meiner Kolumne werden schon mitbekommen haben, dass Hip Hop eher, sagenn wir, nicht so "mein Ding" ist. Hänge daher auch eher selten mit labberigen Hosen in besprühten Hauseingängen rum und auch mein Verhältnis zu gesprochenen Textpassagen war bisher eher mäßig ekstatisch. Alles egal! Lassen Sie uns gemeinsam diesen  Track lieben! Er verdient unsere Liebe! Jetzt! Ja!
04Fan Death - Veronica's Veil (Erol Alkan's Extended Rework): So ein bisschen böser Bass musste dann doch sein.Dann wird's erstmal langweilig, aber wenn die Vocals erklingen , möchte man mit dem/der Nächststehenden Liebe machen.
05Guards - Trophy Queen: Träumen muss man ja auch dürfen. Zum Beispiel davon, dass man wieder auf Wiesen sitzen kann, ohne sich Hämorrhoiden oder nasse Unterhosen zu holen.
06The Aikiu - Just can't sleep (MightyMouse RMX): Ich möchte bei den derzeitigen Zuständen da draußen ja manchmal gar nicht mehraufwachen. Und dann landete dieses schöne, wuppige,Achtziger-Klavier-Beat-Stückchen in meiner Playlist und schon zuckt das Tanzbein! Leck mich, Februar!

Sollten Sie nun auch Lust bekommen haben, ein bisschen den Winterspeck wegzuzappeln, finden Sie die Mucke zum Blog wieimmer hier. Wer dann noch unkonstruktive Kritik verlauten lassen will, kann das in der Eckkneipe seines Vertrauens tun oder wird des Blogs verwiesen. So.
Es grüßt naserümpfend,

die Kolumnistin

30.01.2011 um 13:37 Uhr

Fünf Platten und ein missglückter Kinobesuch

Angeschlagen und nach Atem ringend ist die Kolumnistin heute morgen aus ihrem Traum erwacht, in dem sie von einem schwarzen Schwan die Federn gezupft bekam. (Ich hatte nicht erwähnt, dass ich auch Federn habe? Ich arbeite gelegentlich im Chinarestaurant unter mir als Peking-Ente.) Dieses Erlebnis hat mich noch einmal darin bestärkt, meine Leser dazu aufzurufen, sich"Black Swan" besser nicht im Kino mit einer Menge dreckig lachender Männer und hysterisch kreischender Frauen anzusehen, vor allem wenn diese aus Mitte kommen oder das Kino sich dort befinden sollte; ich rufe vielmehr zum kollektiven Raubdownload auf. Zum Film selbst lässt sich sagen: Verstörend,langatmig, skurril, ein bisschen knatschig. Für Liebhaber von hübschen Kleidchen, klassischer Musik, schlecht gemachten Hitchcockstreifen und Natalie Portman. Vor allem Natalie Portman! Da man sich 107 Minuten lang ihr schmerzverzerrtes Antlitz antun, ich meine, ansehen muss, empfehle ich es wirklich nur denjenigen, die stark genug sind und auch schon bei ihren Aufritten in Star Wars nicht verlegen die Popcornkrümel im Schoß gezählt haben.

Aber was mach ich denn da eigentlich? Wollte Ihnen doch ursprünglich gar nicht meinen gestrigen Kinobesuch aufs Auge drücken, sondern mal wieder Musikalisches angedeihen lassen. 2010 war für meine Leser da ja doch eher ein trockenes Jahr. Sagen wir, ich habe mich wohl ein bisschen auf Ihrer musikalischen Selbstständigkeit ausgeruht, zumindest dachte ich, so etwas sei bei Ihnen vorhanden. Und dann muss ich sehen, dass Katy Perry, der feuchte Teenager-Traum, ganz oben auf den Charts sitzt? Dass die Superatzen im Radiolaufen? Dass Telefonkonzerne unsere Lieblingslieder missbrauchen?

