jung und desillusioniert - reloaded

27.05.2012 um 15:03 Uhr

Hauptsache Kultur!

In Berlin sind ständig alle Leute wegen irgendwas aus dem Häuschen. Dieses Wochenende vor allem wegen des schönen Wetters. Und wegen des Karnevals der Kulturen, wo sich der Berliner oder seine Gäste mal wieder nach Herzenslust den Hüftspeck oder den Frust über die geplatzte Flughafen-Eröffnung aus der Birne schütteln können. Und weil es uns Berlinern einfach so dolle gefällt, uns mit zweihundert anderen Gestörten von Montag bis Freitag in die S-Bahn oder wahlweise auf den S-Bahnsteig, da die Bahn selbst ja nur in den seltensten Fällen auch einmal kommt, zusammenzukuscheln, erfinden wir Festivitäten, die uns das Gefühl der kollektivierten Harmonie auch am Wochenende verschaffen. Zugunsten solch positiver Gefühle tut der Berliner auch schon mal für drei Tage so, als würde er nicht alle Menschen auf der Welt hassen.

 

So trottet man denn mit einem matschigen Pappding voller Currypampe hinter einem kunstvoll hergerichteten Bauwagen her, aus dem schmissiger Favela-Pop herauspumpert und freut sich über die vielen internationalen Schenkel, die einem dargeboten werden. Ich muss an dieser Stelle einmal betonen, dass ich gar nicht verstehen kann, wer den Mythos mit der angeblichen Kulturlosigkeit der sogenannten Jugend in die Welt gesetzt hat. Die verköstigt doch total kulturell alle Biersorten dieser Welt und tanzt sich bildungsbürgerlich dazu in Trance.

 

Vergessen ist die ESC-Schmach, die ich hier ganz bewusst nicht näher thematisiere. Vergessen auch die Menschenrechte, die in den Herkunftsländern der Schenkelschwinger nur zu oft mit Füßen getreten werden. Warum sich mit Weltpolitik beschäftigen, wenn die Welt zu dir kommt und mit dir ein Tänzchen wagt? Die will doch ganz offensichtlich gar nicht reden, die Welt!

 

Wie immer gilt auch diesmal und wie bei allen Großveranstaltungen in der Hauptstadt: Passen Sie gut auf Ihren Nächsten, Ihre Wertsachen, und auf die Wertsachen Ihres Nächsten auf! Alles kann, nichts muss! Und wenn Sie dann immer noch nicht auf Ihre kulturellen Kosten gekommen sind, darf ich Ihnen versprechen: Die nächste S-Bahn nach Hause kommt bestimmt nicht. Zeit genug also, sich noch ein wenig intensiver kultivieren zu lassen. In diesem Sinne: Waka-waka!

28.11.2011 um 19:31 Uhr

Genießen Sie diese Musik in vollen Zügen

+++++++++++++++++++++++++++Dieser Post wird witterungsbedingt ca. 59 Tage später eintreffen. Vielen Dank für Ihr Verständnis++++++++++++++++++++++++++++++



Da überfalle ich Sie mal wieder hinterrücks mit der hässlichen Schwester der Wahrheit (der Binsenweisheit): Der Winter wird kalt, lang und vor allem kalt. Genauso vermutlich wie das Weinachtsfest vieler ExilberlinerInnen in ihren jeweiligen Heimstätten, die sich St. Peter Kuhkaff oder im schlimmsten Fall Karl-Marx-Stadt schimpfen. Sollten Sie sich wagemutig zu dieser Personengruppe bekennen, haben Sie sich wahrscheinlich auch schon die knifflige Frage gestellt, was zum Kuckuck Sie sich in den quälend langen Stunden, die Sie mit der deutschen Bahn in der ungeheizten (ICE ist schließlich nicht umsonst auch das englische Wort für Eis -aha!), aber zum Ausgleich kuschelig überfüllten Holzklasse eines wegen eingefrorener Weichen kurzzeitig in verändertem Betriebsablauf befindlichen Niedriggeschwindigkeitszuges auf die Ohren packen sollen? Die Kolumnistin weiß selbstverständlich Rat und nutzt die Gelegenheit, Ihnen eine junge Dame an Amboss und Steigbügel anzulehnen. Holy Sela¡na nennt sich die Spenderin dieser milden Musik: Back 2 Life by Holy Selaina

Wer sich da nicht die Bahncard 100 besorgt, ist ja wohl eindeutig selber Schuld!

10.06.2011 um 10:50 Uhr

GNTM: Gewinnerin vertilgt EHEC-Gurke. Und zwar quer!

Na gut: Obige fantasievoll erstunkene Meldung diente nur dazu, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen und entbehrt jeden Wahrheitsgehalt. Sei's drum: Meine Handreichung der Woche geht an - Jana Beller.

