LIEBE AM ABGRUND - Wenn ein Manager eine Liebesgschichte beginnt

17.10.2008 um 21:07 Uhr

Kapitel 1

von: laurasun   Stichwörter: Feierabend, Beginn

Stimmung: Überraschung, Unglück

Glücklich ist,  

wer alles hat,  

was er will.    

(Augustinus, Opus Magnum)

 

"Für meinen lieben Wilhelm" (naja...)

1.                                                                                                        

Verwundert wacht Laura auf und blinzelt müde in den Tag. Karges milchiggraues, winterliches Licht scheint durch die zugezogenen Jalousien. Kurz klappt sie die Augenlider auf und zieht die warme, schützende Bettdecke über ihr Gesicht. Sich darunter einkuschelnd, spürt sie benommen ihren warmen Atem und ihren wohligen Körperduft. Langsam dämmert es ihr. Den gestrigen Gasanschlag in ihrer Wohnung hat sie überlebt. Vage orientiert sie sich und rekonstruiert im Zeitlupentempo, was gestern Abend geräuschlos geschehen ist:

 

Völlig fertig komme ich nach Hause. Das eingetretene Türschloss ist noch immer kaputt,  meine Tasche werfe ich in die Ecke und lasse mich auf dem Sofa nieder. Endlich Ruhe. Ich springe auf, suche meine Zigaretten, verdammt langsam registriere ich einen merkwürdigen Geruch in der Nase. Hektisch springe ich auf, schnappe nach Luft. Mir ist schwindlig und ich falle hin. Mein Gehirn arbeitet hochtourig. Meine Zähne beiße ich zusammen und ziehe mich mit aller Kraft am Tischbein hoch. Wo strömt das Giftzeug aus? Wer hat den Gashahn aufgedreht? Ich wanke Richtung Gasherd. Alles vor meinen Augen verschwimmt zu einer schleierhaften Wolke.

 

In Küchennähe stinkt es zunehmend nach Gas und der Gestank trifft mich mit solcher Wucht, dass sich meine Halsmuskeln verkrampfen. Dadurch gelangt zwar keine Luft mehr in meine Lunge, doch die widerwärtige Luft , die sich bereits dort befindet, kann auch nicht  entweichen. Nein, ich will nicht sterben. Ich beherrsche mich und taumele wankenden Schrittes zum Gasherd.  Alle Hähne sind aufgedreht, die ich mit letzter Kraft zudrehe. Ich schwanke zum Fenster, reiße es auf, dann erbreche ich. Für kurze Zeit wird alles Tote schwarz und rosa. Ich starre auf das Fleckchen Erde und Gras unter meinem Fenster und sehe das Erbrochene an der Hauswand kleben, während ich bewegungslos kopfüber aus dem Fenster hänge. Die Nacht sinkt herein und apathisch phantasiere ich  Bilder aus einem Buch, das ich vor Jahren mal gelesen habe.

 

Im Keller einer Kneipe ist ein kleiner Mann emsig damit beschäftigt, Steinkohle zwischen verschiedenen Räumen hin- und herzuschleppen, mit der er experimentiert. Auf Holztischen stehen dampfende Reagenzgläser mit  Seitenrohren, verschiedene Kolben, Glasrohre, Schlauchstücke und Wannen. Er erhitzt die Kohle, fängt das entstehende Gas in Kolben auf und überprüft es immer wieder auf Brennbarkeit. Über der erhitzten Kohle bildet sich weißer, schwelender Rauch, in Saugfingern scheidet sich ein schwarzes, teerhaltiges Kondensat ab. Aus den Kolben kommt ab und zu bläuliches Licht und plötzlich eine gigantische Stichflamme. Völlig aufgedreht reißt der Mann die Arme empor, springt laut lachend umher und tanzt. Freudestrahlend rennt er aus seinem Keller in die Nacht hinein.