Welche Alben sollten Sie sich also schleunigst noch in den Schrank stellen, bevor ich das nächste Mal zu einem Kontrollbesuch vorstellig werde? Hier meine total verspäteten Top 5 für das vergangene Jahr:

Fünf: Marek Hemmann - In Between  - Kritiker behaupten ja, jeder Track klinge wie der andere, ich aber nenne das "gleichbleibende Qualität" seit Zweitausendundneun.

Vier: Massive Attack - Heligoland - Nur Platz 4, aus dem einfachen Grund, und das gebe ich ganz unumwunden zu, dass ich es noch nicht komplett gehört habe, "Paradise Circus" aber schon mal einen hübschen Vorgeschmack bietet. Und es handelt sich hier schließlich nicht um Blümchen.

Drei: The XX -XX - Ok, kam auch schon 2009 raus, wurde aber letztes Jahr erst so richtig schön gehypet. Poppig, gitarrig und schwermütig. Lieber keine Bilder von der Band angucken, das bewahrt die Illusion.

Zwei: Hot Chip- One Life Stand - Jeder Track ein Knaller, Herrschaften!

Eins: Caribou- Swim - Dazu möchte ich mich nicht eingehender äußern, höchstens noch: DIE Platte 2010. Wer die nicht hat, ist selber Schuld.

 Damit verabschiedet sich die Kolumnistin, vergammelt ihr restliches Wochenende und rät Ihnen, dasselbe zu tun.

23.10.2010 um 12:07 Uhr

Nochmal ins Studio für die Rente

Eine Handreichung der Woche geht dieses Mal an: Comeback-Künstler. Alte, zahnlose Opis, Trullas mit einsetzender Fettleibigkeit, bierbäuchige Nerds und schwedische Mafiabosse wollen's noch mal wissen: Die Werbepausen bei Prosieben und Co. bestehen zur Zeit fast ausschließlich aus den Plattenkaufsuggestionen ehemals erfolgreicher Musiker, die sich nach drei Jahrzehnten Geldausgebens mit beiden Händen nun doch das künstliche Hüftgelenk nicht mehr leisten können.

Also muss Kim Wilde noch mal ran und bringt - Gott sei dank! - das vielleicht BESTE Album ihrer Karriere auf den Markt, Joe der alte Cocker erzählt von seiner schweren Jugend vor gefühlten hundert Jahren; die Jungspunde von Ace of Base schnappen sich zwei neue, glatte, playback-singende Kleiderständer und tun so, als wären die Nuller Jahre nie passiert. OMD machen einfach da weiter wo sie aufgehört haben und produzieren jetzt wieder herrlich schwülstigen Kitschpop, den damals schon keine Sau hören wollte. Und was machen eigentlich Alphaville? Stauben ihre Synthies ab und zeigen allen, dass sie doch "Forever Young" geblieben sind.

Ich bitte Sie, alt werden wir doch alle früh genug. Kein Grund, jetzt schon mit Mutti in der Mottenkiste der Musikgeschichte zu wühlen. Ich gebe zu, die derzeit neu-erscheinende Populärmusik ist größtenteils großer Käse - dennoch lohnt es sich, auch hier am Ball zu bleiben und von Zeit zu Zeit den Versuch zu unternehmen, den Kotzbrocken vom Edelstein zu trennen. Außerdem wissen wir doch alle: Die werden nie wieder so gut wie früher.

02.09.2010 um 11:33 Uhr

Jamaica

Musik: Jamaica - I Think I Like U 2

Nein, Herrschaften, die Welt kann nicht nur aus Zuckertütentechno bestehen. Wo bleiben die poprockigen Eintagsfliegen? 

Ein Ohrwurm fiesester Sorte macht sich in meinem Innenleben breit und ich zögere nicht, Sie zu infizieren. "Jamaica" ist doch tatsächlich der Name einer französischen Herrentruppe, die gut englisch singt und schlecht auf englisch Interviews gibt, so wie, sagen wir, völlig vorurteilsfrei - neunzig Prozent der Angehörigen dieser Volksgruppe. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die klingen und aussehen wie eine schlecht angezogene Variante von Phoenix.

