jung und desillusioniert - reloaded

25.09.2015 um 00:55 Uhr

Tourist sein - heute: Portugal

Huch? Schon wieder Herbst? Ich habe in Portugal ja nichts mitgekriegt. Erst, als ich mir den kolumnistischen Zeh von Tranquillizern benommen beim Gangway-Verlassen an einem farbigen Laubblatt stieß, wurde mir klar: In diesem Deutschland ist was anders. Eben noch Lissabon bei 30 Grad genossen, ein Super Bock nach dem nächsten ins Gesicht gekippt, schwupps, hat ein Fliegzeug meinen ruhiggestellten Körper nach Kaltland gebracht (ja, das ist zum Teil politisch gemeint.)

Dieser Blogeintrag wäre aufgrund von Freizeitstress beinahe nicht zustande gekommen. Sie verstehen schon, Ich muss endlich zu meinem zweiten Socken den ersten fertig stricken, muss den gemütlich gewordenen Urlaubsbauch wieder stählen und die gröbsten Schnitzer in meinem Nagellack restaurieren. Gut, letzteres verschiebe ich wohl auf den Frühstückskaffee. Ein bisschen Lösungsmittel am Morgen hat noch Keinem geschadet.

Außerdem haben Kolumnistenschatz und ich sehr viel Zeit darin investiert, Äktschncam-Videos zu schneiden, romcom-mäßig aneinander zu klabüstern und und mit dramatischer Musik zu unterlegen. Unsere Künstlernamen könnten "Leihvideo-Lusitanier" (also eigentlich Leihvideo-Leih-Lusitanier, wir sind ja keine echten), "The Hispanic Hitchcocks" oder "Die Super-Achten" sein. Genau konnten wir uns da als Regisseusenteam noch nicht festlegen.

Doch zurück zum Urlaub! Was haben wir nicht alles gemacht!. Schon in Faro ging das los, mit dem alles machen, meine ich. Alles haben wir gemacht. Alles. Machen Sie das unbedingt auch, und, sollten Sie mal in der Gegend sein, einen Fährausflug zur Ilha Deserta - wie der Name sagt, eine einsame Insel und im September auch von Touristen ziemlich allein gelassen. Besteht nur aus Sandstrand, ein paar Agaven, einem Baguette-Restaurant und den türkisen Wellen. 

In Sagres haben wir dann noch mehr gemacht. Das Zipfelstück von Portugal ist vor allem bei Menschen beliebt, die gerne auf Schwimmbrettern balancieren, oder, in unserem Fall, den Oberkörper walrossartig darauf ablegen und schaukelnd auf Wellen warten. Übrigens eine der Hauptbeschäftigungen beim Surfen. Das, und Salzwasserkotzen.

Wenn Sie mal eine richtig gute, dafür aber nicht original-thüringische Rostbratwurst essen wollen (denn dafür kommt man doch nach Portugal?!), fahren Sie bitte ans Cabo Sao Vicente, den südwestlichsten Punkt Europas. Da gibt es, kein Witz: Die letzte Bratwurst vor Amerika. Schlimmer als die Möwen sich um eine Dose Sardinen raufen, können Sie hier ostdeutsche Rentner beobachten, wie Sie fachmännisch das längliche Schweinefleisch verkosten. Nicht verpassen!

Wenn Sie auf lange Autofahrten zum nächsten Minimercado oder überteuerten Dünenrestaurant ohne nennenswerte Ereignisse stehen (fahren Sie ruhig gelassen. Die anderen Verkehrsteilnehmer werden es ihnen danken und zu jeder Zeit aufmunternd zublinken) und auch sonst eher selten mit Menschen in Kontakt kommen wollen, empfehle ich Die Gegend um Melides/Carvalhal/Comporta. Schöne Strände, Dauerzikaden und Heugeruch inbegriffen.

Die Städte Sesimbra, Coimbra, Porto und Lissabon haben den ungemein niedlichen Vorteil, dass sie treppenförmig an den Steilhang von großen Flüssen oder des Meeres gebaut worden sind. Genauer gesagt ist dieser Vorteil, dass auch die ärmsten Portugiesen eine nette Aussicht haben und man als Tourist mit schönen Waden wieder nach hause fährt. Das wirklich großartigste Fortaleza der Westküste befindet sich in Sesimbra (nicht. aber legen Sie sich in dieser Angelegenheit lieber nicht mit dem Lonely Planet an). Coimbra hat eine schöne, sehr alte Uni, die sich die armen Studenten mit den Touristen teilen müssen (auch die historischen Gebäude sind zum Teil in vollem Betrieb; Studenten prügeln sich in ihrer eigenen Cafeteria mit Reisebusomis um die letzten Pasteis de Nata).

In Porto kann man gemütlich über die wirklich hohe, leicht schwankende Brücke von Dom Luis I. auf die andere Flussseite richtung Vila Nova de Gaia spazieren, mit der Seilbahn wieder auf Meeresspiegelniveau heruntergondeln und sich in den dort befindlichen Portweinkellern Verkostung um Verkostung besinnungslos trinken. Oder man benimmt sich.

Und ja, auch wenn es ungemein touristisch ist, eine Fahrt mit der Electrico 28 in Lissabon ist schon aufgrund der ungeheuerlichen Steigungen in den Gassen der Altstadt zu empfehlen. Und auch sonst ist das ein echtes Abenteuer. Die Fahrzeugführer müssen allesamt ehemalige Kampfjetpiloten mit Erfahrungen im Krokodilschmusen sein. Sie sind rebellisch, draufgängerisch und nieten alles und jeden mit um, das oder der sich ihnen in den Weg stellt. Und immer mit einem freundlichen Geklingel.

Sollten Sie zu Fuß unterwegs sein und Ihnen die vielen Treppen auffallen, die scheinbare Abkürzungen zu Ihrem Ziel darstellen (das laut Google Maps ca. 200m entfernt ist, ihre Gangzeit aber mit 30min veranschlagt wird): Versuchen. Sie. Nicht. Schlauer. Als. Das. Navi. Zu. Sein. NICHT! 