Aus einem der Hafenkanäle zieht er endlose Folien und beginnt damit, einen riesigen weißen Ballon vor der Kneipe zu bauen. Indem er beständig Gas aus dem Keller in den Ballon strömen lässt, wird das Ding immer praller und runder und am Ende ist das weiße Wunder größer als sein Haus. Dann beginnt er eine unterirdische Leitung zu seiner Kneipe zu bauen. Kurze Zeit später macht er aus der Kneipe einen Tanzsaal, der durch das im weißen Ballon gebildete Gas beleuchtet wird. Sensationshungrig kommen die ersten Gäste, arme abgerissene Gestalten, Hafenarbeiter, Waschweiber, Frauen in teuren Roben mit ihren Ehemännern am Arm, Dirnen, ein buntes Gemisch aller Klassen geht ein und aus und trifft hier auf ungewöhnliche Art aufeinander. Im Ballsaal drehen, hüpfen und wirbeln sie angeregt diskutierend. Erhitzte Gesichter toben im Glanz des modernen Lichtes immer schneller herum.

 Sie schnuppert an ihren Armen und ihren Achselhöhlen. Ihre Hände duften nach Orange und Apfel, ihre Arme und Beine holzig-erdig und die Achselhöhlen süß gemischt mit leichtem Schweißgeruch, einfach wunderbar. Die Bettdecke riecht nach Schlaf und feuchtem Atem, wahnsinnig, ich leben noch. Durch das offene Fenster fächelt ihr eine kühle, frische Brise in die betörte Nase. Es reicht gerade zum Wiedereinschlafen. Sie entschwindet in ein anderes träumerisches Paradies, dass ihre Lebenssäfte erweckt. Sie hat vergessen, die Kriminalpolizei zu informieren, ...wenn ich wieder wach bin,... Noch am selben Tag kommt die Kriminalpolizei, inspiziert ihre gesamte Wohnung und nimmt Fingerabdrücke ab. In allen Zimmern laufen drei Männer mit schwarzen Lederjacken herum und hinterlassen ein heilloses Durcheinander. Im Halfter, über ihren festen Männerbacken tragen sie glänzende Schusswaffen. Laura ist unwohl und fühlt sich in ihren eigenen vier Wänden schutzlos.

 

„Welche besonderen Vorkommnisse hat es gegeben? Wer hat sie in letzter Zeit besucht? Wer hat angerufen?“ fragt Kommissar Glowienka.

 

„Das ist wirklich das einzig Außergewöhnliche. Vor zwei Wochen habe ich eine Kündigung meines Vermieters erhalten und denke auch gar nicht daran, auszuziehen. Einen Tag später habe ich meinen Schlüssel in der Wohnung vergessen und die Tür aufgebrochen,weil ich zu geizig war, einen Schlüsseldienst zu rufen. Was die können, kann ich schon lange, ja, und dann habe ich mit einer Freundin die Tür mit Schlüsseln, Checkkarte und Hobel aufgebrochen. Das hat einen ziemlichen Lärm verursacht, weil wir dauernd lachen mussten. Nach und nach schauten die Nachbarn aus den Türen und irgendwann, halt auch die Tochter meines Vermieters, die sogleich wütend schrie, wir sollten aufhören und ihr Vater hätte einen Schlüssel für die Wohnung, obwohl er gar keinen besitzen darf. Zwei Minuten später war die Tür auf und ich heilfroh. Kurz darauf sah sich mein Vermieter, Herr Balhorn den Schaden an, schimpfte wie ein Rohrspatz und fragte mich, wann ich denn nun ausziehe werde. Sobald ich etwas hätte, das könne aber noch eine Weile dauern, antwortete ich. Ansonsten würde ich den Schaden selbstverständlich beheben. Herr Balhorn meinte daraufhin, das ihn das froh mache und dann ja alles in Ordnung sei und  am Ende standen Sohn und Tochter mitten in der Nacht vor meiner Tür, um den Schaden zu fotografieren. In meine Wohnung habe ich die nicht gelassen und die Tür einfach wieder zugemacht. Wenn Sie heute weg sind, fange ich sofort mit der Reparatur an, wer weiß, wer sonst noch in meine Wohnung spaziert. Noch etwas, fällt mir gerade ein, mein Lebenspartner hat sich seit drei Wochen nicht gemeldet, weil der wütend auf mich ist, aber der würde mich deshalb nicht umbringen. Das ist alles.“

 

„Und Sie sind sich immer noch sicher, dass der Gasherd ausgedreht war, als Sie die Wohnung verließen?“ fragt er nach.

 „Allerdings, den Herd habe ich wochenlang gar nicht benutzt, da ich immer essen gegangen bin und Wasser koche ich mit einem elektrischen Gerät.“