Antoine und Florent heißen die beiden - und verstecken ihren Drumer, der entweder ein Zeitarbeitsengagement bei den Franzosen hat oder aber nicht mit ihnen gesehen werden will. Nun ja.

Das Album "No Problem" macht wirklich keinerlei Probleme beim Anhören und ist eines der gelungeneren dieser Zeit. Was viel heißen will, wenn man sich den Brei mal anschaut, der sich da seit 5 Jahren über Europa ergießt. Die Jünger der sogenannten Indieszene sind alt geworden: Haben die Röhre auf den Speicher gehangen und den Rollator mit Aufklebern verziert. Der Scheitel sitzt nicht mehr perfekt, man geht vielleicht einer ernst zu nehmenden Tätigkeit nach - davon können auch Jamaica nicht ablenken; mit ihren Maschinenriffs und Happysingsang aber an eine Zeit vor den Superatzen erinnern. 

Spitze findet die Kolumnistin auch die herrliche 3-deutigkeit der Single: I Think I Like U 2 - Ich glaub ich mag dich auch? Ich glaub ich mag, dass du...? Ich glaub ich mag U2? 

-- am 5. Oktober im Festsaal Kreuzberg --

12.01.2009 um 23:10 Uhr

Eins, zwo, Berlin

Stimmung: müde
Musik: Gundel - Berlin-Lied

Bist ma viel zu dolle ans Herz jewachsen - ein kleiner spröder Nachtgedanke vor dem Federfest der geschlossenen Augen. Dass der ein oder andere so genannte Musiker schon mal seinen Senf zur Hauptstadt dieses Landes beigetragen hat, ist ja nicht unbekannt, und schon gar nicht verwunderlich, ist Berlin doch praktisch das Fliegenpapier der Entrechteten und freiheitsuchenden Kreativschaffenden. Dass dabei der ein oder andere Mist herausgekommen sein mag, ist freilich nicht zu leugnen. Aber ich möchte an dieser Stelle trotzdem ein klitzekleines Länzchen für das gemeine Berlin-Chanson brechen. Es gibt gefühlte Hundertzweiundachtzigtrillionen Gesangsstücke über die Stadt, ihre sie bewohnenden Gestalten und Kaputten, das Milljöh... Eine sehr schöne Liste schaue man sich hierzu im Onlinelexikon seines Vertrauens an. Sehr viele Künstler, die den Namen auch verdient haben, tummeln sich da. Neben Urzeitmonstern wie Dietrich und Sinatra natürlich auch die Neuzeitalternativen. Dabei sind Britta, Kante, TempEau oder Einstürzende Neubauten. Klar, ein kleiner chauvinistischer Zug, der dieser Stadt seit jeher zu Recht anlastet, lässt sich auch hier nicht verbergen, schließlich sind es zumeist die Berliner selbst, die da mit geschwollener Brust den Himmel über der Spree in jenen hineinloben. Aber die könnens halt, sich freuen dass es weh tut. Und herrlich unsympathisch sein!

10.12.2007 um 19:18 Uhr

Reinhören

Aus dem Hauptquartier der Gewerkschaft der Schneemänner meldet sich: Die Kolumnistin. Sollte ich desöfteren mal groben Mist quatschen, liegt es also wahrscheinlich daran, dass meine Tippfinger noch etwas steifgefroren sind. Aber wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass die wahrscheinlich letzten Vertreter des britischen Rock'n'Roll der Musikwelt kurz vor deren Untergang eine richtig schmissige Platte vor die Füße pfeffern, dann dürfen Sie das ruhig glauben. Es handelt sich hierbei um die drei hochentwickelten Beutelsäuger The Wombats. Laut Wikipedia haben Wombats den größten Teil des Tages ja mit Höhlengraben und ausuferndem Vegetarismus zu tun. Die hier relevante Unterart jedoch schafft es auf unerklärliche Weise, nebenher auch noch richtig dolle rumpelndes Gitarrengelumpe zu produzieren. Hach, was bin ich wieder scherzig heute. Eine Parallele muss man mir jedoch zu ziehen zugestehen: Ähnlich wie die meisten Leute ein verschrumpeltes Wissensspektrum über die australische Fauna ihr eigen nennen, konnte auch der deutsche Musikmarkt im letzten Jahr noch nichts mit dieser Band anfangen. Schade eigentlich, schließlich zählt jede Stunde genussvollen Hörens, die wir in diese neue, kalte Zeit hinüberretten!