Obrigada für Ihre Aufmerksamkeit.

17.11.2014 um 20:44 Uhr

Früher Abitur, heute endlich on Tour!

November! Draußen pfeift der Wind und im Kopf der Glühwein! Zeit, sich in die Decken zu ducken und eine ordentliche Gemütlichkeitssalve loszulassen. Mitnichten! Dachten sich auch meine Vorgesetzten und schickten die Kolumnistin beinah zwei Wochen lang auf Reisen.

Zweihundertdrölfzig KM/H. Ich gucke schnell wieder weg, denn die Geschwindigkeitsanzeige und das Wackeln der Kabine machen mir Angst. Ich sitze im Hochgeschwindigkeitsverkehrsmittel der Deutschen Streik AG und freue mich, dass ich transportiert werde. Aber ich hasse leider Geschwindigkeit und, wie alle vernünftigen Menschen, meide ich das Flugzeug. So versuche ich 4 Stunden lang etwas für meine Leserschaft ins Muttiheftchen zu kritzeln und angestrengt nicht an Eschede zu denken. Reisen ist schon eine tolle Sache: Man trifft Menschen und lernt neue Dinge kennen - sprich: macht alles, was ich normalerweise tunlichst vermeide. Richtig großes Kino wird die Reise, wenn man sich auf der Fahrt zum Berliner Hauptbahnhof durch Zillionen Verrückte schaufeln muss, die aus irgendeinem Grund total ergriffen dem Abflug von 20K weißen, umweltfreundlichen Ballons beiwohnen. Vor 25 Jahren gab es auf dem Weg von Ostberlin (wo ich wohne) nach Westberlin (wo der Zug abfährt) eben auch "Hindernisse". Warum nicht zelebrieren und die Grenze zum Gedenken noch mal zustellen? Letzten Samstag hätten Sie mich sehen sollen, wie ich mit hochrotem Kopf im Bus zum Bahnhof sitze, in letzter Sekunde den ICE Richtung deutsche Provinz erklimme um dann mit fremden Menschen um den Sitzplatz prügelnd langsam innerlich auszurasten. Ein. Fest.

Natürlich wäre es mir ebensowenig recht, wenn wir 50 fahren würden, zumal die freundliche Staatsbedienstete am Schalter 5 mir nur entspannte 13 Minuten Umsteigezeit eingeplant hat (ich nehme an, die Dame hatte vom Streik - und so - gehört).

Bis vorletzte Woche (da bin ich von meiner ersten Geschäftsreise nach Erlangen zurückgekehrt), dachte ich noch, das wäre etwas für mich: All die Hotelgoodies und das aufregende Schlafen in einem fremden Bett. Nun stelle ich mir zur Ablenkung vor, ich wäre eine dieser wichtigen Leute, die im Zug arbeiten. Stimmt ja eigentlich auch. Als Berichterstatterin aus den Sümpfen der Gesellschaft arbeite ich ja quasi ständig. Und irgendwann gewöhnt man sich schon auch an das Schaukeln! Und das Alleinsein. Bestimmt wird man so zum wunderlichen Brabbler, der sich Leuten in der U-Bahn auf den Schoß setzt.

 

25.01.2014 um 22:40 Uhr

Hirnlos um die Wette schnurren - Der Bachelor kriegt sie alle (ob er will oder nicht)

Sind Sie wie ich ein großer Freund von TV-Schwachsinn? Dazu gehören jegliche Shows, bei denen die Teilnehmer so tun müssen, als hätten Sie ihr Gehirn auf dem Weg zum Produktionsstudio in der Tram liegen lassen und stattdessen eine neue, frei erfundene Identität annehmen müssen, die wahlweise in eine Schublade passt, über deren Inhalt sich der Fernsehfreund dann köstlich aufregen und/oder amüsieren kann. Wenn es bei diesem Schabernack dann noch einen Preis nennenswerter Größe zu erstreben gibt oder aber das Ticket ins nächste Dschungelcamp (paradox, nicht wahr?), und sich die Teilnehmer hierzu gegen eine ganze Meute Mitstreiter durchsetzen müssen, die nach anfänglichem Solidarität-Heucheln den Sauron auspacken - ganz genau mein Ding.


In diese Rubrik passt wunderbar unser "Bachelor". Während ihre Gehirne mit den Trämmern dieser Welt durch die Zeit gondeln, sehen wir in dieser netten TV-Adaption des Planeten der Affen ca. 100 Frauen in der Rolle der halbwegs Intelligenten, der Naiven oder der Prinzessin. Und als wäre nicht genug über Frauenstereotypen gesagt worden und das misogyne Konzept der Sendung neben Hochzeitsbattles und Schönheitsumerziehung ein Graus für alle Vernunftbegabten, müssen wir nun auch noch Ela kennenlernen, Typ Alptraum beider Geschlechter. Sie ist derartig von sich überzeugt, dass sie auch den Widerspruch einer Glasscheibe im Haus des Gastgebers nicht gelten lässt, im Duell Ela gegen Verandatür aber gnadenlos unterlegen ist. Zu dumm! Dabei fing der Bachelor doch gerade an, sich für sie und ihr profundes Wissen über Astrologie zu interessieren! Stattdessen bekommt der Mann ohne Haare gleich die leider viel zu dick geschminkte Wahrheit präsentiert: Hier haben die Macher der Show eine dicke betrunkene Katze in ein rosa Kleid gesteckt (vielen Dank für die Anregung, Schatz!).

Quelle

Quelle

Frappierend, nicht? Nein? Ach kommen Sie!



Und nun viel Spaß beim Streamen der letzten Folge aus der Reihe grober Unfug bei RTL.
Schönes Wochenende!

23.12.2013 um 13:52 Uhr

Ein Festival der LIEBE!

