Aus dem Leben eines Langzeitsingles

04.11.2011 um 17:31 Uhr

Seelenfänger unterwegs

von: catulus

Manche Dinge sind einfach seltsam, so zum einen die scheinbar nicht logisch erklärbare Kette unangenehmer Ereignisse in diesem Sommer, zum anderen auch das irritierende Moralverständnis einer Gruppe oder besser Sekte, welche in Berlin schon seit Jahren aktiv ihr Unwesen treibt.

Wahrscheinlich würde es mich gar nicht weiter interessieren, aber die Aggressivität, in welcher diese Leute sich um neue Mitglieder bemühen, schränkt andere Menschen wiederum in ihren Aktivitäten ein. Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die Notwendigkeit, einige Erklärungen darüber abzugeben. Die sogenannte SIDOG–Gruppe bemüht sich über Freizeitforen im Internet darum, Menschen aus ihrem Singleleben in eine esoterische Gemeinschaft zu locken, welche ein obskures Ziel verfolgt, die Bindung an die Gruppe durch sexuelle Hörigkeit. Was sich noch dahinter versteckt, wird deutlich, wenn man einen Erfahrungsbericht auf einer Unterseite der Homepage berlin.de betrachtet. Meine persönlichen Erfahrungen mit diesen Leuten beschränken sich zum einen auf ein bereits vor Monaten hier beschriebenes Date und zum anderen auf Schilderungen zweier äußerst glaubwürdiger Personen, welche ich hier nicht näher beschreiben möchte, indes hinzufügen, dass sich selbige untereinander nicht kennen und unabhängig voneinander mir gegenüber vergleichbare bzw. ergänzende Aussagen zur Thematik SIDOG getätigt haben.

Im Internet wird der gemeine Berliner Single zuweilen also auf Vertreter dieser Organisation treffen, welche ihn einladen werden, an Diskussionsforen und Lesungen teilzuhaben, während man ihn selbst aber letztlich nur versucht, auf ihre Seite zu ziehen. Auf dem Weg dahin versucht man den Neulingen, deren ureigene, biologischen, seelischen, kulturellen und sozialen Normen auszureden und durch ein kollektivistisch anmutendes Sexualverständnis zu ersetzen.

Als sichere Erkennungsmerkmale für eine etwaige Zugehörigkeit zu dieser Sekte gelten hier zum einen die Geißelung der Ehe als katholisch–christliches Konstrukt, die Propagierung der freien Liebe und die Infragestellung der zwischenmenschlichen Treue. Dies mag so weit noch für einige andere Zeitgenossen gelten, dennoch sind dies bereits im Moment der Kontaktaufnahme wesentliche Anzeichen. Darüber hinaus wird alsbald die Teilnahme an Lesungen vorgeschlagen, welche in einem Café nahe des U– und S–Bhfs. Yorckstraße stattfinden. Aus Gründen der Rechtssicherheit möchte ich auf die vollständige Nennung hier verzichten, aber darauf hinweisen, dass der Name mit der Anschrift identisch ist. Da ich nun schon selbst vermehrt in einem Freizeitforum von Personen aus diesem Umfeld kontaktiert wurde, gehe ich davon aus, dass dies auch andere Menschen betrifft und dass eine gewisse Aufklärung angebracht wäre.

Bereits unter meinem Eintrag "Reinfall am Donnerstag" beschrieb ich ein Treffen mit einer Frau, welche im Forum new-in-town.de für die SIDOG neue Mitglieder anwerben möchte. Der Terminus „weiße Pädagogik“ ist hier ein Schlüsselbegriff und mehr als nur ein Indiz für die Mitgliedschaft bei SIDOG. Ihr Eintrag bei new-in-town.de las sich wie folgt:

Weiße Pädagogik ?

von P**** (, 28 Jahre) in Berlin

Was bedeutet eigentlich "Schwarze Pädagogik" genau?
Gibt es auch eine "Weiße Pädagogik"?
Wer hat Lust mit mir das Thema auseinander zu nehmen, darüber zu diskutieren.
Bitte melden!!

Gruß P****

Erst vor wenigen Tagen erhielt ich nun wiederum Post von einer Person mit einem anderen Pseudonym, eine Email, in welcher mir die Teilnahme an einem „Speeddating der anderen Art“ angeboten wurde, versehen mit einer privaten Emailadresse. Ich antwortete und erhielt folgende Mail:

Hallo ***,
schön, dass du antwortest.
Also, bei meinem etwas anderen Speed-Dating gibt es nicht die klassische 1-zu-1-Konstellation, sondern gedatet wird in 3-er Grüppchen, entweder 1 Mann und 2 Frauen oder umgekehrt.
Das stelle ich mir dynamischer vor.

FR, 04.Nov.
19h
Cafe ***, ***str.
* in Schöneberg
Was kost` der Spaß?
15,-€ inkl. einem Freigetränk

Freie Plätze gibt es noch.
Was meinst du? Willste mitmachen?

Gruß,
H***
0170 – ***

Sowohl die Uhrzeit als auch die angegebene Adresse geben eine klare Auskunft darüber, dass es sich auch hier um einen Anwerbeversuch der SIDOG handeln muss. In der Hoffnung, einige Leser in Berlin nun von einem Kontakt mit dieser Organisation abzuhalten, möchte ich noch auf einen Erfahrungsbericht verweisen, welcher im Netz unter folgender Adresse abrufbar ist:

http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-familie/sekten-psychogruppen/risiken_und_nebenwirkungen_2.pdf?start&ts=1223985271&file=risiken_und_nebenwirkungen_2.pdf

( zum Bericht selbst bitte auf Seite 73 scrollen )

Natürlich ist die SIDOG ein Ärgernis, aber deren Existenz sollte niemanden dazu verleiten, sich zu engagiert mit diesen auseinanderzusetzen, da selbiges zeitraubend sein kann und letztlich aufgrund der wenigen Daten, welche man im Internet zusammentragen wird, auch keine ergiebige Auseinandersetzung mit dieser Thematik möglich erscheint. Google weiß sicherlich vieles, aber nicht alles.

Wer sich die Frage stellt, welches Moralverständnis diese Leute haben, sollte indes nicht vergessen, dass sektiererische Gedanken generell weit verbreitet sind. Vorsicht ist überall geboten und wer dies bedenkt, kann sich auf die Partnersuche als solche beschränken, um selbst völlig unabhängig von diesem Treiben letztendlich vielleicht glücklich zu werden.

 

 

 

04.09.2011 um 13:38 Uhr

Ungeliebt

von: catulus

Es ist schon extrem bedrückend, in diesen Tagen die Meldungen der großen Onlinedienste zu verfolgen. Aber sobald man dort nur Zerstreuung sucht oder sich von den bedeutenden Nachrichten ablenken möchte, stößt man unweigerlich auf eine durchaus beachtliche Zahl von Artikeln, welche die weibliche Sexualität betreffen und selbige zum zentralen Punkt der Partnersuche erklären. Es ist dabei nicht so, dass die Presse hier irrt, wie sie es sooft tut, wenn es um die großen politischen Probleme unserer Zeit geht. Doch vielleicht – so bleibt als Hoffnung – sind erstere Darstellungen genauso übertrieben und simplifizierend, wie man es auch aus den anderen Publikationen kennt. Aber gibt es hier kaum einen glaubwürdigen Ansatz, einen Grund zu suchen und es so zu interpretieren, außer möglicherweise dem Genderwahn, welcher sich im Bereich der Medien überbordender Beliebtheit erfreut. Bertachtet man aber seine eigenen Erfahrungen, so erkennt man natürlich, dass eines in diesen Texten richtig erkannt wurde, nämlich, dass es stets die Frauen sind, welche die grundlegenden Entscheidungen treffen, wenn es um die Fragen der Partnersuche geht. Der Mann bleibt Statist und Verlierer zugleich. Es gibt hier auch die Aussage, dass Männer in diesem Punkt nicht so wählerisch seien wie es Frauen sind. Auch hierfür gibt es tendenziöse Erklärungsmuster, welche vor allem die Fortpflanzung im Blick haben oder die emotionalere Perspektive der Frau. Aus meiner Sicht gestaltet sich dies aber anders.