Ein bisschen erschrocken habe ich mich ja schon, als ich den Fernseher anschaltete und ein Paar rote Lippen meinen Bildschirm von innen zu verschlingen drohte. Dachte erst, bei einer der gruseligen Vorher-Nachher-Shows gelandet, das heißt: beim "Vorher" gelandet zu sein. Aber falsch: Das war Deutschlands neue Vorzeige-Werbeträgerin und die Sendung nicht "Extrem Schön" sondern "Germany's Next Topmodel". By Heidi Klum, versteht sich.
Zuvor waren alle anderen, halbwegs talentierten Teilzeitmodels über den Klum'schen Jordan gegangen und jene Damen übrig geblieben, die angesichts entwürdigender Threesome-, Ekel- und Stunt-Shoots brav in die Kamera gelächelt, sich am fleißigsten von sogenannten Art Directors bezupfen und den in Hotpants gesteckten Arsch ins rechte Licht rücken lassen hatten ("Professionell" nennt man das übrigens im Jargon der Industrie).
Zur Wahl standen dann gestern, im pompös-amizentrisch übersteigerten Finale noch: Amelie, die doppelbekinnte Reittänzerin, Rebecca, die hamsterbäckige Prom Queen und Jana, das Breitmaulnashorn. Letzteres, von engen Freunden auch charmant "Kaulquäppchen" genannt, gewann schließlich den hart umkämpften Knebelvertrag mit Sektenchefin Klum und Schergen. Und einen hässlichen Suzuki.
Bloß gut, dass man sich nun nicht mehr mit dem stressigen Tagesgeschäft bundesdeutscher Politik beschäftigen muss, sondern ausgeprägte Gesichtsmerkmale nun Allgemeingut - sozusagen coporate identity - werden und den Nationalstolz pushen! (Apropos CI: In diesem Zusammenhang wäre auch ein Maskottchenjob bei der Frauen-Fußballnationalmannschaft für Jana denkbar. Vielleicht als menschliches Tor.) 
Die Kolumnistin wünscht dem neuen Kleiderständer der Nation alles Gute für den langen Weg über die Laufstege abseits der WIRKLICHEN Modewelt und eine tolle Karriere als Gesicht von C&A oder Schmidt's Büroartikel

21.05.2011 um 22:55 Uhr

Bumsfidel ins neue Geschäftsjahr: Mitarbeitergesundheit bei der ERGO

Die Ergo-Versicherungsgruppe kümmert sich um die geistige und körperliche Gesundheit ihrer Mitarbeiter und verzichtet nun darauf, diese in strapaziöse Urlaube zu entlassen. Stattdessen stellt sie ihnen zwanzig bemalte Betreuerinnen zur Seite, die die Gestressten sehr viel effektiver regenerieren können. Die internen Seminare werden überraschend gut angenommen:

Ein "Mordspaß" muss das gewesen sein, so betitelt es auch das HMI-Mitabeiter-Magazin. Und warum sollte man den besten Bullen im Stall nicht ermöglichen, sich mal nach Herzenslust die Hörner abzustoßen, damit die am nächsten Montag wieder mit Schmackes Mutti knutschen und braven Deutschen Stempel auf ihre Policen pfeffern können? Hohe Tiere brauchen Ausritt. Selbstverständlich muss bei Vergnügungen dieser Art selbst unter den Verantwortlichsten der Verantwortlichen darauf geachtet werden, dass niemand sich die Birne am Schampusglas stößt oder gar im Schampuspool - selig, aber doch final - ertrinkt. Gut also, dass die Ergo-Gruppe ca. zwanzig verständnisvolle Damen engagiert hatte, die sich um das ein oder andere Wehwehchen unserer Alphamännchen kümmerten. Mit erleuchtenden Farbcodes am Handgelenk, die jedem Familienvater verrieten, wo er sich wie zuhause fühlen durfte, und wo er nur gelegentliche Erfrischungen zu erwarten hatte. Für- und vorsorglich, wie wir es von Versicherungen kennen! Äußerst sozial auch, dass alle Betreuerinnen statt störende Kleidung tragen zu müssen, in jugendliche Bodypaintings in den Firmenfarben gehüllt wurden, um sie vor Überhitzung zu schützen.

Die Kolumnistin fragt: Warum sollten nur internationale Führungsgrößen wie Dominique Strauss-Kahn oder der bumsfidele Silvio Berlusconi sich auf ihren Dienstreisen mit gelegentlichen Entspannungsseminaren vor Burnout schützen können? Gut, dass es noch Unternehmen gibt, die hier auch den "kleinen Mann" - buchstäblich - nicht zu kurz kommen lassen.

16.05.2011 um 21:20 Uhr

Traumreise ins ehemals mitteleuropäische Aserbaidschan

[Auf vielfachen Wunsch, dem ich mich einfach beugen MUSS, kopiere ich Ihnen nun weiterhin meine Kolumnen in das blogigo-Fenster. Viel Spaß damit.]

Ich reise ja to-tal gerne. Am liebsten in super exotische Länder. In deren Kultur ich mich ordentlich daneben benehmen kann und deren Sprache ich nicht spreche. Manch einer würde ja jeden Einheimischen argwöhnisch mustern, wenn der ihn freundlich um ein paar Scheine einer wertlosen Währung bäte, ich hingegen dächte nur: "Was für eine erotische Satzmelodie". Reisen in den hinterasiatischen Raum beispielsweise werden ja auch empfohlen, um mal wieder so richtig herzhaft auf den Pott zu gehen. Immerhin ein exotischer Pott!  Schon seit einer halben Ewigkeit hege ich außerdem den dringenden Wunsch, einmal aus Jux und Dollerei auf einem, sagen wir, venezolanischen Flughafen mit einem Kilo barrenartig in Aluminiumfolie verpacktem Backpulver die Sicherheitskontrollen zu passieren, danach dramatisch die ortsansässige Polizei mit einer großzügigen Summe auszustatten und den Rest des Urlaubs vorzugeben, ich merke nicht, dass mir ein zwanzigköpfiger, bis an die Goldzähne bewaffneter Brüderclan auf den Fersen ist. Ein Mords-Spaß wär das!