Liebe Heimgereiste,

während Sie bei Eltern, Onkeln, Tanten auf der Couch Weihnachten spielen und versuchen, sich zu erinnern, was Sie mit diesem Fest verbindet außer einem ausgeprägten Hang zum melodramatischen Rezitieren von TV-Wiederholungen, gehe ich in die geistige Emmigration und bringe Geschenke mit: Weihnachtstralla für Randgruppen und die zehn schrecklichsten Plätzchenrezepte, für die Sie von Arbeitskollegen gelobt werden müssen. Na gut, letzteres war dreist gelogen, als Foodblog hätte ich eh längst dicht machen müssen, macht doch selbst meine vegetarische Freundin besser Schweinefilet als ich. Muss über das Fest noch irgendetwas gesagt werden? Ich verschenke gerne Sachen. Weil das bedeutet, dass der Stress, auf Knopfdruck kreativ und sinnig sein zu müssen und in kitschigen Anspielungen zu versichern, dass der oder die andere Mehrwert für mich besitzt, für ein Jahr oder mindestens bis zum nächsten Geburtstag aussetzt. Ich bekomme übrigens auch ganz gern Sachen geschenkt, das gebe ich unumwunden zu. Nennen Sie mich konsumgeile Schlampe. Ich brauche schöne Sachen, die ich nicht selbst bezahlt habe, geizig bin ich nämlich auch ein bisschen.
Ich genieße meinen Aufenthalt in Süddeutschland und kuriere hier meine Menschenphobie. Das Problem daran ist, dass meine Süddeutschen-Phobie da gegenkompensiert. Diese Baustelle muss aber warten, bis ich zurück in Berlin bin. Man kann es nicht jedem Recht machen.
Wie immer zum sentimentalen Jahresendrückfall drücke ich auf die Drüsen und gelobe, von nun an umtriebiger zu sein was das Wortemachen angeht. Es ist aber auch ein großer Druck! Sie kannten mich als Schülerin. Sie kannten mich als Studentin. Als Arbeitslose. Wen Sie noch nicht kennen, das ist die Doktorandin in mir. Beziehungsweise die Musikbloggerin, die sich unter Wissenschaftler mischte und so tat, als würde Sie verstehen, was Sie da machte. So ein Doppelleben verlangt viel ab. Ob und wie oft mich mein Alter Ego im neuen Jahr von der Leine lassen wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht schenk ich’s Ihnen. Vielleicht auch nicht. Eins steht jedenfalls fest: Nicht schreiben macht auch nicht glücklich.

Frohes Versteckspielen des wahren Grolls!

Ihre Kolumnistin


(Ja ja. Die Mucke ist furchtbar.)

27.05.2012 um 15:03 Uhr

Hauptsache Kultur!

In Berlin sind ständig alle Leute wegen irgendwas aus dem Häuschen. Dieses Wochenende vor allem wegen des schönen Wetters. Und wegen des Karnevals der Kulturen, wo sich der Berliner oder seine Gäste mal wieder nach Herzenslust den Hüftspeck oder den Frust über die geplatzte Flughafen-Eröffnung aus der Birne schütteln können. Und weil es uns Berlinern einfach so dolle gefällt, uns mit zweihundert anderen Gestörten von Montag bis Freitag in die S-Bahn oder wahlweise auf den S-Bahnsteig, da die Bahn selbst ja nur in den seltensten Fällen auch einmal kommt, zusammenzukuscheln, erfinden wir Festivitäten, die uns das Gefühl der kollektivierten Harmonie auch am Wochenende verschaffen. Zugunsten solch positiver Gefühle tut der Berliner auch schon mal für drei Tage so, als würde er nicht alle Menschen auf der Welt hassen.

 

So trottet man denn mit einem matschigen Pappding voller Currypampe hinter einem kunstvoll hergerichteten Bauwagen her, aus dem schmissiger Favela-Pop herauspumpert und freut sich über die vielen internationalen Schenkel, die einem dargeboten werden. Ich muss an dieser Stelle einmal betonen, dass ich gar nicht verstehen kann, wer den Mythos mit der angeblichen Kulturlosigkeit der sogenannten Jugend in die Welt gesetzt hat. Die verköstigt doch total kulturell alle Biersorten dieser Welt und tanzt sich bildungsbürgerlich dazu in Trance.

 

Vergessen ist die ESC-Schmach, die ich hier ganz bewusst nicht näher thematisiere. Vergessen auch die Menschenrechte, die in den Herkunftsländern der Schenkelschwinger nur zu oft mit Füßen getreten werden. Warum sich mit Weltpolitik beschäftigen, wenn die Welt zu dir kommt und mit dir ein Tänzchen wagt? Die will doch ganz offensichtlich gar nicht reden, die Welt!

 

Wie immer gilt auch diesmal und wie bei allen Großveranstaltungen in der Hauptstadt: Passen Sie gut auf Ihren Nächsten, Ihre Wertsachen, und auf die Wertsachen Ihres Nächsten auf! Alles kann, nichts muss! Und wenn Sie dann immer noch nicht auf Ihre kulturellen Kosten gekommen sind, darf ich Ihnen versprechen: Die nächste S-Bahn nach Hause kommt bestimmt nicht. Zeit genug also, sich noch ein wenig intensiver kultivieren zu lassen. In diesem Sinne: Waka-waka!