Wir haben es hier nämlich mit einem grundlegenden Fehlschluss zu tun. Oder wie es in einer alten Columbofolge hieß, man spannt den Karren vors Pferd. Nicht die Frau ist aus biologischen Gründen wählerisch, sondern hat der Mann gewissermaßen aufgrund der psychischen Stabilität der Frauen keine große Wahl, eine innere Stabilität mit welcher die seine einfach nicht zu konkurrieren vermag. Es gibt auch hier wiederum Ausnahmen. Natürlich kennen wir alle diese vom Leben verwöhnten Männer, welche mit der Suche nie ein Problem hatten und sich solche drängenden Fragen niemals stellen mussten. Aber um diese Spezies geht es mir nicht. Generell hat man nach einem Date als Mann einen klaren Eindruck. Es ist schon in den ersten Momenten des Treffens nach wenigen Worten überdeutlich. Man weiß, ob die Frau den Mann kennenlernen möchte oder nicht. Und was dabei leider die größte Rolle spielt, ist keineswegs die Sympathie oder das Benehmen des Mannes. Hat er sich die Fingernägel geschnitten, ist er frisch geduscht oder trägt er eine passable und stilgerechte Kleidung? All diese Dinge sind vielleicht doch nur etwaige Nebenkriegsschauplätze, um die Entscheidung zu legitimieren, welche die Frau nur aus einem Grund treffen werden wird. Und aus demselben Grund wird der Mann in undeutlichem Bewusstsein seiner Machtlosigkeit ob der Beeinflussung der Wege seines eigenen Schicksals seine eigenen Ansprüche nur allzu gern und solange verleugnen, zumindest so gut wie es ihm möglich ist. Er fügt sich, weil er weiß, dass er hier kein Mitspracherecht besitzt. Doch was ist es nun, was die Frau zu ihrer Entscheidung treibt? Letztlich ist es offensichtlich: Es ist die sexuelle Ausstrahlung. Doch genau auf diese können nur Männer zurückgreifen, welche sich ihres Erfolgs sicher oder vom Schicksal begünstigt sind. Dies sind naturgemäß auch jene, denen der frustrierte Mann schon aus äußerst ablehnend gegenübersteht. Er weiß nicht, warum die Frauen sich immer um diese Spezies bemühen und ihnen in Scharen hinterherlaufen, während es andere gibt, eine reiche Auswahl an Männern, deren Hoffen und Bangen um einen Sinn im Leben von den Beweggründen der Frauen ausgehebelt werden und ihre Fähigkeit zu lieben damit irgendwann in reine Depression umschlägt.

Ist es ein Wunder, wenn Männer hinter der Fassade der triebfaszinierten Frauen keinerlei warmherzige Gefühle vermuten? Andererseits sind wir alle Menschen und daher bleibt die Hoffnung auf einen Strohhalm oder zumindest die verblasste Idee von einem solchen.

Natürlich könnte man das alles über die Biologie erklären wollen und feststellen, dass Frauen männliche Sexuallockstoffe stärker wahrnehmen als dies wiederum für Männer in analoger Weise möglich sei. Doch lassen wir uns damit nicht an der Nase herumführen? Wir sind alle denkende Wesen und wissen auch, dass die Promiskuität vieler Zeitgenossen einer solchen Vermutung entgegensteht. Oder sollten diese einfach nur genetisch soweit im Vorteil sein, dass deren Pheromone wie ein Passepartout den Weg in alle Schlafzimmer öffnen? Und wäre dies dann nicht ein effektiver Nachteil bei der Partnersuche, welche sich vor allem auf eine Wesensähnlichkeit und gegenseitigen Harmonie der Menschen gründen sollte?

Da heutzutage viele Parfums Sexuallockstoffe enthalten, wie man im Netz an vielen Stellen nachlesen kann, sollte doch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber einer sexuellen Anziehung aufgrund pheromoneller Wirkungen auch insofern gestattet sein. Indes glaube ich nicht, dass hier je über ein Verbot von Beimengungen dieser Art in Parfums diskutiert werden wird, schließlich kann man sich eine Lobbyistengruppe, welche solcherart Forderungen unterstützte, nicht vorstellen. Mir scheint indes, dass wir wieder an dem Punkt angelangt sind, welchem ich vorhin strikt Einhalt gebot: Dem erfolgreichen Mann, welcher sich keine Sorgen um die Suche machen muss.

Als Fazit könnte man sagen, dass es für manche Probleme keine Lösung gibt, weil diese zu schnell zu neuen führen und sich die Menschen den eigentlichen nicht stellen.

 

 

07.07.2011 um 22:03 Uhr

Murphys Gesetz

von: catulus

Es war schon gegen halb fünf, und es lohnte sich nicht mehr nach Hause zu fahren. Zu diesem dritten Date in acht Tagen wollte ich wie immer pünktlich sein und entschied, lieber einen Bummel zu machen, durch das Einkaufscenter, vielleicht noch etwas für morgen kaufen, doch dazu reichte die Zeit nicht. Aufgeregt war ich nicht, bin ich schon lange nicht mehr. Ich erwarte nichts und bleibe doch erwartungsvoll gespannt auf das Ereignis, welches vielleicht einmal wieder einen Lichtblick bedeuten könnte. Auch wenn ich meine Einkäufe auf würde später verschieben müssen, den Gang auf die öffentliche Toilette wagte ich. Mein Handy verriet, es waren noch etwa zehn Minuten Zeit. Der Blick in den Spiegel während des Händewaschens stimmte mich nicht unzufrieden, schließlich hatte ich mich doch gestern dazu entschlossen, meine Haare schneiden zu lassen. Entspannt und doch etwas müde spurtete ich zum vereinbarten Treffpunkt. Einige Frauen liefen vorbei, manche schauten kurz auf, ließen aber erkennen, dass sie nicht auf der Suche nach einem Unbekannten waren. Ich wusste nicht viel über ihr Äußeres, blonde, schulterlange Haare, und die Größe, ein Meter siebzig, mehr nicht.

Wenige Minuten darauf sah ich dann eine Frau erst an mir vorbei gehen, dann ihren Rucksack abstellen und suchend umher schauen. War sie es? Zuvor hatte bereits eine andere Frau an fast der gleichen Stelle gewartet, um dann zielgerichtet auf eine Freundin zuzusteuern. Nach mehrfachen Blickwechseln kam sie auf mich zu und ich ihr entgegen. Wir stellten uns vor und liefen ein paar Meter. Sie war im Gegensatz zu mir etwas korpulent, aber sollte ich deswegen gleich alles ausschließen? Man weiß anfangs nie, mit welchem Menschen man es zu tun hat.

Sie schlug ein Café vor, und wir steuerten es gemeinsam an. Sie entschied sich für eine ruhige Ecke auf der Terrasse, bestand aber darauf, noch einmal kurz zur Toilette zu gehen. Ich wartete also. Nach fünf Minuten drehte sich eine Frau zu mir um, etwas verwundert, um sich danach wieder ihrem Mann zuzuwenden. Die Situation war seltsam. Mir kamen verschiedene Gedanken. Zum einen konnte sie mich versetzt haben, schließlich hatte sie ihren Rucksack mit genommen. Indes hatte sie dazu schon zuvor mehrere Gelegenheiten gehabt, schließlich hätte sie sich mir gegenüber erst gar nicht zu Erkennen geben müssen. Oder es war tatsächlich so, dass sie länger brauchte als andere. Ich kannte früher tatsächlich eine Frau, welche sieben Minuten für jeden Toilettenbesuch benötigte. Damals kam mir dies stets unendlich lang vor. Jetzt hatte ich dieses Gefühl nicht. Ich saß im Grünen und schaute auf die Karte. Ich wusste bereits, wofür ich mich entscheiden würde. Wieder waren zehn Minuten vergangen, ich saß und wartete. Eine ziemlich kleine und ebenso junge Kellnerin fragte, ob ich etwas bestellen oder noch warten wolle. Nein, bestellen würde ich nichts, jedenfalls erinnere ich mich an Geschichten, welche einer Freundin von mir immer wieder passierten, aus denen jeder anständige Mensch lernen sollte, dass man sich nie zu früh sicher sein darf. Es waren nun zwanzig Minuten und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. An der Bar fragte ich, wo sich die WCs befänden. Ich hatte in diplomatischer Manier das Wort „eigentlich“ eingeflochten. Während der Barmann mir den Weg wies, zeigte die junge Kellnerin, während sie mir den Rücken zuwandt, nach draußen und murmelte etwas vor sich hin.

Auf dem Weg ins Damenklo wurde ich dann allerdings doch aufgehalten. Eine andere Kellnerin schaute nach und mein Verdacht erwies sich als begründet. Dem Barmann war es sichtlich unangenehm, doch ich verabschiedete mich durchaus freundlich, warum auch sollte ich unfreundlich sein, denn wäre er ja sehr wohl der falsche Adressat gewesen.

Dennoch war die Situation bedrückend, weniger wegen des Verhaltens der Frau, sondern aufgrund einer Austauschbarkeit von Rückschlägen in der letzten Zeit, was mir in diesem Moment fast schon zu sehr bewusst war. Allein die drückende Schwüle ließ meine Gedanken verschwimmen wie flimmernde Luft auf heißem Asphalt. Doch das Surreale ist letztlich wenig tröstlich, wenn man sich der Tragweite später am Tage immer klarer wird.