Doch mein absoluter Favorit in Sachen Traumziele ist momentan Aserbaidschan. Herrlich, dieses Land! Und dass sie auch Mucke machen können, bewiesen uns die Aserbaidschanen, wenn sie so heißen, am Wochenende beim ESC 2011, auf den Sie und ich uns selbstredend schon ein halbes Jahr lang wie blöde gefreut haben! Ich dachte ja zuerst, dass da der Sänger von Keane mit Nicole Scherzinger zusammen ein Duett schmettert. Die guten heißen aber Ell & Nikki, wobei mir bis heute nicht ganz klar ist, wer da wer sein soll. Anlass genug jedenfalls, einmal Google Maps anzuschmeißen und nachzukieken, wo sich dieses ominöse, angeblich europäische Land denn so befindet. Was kaum jemand weiß: Das schöne Aserbaidschan wurde 1979 ans kaspische Meer umgesiedelt. Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich das sympathische Land direkt halblinks neben der Schweiz. Daher nun auch, in Gedenken an die alten mitteleuropäischen Wurzeln, die Teilnahme am Eurovision Song Contest, den die stolzen Neuasiaten locker für sich entscheiden konnten. Herzlichen Glückwunsch dazu! Die Kolumnistin verspricht, ihren nächsten Urlaub in Baku zu verbringen und damit den Aserbaidschanösen Hauptstadttourismus ordentlich um einhundert Prozent anzukurbeln (von 0 Besuchern pro Jahr auf einen). Und schließlich kann es da auch nicht anders zugehen als in ... Berlin, Lichtenberg.

31.01.2011 um 22:38 Uhr

Alle lieben Lena, nur ich mag Pommes

Ich finde nicht, dass man Lena Meyer-Landrut noch eimal das prestigeträchtige Zepter des Dödelschlagers in die Hand drücken sollte. Erstens würde sich die Gute in Ihrer Sparte zusammen mit den anderen mittelmäßig inspirierenden Singer/Songwriterinnen doch viel wohler fühlen: Jeden Sonntag ein bisschen im ARD-Familienprogramm trällern und den Rest der Woche Blumen gießen. Zweitens ist es mehr als lächerlich von Raab und mehr als peinlich für Deutschland, zweimal nacheinander mit der gleichen Interpretin aufzwarten. Das ist, wie ein Referat doppelt halten, weil man nur Lust hat, eines vorzubereiten (Beispiel aus dem Leben der Kolumnistin gegriffen) und wird garantiert schief gehen. Überdies sind die heute abend bei "Unser Song für Deutschland" zum Besten gegebenen Titel auch eher was zum Einschlafen als zum Gewinnen.

Vorschlag zur Güte: Den Wendler schicken. Der hat Haare auf den - äh - Zähnen und kennt sich dolle im Business aus. Außerdem macht der schmissige Musik, nicht so Schulmädchen-Schwachfug. Nein? Ok. Vielleicht fahr ich ja auch selbst im Mai nach Düsseldorf und les ein bisschen aus meiner Kolumne vor. Das wär ein Spaß! Wer auf die glorreiche Idee kam, den Grand Prix dort zu veranstalten, ist auch noch ungeklärt. Sollte er oder sie mir in die Schreiberfinger geraten, möchte ich ihn/sie herzlich drücken, dass Berlin dieser Zirkus erspart geblieben ist.

09.12.2010 um 19:55 Uhr

Fettiges zur Osterzeit!

Hallo liebe Lesenden! Ist gerade mal wieder Weihnachten? Dachte ich mir. Als ich so über einen festlich beleuchteten Platz im Berliner Herzen schlenderte und mich über die vielen Kinder mit Schaum vorm Mund wunderte. Dieser entpuppte sich später übrigens als Zuckerwatte. 

Herrschaften, Spaß bei Seite, ich weiß selbstverständlich, dass Ostern ist. Und deswegen habe ich heute in meinem Osterhasenkalender das 9. Türchen aufgemacht. Drinnen saß ein Schweizer Chocolatier und haute mir ordentlich eins mit dem Kochlöffel uffn Kopp. "Da haste den Salat", dachte sich die Kolumnistin und schmiss das Türchen mit Schmackes wieder zu. Ist doch sowieso alles Käse.

 

Uschi und Bernd führen in Berlin einen mäßig 
erfolgreichen Lángos-Stand. Aber nur zur Osterzeit!

 

Sie fragen sich sicher schon gespannt, was es mit dem Bildchen auf sich hat, das sich dieser Zeile so frech auf den Kopf gesetzt hat. (Scheint übrigens auch eine Ostertradition bei euch Menschen zu sein, sich Wolldinger auf den Kopf zu setzen, die euch aussehen lassen wie wandelnde Präservative; aber darüber ereifere ich mich ein andermal.)

Die zwei netten grünen Punkte im Osterhasi-Häuschen sind noch keine Leser meines Blogs. Vor allem aber machen sie meine Lieblingsostermarktspeise Lángos. Böse Zungen könnten jetzt behaupten die zwei Häschen hätten ein bisschen zu viel am eigenen Teig genascht. Vielleicht naschen sie ja aber auch nur aneinander; geredet wird bei Knollens, so nenne ich unsere zwei modebewussten ehrlichen Arbeiter, jedenfalls nicht. Vielleicht träumen aber auch beide nur von den schönen Tagen im Ruhrgebiet (Die es selbstverständlich nie gegeben hat, wir sprechen ja schließlich vom Ruhrgebiet). 

So trank ich also vergangenes Wochenende meinen Glühwein im Gedenken an brodelndes Fett, Fatsuits, fettige Hände an fettigen Körperstellen und die industrielle Romantik einer Abraumhalde aus.

Möchten Sie Ähnliches erleben, empfehle ich Ihnen schleunigst den nächsten Weihnachts - ich meine selbstverständlich - OSTERMARKT.