03.12.2007 um 16:38 Uhr

Vorfreuen für Anfänger

Musik: Lcd Soundsystem - North American Scum

Wenn ich so aus dem Fenster starre - und ich muss es wissen, denn ich tue einen erheblichen Prozentsatz des Tages nichts anderes - kommen mir Bedenken über die Zukunftsfähigkeit des Starrens als solchem. Was wurde nicht früher gestarrt: Jungs und Mädchen, meine Mitbewohner und die Glotze, Merkel und die Bundesregierung, alle teilten sie dieses besondere mediale Verhältnis des emotional-unkommunikativen Blickwechsels, dass es eine Freude war. Sozusagen the Golden Age Of Ziliarmuskel. Als Musikfan starrt man dieser Tage höchstens mal fassungslos gegen die Playlist seines favorisierten Netzradios. Aber über den Untergang der Plattenindustrie oder die gar nicht mal so schleichende Elektronifizierung der Gitarrensparte will ich hier partout kein Wort verlieren. An dieser Stelle wollte ich nämlich ursprünglich, wie dies nunmal die Pest des Dezembers ist, ein bisschen Nullsiebener-Endzeitstimmung verbreiten und ungebremst auf die zunehmend egaler werdende Interpretenlandschaft von heute eindreschen. Leider aber haben mir fantastöse Mengen an Backwaren mit ihrem weihnachtlichen Geschmacksbrei aus Nelken und abgestandenem Rauch die Sinne derart vernebelt, dass ich gar nicht mehr anders kann, als hilflos ein grandioses Jahr 2008 zu prophezeien. Ich denke ja, 2008 wird musikalisch gesehen die jüngere, hübschere Schwester von 2005. Es wird wieder viele kleine Gruppierungen ans Licht treiben, die uns wenigstens einen Sommer lang den Boden unter den Tanzflächen heizen werden, was erstens im Sommer und zweitens angesichts gruseliger Global Warming-Szenarien eigentlich sehr idiotisch ist (die internationale Produktionsgemeinschaft für Global Warming-Szenarien denkt gerade darüber nach, alternde deutsche Schauspieler, die ja für ihren enormen Gruselfaktor bekannt sind, für ein achtstündiges Intermezzo mit Walgesängen und berstenden Eisbergen zu verpflichten). Und die Strokes kommen wieder, bestimmt.

Wer nicht so recht glauben will, was die Tante im Computer da erzählt, kann sich gerne von der Gutheit des neuen Radiohead Albums als Vorbote des neuen musikalischen Glücks überzeugen.

17.10.2007 um 09:04 Uhr

Das hört der Herbst

Es scheint sich der Mittwoch zum Blog-Tag zu generieren. In dieser frühen Morgenstunde, da ich in freudiger Erwartung der Uni entgegenblicke, möchte ich Ihnen jedoch nur noch einmal ganz fix ans Herz legen, die Musik im Leben nicht zu vernachlässigen, schließlich ist es doch wohl genug, wenn ich das in meinem Blog tue...

Wir alle wissen um den Untergang der CD: Und feiern ihn! Schließlich gibt es nichts besseres, als sich die adligen Ohren von MP3s in mieser Qualität, doch dafür in völlig sinnloser Reihenfolge durchpusten zu lassen. Ich tue das dieser Tage beispielsweise mit dem schwarzweißen Album der schwedischen Neu-Mississippianer The Hives und natürlich mit dem vom vorzeitigen Drogentod auferstandenen schwarzen Peter (der in seiner Freizeit die Babyshambles aufmischt und sich - man möchte Trompeten schlagen lassen - endlich wieder der Musik gewidmet hat).