Wahrscheinlich hatte die Fremde sich das Feuerbach–Café in Steglitz nicht ohne Grund ausgesucht. Sie wusste, dass sie unbemerkt verschwinden würde können, weil der Eingang von meinem Platz aus verdeckt war. Doch das Café hatte indes eine weitere symbolische Bedeutung, welche ihr natürlich fremd, mir indes umso bedrückender bewusst war.

Somit reihte sich dieses Ereignis ein in eine furiose Serie von frustrierenden Erlebnissen der letzten zwei Wochen, welche für sich einzeln genommen bereits in einem enormen Maße von irritierend bis schockierend, von unerfreulich bis unerträglich gewesen sind.

Es sind solche Wochen, nicht etwa nur Tage, welche in mir ein seltsames Gefühl der völligen Leere hervorrufen, und bestätigen, was Edward A. Murphy, jr. einmal treffend formulierte: Whatever can go wrong, will go wrong.

Daher war mir nicht das Verschwinden der Frau selbst so unangenehm, sondern vielmehr die statistisch nicht mehr nachvollziehbare Häufung, welche in so klarem Gegensatz zum Empfinden der meisten Menschen stehen mag, denen der Sommer Gelegenheit gibt, schöne Momente zu genießen.

Das Problem für mich ist dabei, dass ich mich keinem Menschen darüber wirklich und in der allumfassenden Bedeutung auch für mein weiteres Leben anvertrauen kann, eine Lage, um welche ich mich nicht beneide. Mit wem will man über etwas reden, was vielleicht über eine solche Banalität wie ein derartiges Verhalten einer völlig Fremden hinaus geht? Dinge, welche man klar auszudrücken vermag, sind zumeist diejenigen, welche einem die wenigste Pein versetzen.

Vielleicht geschehen solche Dinge einfach auch nur, weil zu viele Menschen der Überzeugung sind, dass es kein Problem darstellte, andere auszunutzen. Dadurch entsteht ein Dominoeffekt, welchem man persönlich entgegenwirken will und dabei stets nur spürt, dass man sich nicht mit der Masse der Menschen anlegen kann, ohne dabei gehörig zu versagen.

Dabei hat diese Entwicklung etwas fatales. Denn seit längerem beschleicht mich ein merkwürdiges und zugleich verstörendes Gefühl, nämlich, dass so mancheiner – wie ich unlängst und aus unterschiedlichem Munde hörte – gerne etwas egoistischer sein wolle, dass man auch noch etwas ausleben möchte, dass man auch seine eigenen Ziele mehr vertreten müsse, sich trauen, seine Haltung zu sagen usw.

Was da so schlicht nach Selbstverwirklichung klingt, ist doch bloß nur ein Schrei nach Wahrnehmung durch seine Umwelt, die immer statischer die Mainstreamfloskeln wiederkäut. Andere mit der Verachtung des Erwachten strafen zu wollen, ist im Falle reiner Selbstbehauptung aber genau genommen purer Hochmut.

Und eine hochmütige Gesellschaft ist nicht eine, in welcher man frei leben oder auch nur denken kann. Denn alles Denken und auch schon Meinen ist politisch, sagte Ortega y Gasset. Und die Leute, welche sich stets „trauen“ etwas zu sagen, werden denen gegenüber, welche nicht anders können, als etwas zu sagen, immer überlegen erscheinen. Was klingt, als winde ich mich um das Thema selbst, ist letztlich nur eine leichte Erklärung dafür, wie man das Verhalten der Fremden von heute Nachmittag verstehen kann.

 

 

 

01.07.2011 um 21:58 Uhr

Reinfall am Donnerstag

von: catulus

Fast dachte ich, sie müsse eine dieser extrem konservativen Frauen sein, als ich eine SMS erhielt, in welcher sie erfragte, ob ich auch wirklich zu dem vereinbarten Zeitpunkt an dem verabredeten Ort sein würde. Aber bereits zuvor am Telefon hatte ich ja einen anderen Eindruck erleben können, von einer Frau, welche eine tiefe Aversion gegen Klischees zu vertreten schien. Allerdings war dies wiederum eine Täuschung, wie ich am gestrigen Donnerstag erfahren musste.

Nicht das Klischee war es, welches sie verdammte, sondern die Konventionen, die Werte, an welche man sich hält, waren ihr grundsätzlich und prinzipiell nicht eigen. Wir erkannten uns sofort, zehn Minuten zu früh war ich am Treffpunkt, sie wartete bereits. Da ich vor einigen Monaten einmal wieder versetzt wurde, kam mir wenige Sekunden zuvor der Gedanke, doch erst einige Minuten später dort zu erscheinen, um sicher zu gehen, dass sie nicht einfach vorbei liefe. Aber nein, eine solche Mentalität war ihr genauso fremd wie mir. Ich hatte zunächst also ein gutes Gefühl. Wir liefen wenige Minuten und setzten uns in ein Café, bestellten und es begann ein nettes Gespräch. In ruhigem Plauderton kamen wir von verschiedenen Themen zu einer grundsätzlichen Debatte über die Form einer Diskussion, wie man ehrlich argumentiert und was ein echtes Argument von einem Gefühl unterscheidet. An dieser Stelle wurde mir indes eines schon sehr bewusst, was ich betrüblich emfinden musste. Ihr grundsätzliches Verständnis eines Dialogs war allein auf der Ratio aufgebaut, was sicherlich vielen Missverständnissen entgegenwirkt, allerdings auf eine fehlende emotionale Basis hindeutete.

Tatsächlich kamen wir bald auf das Thema Liebe im allgemeinen und Partnerschaft im speziellen zu sprechen. Und hier begann im Grunde eine höchst unbehagliche Situation zu entstehen, welche ich zwar für die letztlich kurzen zweieinhalb Stunden zu kaschieren verstand, doch mir innerlich einige Beherrschung abverlangte, klärte sie mich doch freimütig über ihre Vorstellung einer Partnerschaft auf. Es war keineswegs aufgesetzt oder gar erzwungen. Hätte ich einige bestimmte Fragen nicht gestellt, sicherlich wäre das Gespräch zwar nicht in diese Richtung verlaufen, allerdings war mir nicht bewusst, in welche dunklen Tiefen ich vordringen würde.

Ihre Argumentation war dabei durchaus rational, wenn doch lückenhaft, da ihr Standpunkt durchaus voller Ungereimtheiten und Fehlschlüssen keiner stringenten Logik folgen konnte, weil ja auch die Essenz ihrer Aussage als nicht richtig eingeschätzt werden muss.

Man kann ihre Beweisführung etwa in der folgenden Weise zusammenfassen. Die Urgesellschaft, also die Menschheit in ihren Anfängen, kannte keine Ehe und damit auch keine Partnerschaft im heutigen Sinne. Dann kam die böse Kirche und veranschlagte, dass Menschen heiraten sollen. Danach würde die Frau dem Mann finanziell gleichgestellt und seitdem trennen sich Paare, weil man sich von den Fesseln der Geschichte löst. In zwei Dritteln aller Beziehungen würde man seinen Partner betrügen, und dies sei der sicherste Beleg dafür, dass man doch einfach die Polygamie anstreben solle, welche schließlich der Natur des Menschen im Sinne der Urgesellschaft entspräche.

Meiner Gegenargumentation, dass die Menschen der Urgesellschaft sich genetisch weiterentwickelt hätten, und dass es in den Zeiten der Monogamie zu einer kulturellen Weiterentwicklung gekommen war, räumte sie naturgemäß keinen Platz ein. Ihre Abneigung gegenüber der Kirche hatte sie ebenfalls klar herausgestellt. Natürlich hätte ich auf andere Religionen verweisen können, doch ihre Haltung zum Papst schien eine Auseinandersetzung mit anderen Religionen nicht zu erlauben. Tatsächlich ist die Ehe viel älter als die katholische Kirche.

Doch wo die Ratio eine religiöse Haltung ablehnt, ist die kreative Geschichtsinterpretation nicht wirklich weit, also hätte ich mir damit auch keinen Gefallen getan. Ich beschloss, einen Fehler zu machen und an ihre weibliche Seite zu appellieren. Man braucht ja ab und zu einen Menschen, an den man sich anlehnen kann, einen Menschen, der mit einem durch dick und dünn geht, dem man alles anvertraut, einen Menschen, mit dem man lebt, für den man lebt, der das Tiefste in der Seele berührt. Nun, das Wort „Seele“ vermied ich.