14.09.2010 um 14:08 Uhr

Wie man es richtig macht

 

Berlin ist ja bekanntlich eine Stadt der Superlative. Hier ist die Musik am lautesten, sind die Menschen am betrunkensten und die Sonnenbrillen am dunkelsten. Seit letztem Wochenende darf sich die Stadt nun auch rühmen, das originellste Festival der Stadt zu beheimaten. Kluge Menschen müssen diese Großveranstaltungs-Veranstalter sein, das bewies ja schon Massenhysteretiker Dr. Schaller in Duisburg. Wie man Feierwütige dazu bringt, zu hause zu bleiben, wissen die Herrschaften ganz genau. Eine populäre Methode zum Beispiel ist das sinnlose Absperren von Zugängen. Die sich aufbauenden Emotionen in den Gesichtern der Wartenden müssen dem Sicherheitspersonal ein geradezu künstlerisches Vergnügen bereiten. Sehr beliebt sind auch das Verkaufen von zu vielen Tickets, das Dichtmachen von Hauptbühnen oder das Umschmeißen von Timetables, wenn es darum geht, die eigene Stadt von unliebsamen Touristen zu säubern. Und jetzt, festgehalten, der absolut sicherste Trick für einen unvergesslichen Abend: Die Veranstaltung 4- 10 h früher beenden und die Besucher geschlossen vom Gelände verweisen. Sorgt für den unnachahmlichen Kuschel-Faktor beim Heimfahren mit der U-Bahn. Ach ja: Überhöhte Eintrittspreise sind auch immer wieder der Knaller!

Die Kolumnistin wünscht allen Branchenzugehörigen viel Spaß bei der "Organisation" des nächsten Festivals/Umzuges/Großkonzerts. Allen Konsumenten sei gesagt: Seien Sie nicht allzu traurig, dass Sie dieses Mal nur mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Die nächste Saison verspricht noch "hotter" zu werden. Und allen Daheimgebliebenen: Keine Angst, irgendwann werden auch Sie noch aufs Gelände gepresst. Die Veranstalter arbeiten bereits daran, noch gemütlichere Locations für Sie zu erschließen!

 

05.09.2010 um 12:12 Uhr

Wettlaufmusik zum Frühstück

Ich liebe es ja, an Sonntagen morgens auf meinem Balkon zu sitzen und der köstlichen Wettlaufmusik zuzuhören, die da unten vor meinem Fenster in allerbester Dixieland-Manier von einer Klarinette, einem Banjo und einem Typen, der statt mit einem Knüppel mit nem Besen auf seine Trommel trommelt, zum Besten gegeben wird. Ich weiß schon, die Schlagzeuger oder im entferntesten Sinne musikbewanderten Leser unter Ihnen werden mir jetzt gleich an die kolumnistische Gurgel springen; aber möge man mir unterstellen, dass ich von derlei keine Ahnung habe, so sage ich schlichtweg: Ich habe keine Zeit für Kinkerlitzchen! Die Kolumnisterei ist ein hartes Stück Brot und daher werde ich mich nun auf dem kürzesten Wege (wann spannt endlich einer ne Seilbahn über den Boxi?) in die Kaschemme meines Vertrauens begeben und dort ein ordentliches Frühstück für Schreiberlinge zu mir nehmen.

 

www.dixieland.de 

 

 

27.08.2010 um 11:58 Uhr

Der Tanzbär, die Medienhure und Marie

Tolle Aktion, die sich die Friedrichshafener Medienprovokateuse Marie da bei Popstars geleistet hat. Die Kolumnistin fragte sich schon länger, warum nicht mal endlich jemand auf die Idee kommt, diesen Affenzirkus, der jungen Arbeitslosen seit 10 Jahren ins Gehirn scheißt, mal ordentlich zu verschallmeiern. Und ebenjene Marie zeigte uns wie's geht: Shoppingtour aufem Flomarkt, mal ordentlich an ner Tüte Klebstoff schnüffeln und rein in die Kaderschmiede der Eintagsfliegen: Respekt. Dass das ganze aufgeflogen ist, lag sicher nicht nur daran, dass sie es letztendlich ein bisschen zu auffällig übertrieben hat; dass sie mit ihrem Vorhaben im Netz prahlte ist nachvollziehbar. Dass Detlef jedoch seine Schargen losschickt um die Medienhure Facebook flachzulegen, grenzt an Cybermobbing. Ich stelle mir vor, wie der Tanzbär nen Tausender auf den Tisch knallt und sagt: "Bitte einmal alle Daten von User 'Marie die alternative Popschnuppe'. Im Zehnerpack. Mit Dissrecht für die Bildzeitung, bitte."

Die Gute scheint nichts drauß gelernt zu haben. Ihr Profil ist jetzt wieder für alle einsehbar, damit auch ja alle ebenfalls im Recall rausgeflogenen Sternchen auf der Pinnwand ihren Senf dazugeben können. Würde gerne wissen, ob das mit der Schauspielkarriere denn nun mittlerweile geklappt hat, oder ob sie doch ins Alleinunterhalterinnengeschäft gewechselt hat. Und ob der Tanzbär inzwischen wieder lachen kann.

01.02.2009 um 19:50 Uhr

Ganz schnöde vom Wetter

Auf ein neues! Pünktlich zum ersten dieses Monats ist auch Frau Holle zurückgekehrt und lässt uns einen Blick unter ihr -öhm- Tüllröckchen werfen. Packen wir also alle Erwartungen auf ein baldiges Frühjahr wieder in muffige Decken und verstauen sie in Schuhkartons auf dem Dachboden. Wie schön! Endlich noch mehr weißes Zeug, ja, man mag schon fast meinen, es sei der Musikantenstadlhimmel zu uns auf die Erde gekommen. Aber wer wird denn vom Wetter reden!