28.11.2011 um 19:31 Uhr

Genießen Sie diese Musik in vollen Zügen

+++++++++++++++++++++++++++Dieser Post wird witterungsbedingt ca. 59 Tage später eintreffen. Vielen Dank für Ihr Verständnis++++++++++++++++++++++++++++++



Da überfalle ich Sie mal wieder hinterrücks mit der hässlichen Schwester der Wahrheit (der Binsenweisheit): Der Winter wird kalt, lang und vor allem kalt. Genauso vermutlich wie das Weinachtsfest vieler ExilberlinerInnen in ihren jeweiligen Heimstätten, die sich St. Peter Kuhkaff oder im schlimmsten Fall Karl-Marx-Stadt schimpfen. Sollten Sie sich wagemutig zu dieser Personengruppe bekennen, haben Sie sich wahrscheinlich auch schon die knifflige Frage gestellt, was zum Kuckuck Sie sich in den quälend langen Stunden, die Sie mit der deutschen Bahn in der ungeheizten (ICE ist schließlich nicht umsonst auch das englische Wort für Eis -aha!), aber zum Ausgleich kuschelig überfüllten Holzklasse eines wegen eingefrorener Weichen kurzzeitig in verändertem Betriebsablauf befindlichen Niedriggeschwindigkeitszuges auf die Ohren packen sollen? Die Kolumnistin weiß selbstverständlich Rat und nutzt die Gelegenheit, Ihnen eine junge Dame an Amboss und Steigbügel anzulehnen. Holy Sela¡na nennt sich die Spenderin dieser milden Musik: Back 2 Life by Holy Selaina

Wer sich da nicht die Bahncard 100 besorgt, ist ja wohl eindeutig selber Schuld!

10.06.2011 um 10:50 Uhr

GNTM: Gewinnerin vertilgt EHEC-Gurke. Und zwar quer!

Na gut: Obige fantasievoll erstunkene Meldung diente nur dazu, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen und entbehrt jeden Wahrheitsgehalt. Sei's drum: Meine Handreichung der Woche geht an - Jana Beller.

Ein bisschen erschrocken habe ich mich ja schon, als ich den Fernseher anschaltete und ein Paar rote Lippen meinen Bildschirm von innen zu verschlingen drohte. Dachte erst, bei einer der gruseligen Vorher-Nachher-Shows gelandet, das heißt: beim "Vorher" gelandet zu sein. Aber falsch: Das war Deutschlands neue Vorzeige-Werbeträgerin und die Sendung nicht "Extrem Schön" sondern "Germany's Next Topmodel". By Heidi Klum, versteht sich.
Zuvor waren alle anderen, halbwegs talentierten Teilzeitmodels über den Klum'schen Jordan gegangen und jene Damen übrig geblieben, die angesichts entwürdigender Threesome-, Ekel- und Stunt-Shoots brav in die Kamera gelächelt, sich am fleißigsten von sogenannten Art Directors bezupfen und den in Hotpants gesteckten Arsch ins rechte Licht rücken lassen hatten ("Professionell" nennt man das übrigens im Jargon der Industrie).
Zur Wahl standen dann gestern, im pompös-amizentrisch übersteigerten Finale noch: Amelie, die doppelbekinnte Reittänzerin, Rebecca, die hamsterbäckige Prom Queen und Jana, das Breitmaulnashorn. Letzteres, von engen Freunden auch charmant "Kaulquäppchen" genannt, gewann schließlich den hart umkämpften Knebelvertrag mit Sektenchefin Klum und Schergen. Und einen hässlichen Suzuki.
Bloß gut, dass man sich nun nicht mehr mit dem stressigen Tagesgeschäft bundesdeutscher Politik beschäftigen muss, sondern ausgeprägte Gesichtsmerkmale nun Allgemeingut - sozusagen coporate identity - werden und den Nationalstolz pushen! (Apropos CI: In diesem Zusammenhang wäre auch ein Maskottchenjob bei der Frauen-Fußballnationalmannschaft für Jana denkbar. Vielleicht als menschliches Tor.) 
Die Kolumnistin wünscht dem neuen Kleiderständer der Nation alles Gute für den langen Weg über die Laufstege abseits der WIRKLICHEN Modewelt und eine tolle Karriere als Gesicht von C&A oder Schmidt's Büroartikel

21.05.2011 um 22:55 Uhr

Bumsfidel ins neue Geschäftsjahr: Mitarbeitergesundheit bei der ERGO

Die Ergo-Versicherungsgruppe kümmert sich um die geistige und körperliche Gesundheit ihrer Mitarbeiter und verzichtet nun darauf, diese in strapaziöse Urlaube zu entlassen. Stattdessen stellt sie ihnen zwanzig bemalte Betreuerinnen zur Seite, die die Gestressten sehr viel effektiver regenerieren können. Die internen Seminare werden überraschend gut angenommen:

Ein "Mordspaß" muss das gewesen sein, so betitelt es auch das HMI-Mitabeiter-Magazin. Und warum sollte man den besten Bullen im Stall nicht ermöglichen, sich mal nach Herzenslust die Hörner abzustoßen, damit die am nächsten Montag wieder mit Schmackes Mutti knutschen und braven Deutschen Stempel auf ihre Policen pfeffern können? Hohe Tiere brauchen Ausritt. Selbstverständlich muss bei Vergnügungen dieser Art selbst unter den Verantwortlichsten der Verantwortlichen darauf geachtet werden, dass niemand sich die Birne am Schampusglas stößt oder gar im Schampuspool - selig, aber doch final - ertrinkt. Gut also, dass die Ergo-Gruppe ca. zwanzig verständnisvolle Damen engagiert hatte, die sich um das ein oder andere Wehwehchen unserer Alphamännchen kümmerten. Mit erleuchtenden Farbcodes am Handgelenk, die jedem Familienvater verrieten, wo er sich wie zuhause fühlen durfte, und wo er nur gelegentliche Erfrischungen zu erwarten hatte. Für- und vorsorglich, wie wir es von Versicherungen kennen! Äußerst sozial auch, dass alle Betreuerinnen statt störende Kleidung tragen zu müssen, in jugendliche Bodypaintings in den Firmenfarben gehüllt wurden, um sie vor Überhitzung zu schützen.

Die Kolumnistin fragt: Warum sollten nur internationale Führungsgrößen wie Dominique Strauss-Kahn oder der bumsfidele Silvio Berlusconi sich auf ihren Dienstreisen mit gelegentlichen Entspannungsseminaren vor Burnout schützen können? Gut, dass es noch Unternehmen gibt, die hier auch den "kleinen Mann" - buchstäblich - nicht zu kurz kommen lassen.