Doch wo keine weibliche Seite ist, wo die Ratio die Argumente diktiert, ist naturgemäß kein Verständnis für das Streben nach glücklicher Zweisamkeit. Sie wohnte schließlich in einer dieser Freundschaftswohngemeinschaften. War dies nicht ihre Ersatzfamilie? Hatte sie einfach nie das Bedürfnis nach einem Partner, den nur sie so anschauen darf, wie sei es tut und niemand sonst?

Es kommt im Grunde der Punkt bei fast jedem Date, an dem ich feststelle, dass ich nur noch Schadensbegrenzung betreibe und meine Haltung leicht verschwommen artikuliere. Dennoch fiel es mir dieses Mal besonders schwer, die Contenance nicht zu verlieren.

Es war ihre ausdrückliche Abgeklärtheit, ihre fehlende Berührbarkeit und sicher auch eine leicht androgyne Wirkung ihrer nach außen getragenen Standpunkte, welche mich wiederum besänftigten.

Doch hier hatte ich nichts zu verlieren, denn es gab nichts zu gewinnen. Genau genommen hatte ich hier ja keine Frau vor mir sitzen, auch wenn es danach aussah. Denn ihre Perspektive war nicht die einer aufrichtigen Liebe, sondern einer sexuellen Befriedigungskampagne. Sie proklamierte eine komplett offene Gesellschaft, welche es aus ihrer Sicht leider nicht geben werde. Nun, ich bin Pessimist, also in diesem Falle nicht so sicher.

Andererseits gibt es das Buch von José Ortega y Gasset „Über die Liebe“, dessen Einsichten mir instinktiv schon irgendwie undeutlich bewusst waren, als ich selbiges noch nicht entdeckt oder gar gelesen hatte. Doch wer will es ahnen, ob es gerade in meiner Generation auch Frauen gibt, welche diese Lektüre zu schätzen wissen?

21.06.2011 um 18:40 Uhr

Lesertreffen in diesem Sommer?

von: catulus

Nachdem dieses Blog mittlerweile täglich etwa einhundert Aufrufe verzeichnet und auch immer noch ein Beitrag aus dem Jahr 2007 sich vieler neuer Kommentare erfreuen darf, dachte ich mir, vielleicht wäre es im Sinne des ein oder anderen, eventuell ein Treffen von interessierten Singles ( was indes nicht als zwangläufige Bedingung zu verstehen ist ) in diesem Sommer hier in Berlin stattfinden zu lassen. Auf der einen Seite stelle ich mir dies spannend vor, andererseits bin ich mir aber nicht sicher, ob sich hierfür eine ausreichen große Zahl an Lesern tatsächlich begeistert. Man könnte sicherlich über das Singledasein reden, aber auch über das Leben als solches ein wenig philosophieren und vielleicht würde der ein oder andere jemanden kennenlernen. Wer es sich vorstellen könnte, schreibe bitte eine Mail an folgende Adresse:

harmotom @ web . de

Es kommt natürlich drauf an, wo groß die Resonanz ist und ob ein Treffen auch aufgrund der vielleicht zu großen Entfernungen möglich ist.

Eines möchte ich aber auf jeden Fall noch anmerken:

Tatsächlich erreichten mich in den letzten Monaten auch Kommentare, welche ich einfach nicht freischalten konnte, da sie zum Teil sehr persönliche Geschichten beinhalteten. Solche Kommentare schreibt man und bereut dies vielleicht gleich danach, eine weltweite Allgemeinheit ist allzu häufig diesbezüglich nicht geneigt, die Sichtweisen und Lebensgeschichten zu würdigen. Daher wunderte sich vielleicht der ein oder andere Leser, warum sein Kommentar nicht unter den vielen anderen zu finden war.

In diesem Sinne freue ich mich auf Nachrichten, Kritik und Anregungen, Zusagen oder Rückmeldungen der unterschiedlichsten Art und verbleibe in gespannter Erwartung.

20.06.2011 um 21:56 Uhr

Im Waschsalon

von: catulus

Vier Dates hatte ich dieses Jahr, allesamt im Frühling. Nun haben wir bereits Sommer, und die Temperaturen steigen beharrlich auf ein durchaus angenehmes Maß. Gleichzeitig finden sich auch einige Paare bereit, sich an allen erdenklichen Orten ihre Liebe zu zeigen, was den ein oder anderen Single hier in der Hauptstadt frustrieren mag. An sich fühle ich mich weniger belästigt, als es scheinen will, betrachte ich doch stets die beiden Partner genau. Stelle ich dann fest, an der Frau kein theoretisches Interesse zu haben, gehe ich entspannt vorüber, was oft genug der Fall ist. Aber der Sommer hat auch andere Seiten. Während sich im Winter der Gang in den Waschsalon nur zweimal im Monat wirklich lohnt, habe ich an den heißen Tagen den Eindruck, dort jede Woche meine Zeit zu verbringen. Zumeist wähle ich den Montag, meist ist es dort dann eher ruhig. Eine Frau an einem solchen Ort kennenzulernen, erschien mir immer eine skurrile Idee, wie aus einem schlechten Film. Meist sind es Männer, welche sich hier versammeln, Studenten oder ältere, vielleicht von ihren Frauen verlassen, wer mag es wissen?

Während sich nun meine Wäsche in der Maschine langsam in Bewegung setzte und mein skeptischer Blick die Rotationen der Trommel begleitete, stürmte ein Paar in den Salon. Der Mann schien in der Beziehung das Kommando zu haben, die Frau hingegen nur die Hundesleine. Sie entschieden sich kurzerhand für eine Maschine und ich mich, ein Buch aus meinem Rucksack zu holen, um nicht dieses Spiel zwischen einem ahnungslosen Alphamännchen und seiner Partnerin weiter miterleben müssen. Und tatsächlich musste ich feststellen, dass sich hier wirklich beinahe ein Drama ereignete und zwar genau so, wie man es erwarten durfte. Er belud eine Waschmaschine, auf welcher ein Aufkleber prangte, welcher dieselbe als defekt auswies, steckte das nötige Kleingeld in den Automaten, was alsbald in irritierten Flüchen der betont lässigen Art mündete und sie dazu animierte, ihn zu überreden, die defekte Maschine zu starten. Er entfernte sogleich den Aufkleber und sie fragte mich, der ich nun doch den ein oder anderen Blick hinüber geworfen haben mochte, ob man das Geld wieder aus dem Automaten zurück erhalten könne. Obgleich mir die Vergeblichkeit ihres Unterfangens durchaus bewusst war, versuchte ich in ahnungsloser Manier nach einem Knopf zu suchen, welcher das Geld zurückerstattete. Dessen ungeachtet, dass zwischendurch eine andere Frau dort eine Maschine gebucht hatte, waren die beiden wohl der Meinung, dass man da etwas tun könne.

Dieses Prozedere zog sich nun noch eine Weile hin, bis man sich für eine andere Waschmaschine entschied, ohne indes den Aufkleber wieder anzubringen. Ich befand, dass es schon bezeichnend sei, welcher Typ Mann Frauen von sich zu überzeugen vermag und vertiefte mich wieder in das mitbrachte Buch und schaute zwischendurch den Drehbewegungen meiner Trommel zu, schließlich weiß man nie.

Inzwischen hatte sich der Waschsalon gefüllt. Neben mir belud eine durchaus attraktive junge Frau eine Maschine. Sie war allein und keineswegs so unvorsichtig und überdreht eigensinnig, wie das Pärchen. Ich fand es auch durchaus angenehm, dass sie doch nur unweit von mir Platz nahm, obschon sie mir den Rücken bot. Mehr Gedanken wollte ich mir auch nicht machen, doch passierte nun etwas sehr erstaunliches. Sie sprach mich an. Nicht, dass dies eine Seltenheit wäre, man kommt hier und vor allem im Sommer oft mit Menschen kurz ins Gespräch, besser zu einem einminütlichen Small Talk, welcher so schnell wieder verdrängt ist, wie er zustanden gekommen war. Schließlich hängen deren Inhalte nicht von dem angesprochenen Menschen, sondern irgendwelchen Kleinigkeiten ab, nach welchen man unvermittelt fragt oder gefragt wird. Ob am Donnerstag ein Feiertag sei, wollte sie wissen. In der Hand einen Kalender, auf den sie kurz verwies, wirkte sie so offen und natürlich, aber eben auch sympathisch, dass mir vielleicht zu schnell bewusst war, hier eine Chance vor mir zu haben.