Wenn man sich so selten einmal vor die Tür traut wie ich, kann das schon einmal passieren. Man schweift auf Gemeinplätze ab und schwuppdiwupp hat die gesamte Leserschaft Harakiri begangen. Ich könnte Ihnen andere spannende Geschichten erzählen: Vom Abwasch, der sich nebenan stapelt und welche Mikroorganismen ich auf diese Art versuche in Reinkultur zu züchten (ja, mein zweites Standbein neben der Schreiberei wird der Betrieb eines Bakterien-Zoos!), was und wie viel ich heute gegessen habe (oder ob ich das lieber hätte bleiben lassen); ja, ich wäre mir sogar nicht einmal zu fein, Sie über meine tägliche Körperhygiene, die heute aufgrund von massiver Faulheit noch nicht stattgefunden hat, zu informieren. Aber Herrschaften! So weit wollen wir es doch nicht kommen lassen. Daher nun: Ein Hoch auf das sinnlose Smalltalkthema! Die Kolumnisten springt so lang unter die Dusche...

25.01.2009 um 13:00 Uhr

Ab ins Chaos.

Es ist ein Traum! Nach einem langen Wochenende des Zimmerhütens und auf-Büchern-Einschlafens ist nun endlich Sonntag Morgen. Und das bedeutet, dass es in unserer schönen Stadt immer noch mindestens eine Institution gibt (genauer gesagt fallen der Kolumnistin sogar drei ins komatöse Auge), die meinen Schreiberhintern aus dem Bett hieft und ihm in ihren heiligen Hallen bis ca morgen Mittag Asyl gewährt. Schnell die Glitzerschminke aufs Jochbein geschmiert und ab ins Chaos!

07.01.2009 um 12:31 Uhr

Kontaktfreude

Ja, ich bin ganz entschieden für mehr Nachbarschaftskontakt. Wie oft konnten all jene, die sich in einen dieser übriggebliebenen menschlichen Ameisenhaufen aus Beton verschanzen, nicht schon beobachten, dass Frau B. dem Hausmeister beherzt in die geöffneten Arbeiterhände sprang und Form und Umfang seines beträchtlichen Bierbauches und/oder Schnurbarts pries? Und wie oft haben diese die Augen vor so viel alltäglicher Obszönität verschlossen? Einfach die Tür ins Schloss fallen lassen, mit der Begründung: Geht mich nichts an, wenn fremde Hausmeister vergewaltigt im Fahrstuhl zurückgelassen werden?

Mit mehr Fürsorge für den Ihnen Nächsten können solche tragischen Fälle leicht verhindert werden. Mag sein, dass ich hier einer Aufschreiwelle auf die Flügel springe, die Kindermorde und Asi-Mütter im Mittagsprogramm anprangert. Niemand jedoch wird ernstlich schlagende Argumente gegen Eiertausch und Waschmaschinen-Mitbenutzung vorbringen können. Schnuppern Sie unauffällig unter obskuren Vorwänden in die heiligen Hallen der anderen Mieter: Wo vergammelt vielleicht ein Kleintier in der Ecke, ist in der Tiefkühltruhe auch alles in Ordnung, sind alle Peitschen im hauseigenen Domina-Studio säuberlich aufgehängt?

Schwupp-di-wupp wird sich eine Gemeinschaft bilden, von der Indien-Reisegruppen nur träumen können: Grillparties zwischen dem achten und neunten Stock sowie lustiges Minderheiten-Dissen werden nun täglich ihr Leben aufmöbeln und es nicht zuletzt sicherer gestalten. Denn, haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ihre lieben Nachbarn für Sie tun könnten? Was ist mit den Fotos von der letzten Dessous-Party, die ein wenig zu sehr in Körperlichkeiten ausartete... die nun aus ihrer Schreibtischschublade verschwunden sind? Gleich eben ans schwarze Brett geschaut und richtig: Da werden Sie auch schon aufs Köstlichste vor allen Ihren Bekannten bloßgestellt. Wie schön! Nichts kann Sie so effektiv vor sich selbst schützen wie ein gesunder Mob.

13.12.2007 um 10:11 Uhr

Ein Bier bitte...

... auf den Schellenkranz! Die Woche ist noch nicht zu alt, unser liebstes musikalisches Beiwerk der modernen hippiesken Kultur mit einer Handreichung zu bedenken. Vielleicht stimmen Sie darin mit mir überein, dass Rock'n'Roll ohne den Klimperring nur halb so lustig, emotional oder beschwingt wäre. Falls nicht, werden Sie es mir hoffentlich nicht übel nehmen, wenn ich Sie in eine gemütliche Schublade mit anderen unlustigen, emotionslosen oder entschwungenen Herrschaften stecke (u.a. haben sich bereits eingerichtet: Bono Vox, Jane Comerford (das Casting-Show-Faltengestell) und der Lederhosenbayer aus der klarmobil-Reklame). Fakt ist, dass viele Musikanten ohne den Schellenkranz schlichtweg verhungern würden, weil ihre Songs dann endlich doof genug klingen würden, um auch den letzten zahlenden Hörer (denn hier muss man ja neuerdings Unterschiede machen) vor die Kloschüssel zu treiben (siehe z.B. Oasis). Anderen Künstlern wiederum braucht man das einfache Instrument nur in die Hand zu drücken, und sie verwandeln sich in druffe Duracellhasen: Manche fangen sofort  wie bescheuert an, sich um ihr Leben zu produzieren. Man nehme die White Stripes: Eine Hälfte dieser Band wäre ohne die Existenz des Schellenkranzes ja quasi arbeitslos (was das für schlimme Folgen bei einer derartig untalentierten, aber trotzdem grenzenlos genialen Trommlerin hätte, will ich mir gar nicht ausmalen. (Mir schwant da was mit üblem Xylophonplängpläng)).

