Hauptsache Kultur!
In Berlin sind ständig alle Leute wegen irgendwas aus dem Häuschen. Dieses Wochenende vor allem wegen des schönen Wetters. Und wegen des Karnevals der Kulturen, wo sich der Berliner oder seine Gäste mal wieder nach Herzenslust den Hüftspeck oder den Frust über die geplatzte Flughafen-Eröffnung aus der Birne schütteln können. Und weil es uns Berlinern einfach so dolle gefällt, uns mit zweihundert anderen Gestörten von Montag bis Freitag in die S-Bahn oder wahlweise auf den S-Bahnsteig, da die Bahn selbst ja nur in den seltensten Fällen auch einmal kommt, zusammenzukuscheln, erfinden wir Festivitäten, die uns das Gefühl der kollektivierten Harmonie auch am Wochenende verschaffen. Zugunsten solch positiver Gefühle tut der Berliner auch schon mal für drei Tage so, als würde er nicht alle Menschen auf der Welt hassen.
So trottet man denn mit einem matschigen Pappding voller Currypampe hinter einem kunstvoll hergerichteten Bauwagen her, aus dem schmissiger Favela-Pop herauspumpert und freut sich über die vielen internationalen Schenkel, die einem dargeboten werden. Ich muss an dieser Stelle einmal betonen, dass ich gar nicht verstehen kann, wer den Mythos mit der angeblichen Kulturlosigkeit der sogenannten Jugend in die Welt gesetzt hat. Die verköstigt doch total kulturell alle Biersorten dieser Welt und tanzt sich bildungsbürgerlich dazu in Trance.
Vergessen ist die ESC-Schmach, die ich hier ganz bewusst nicht näher thematisiere. Vergessen auch die Menschenrechte, die in den Herkunftsländern der Schenkelschwinger nur zu oft mit Füßen getreten werden. Warum sich mit Weltpolitik beschäftigen, wenn die Welt zu dir kommt und mit dir ein Tänzchen wagt? Die will doch ganz offensichtlich gar nicht reden, die Welt!
Wie immer gilt auch diesmal und wie bei allen Großveranstaltungen in der Hauptstadt: Passen Sie gut auf Ihren Nächsten, Ihre Wertsachen, und auf die Wertsachen Ihres Nächsten auf! Alles kann, nichts muss! Und wenn Sie dann immer noch nicht auf Ihre kulturellen Kosten gekommen sind, darf ich Ihnen versprechen: Die nächste S-Bahn nach Hause kommt bestimmt nicht. Zeit genug also, sich noch ein wenig intensiver kultivieren zu lassen. In diesem Sinne: Waka-waka!