Da war sie wieder, diese Unsicherheit, welche ich solange nicht vermisst hatte. So sehr ich mich auch anstrengte, mir wollte einfach keine Frage einfachen, welche ich ihr hätte stellen können, ohne dabei vollkommen lächerlich zu wirken. Ich war eben einfach viel zu erstaunt. Schon zuvor hatte ich sie ja schließlich bemerkt und nur flüchtig hingeschaut und mich wieder der Lektüre eines Buches gewidmet, welches sich in bemerkenswerter Aktualität mit den Verirrungen des Menschen befasst, geschrieben vor mehr als neunzig Jahren. Doch es war keine Täuschung, sie hatte mich angesprochen. Die Frage, die sie stellte, war banal, aber es war durchaus ein angenehmes Gefühl, von der interessantesten Person an diesem so öffentlichen wie dennoch privaten Ort angesprochen zu werden.

Während ich zu den tatsächlichen Dates stets im Bewusstsein einer nüchternen Ruhe den Ausführungen meiner Gesprächspartnerinnen folgte und antwortete, war ich nun plötzlich aus meiner entspannten Stimmung herausgerissen. Keineswegs hektisch, aber durchaus redundant, begann ich zu reden. Da ich nicht wusste, ob am Donnerstag ein Feiertag anstand, sprach ich kurzerhand über die vergangenen, die der letzten Wochen und flocht die regionale Bedeutung der Feiertage mit ein, worauf sie erfreut feststellte, dass an diesem Tage wohl ihre Bibliothek geöffnet sei. Dabei sollte es bleiben.

Denn schnell merkte ich, dass sich diese Unterhaltung kaum zu einem längeren Dialog entspinnen würde, ja vielmehr, dass es nur eine Frage war, wie auch zuvor mich dieses Pärchen nur ansprach, um zu erfahren, was auf dem Zettel an der Maschine bereits gestanden hatte.

Nun, der Vergleich ist beleidigend, hatte diese Frau doch wirklich eine andere Klasse, aber letztlich war es doch nur eine Momentaufnahme. Sie nahm eine Frauenzeitschrift zur Hand und vertiefte sich hinein, an der Uhr an meiner Maschine verstrichen die Minuten im Sekundentakt. Und so blieb mir abschließend ihr nur ein lächendes „Ciao“ zuzurufen, sie blickte auf, sagte etwas zum Abschied und vertiefte sich wieder in ihre Lektüre.

Es war keineswegs eine Enttäuschung, doch bewies sich hier und heute wieder einmal, dass man jederzeit gefasst sein muss in einer entspannt abwartenden inneren Haltung, um besonnen und gelassen zu reagieren, aber auch, dass man vielleicht wirklich etwas mehr als nur reagieren sollte.

 

 

02.02.2011 um 16:00 Uhr

Etwas zu den „Profilen“ und der Partnersuche im Netz

von: catulus

Das neue Jahr hat begonnen und meine Suche nach vermeintlichen Dates ein wenig zugenommen. Vor allem der etwas angenehmeren Temperatur geschuldet, bin ich etwas verhalten aber dennoch optimistisch daran gegangen, eine mögliche Partnerin kennenzulernen.

Ich habe also unvoreingenommen einige Frauen angeschrieben und versucht, jeweils in Kontakt zu kommen. Die Antworten allerdings waren letztlich bezeichnend für einen Kommentar eines Lesers in diesem Blog, in welchem es hieß:

Anthrophagus ( Kommentar 71 zu „Meine Abmeldung bei Finya.de“ ):

„[...] Mein Fazit nach etlichen Jahren Finya:
Die meisten Frauen begreifen dieses Portal als reine Laberbude, nicht als Partnerbörse. Sie sind fast schon erstaunt, wenn man ihnen mitteilt, dass das in der Tat eine Partnerbörse und kein Kaffeekränzchenportal zum Zeitvertreib ist. [...]“

Im Grunde kann man es so zusammenfassen: Einige Frauen spielen auf Internetpartnerseiten nur die Suchende, während Männer durch die ständige Enttäuschung frustriert werden. So macht das selbstverständlich keinen Spaß. Man hat letztlich nichts davon. Andererseits gibt es aber auch die Frauen, welche durch die Spielchen der Männer frustriert sind. Irgendwie bin ich davon überzeugt, dass es zunächst die fehlende Bereitschaft eines großen Anteils der Frauen war, welche sich gedanklich von der Partnersuche im Netz zurückzogen, die Männer folgten. Wenn man stets nur enttäuscht wird, bleibt keine Freude an dieser spielerischen Form des Kennenlernens. Man betrachte folgende Antwort, welche ich auf eine erste vorsichtige Mail erhielt:

„[...] Leider wirst du mich sehr peinlich finden. Ja, ich bekenne mich. Ich bin fußballaffin. [...] Machs gut, [...] Und dir noch ein gutes neues Jahr...“

Machen wir uns nichts vor: Es ist wohl doch kaum anzunehmen, dass man wegen seiner Haltung zum Fußball ( ! ) von einer Frau abgelehnt wird. Es liegt sicherlich vielmehr an ihrer eigentlichen Haltung zur Partnersuche. Eine andere Frau meinte, nachdem ich ihr einen längeren Text schrieb, in dem ich ihrer Aussage über die Leichtfertigkeit der Suchenden auf dieser Internetpartnerseite recht gab:

„Hey, ich stimme mit dir überein! Schade, dass ich sonst nicht so viel in deinem Profil gefunden habe, was zu mir passt. Ich wünsche dir viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der Richtigen!“

Natürlich wusste sie nicht viel über mich, da ich mich auf meinem Profil nicht endlos über verschiedenste No-Go-Kriterien ( außer vielleicht dem Fußball und der Esoterik ) ausgelassen hatte. Aber für diese Frau reichte dieses Halbwissen über einen ihr fremden Mann, um sich sicher zu sein, diesen gar nicht erst kennenlernen zu wollen. Dahinter verbirgt sich aber nicht der Frust der schon zu lang dauernden Suche, es scheint da eine Banalität einer emotionalen Beliebigkeit vorzuherrschen, welche sich in solchen kurz und bündig abgehandelten Absagen wiederfindet und den Charakter dieser gar nicht erst wirklich Suchenden beschreibt.

Dabei kommt doch ein interessanter Gedanke auf, welcher direkt mit dem Wort „Profil“ verbandelt zu sein scheint: Nicht etwa „Profilierung“ oder „Profilierungssucht“, sondern die Idee eines Bildes, einer Art „Steckbrief“, wie man diese „Profile“ noch vor einigen Jahren unverblümt nannte.

Man konstruiert ein Bild von sich und genau darin liegt auch seine Anziehungskraft. Wenn also ein „Profil“ nicht anziehend wirkt, liegt es vielleicht an der Neigung derjenigen Person selbst, ehrlich zu sein, und nicht zu übertreiben.

Aber die Anziehungskraft eines Menschen beweist sich gerade oft über seine Fähigkeit zu provozieren, daher wirken genau diese provokativen Selbstdarstellungen auf Partnersuchende beider Geschlechter. Wer aber nicht wirklich sucht, kann viel entspannter provozieren als ein Mensch, der sich um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung seiner Person sorgt und Irritationen vermeiden möchte.

Wer nicht schon über seine Selbstdarstellung mit den vielen Unbekannten flirtet, wirkt wahrscheinlich träge und wenig interessant. Die Liebe verbindet sich assoziativ mit einem Hang zu verspielter Jugend, nicht mit abgeklärter Offenheit über vermeintliche Stärken und Schwächen.

Doch warum bleiben dann viele dieser Selbstdarstellungen so erschreckend farblos? Man erkennt die Frauen einfach in den unabänderlich gleichen „Profilen“ nicht als Personen, sondern kämpft sich durch ständig gleichartig geordnete Texte. Da sind die gefühlt 90 % der Finyanerinnen, denen ihre Youtubelinks ihr Statement kurzerhand ganz ersetzen, Fotos auf denen sie mit Sonnenbrillen posieren oder schnittige Schwarzweißbilder, auf denen man sie beinahe gar nicht erst erkennt, Partyfotos, nach dem Motto: „Mit mir kann man Spaß haben, wenn man auch so drauf ist.“ und dann wiederum nur einsilbige Antworten auf die vorgegebenen 100 Fragen, welche mit „ja“, „nein“ oder gleich mit „yep“ beantwortet sind.

Dahinter steckt eine Lieblosigkeit, die sich nach Ansicht männlicher Zeitgenossen auch in ihrem Alltag ausdrücken wird in Form eines Easygoinggetues, welches man als Partnersuchender ja nun eigentlich gerade nicht erleben möchte. Ich gebe es zu, dies ist eine Projektion, aber was bleibt, wenn der reale Kontakt über Bits und Bytes nicht hinaus geht einem sonst übrig, man stellt Überlegungen an. Natürlich lässt der Mann das Schreiben irgendwann sein, auf den Partnerseiten bleiben die Männer, welche „Hi, wie gehts?“–Mails schreiben und auch sonst eher durch ihre Einfachgestricktheit auffallen.