Doch selbstverständlich wird uns der Schellenkranz auch in Zukunft die Hausmusikabende versüßen. Eine Zeit ohne schrecklich verstimmte Gitarren, niveauloses Gegröhl und taktlose (!) Schellenkränze wird niemals kommen. Hurra! 

04.12.2007 um 13:45 Uhr

Einen Kinderpunsch bitte...

... auf die armen Wesen, die zum Arbeiten an den Feiertagen auserkoren sind. Lassen wir unsere Anerkennung sprechen und all jenen tapferen Seelen gedenken, die über Weihnachten und Neujahr dafür sorgen, dass die Erde eine Scheibe bleibt. Gerade ich, die ich aus dem selben Grund studiere aus dem die meisten Menschen ebenfalls vernünftige Erwerbstätigkeit verabscheuen, bin in der Adventszeit häufiger beim Schulterklopfen anzutreffen. Ich klopfe sie alle: Schultern von Omnibusfahrern, Krankenschwestern, Kurierdiensten, Pizzaboten und Vollzeitfrührentnern. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die bei der ersten Schneeflocke wie blöde anfangen, Omas beim Pantoffelkauf zu beraten und mit meinen Vertrauensmüllmännern Biere zu schütten. Zudem spende ich Unmengen gebrauchter Schachbretter nach Russland, wo die Opposition zur Zeit ja ein bisschen beschäftigt werden muss. Schließlich habe ich bei den dreiundsiebzigsten Starrweltmeisterschaften in der Slowakei gelernt, dass es sich lohnt, die Augen offen zu halten: Überall gibt es Personen, denen man endlich das geben kann, was sie verdienen: Einen Schluck Aufmerksamkeit, in seltenen Fällen sehr laute Ohrfeigen.

03.10.2007 um 00:32 Uhr

Einen Tag Proll

So sei er denn eröffnet, der neue Monat, der den schönen Namen Oktober trägt. Fragen Sie mich bitte nicht nach ethymologischen Einzelheiten. Es ist gleich zwölf und mein Gehirn schon von vielen anderen wichtigen Dienstleistungen eingenommen, welche mein körperliches Wohlbefinden sichern sollen.

Doch zurück zur deutschländischen Grundüberzeugtheit: Es ist Einheitstag, das Land besinnt sich auf die Ideen seiner Gründerväter zurück und nutzt, um der harten Wahrheit, mit der jeweils anderen Hälfte in eine gemeinsame Grenze gesperrt zu sein, in die Augen schauen zu können, die Zeit, sich ordentlich die Birne wegzufeiern. Vergleichen Sie es mit Himmelfahrt, Ostern oder anderen Feiertagen zwischen Neujahr und Weihnachten, die von schlauen Prolls in Ablehnung einer spaßbremsenden kirchlichen Dogmatik zum Fest des Alkohols erhoben worden sind. 

Reichlich lästerlich muss ich also diesen Herbst einläuten. Die Blätter der Gesellschaft fallen, da möchte ich Ihnen gar nichts vormachen. Die sogenannte Elite konsumiert sich fröhlich in einen bunten Abgrund, um bei Beendigung ihres Studiums in zwölf Jahren alle moralischen Vorbehalte verloren zu haben, ganz zu schweigen natürlich vom Inhalt des studierten Faches. Amerikanische Wissenschaftler werden herausfinden, dass Orangensaft nach dem Zähneputzen wie Spülwasser schmeckt und beweisen, dass die Witze der inzwischen als Stand-up-Comedian beschäftigten ehemals jungen Leute immer schlechter werden. Falls Sie zufällig vor kurzem Oliver Pocher im TV bewundern durften, werden Sie mir zustimmen, dass dieser Herr seiner Zeit zweifelsohne einen riesigen Schritt voraus ist.

Ohnehin prophezeie ich für die nächsten Monate einen abnehmenden Grad an Unterhaltung in unseren Leben. Nicht nur auf dem Lach-Sektor wird kräftig gespart (die CSU hat hier bekanntlich bereits reagiert und Vorzeigekomiker Stoiber rausrationalisiert), auch musikalisch tut sich höchstwahrscheinlich nicht mehr viel. Die Feuilletons dieser Welt bejammern den Untergang der Oper, ich bejammere den Untergang der Rockmusik. Elektronisch infiziert war sie ja schon seit längerem, was ganz natürlich ist, da sich am Pc schneller und wesentlich günstiger Tracks erzaubern lassen, und wenn sie einmal dort ist, warum soll sie dann noch den Umweg über physische Tonträger nehmen? Dies ist gar keiner meiner Kritikpunkte. Was wirklich fehlt, ist die Jugend, die kleinen neuen Bands. Das Jahr brachte uns viele etablierte Künstler zurück, mit teilweise guten Alben. Doch wie oben beklagt, hat sich der Großteil der jungen Leute heute schon längst für das schnelllebige, aber edle Prolltum entschieden. Und so greift die demographische Katastrophe wohl auch auf den Unterhaltungsmarkt zu. Das wollen Sie nicht zulassen, meinen Sie? Dann hören Sie besser sofort auf zu feiern! Die Situation ist ernst genug.

15.10.2006 um 12:24 Uhr

Daheim im Moshpit

Ja, sie sehen richtig: Es ist nun wieder die grandiose Zeit herangekommen, da mich die Kunst dienstbeflissen am Ärmel zupft und ruft: Drück deinem gebeutelten Weblog doch mal wieder einen Beitrag aufs Auge.