Bekennende Brigitte-Fanatiker wissen: Nie etwas Neues tragen, ohne etwas Altes dazu zu kombinieren. Daher rate ich Ihnen, sich geschickt die Shout Out Louds auf die Ohren zu stecken. Die passen nämlich klangfarblich perfekt zu Herbstsonne und Oktoberlaub. Beliebt sind natürlich auch immer wieder Hingucker aus längst vergangenen Jahren; ich würde Ihnen jedoch empfehlen, es damit nicht zu übertreiben. Ein bisschen Stones dort, ein wenig Kinks da, schwupp-di-wupp stecken Sie in einem neuen musikalischen Outfit.

Zum Schluss merken Sie sich bitte Folgendes: Was noch vor zwei Monaten Girlie-Elektropop ala CSS war, ist heuer Mädchen-Sing-Sang, wie er bei Kate Nash oder Feist produziert wird (immerhin wieder Mädchen). Bleiben Sie Trend!

 

09.08.2007 um 10:43 Uhr

Min büschen Spucke hält dit locka!

Zu den denkbar ungeschicktesten Kollaborationen dieser Tage zählt wohl das, was die Hives da jetzt mit Timbaland anstellen. Ich finde das äußerst bedenklich, wenn ein Mann sich als Strippenzieher des gesamten Showbizz herausstellt.

Um Marionetten-Onkel T. kommen wir nicht mehr herum. Wenn ich demnächst in den Lidl tappe um mir verkatert meine Deutsche Markenbutter (die ja - Schweinerei - fast n'Fuffziger teurer geworden ist, ich schwenke also schnell um und greife nach der Kerry Gold, wobei ich mir dummerweise das Handgelenk so böse verstauche, dass ich die nächsten sechs Wochen nicht mehr bloggen kann. Jetzt denken Sie noch mal über die Gefahren des Butterkonsums nach! Und zwar scharf!) zu kaufen, wette ich, dass mich auf der erstbesten Verpackung im Milchprodukteregal die Hackfresse des Strippenziehers anblinkt. Stellen Sie sich dieses Supermarktfiasko vor: Zahnspangenträger vor dem Kühlregal, die sich die Piercings aus den Nabeln kloppen weil unbedingt jeder den letzten Joghurt-Becher feat. Rihanna noch haben muss, oder weil die Specialedition Buko mit Nelly Furtado so m-e-g-a-geil schmeckt. Ohne mich. Ich plädiere da entschieden für einen reibungslosen Einkaufsverkehr.

Um zum Thema zurückzukehren: Pelle von den Hives dachte sich höchstwahrscheinlich: Boah, wir machen was mit den Jungs vom Schulhof-Genre, das werden alle so strange finden, dass es schon wieder hip ist! Natürlich hat er das auf schwedisch gedacht. Zugegeben, die Hives auf meiner Markenbutter, das würde fast schon wieder dazu führen, dass die Kuhmilch rockt, aber mir fehlt da der Spaß. Wo sind die Battles geblieben? Warum müssen sich heutzutage alle fraternisieren? R'n'B-Künstler und Punks? Ja, was glauben denn Sie, sowas hat sich früher bei uns in der Straße die Köppe eingeschlagen! Da gabs noch ordentlich auf die Nüsse, gabs da! Heutzutage müssen wir weltoffen sein. Wir müssen alles schlucken, überteuerte Milchprodukte miteingenommen.

Ich appelliere allen Ernstes an Sie: Wo sie gutgemeinte aber schlecht umgesetzte Jointventures beobachten, schreiten Sie ein. Sie wissen schon, Daimler und Chrysler (bei denen hat sich offensichtlich schon jemand ins Zeug gelegt), Butter und Nutella, Mami und Papi. Was nicht passt, muss nicht zwangsläufig in diesen Zustand gezwungen werden, sage ich.