Vielleicht ist dieser Punkt einfach schon längst erreicht. Schließlich bestätigt dies eine weitere Leserin ( pepe ) dieses Blogs, welche wiederum in einem Kommentar zu „Meine Abmeldung bei finya.de“ sagt:

„[...] Ich bin auch bei Finya angemeldet. Ich frage mich, warum Männer meinen, Frauen müssten sich glücklich schätzen, wenn sie von einem angeschrieben werden. Da trudeln die plattesten Mails ein, wie "liebe Grüße aus ...." "Ich wünsche dir einen schönen Tag" bla bla bla und davon manchmal mehrere am Tag. Ich antworte, nein falsch, ich reagiere auf sowas leider gar nicht mehr. Antworten kann man ja nur, wenn man etwas gefragt wird. [...]“

Ein Problem in der Interpretation durch die ein oder andere Frau ist nach meiner Meinung genau diese Verallgemeinerung, Männer versus Frauen. Auch wenn ich bislang im wesentlichen nur auf die männliche Wahrnehmung eingegangen bin, spielt selbst darin doch eine Projektion der weiblichen Sicht eine entscheidende Rolle. Allerdings sind letztlich doch alle wahrlich Suchenden im Grunde genommen durch die gegenseitigen Mutmaßungen und Unterstellungen in ihrem Handeln eingeschränkt, während sich die vielen, welche sich nur zum Spaß auf den Partnersuchseiten tummeln, wohl keinen psychologischen Betrachtungen unterwerfen.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern lässt sich also anhand oben zitierten Kommentars ungefähr so erklären: Die nichtsuchenden oder rein spaßversessenen Frauen schreiben keine simplen Mails mit dem Inhalt „Hi, wie gehts?“, sie halten sich zurück und demotivieren suchende Männer. Allerdings findet man in ihren Profilen bereits einiges abschreckendes, um sich als Mann gar nicht erst bei ihnen zu melden. Nehmen wir folgendes Beispiel aus einem Finyaprofil unter den dort gestellten „100 Fragen“. Folgendes ist schon als typischer, symptomatisch-weiblicher Fehler bei der Suche nach einem möglichen Partner zu begreifen, wenn man mir diese Einschätzung gestattet:

„Finya–Frage: Was ist das "Gewisse Etwas", das er/sie haben muss?

Antwort: Die berühmte Mischung aus Macho / Softi (genau da, wo es angebracht ist).

Finya–Frage: Treiben Sie aktiv Sport? Wenn ja, welche Sportart?

Antwort: Yoga, Pilates

Finya–Frage: Was tun Sie zu Ihrer Entspannung?

Antwort: Meditation, Reiki

Finya–Frage: Welche Trends finden Sie zurzeit spannend?

Antwort: Ich hechte keinen Trends hinterher, sondern bin ein Individualist.“

Mit einer solchen Frau, wüsste ich wahrscheinlich nicht viel anzufangen. Der Mensch als Mischung, als Mixtur, ein Zwitterwesen, ein Übergangstyp, dies spricht für eine polarisierte Weltsicht und lässt die persönliche Note des Charakters als Kompromiss wirken, esoterische Begriffe wie Yoga, Pilates, Meditation und Reiki sprechen für eine trendige Ökotussi, eine Person, die selbst im Klischee lebt und daher auch so beschrieben werden sollte. Wenn sie den Individualismus betont, dann ist klar, wie sie diesen begreift und wo ihre Vorstellungen eines individuellen Lebens einzuordnen sind. Außerdem: Welcher Mann würde sich freiwillig als Macho–Softi–Mischung beschreiben? Und woher will er wissen, wie diese Frau ihren Nachsatz „genau da, wo es angebracht ist“ verstanden haben möchte? Nimmt sie nicht etwa an, dass Männer von Frauen, die Yoga und Reiki betreiben, mehr oder weniger genervt sind und vielleicht gerade darüber den Weg ins Netz gefunden haben?

Aber selbstverständlich wird auch diese Frau „Hi, wie gehts?“–Mails erhalten, aber von einem wirklich Suchenden wird sie kaum so eine Nachricht bekommen, somit keine ehrlich formulierte Email, weil sie diese durch ihr „Profil“, ihr Selbstbild, im Vorfeld bereits ausschließt, selbige Darstellung bleibt ein einziger inhaltlich verwirrender Widerspruch. So zeigt dieses Beispiel, inwieweit beide Geschlechter durch bestimmtes Verhalten voneinander abgestoßen werden. Während es die Frauen an ihren Nachrichten erkennen, dürften dies die Männer beim Lesen der Profile bereits spüren, aber letztlich kommt es doch auf das gleiche heraus.

In meinem Umfeld geht es Männern und Frauen so ähnlich in der Frage der Partnersuche, dass man sich überlegen sollte, wie man sich am besten der Thematik nähert, ohne zu intensiv auf die Geschlechter als solche bezug zu nehmen. Wenn die Partnerseiten im Netz von Leuten überschwemmt wurden, die womöglich gar keinen Partner suchen, sondern sich dort nur vordergründig unterhalten und in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt werden wollen, liegt – wie oben angerissen – der Verdacht nahe, das man sich gerade zu diesen falschen Leuten hingezogen fühlen mag, selbige vielleicht neben einem netten Foto in ihrem Profil noch diverse sympathisch anmutende Sätze formuliert haben. Plötzlich meint man, jemanden gefunden zu haben, schreibt und wartet. Und genau dies führt bei den wirklich Suchenden zur Frustration.

Um ein Beispiel aus dem realen Leben einzuflechten, möchte ich darauf verweisen, dass es keinesfalls eine neue Entwicklung ist, welche sich hier spürbar macht. Es ist das uralte Prinzip der fatalen Attraktivität. Ich erinnere mich an eine frühere Mitbewohnerin in einer WG, welche mir gegenüber ein kleines schwarzes Buch erwähnt hatte, in welchem viele Telefonnummern standen von Männern, welche sei in einer Disko kernnengelernt hatte und welche an ihr interessiert waren. Niemals hatte sie einen von ihnen zurückgerufen, aber auf Grund dieser Telefonnummern wusste sie sich immer in Erinnerung zu rufen, dass sie begehrenswert war, was sie – nebenbei bemerkt – natürlich nicht nötig hatte. Aber dies ist kein Argument gegen eine solche Sammlung diverser Handynummern, sondern beweist, dass selbst attraktive Menschen Minderwertigkeitskomplexe mit sich herumtragen.

Die Quintessenz daraus leitet sich schlicht aus der Menschenkenntnis selbst ab. Im täglichen Leben machen wir Erfahrungen und lernen andere zu verstehen, während wir im Netz nur auf unsere Intuition vertrauen dürfen. Wer im Leben aber schon einige konkrete Erfahrungen machen durfte, wird sich im Netz besser zurechtfinden als jemand, dessen Menschenkenntnis rein theoretisch und damit akademisch ist.

Erstaunt habe ich früher festgestellt, dass die Frauen, welche ich im Netz kennenlernte häufig die gleichen sozialen, heißt menschlichen Probleme haben wie diejenigen, welche ich auf der Straße kennenlernte, obwohl die Zahl der letzteren deutlich geringer war und damit vielleicht nicht repräsentativ erscheint. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Aber man sollte sich eben nicht zu Verallgemeinerungen hingezogen fühlen, wenn einzelne Erfahrungen auch dafür sprechen mögen.

Die Tendenz einer pragmatischeren Herangehensweise bei der Partnersuche im Internet ist aber nicht zu leugnen. Ein weiteres Beispiel aus den ersten Tagen des Jahres 2011 möchte ich hier erwähnen, bei welchen ich eine fünf Jahre jüngere Frau angeschrieben habe und damit meine Altersbeschränkung einmal nicht eingehalten habe, an welche ich mich sonst strikt halte: Plus drei und minus vier.