16.05.2011 um 21:20 Uhr

Traumreise ins ehemals mitteleuropäische Aserbaidschan

[Auf vielfachen Wunsch, dem ich mich einfach beugen MUSS, kopiere ich Ihnen nun weiterhin meine Kolumnen in das blogigo-Fenster. Viel Spaß damit.]

Ich reise ja to-tal gerne. Am liebsten in super exotische Länder. In deren Kultur ich mich ordentlich daneben benehmen kann und deren Sprache ich nicht spreche. Manch einer würde ja jeden Einheimischen argwöhnisch mustern, wenn der ihn freundlich um ein paar Scheine einer wertlosen Währung bäte, ich hingegen dächte nur: "Was für eine erotische Satzmelodie". Reisen in den hinterasiatischen Raum beispielsweise werden ja auch empfohlen, um mal wieder so richtig herzhaft auf den Pott zu gehen. Immerhin ein exotischer Pott!  Schon seit einer halben Ewigkeit hege ich außerdem den dringenden Wunsch, einmal aus Jux und Dollerei auf einem, sagen wir, venezolanischen Flughafen mit einem Kilo barrenartig in Aluminiumfolie verpacktem Backpulver die Sicherheitskontrollen zu passieren, danach dramatisch die ortsansässige Polizei mit einer großzügigen Summe auszustatten und den Rest des Urlaubs vorzugeben, ich merke nicht, dass mir ein zwanzigköpfiger, bis an die Goldzähne bewaffneter Brüderclan auf den Fersen ist. Ein Mords-Spaß wär das!

Doch mein absoluter Favorit in Sachen Traumziele ist momentan Aserbaidschan. Herrlich, dieses Land! Und dass sie auch Mucke machen können, bewiesen uns die Aserbaidschanen, wenn sie so heißen, am Wochenende beim ESC 2011, auf den Sie und ich uns selbstredend schon ein halbes Jahr lang wie blöde gefreut haben! Ich dachte ja zuerst, dass da der Sänger von Keane mit Nicole Scherzinger zusammen ein Duett schmettert. Die guten heißen aber Ell & Nikki, wobei mir bis heute nicht ganz klar ist, wer da wer sein soll. Anlass genug jedenfalls, einmal Google Maps anzuschmeißen und nachzukieken, wo sich dieses ominöse, angeblich europäische Land denn so befindet. Was kaum jemand weiß: Das schöne Aserbaidschan wurde 1979 ans kaspische Meer umgesiedelt. Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich das sympathische Land direkt halblinks neben der Schweiz. Daher nun auch, in Gedenken an die alten mitteleuropäischen Wurzeln, die Teilnahme am Eurovision Song Contest, den die stolzen Neuasiaten locker für sich entscheiden konnten. Herzlichen Glückwunsch dazu! Die Kolumnistin verspricht, ihren nächsten Urlaub in Baku zu verbringen und damit den Aserbaidschanösen Hauptstadttourismus ordentlich um einhundert Prozent anzukurbeln (von 0 Besuchern pro Jahr auf einen). Und schließlich kann es da auch nicht anders zugehen als in ... Berlin, Lichtenberg.

31.01.2011 um 22:38 Uhr

Alle lieben Lena, nur ich mag Pommes

Ich finde nicht, dass man Lena Meyer-Landrut noch eimal das prestigeträchtige Zepter des Dödelschlagers in die Hand drücken sollte. Erstens würde sich die Gute in Ihrer Sparte zusammen mit den anderen mittelmäßig inspirierenden Singer/Songwriterinnen doch viel wohler fühlen: Jeden Sonntag ein bisschen im ARD-Familienprogramm trällern und den Rest der Woche Blumen gießen. Zweitens ist es mehr als lächerlich von Raab und mehr als peinlich für Deutschland, zweimal nacheinander mit der gleichen Interpretin aufzwarten. Das ist, wie ein Referat doppelt halten, weil man nur Lust hat, eines vorzubereiten (Beispiel aus dem Leben der Kolumnistin gegriffen) und wird garantiert schief gehen. Überdies sind die heute abend bei "Unser Song für Deutschland" zum Besten gegebenen Titel auch eher was zum Einschlafen als zum Gewinnen.

Vorschlag zur Güte: Den Wendler schicken. Der hat Haare auf den - äh - Zähnen und kennt sich dolle im Business aus. Außerdem macht der schmissige Musik, nicht so Schulmädchen-Schwachfug. Nein? Ok. Vielleicht fahr ich ja auch selbst im Mai nach Düsseldorf und les ein bisschen aus meiner Kolumne vor. Das wär ein Spaß! Wer auf die glorreiche Idee kam, den Grand Prix dort zu veranstalten, ist auch noch ungeklärt. Sollte er oder sie mir in die Schreiberfinger geraten, möchte ich ihn/sie herzlich drücken, dass Berlin dieser Zirkus erspart geblieben ist.

09.12.2010 um 19:55 Uhr

Fettiges zur Osterzeit!

Hallo liebe Lesenden! Ist gerade mal wieder Weihnachten? Dachte ich mir. Als ich so über einen festlich beleuchteten Platz im Berliner Herzen schlenderte und mich über die vielen Kinder mit Schaum vorm Mund wunderte. Dieser entpuppte sich später übrigens als Zuckerwatte. 

Herrschaften, Spaß bei Seite, ich weiß selbstverständlich, dass Ostern ist. Und deswegen habe ich heute in meinem Osterhasenkalender das 9. Türchen aufgemacht. Drinnen saß ein Schweizer Chocolatier und haute mir ordentlich eins mit dem Kochlöffel uffn Kopp. "Da haste den Salat", dachte sich die Kolumnistin und schmiss das Türchen mit Schmackes wieder zu. Ist doch sowieso alles Käse.

 

Uschi und Bernd führen in Berlin einen mäßig 
erfolgreichen Lángos-Stand. Aber nur zur Osterzeit!

 

Sie fragen sich sicher schon gespannt, was es mit dem Bildchen auf sich hat, das sich dieser Zeile so frech auf den Kopf gesetzt hat. (Scheint übrigens auch eine Ostertradition bei euch Menschen zu sein, sich Wolldinger auf den Kopf zu setzen, die euch aussehen lassen wie wandelnde Präservative; aber darüber ereifere ich mich ein andermal.)