Am Vortag hatte die Kolumnistin, selbstverständlich immer mit Notizblock und Kuli im Brusttäschchen für die gute Sache unterwegs, das unschätzbare Vergnügen, einem Konzert mehrerer hiesiger Todesmetaller-Combos beizuwohnen.

Mit den Todesmetallern ist das so eine Sache. Wenn die von der Kunst am Ärmel gezupft werden, kommt hinten (das heißt, eigentlich vorne: aber das ist bei Vertretern des Genres ja ohnehin schwer zu unterscheiden) meistens wenig Qualität und viel Quantität heraus, wobei sich Qualität auf Melodiösität und Quantität auf fledermausige Ächz- und Gebärlaute bezieht.

Vor ein paar Jahren, als der Untergrund der Musikgeschichte größtenteils Mumpitz produzierte und gelangweilte Jugendliche sich die Zeit mit Massensuiziden vertrieben, mag das ja noch ok gegangen sein, denn dieser Mumpitz ist unter dem ganzen anderen Mumpitz nicht sonderlich aufgefallen. Doch seit es hip geworden ist "irgendwie anders als die anderen Kinder" zu sein, feiern Gothen, Todesmetaller, kommunistische Französisch-Lehrer und andere schwarz gekleidete Gestalten als schrullige Schwester des Gutmenschenrock ihre Auferstehung.

Das Wort "Auferstehung" erinnert mich an dieser Stelle ein wenig an Ostern. Warum also nicht eine zickige kleine Kampagne ins Leben rufen, die in grünen Karohosen vor Rathäusern rumlungert und Matetee-trinkend die Umbenennung von Ostern in "Ghostern" fordert? Ich finde, an dieser Stelle müssen sich die normalen Menschen mit den komischen Menschen (pardon, ich glaube sie haben es lieber, wenn man sie "Stilbruchaffine Langhaarige mit einheitlichem Kleidungscode" nennt) solidarisieren. Auch die Unverstandenen dieser Welt wollen mal einen Tag lang nur entspannen und sich auf ihre nächste Stimmbänder-Transplantation vorbereiten. Daher stimme ich für einen Feiertag nur für Todesmetaller.

04.10.2006 um 21:02 Uhr

Richtigstellung

Stimmung: ziemlich aufrichtig

Diese unsere Meinungsfreiheit ist überall da fehl am Platze, wo sie liebe Menschen mit vorschlaghämmerlicher Gewalt trifft. Deshalb muss ich da wohl was richtig stellen. Und im Übrigen bitte ich den humorigen Stil zu entschuldigen, der nur verhindern soll, dass auch noch mein letzter Leser den Lemming macht.

Damit aus dem markenrechtlich geschützten besten Freund Flo (einer Bezeichnung, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie A) auf Gegeliebe stößt und B) nicht eher einseitig ist) nicht vielleicht bald ein "Freund Flo" mit copyright, oder, was noch schlimmer wäre, ein Bekannter xy wird, an den ich noch dazu keinerlei rechtliche Ansprüche stellen könnte, gilt es nun, folgendes Statement zu beachten:

Langzeitstundenten sind toll! Sie wissen, für was es sich zu leben lohnt, haben im Gegensatz zu im Hotelgewerbe angestellten Kolumnistinnen sehr oft Zeit, ausführlich mit ihren Freunden zu telefonieren, und werden dem Staat dank Studiengebühren demnächst auch nicht mehr auf der Tasche liegen. Es gibt also nichts dagegen einzuwenden, sich seinen eigenen, persönlichen Langzeitstudenten zuzulegen. Und das wichtigste wäre mir beinah durch die Hirnlappen entwischt: Sie haben einen prima Musikgeschmack, in dessen Genuss ich immer mal wieder indirekt dank bestimmter bester Freunde komme.

Und - Überraschung! - natürlich finde ich all das toll, was die Libertines und Bosse und Fehlfarben und all die anderen Trauerkappellen jemals produziert haben. Die krame ich dann demnächst hervor (dann kippelt mein Tisch zwar ein bisschen) und weine dazu über verlorene Freunde. Und natürlich bewahre ich keine CDs unter Tischbeinen auf, sondern, wie jeder andere gepflegte Musikliebhaber, im CD-Regal.

05.09.2006 um 14:58 Uhr

Auch Festivalklischees wollen bedient werden

Beim Überfliegen des aktuellen Musikexpresses stieß ich mit dem Koksnäschen doch direkt auf diese Konzertanzeigen. Plopp! machte es in meinem Innenohr und ich wusste, was zu tun ist. Um der Langeweile, wie ich sie ihnen gestern ausführlich schilderte, zu entkommen, könnte man ja auch mal Konzerte von vor zwei Jahren mal aktuell gewesenen Bands in eher weniger nahegelegen Freiburger Indieclubs forcieren. So sind ebenda Ende September zum Bleistift Sugarplum Fairy anzutreffen.

Außerdem liebäugele ich auf einschlägigen Internetportalen massiv mit Karten für die Sarah Kuttner-Lesung und dem Auftritt der Subways in einer anderen deutschen mittleren Großstadt. Muss nur noch mein bester Freund Flo überzeugt werden.

Mit Konzerten ist das so eine Sache. Darüber ließen sich mehrere meterlange Abhandlungen schreiben, die vielleicht sogar noch dem letzten "längsten Fanbrief der Welt an US 5" Konkurrenz machen könnten.