Ihre Art sich darzustellen, wirkte anziehend, unkompliziert. Wahrscheinlich wurde ich hier selbst Opfer meiner Phantasie, schließlich verweben sich instinktive und kognitive Impulse bei der Betrachtung der selbsterstellten „Steckbriefe“. Ich kommentierte also eine Reihe von fast beliebigen, aneinandergereihten Aussagen, die sie in ihrem „Statement“ aufgelistet hatte mit meinen eigenen lakonischen Kommentaren, spontan fiel mir zu allem etwas ein, wahrscheinlich einfach geleitet von ihrer Offenheit verfiel ich selbst in einen Rausch. Ihre Antwort darauf war zunächst auch ganz zufriedenstellend:

„He, Du hast mich gerade zum Lachen gebracht. Dankeschön. Das schaffen hier nicht viele. Ich kann mir meist allenfalls ein müdes Kopfschütteln abringen. Ich mach mal meinen Kram fertig und schreib dir dann in Ruhe.“

So verspielt und unverkrampft, wie ich geschrieben hatte, kam ihre Replik. Doch die Leichtigkeit ihrer Zeilen spiegelte wohl auch ihren eigentlichen Charakter wider. Denn nur einen Tag oder zwei darauf meldete sie sich bei Finya ab. Das Profil gibt es nun nicht mehr, und sie hatte mir auch nicht mehr geantwortet, obschon ich ihr noch kurz zuvor eine Email schickte und versicherte, dass ich kein Problem damit hätte, wenn sie sich noch etwas Zeit mit einer Antwort lässt, ebenso in einem entspannten Stil geschrieben.

Aber warum sind so viele Frauen auf einmal so wenig kooperativ geworden, woran lag dieses plötzliche Desinteresse? Eine kleine Rückblende, sechs Jahre zuvor: Im Jahre 2005 schrieb ich nebenbei eine Frau im Netz an, während ich mich noch um meine Emails kümmerte. Ihre Antwort kam sofort, und am darauffolgenden Tag trafen wir uns. In den Jahren darauf wurden die Zusagen für solche Treffen weniger, die Antworten selbst sporadischer und den Treffen gingen immer längere Emailkonversationen voraus, welche auch plötzlich abgebrochen wurden, den Grund erfuhr man selten.

Selbstverständlich waren auch immer sofortige Absagen unter den Mails, eine Verabredung wurde vermittels einer SMS abgesagt, da die Frau meine Kleidung peinlich fand. So ein Erlebnis gab es wirklich: Ich sollte mich beschreiben und erklärte ein blaues T–Shirt und eine kurze, abgeschnittene Jeans zu tragen. Nun, ich war damals noch 28 Jahre alt und dachte mir nichts dabei. Aber das war problemlos zu akzeptieren, das nächste Date wartete schon.

In dieser Zeit machte ich vier Verabredungen am Wochenende, zwei sagten noch ab, aber die anderen beiden fanden wirklich statt. Sicherlich, man wurde hin und wieder versetzt, aber auch damit kam ich zurecht, schließlich war dies doch die Ausnahme.

Zumeist traf man sich kein zweites Mal, ab und zu blieb man für ein paar Wochen oder Monate in Kontakt und traf sich bis zu zehn oder fünfzehn mal. Freundschaften entstanden, Bekanntschaften auch. Wäre dies immer so weiter gegangen, viele hätten sicherlich einen Partner gefunden. Ab dem Jahr 2006 wurden die Treffen rarer, was sicherlich eine Folge vieler Enttäuschungen gewesen ist. Vor allem Frauen klagen mit gegenüber oft über seltsame Männer, die entweder nur eine körperliche Nähe suchten oder gänzlich unpassend erschienen. Viele verändern die von ihnen verwendeten Fotos, die Software dazu ist mittlerweile jedem zugänglich.

Die Internetsuche erlebte so ihre erste Stagnation, es war eine Ermüdung, eine erste Ernüchterung der Suchenden, eine Phase der Irritation, welche erst überwunden werden musste. Man hatte es sich einfach anders vorgestellt und war über die Dissonanzen erschrocken, welche sich ergaben und ergeben mussten aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten und dem im Netz veröffentlichen Selbstbild.

Da jede Frau und jeder Mann seine Erfahrungen und Ansichten meist nur aus der eigenen Perspektive beschreiben kann, bleibt sehr viel Raum für Spekulationen, welche aus einer Abfolge unangenehmer Erlebnisse von dem Gefühl spannender Erwartung in eine kritische Interpretation umgeschlagen haben.

Dass eine hohe Zahl an Dates auch zum Erfolg führen kann, weiß ich aus Gesprächen mit einer früheren Freundin, welche sich ein halbes Jahr zu einer unüberschaubaren Zahl von Dates hinreißen ließ, im Jahr 2005. In einer Woche schaffte sie einmal sechs Verabredungen und hatte nach wenigen Monaten und unzähligen Fehlversuchen tatsächlich einen Partner. Aber dahinter steckt auch Fleiß und Selbstdisziplin. Diese Eigenschaften verloren in der Folge aber auch an Bedeutung. Mit dem Jahr 2005 und der Hartz–Reform entstanden neue Begehrlichkeiten und Vorurteile. Die Leute begriffen ihr Wertesystem neu und ordneten Menschen einen anderen sozialen Nimbus zu, welcher einem vorurteilsfreien Kennenlernen im Wege stand. Dies merkt man nun auch bereits in der Emailkonversation, welche dem Treffen in der Regel vorausgeht und sich mehr und mehr um Karrierefragen dreht.

Ja, plötzlich waren es andere Fragen, die man zu beantworten hatte. Zugespitzt formuliert: Der Trend ging vom langhaarigen Freak zum geschniegelten Anzugträger. Sicher, beides wandelnde Klischees, doch auch wenn ich keiner der beiden Fraktionen näher stand, sank doch die Chance auf ein Treffen, weil auch die Frauen plötzlich mehr Wert auf Äußerlichkeiten legten. Ein jugendliches Auftreten war kein Pluspunkt mehr. Und weil man auch von einem karrierebewussten Menschen erwartet, dass er selbstdiszipliniert auftritt, ist für den Normalbürger hiermit nichts mehr zu erreichen. Genaugenommen werden positives Denken und Selbstdisziplin zusammen gedacht und beides zu einem Charakterzug verquickt, fehlt das eine, wirkt der betreffende Mensch in unserer Zeit nur noch wie eine Karikatur. Dabei möchte ich betonen, dass genau diese Erfolgsmenschen um die dreißig, so ich derartige bislang kennenlernte, oft selbst wie am Reißbrett entworfene Charaktere wirken, aber diese Außenwahrnehmung von verschiedenen Frauen wohlwollend hingenommen wird. Es ist ein gesellschaftliches Arrangement, was sich im Vertrauen auf Übereinstimmungsprozente bei Parship.de zeigt, auch wenn mir da ein Beispiel einfällt, welches dem Lügen straft, sich zwei Menschen über Parship gefunden haben, denen von dem dort verwandten Computerprogramm wenig Chancen auf eine erfüllte Beziehung zugeschrieben und dies durch eine geringe gegenseitige Übereinstimmung begründet wurde.

Es bleibt dem Suchenden also nur die Hoffnung, dass ein gegenseitiges Vertrauen dennoch zustande kommt, gerade weil man bereits anhand weniger Worte zueinander eine intensive Verbindung spürt.

 

 


02.12.2010 um 21:50 Uhr

Eine kurze Anekdote aus der Welt der Träume

von: catulus

Der Winter hat spektakulär Einzug gehalten, man spricht vom kältesten Dezemberanfang seit 80 Jahren und mag recht damit haben. Vielleicht liegt es an der Tristesse dieser Tage, das mir eine kurze Begebenheit aus wärmeren Monaten in den Sinn kam, die im Grunde nicht der Rede wert ist, aber trotzdem zum Nachdenken anregt.

Es war irgendwann Anfang dieses Sommers, etwa Ende Mai. Als ich meine Fahrkarte am Automaten in der Vorhalle eines Berliner Bahnhofes bezahlen wollte, stellte ich fest, dass da in dem für meine EC–Karte vorgesehenen Schlitz noch eine andere steckte. Schnell dachte ich mir, wahrscheinlich jemand wie ich, hektisch unterwegs, beim Blick auf die Uhr nervös und nach dem Greifen des Fahrscheines sofort auf dem Weg zum Bahnsteig.

Früher wurden die EC–Karten noch von den Automaten wieder ausgespieen, heute verbleiben diese in dem Lesegerät, werden sogar festgehalten, sodass man sie selbst wieder herausnehmen muss. Wer einerseits nicht an das Zahlen mit Karte gewöhnt ist und andererseits den alten Mechanismus verinnerlicht hatte, konnte diese technische Umstellung schon mal verdrängen.

Ich schaute kurz auf die Karte, nahm sie an mich, dachte nun in den darauf folgenden Tagen ständig daran, dass ich ihre Besitzerin so schnell wie möglich ausfindig machen sollte. Kaum wieder in der Stadt, beschloss ich, ihren Namen zu googeln. Einfach zum Fundbüro zu gehen, kam nicht infrage. Ich erinnerte mich noch an eine andere Geschichte, die nun fünf Jahre zurücklag.