Die zwei netten grünen Punkte im Osterhasi-Häuschen sind noch keine Leser meines Blogs. Vor allem aber machen sie meine Lieblingsostermarktspeise Lángos. Böse Zungen könnten jetzt behaupten die zwei Häschen hätten ein bisschen zu viel am eigenen Teig genascht. Vielleicht naschen sie ja aber auch nur aneinander; geredet wird bei Knollens, so nenne ich unsere zwei modebewussten ehrlichen Arbeiter, jedenfalls nicht. Vielleicht träumen aber auch beide nur von den schönen Tagen im Ruhrgebiet (Die es selbstverständlich nie gegeben hat, wir sprechen ja schließlich vom Ruhrgebiet). 

So trank ich also vergangenes Wochenende meinen Glühwein im Gedenken an brodelndes Fett, Fatsuits, fettige Hände an fettigen Körperstellen und die industrielle Romantik einer Abraumhalde aus.

Möchten Sie Ähnliches erleben, empfehle ich Ihnen schleunigst den nächsten Weihnachts - ich meine selbstverständlich - OSTERMARKT.

14.09.2010 um 14:08 Uhr

Wie man es richtig macht

 

Berlin ist ja bekanntlich eine Stadt der Superlative. Hier ist die Musik am lautesten, sind die Menschen am betrunkensten und die Sonnenbrillen am dunkelsten. Seit letztem Wochenende darf sich die Stadt nun auch rühmen, das originellste Festival der Stadt zu beheimaten. Kluge Menschen müssen diese Großveranstaltungs-Veranstalter sein, das bewies ja schon Massenhysteretiker Dr. Schaller in Duisburg. Wie man Feierwütige dazu bringt, zu hause zu bleiben, wissen die Herrschaften ganz genau. Eine populäre Methode zum Beispiel ist das sinnlose Absperren von Zugängen. Die sich aufbauenden Emotionen in den Gesichtern der Wartenden müssen dem Sicherheitspersonal ein geradezu künstlerisches Vergnügen bereiten. Sehr beliebt sind auch das Verkaufen von zu vielen Tickets, das Dichtmachen von Hauptbühnen oder das Umschmeißen von Timetables, wenn es darum geht, die eigene Stadt von unliebsamen Touristen zu säubern. Und jetzt, festgehalten, der absolut sicherste Trick für einen unvergesslichen Abend: Die Veranstaltung 4- 10 h früher beenden und die Besucher geschlossen vom Gelände verweisen. Sorgt für den unnachahmlichen Kuschel-Faktor beim Heimfahren mit der U-Bahn. Ach ja: Überhöhte Eintrittspreise sind auch immer wieder der Knaller!

Die Kolumnistin wünscht allen Branchenzugehörigen viel Spaß bei der "Organisation" des nächsten Festivals/Umzuges/Großkonzerts. Allen Konsumenten sei gesagt: Seien Sie nicht allzu traurig, dass Sie dieses Mal nur mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Die nächste Saison verspricht noch "hotter" zu werden. Und allen Daheimgebliebenen: Keine Angst, irgendwann werden auch Sie noch aufs Gelände gepresst. Die Veranstalter arbeiten bereits daran, noch gemütlichere Locations für Sie zu erschließen!

 

05.09.2010 um 12:12 Uhr

Wettlaufmusik zum Frühstück

Ich liebe es ja, an Sonntagen morgens auf meinem Balkon zu sitzen und der köstlichen Wettlaufmusik zuzuhören, die da unten vor meinem Fenster in allerbester Dixieland-Manier von einer Klarinette, einem Banjo und einem Typen, der statt mit einem Knüppel mit nem Besen auf seine Trommel trommelt, zum Besten gegeben wird. Ich weiß schon, die Schlagzeuger oder im entferntesten Sinne musikbewanderten Leser unter Ihnen werden mir jetzt gleich an die kolumnistische Gurgel springen; aber möge man mir unterstellen, dass ich von derlei keine Ahnung habe, so sage ich schlichtweg: Ich habe keine Zeit für Kinkerlitzchen! Die Kolumnisterei ist ein hartes Stück Brot und daher werde ich mich nun auf dem kürzesten Wege (wann spannt endlich einer ne Seilbahn über den Boxi?) in die Kaschemme meines Vertrauens begeben und dort ein ordentliches Frühstück für Schreiberlinge zu mir nehmen.

 

www.dixieland.de 

 

 

27.08.2010 um 11:58 Uhr

Der Tanzbär, die Medienhure und Marie

Tolle Aktion, die sich die Friedrichshafener Medienprovokateuse Marie da bei Popstars geleistet hat. Die Kolumnistin fragte sich schon länger, warum nicht mal endlich jemand auf die Idee kommt, diesen Affenzirkus, der jungen Arbeitslosen seit 10 Jahren ins Gehirn scheißt, mal ordentlich zu verschallmeiern. Und ebenjene Marie zeigte uns wie's geht: Shoppingtour aufem Flomarkt, mal ordentlich an ner Tüte Klebstoff schnüffeln und rein in die Kaderschmiede der Eintagsfliegen: Respekt. Dass das ganze aufgeflogen ist, lag sicher nicht nur daran, dass sie es letztendlich ein bisschen zu auffällig übertrieben hat; dass sie mit ihrem Vorhaben im Netz prahlte ist nachvollziehbar. Dass Detlef jedoch seine Schargen losschickt um die Medienhure Facebook flachzulegen, grenzt an Cybermobbing. Ich stelle mir vor, wie der Tanzbär nen Tausender auf den Tisch knallt und sagt: "Bitte einmal alle Daten von User 'Marie die alternative Popschnuppe'. Im Zehnerpack. Mit Dissrecht für die Bildzeitung, bitte."