Natürlich ist (Rock)Konzert nicht gleich Konzert. Selbstverständlich wäre es ein erheblich Malheur, auf eventim.de statt auf Karten für Mando Diao auf die von Hansi Hinterwäldler zu klicken. Aber darum geht es gar nicht. Neben Auftritten von Schul- und Regionalbands, die wir mit großer Genugtuung (die müssen noch üben!) zu Mittelstufenzeiten im Dutzend besuchten, gibt es natürlich noch die ganz großen Klimperer, die, die auch schon ab und an mal über den Bildschirm klimpern und in geschmackvollen Jugendzimmern Mütter in den Wahnsinn klimpern, nachmittags.

Die lustigen Musikanten haben dann meist die Wahl  a)im Stadion b)akustisch im Plattenladen c)bei den VMAs oder d) an der nächsten Supermarktkasse zu performen, wie man so lautmalerisch neudeutsch sagt. Doch am schönsten sind immer noch die Festivals.

Dass so ein Leben als fahrende Band schon sehr auf die Synapsen geht, beweisen ja nicht nur Babyshambles und Konsorten. So ein musikalischer Marathon ist auch für den gemeinen Fan anstrengend.

16 Uhr, Tag vorher. Zelt aufbauen. Wo waren noch mal die Karpfen? 17:30 Uhr. Nach anderthalbstündiger Diskussion bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Dinger Heringe heißen, und ebenso wie die Karpfen im Festivalteich schwimmen. Muss auch ohne gehen. 18 Uhr. Erster Platzregen hat eingesetzt. Zeit, das Zelt, dessen Grundfläche immerhin schon ausgebreitet vor uns auf dem abschüssigen Rasen liegt, ruhen zu lassen und bei den Nachbarn mit dem Pavillion ein Bierchen zu trinken. 20 Uhr: Zelt total durchnässt und die nächsten drei Tage wohl auch nicht mehr trocken zu kriegen. Wir ziehen spontan in den Wohnwagen einer Schwedischen Skatgruppe. 21 Uhr. Die Musik ist ja ganz schön hier, aber der Generatorenlärm zupft beharrlich an den Neuronen. 22:45 Uhr. Zeit für einen Rundgang. Jetzt schon mal Grillduft sammeln, den man dann zu Hause nicht mehr aus den Klamotten bekommt. Das Dixiklo wurde soeben wegen Überfüllung geschlossen. 0:30 Uhr. Die Schlafabstinenzler können mich mal. Meine Augenringe brauchen keine Pflege, daher beschließe ich den Rest des Abends ruhend zu verbringen, zumal es am nächsten Tag schon in der frühen Morgenstunde losgeht (14 Uhr). Zuhause erzähle ich, gänzlich auf Nebensächlichkeiten wie Schlaf verzichtet zu haben.

8 Uhr morgens, erster Tag. Wurde sanft von Slayer geweckt, die im Nachbarzelt grade einen Gig bestreiten zu scheinen. Die auch in der Nacht ununterbrochen dröhnenden Klassiker "Seven Nation Army" und "Toxicity" haben sich in meine Träume eingebaut und klingen jetzt alle nur noch nach Marmelade. 10 Uhr. Nie wieder Gras zum Frühstück. Dann lieber schon mal den dritten Bierkasten anzapfen. 11:30 Uhr. Nochmal den Matsch von den Chucks klauben, zu Häufchen formen und ausgewählten Festivalkollegen als Fäkalien getarnt vor die Zelttür legen. Ein paar Klumpen für die unwichtigen Vorbands aufheben. 12 Uhr. Auf zum Festivalgelände. 14:30 Uhr. Mit leichter Verspätung durch die Besuchermassen gekämpft. Beine vom zweistündigen Fußmarsch jetzt schon tromboseanfällig. 15 Uhr. Erfolgreich am Merchandising-Himalaya vorbeigekommen. 17:45 Uhr. Erste 100 Crowdsurfer ohne Genickbruch überstanden. 18 Uhr. [Die Kolumnistin ist nicht in der Lage, diese Aufzählung weiterzuführen. Körperausdünstungen ihrer Festivalgenossen und übermäßiger intravenöser Nikotinkonsum führten zu komatösem Nervenzusammenbruch. Etwaige Sicherheitsbeauftragte haben ihr zudem beim Rettungsversuch die Finger gebrochen. Der Leibarzt]...

22.08.2006 um 11:02 Uhr

Nummern-Girls und -Boys

Soeben entließ mich die allseits gefürchtete Schreibblockade aus ihren perfekt manikürten Krallen. Allerdings spüre ich sie schon wieder um die Ecke lauern, deshalb beeil ich mich lieber.

Ich bin ja ein riesiger Fan von Single-Parties. Erst kürzlich schwang ich mein entzückendes Hinterteil wieder in die Lokation meines Vertrauens und ging - schnurstraks an den Klebezettelchen mit Nummern drauf vorbei. Bitte? Ich soll mich nummerieren lassen, um zu flirten? Geht das nicht mehr auf die schöne altmodische Art, persönlich und, wie heißt das gleich, mit Blickkontakt? Offenbar nicht. Heutzutage sieht man sich verstohlen nach der Rückennummer seines Traumpartners um, tippt diese in eine schleimige SMS, die kurz darauf auf der Großleinwand erscheint, und hofft, dass man nicht entdeckt wird. Erinnerte mich irgendwie sehr an die Zuchtbullenmesse letzte Woche in Saalbach-Hinterglemm...

Ich frage mich ja nun als erstes: Wie muss man sich eine Ehe zweier Menschen vorstellen, die auf einer Single-Nummern-SMS-Party zusammen gefunden haben? "Flirter Nr. 312, du hast Post von 578: Könntest du wohl eben Baby Nr. 002 wickeln?" Famos.