Die Gute scheint nichts drauß gelernt zu haben. Ihr Profil ist jetzt wieder für alle einsehbar, damit auch ja alle ebenfalls im Recall rausgeflogenen Sternchen auf der Pinnwand ihren Senf dazugeben können. Würde gerne wissen, ob das mit der Schauspielkarriere denn nun mittlerweile geklappt hat, oder ob sie doch ins Alleinunterhalterinnengeschäft gewechselt hat. Und ob der Tanzbär inzwischen wieder lachen kann.

01.02.2009 um 19:50 Uhr

Ganz schnöde vom Wetter

Auf ein neues! Pünktlich zum ersten dieses Monats ist auch Frau Holle zurückgekehrt und lässt uns einen Blick unter ihr -öhm- Tüllröckchen werfen. Packen wir also alle Erwartungen auf ein baldiges Frühjahr wieder in muffige Decken und verstauen sie in Schuhkartons auf dem Dachboden. Wie schön! Endlich noch mehr weißes Zeug, ja, man mag schon fast meinen, es sei der Musikantenstadlhimmel zu uns auf die Erde gekommen. Aber wer wird denn vom Wetter reden!

Wenn man sich so selten einmal vor die Tür traut wie ich, kann das schon einmal passieren. Man schweift auf Gemeinplätze ab und schwuppdiwupp hat die gesamte Leserschaft Harakiri begangen. Ich könnte Ihnen andere spannende Geschichten erzählen: Vom Abwasch, der sich nebenan stapelt und welche Mikroorganismen ich auf diese Art versuche in Reinkultur zu züchten (ja, mein zweites Standbein neben der Schreiberei wird der Betrieb eines Bakterien-Zoos!), was und wie viel ich heute gegessen habe (oder ob ich das lieber hätte bleiben lassen); ja, ich wäre mir sogar nicht einmal zu fein, Sie über meine tägliche Körperhygiene, die heute aufgrund von massiver Faulheit noch nicht stattgefunden hat, zu informieren. Aber Herrschaften! So weit wollen wir es doch nicht kommen lassen. Daher nun: Ein Hoch auf das sinnlose Smalltalkthema! Die Kolumnisten springt so lang unter die Dusche...

25.01.2009 um 13:00 Uhr

Ab ins Chaos.

Es ist ein Traum! Nach einem langen Wochenende des Zimmerhütens und auf-Büchern-Einschlafens ist nun endlich Sonntag Morgen. Und das bedeutet, dass es in unserer schönen Stadt immer noch mindestens eine Institution gibt (genauer gesagt fallen der Kolumnistin sogar drei ins komatöse Auge), die meinen Schreiberhintern aus dem Bett hieft und ihm in ihren heiligen Hallen bis ca morgen Mittag Asyl gewährt. Schnell die Glitzerschminke aufs Jochbein geschmiert und ab ins Chaos!

07.01.2009 um 12:31 Uhr

Kontaktfreude

Ja, ich bin ganz entschieden für mehr Nachbarschaftskontakt. Wie oft konnten all jene, die sich in einen dieser übriggebliebenen menschlichen Ameisenhaufen aus Beton verschanzen, nicht schon beobachten, dass Frau B. dem Hausmeister beherzt in die geöffneten Arbeiterhände sprang und Form und Umfang seines beträchtlichen Bierbauches und/oder Schnurbarts pries? Und wie oft haben diese die Augen vor so viel alltäglicher Obszönität verschlossen? Einfach die Tür ins Schloss fallen lassen, mit der Begründung: Geht mich nichts an, wenn fremde Hausmeister vergewaltigt im Fahrstuhl zurückgelassen werden?

Mit mehr Fürsorge für den Ihnen Nächsten können solche tragischen Fälle leicht verhindert werden. Mag sein, dass ich hier einer Aufschreiwelle auf die Flügel springe, die Kindermorde und Asi-Mütter im Mittagsprogramm anprangert. Niemand jedoch wird ernstlich schlagende Argumente gegen Eiertausch und Waschmaschinen-Mitbenutzung vorbringen können. Schnuppern Sie unauffällig unter obskuren Vorwänden in die heiligen Hallen der anderen Mieter: Wo vergammelt vielleicht ein Kleintier in der Ecke, ist in der Tiefkühltruhe auch alles in Ordnung, sind alle Peitschen im hauseigenen Domina-Studio säuberlich aufgehängt?

Schwupp-di-wupp wird sich eine Gemeinschaft bilden, von der Indien-Reisegruppen nur träumen können: Grillparties zwischen dem achten und neunten Stock sowie lustiges Minderheiten-Dissen werden nun täglich ihr Leben aufmöbeln und es nicht zuletzt sicherer gestalten. Denn, haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ihre lieben Nachbarn für Sie tun könnten? Was ist mit den Fotos von der letzten Dessous-Party, die ein wenig zu sehr in Körperlichkeiten ausartete... die nun aus ihrer Schreibtischschublade verschwunden sind? Gleich eben ans schwarze Brett geschaut und richtig: Da werden Sie auch schon aufs Köstlichste vor allen Ihren Bekannten bloßgestellt. Wie schön! Nichts kann Sie so effektiv vor sich selbst schützen wie ein gesunder Mob.

13.12.2007 um 10:11 Uhr

Ein Bier bitte...

... auf den Schellenkranz! Die Woche ist noch nicht zu alt, unser liebstes musikalisches Beiwerk der modernen hippiesken Kultur mit einer Handreichung zu bedenken. Vielleicht stimmen Sie darin mit mir überein, dass Rock'n'Roll ohne den Klimperring nur halb so lustig, emotional oder beschwingt wäre. Falls nicht, werden Sie es mir hoffentlich nicht übel nehmen, wenn ich Sie in eine gemütliche Schublade mit anderen unlustigen, emotionslosen oder entschwungenen Herrschaften stecke (u.a. haben sich bereits eingerichtet: Bono Vox, Jane Comerford (das Casting-Show-Faltengestell) und der Lederhosenbayer aus der klarmobil-Reklame). Fakt ist, dass viele Musikanten ohne den Schellenkranz schlichtweg verhungern würden, weil ihre Songs dann endlich doof genug klingen würden, um auch den letzten zahlenden Hörer (denn hier muss man ja neuerdings Unterschiede machen) vor die Kloschüssel zu treiben (siehe z.B. Oasis). Anderen Künstlern wiederum braucht man das einfache Instrument nur in die Hand zu drücken, und sie verwandeln sich in druffe Duracellhasen: Manche fangen sofort  wie bescheuert an, sich um ihr Leben zu produzieren. Man nehme die White Stripes: Eine Hälfte dieser Band wäre ohne die Existenz des Schellenkranzes ja quasi arbeitslos (was das für schlimme Folgen bei einer derartig untalentierten, aber trotzdem grenzenlos genialen Trommlerin hätte, will ich mir gar nicht ausmalen. (Mir schwant da was mit üblem Xylophonplängpläng)).

Doch selbstverständlich wird uns der Schellenkranz auch in Zukunft die Hausmusikabende versüßen. Eine Zeit ohne schrecklich verstimmte Gitarren, niveauloses Gegröhl und taktlose (!) Schellenkränze wird niemals kommen. Hurra! 

04.12.2007 um 13:45 Uhr

Einen Kinderpunsch bitte...

... auf die armen Wesen, die zum Arbeiten an den Feiertagen auserkoren sind. Lassen wir unsere Anerkennung sprechen und all jenen tapferen Seelen gedenken, die über Weihnachten und Neujahr dafür sorgen, dass die Erde eine Scheibe bleibt. Gerade ich, die ich aus dem selben Grund studiere aus dem die meisten Menschen ebenfalls vernünftige Erwerbstätigkeit verabscheuen, bin in der Adventszeit häufiger beim Schulterklopfen anzutreffen. Ich klopfe sie alle: Schultern von Omnibusfahrern, Krankenschwestern, Kurierdiensten, Pizzaboten und Vollzeitfrührentnern. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die bei der ersten Schneeflocke wie blöde anfangen, Omas beim Pantoffelkauf zu beraten und mit meinen Vertrauensmüllmännern Biere zu schütten. Zudem spende ich Unmengen gebrauchter Schachbretter nach Russland, wo die Opposition zur Zeit ja ein bisschen beschäftigt werden muss. Schließlich habe ich bei den dreiundsiebzigsten Starrweltmeisterschaften in der Slowakei gelernt, dass es sich lohnt, die Augen offen zu halten: Überall gibt es Personen, denen man endlich das geben kann, was sie verdienen: Einen Schluck Aufmerksamkeit, in seltenen Fällen sehr laute Ohrfeigen.

03.10.2007 um 00:32 Uhr

Einen Tag Proll

So sei er denn eröffnet, der neue Monat, der den schönen Namen Oktober trägt. Fragen Sie mich bitte nicht nach ethymologischen Einzelheiten. Es ist gleich zwölf und mein Gehirn schon von vielen anderen wichtigen Dienstleistungen eingenommen, welche mein körperliches Wohlbefinden sichern sollen.

Doch zurück zur deutschländischen Grundüberzeugtheit: Es ist Einheitstag, das Land besinnt sich auf die Ideen seiner Gründerväter zurück und nutzt, um der harten Wahrheit, mit der jeweils anderen Hälfte in eine gemeinsame Grenze gesperrt zu sein, in die Augen schauen zu können, die Zeit, sich ordentlich die Birne wegzufeiern. Vergleichen Sie es mit Himmelfahrt, Ostern oder anderen Feiertagen zwischen Neujahr und Weihnachten, die von schlauen Prolls in Ablehnung einer spaßbremsenden kirchlichen Dogmatik zum Fest des Alkohols erhoben worden sind. 

Reichlich lästerlich muss ich also diesen Herbst einläuten. Die Blätter der Gesellschaft fallen, da möchte ich Ihnen gar nichts vormachen. Die sogenannte Elite konsumiert sich fröhlich in einen bunten Abgrund, um bei Beendigung ihres Studiums in zwölf Jahren alle moralischen Vorbehalte verloren zu haben, ganz zu schweigen natürlich vom Inhalt des studierten Faches. Amerikanische Wissenschaftler werden herausfinden, dass Orangensaft nach dem Zähneputzen wie Spülwasser schmeckt und beweisen, dass die Witze der inzwischen als Stand-up-Comedian beschäftigten ehemals jungen Leute immer schlechter werden. Falls Sie zufällig vor kurzem Oliver Pocher im TV bewundern durften, werden Sie mir zustimmen, dass dieser Herr seiner Zeit zweifelsohne einen riesigen Schritt voraus ist.

Ohnehin prophezeie ich für die nächsten Monate einen abnehmenden Grad an Unterhaltung in unseren Leben. Nicht nur auf dem Lach-Sektor wird kräftig gespart (die CSU hat hier bekanntlich bereits reagiert und Vorzeigekomiker Stoiber rausrationalisiert), auch musikalisch tut sich höchstwahrscheinlich nicht mehr viel. Die Feuilletons dieser Welt bejammern den Untergang der Oper, ich bejammere den Untergang der Rockmusik. Elektronisch infiziert war sie ja schon seit längerem, was ganz natürlich ist, da sich am Pc schneller und wesentlich günstiger Tracks erzaubern lassen, und wenn sie einmal dort ist, warum soll sie dann noch den Umweg über physische Tonträger nehmen? Dies ist gar keiner meiner Kritikpunkte. Was wirklich fehlt, ist die Jugend, die kleinen neuen Bands. Das Jahr brachte uns viele etablierte Künstler zurück, mit teilweise guten Alben. Doch wie oben beklagt, hat sich der Großteil der jungen Leute heute schon längst für das schnelllebige, aber edle Prolltum entschieden. Und so greift die demographische Katastrophe wohl auch auf den Unterhaltungsmarkt zu. Das wollen Sie nicht zulassen, meinen Sie? Dann hören Sie besser sofort auf zu feiern! Die Situation ist ernst genug.