Damals erhielt ich eine SMS von einem Mann aus Neukölln, der in einem Kino einen Personalausweis fand, selbiger in einer Plastikhülle steckte, darin auch auf einem kleinen Papier zwei Telefonnummern. Als ich damals diese SMS las, wusste ich zuerst auch nichts damit anzufangen. Dann wurde mir schnell klar, es handelte sich um eine WG–Bewohnerin, deren freies Zimmer ich zuvor besichtigt hatte. Sie notierte wohl die Nummern der beiden infragekommenden Personen auf einem Zettel, den sie dann in die Hülle steckte. Ich war damals bereits umgezogen, die Besichtigung lag Wochen zurück. Die damalige Inhaberin des Ausweises stand selbst nicht im Telefonbuch. Was ich allerdings wusste, dass damals im Jahre 2005 die Anzeigen auf studenten-wg.de drei Wochen lang gespeichert wurden. Also schaute ich nach und wurde fündig, holte den Ausweis noch vor der anderen Person ab, die er natürlich auch angeschrieben hatte. Zwar ergab sich damals wirklich noch ein Treffen, allerdings muss ich zu meiner Schande bekennen, dass es meine Schuld war, dass sich daraus nichts weiter ergab.

Sooft ich in frühreren Zeiten oder auch später einen Grund zu Klagen hatte, hier lag der Fehler eindeutig bei mir. Wahrscheinlich hatte ich auch deshalb ein Bedürfnis, es diesmal richtig zu machen.

Also fing ich an, mich mit dem Namen zu beschäftigen. Der Familienname war einer dieser relativ häufig anzutreffenden zu sein, ihr Vorname allerdings wohl eher selten.

Der Bindestrich, der ihren Vornamen teilte, erschien mir als weiteres Indiz, und zwar dafür, dass sie wohl sehr jung sein müsse. Daher verdrängte ich mitunter den Gedanken daran, in diesem Fund mehr als nur eine Verpflichtung zu erkennen, diese Karte wieder zurückzugeben. Allerdings war ich neugierig. Vielleicht war das Schicksal doch hier ein bissel erfinderisch gewesen und wollte mir etwas mitteilen. Ich zeigte die Karte einem Freund, dessen ironischer Kommentar meine tieferen Hoffnungen, wohl treffend auf den Punkt brachte.

„In Filmen würde sich daraus dann eine Liebesgeschichte ergeben“, sagte er und fügte rasch an, dass es im Leben oftmals nicht so sei. Wir schmunzelten noch darüber. Schließlich war auch mir klar, dass die eigentliche Besitzerin der Karte keinerlei romantische Vorstellungen an den Fund knüpfen musste.

Aus ihrer wackligen Unterschrift schloss er, sie könne Ärztin sein, aus dem Bindestrich des Vornamen, dass sie wohl etwas älter sei. Ich googelte sie also und fand sie auch, bei Facebook. So schien sie mir nun anhand ihres Bildes auf Facebook weniger naturverbunden zu sein, als ich insgeheim dann doch gehofft hatte, sondern eher eine Macherin zu sein, der Mittelpunkt jeder Party und das sowohl optisch als auch durch ihr Temperament, das bereits ein einfaches Foto ausdrückte. Aber durch solche „pessimistischen“ Schlussfolgerungen meinerseits wollte ich mich nicht beirren lassen. Zuerst dachte ich nun daran, einen anderen Kumpel anzurufen, der selbst bei Facebook registriert ist, um über ihn Kontakt aufzunehmen, doch dann entdeckte ich ihr Profil auf der Seite ihres Arbeitgebers, einem Autohändler für Nobelkarossen. Und dort fand ich ein anderes Foto von der gleichen Frau aber mit ihrem Namen und einer Telefonnummer, keiner privaten, aber immerhin eine Kontaktmöglichkeit. Ich beschloss, dort anzurufen und dann selbst vorbeizugehen, ihr die Karte auszuhändigen und zu schauen, was das Schicksal mit mir vorhatte.

Doch dies war leichter gedacht als getan. Zunächst meldete sich eine andere Frau, die mir mitteilte, dass die besagte leider immer noch krank sei. Aber sie notierte freundlicherweise meine Nummer und wollte mich zurückrufen, sobald die betreffende wieder zur Arbeit erscheinen würde. Wenige Stunden später am Abend erhielt ich dann den erwarteten Rückruf. Allerdings war es nicht die Inhaberin der EC–Karte. Die Stimme klang etwas älter, als dass sie zu der Frau auf dem Foto hätte passen mögen. Tatsächlich handelte es sich um ihre Mutter, welche mir in ihren ersten Sätzen sogleich ihre Tochter eine sehr liebe Person beschrieb. Ich fühlte mich etwas überrumpelt. So schnell wollte ich nicht verkuppelt werden. Überhaupt, wieso rief mich urplötzlich ihre Mutter an, wo ich doch einfach nur die Kartenbesitzerin treffen und kurz mit ihr reden wollte? Ich erfuhr, dass sie immer noch krank war und, dass ihre Tochter schon während der Bahnfahrt Angst um den Verbleib der Karte geäußert und diese via Telefon hatte sperren lassen. Ihre Mutter ließ mir gegenüber ein paar kantige Schmeicheleien fallen, wie man sie von älteren Damen aus den besseren Gegenden der Stadt erwarten darf, welche ich mit vorsichtiger Skepsis aufnahm, da ich Vorschusslorbeeren nicht so gut ertragen kann. Schließlich endete unser Gespräch, ohne eine Übergabe oder ein Treffen in Aussicht zu stellen.

Ich wartete somit einige Tage. Die Besitzerin würde sich melden, sobald sie wieder gesund wäre oder zumindest anrufen könnte. Eine Woche lang passierte aber nichts dergleichen. Ich hatte inzwischen andere Dinge im Kopf, musste außerdem noch einen Termin in einer Zahnklinik wegen meiner reternierten Weisheitszähne vereinbaren. Irgendwann glaubte ich aber doch, selbst wieder etwas tun zu müssen, damit dieses Treffen überhaupt stattfinden würde und rief wieder in der Vertriebszentrale an. Ich wurde direkt durchgestellt zu einem Kollegen, indes in einer durchaus vom nördlichen Charlottenburg weit entfernten Filiale am Ku–Damm. Ich erklärte ihm die Situation, von der er bereits wusste. Zudem erzählte er, dass er die besagte Frau gut kannte und mit ihr regelmäßig essen würde, eine Behauptung, die ich in meiner Wohnung schätzungsweise 10 km entfernt von ihm kaum nachprüfen können würde, die er aber vorschickte, um mich dazu zu animieren, ihm selbst die Karte am nächsten Tag gegen ein Uhr vorbeizubringen. Während ich über dieses merkwürdig anmutende Angebot nachdachte, und mir verschiedene Vorstellungen über sein überbordendes Selbstwertgefühl in den Sinn gerieten, fiel ihm tatsächlich noch ein, dass ich vielleicht ja auch an einem seiner teuren Luxusautos interessiert sein könnte. Dies verneinte ich dann doch entschieden. Bezüglich des Treffens mit ihm selbst am Folgetag sagte ich erst einmal zu, obwohl ich mich schon fragte, wieso ich so handelte.

Wenn man wie ich im wesentlichen mit authentischen und ehrlichen Menschen zu tun hat, wird man über die Zeit etwas arglos. Wenn man aber wie ich in der Vergangenheit ziemlich unangenehme und verschlagene Menschen kennengelernt hat, dann kommt der Zweifel wie ein Sodbrennen im Nachhinein mit der Sicherheit des Donners nach einem Blitz.

Sein aufrecht erscheinendes Auftreten konnte gespielt sein, außerdem war mir schon klar, dass ich hier etwas sehr persönliches einem mir vollkommen Fremden übergeben würde. Wer den ganzen Tag über Menschen teure Dinge verkauft und dies nicht an einer Kasse am Supermarkt, sondern über einen langen Zeitraum eine Verkaufsgesprächpraxis pflegt und Menschen Autos andreht, die selbige nicht unbedingt brauchen, konnte so ein Mensch dann einem fremden Anrufer gegenüber vertrauenswürdig sein? Am nächsten Tag entschied ich mich, die Verabredung abzusagen. Doch nachdem ich sein Telefon eine Weile klingeln ließ, niemand den Hörer ergriff und auch kein Anrufbeantworter eingeschaltet war, legte ich wieder auf, und ging schließlich einfach nicht hin.

Wieder geschah nichts. Keine Anrufe mehr und auch ich hatte das Gefühl, dass die Eigentümerin der Karte diese offenkundig gar nicht wiederhaben wollte. Vielleicht – und dies war mein eigentlicher Verdacht – dachte sie, dass ein Mensch, der sich derart aufdringlich verhält, schon arg auf der Suche nach einer Partnerin sein müsse. Sie rief also nicht an, niemand erkundigte sich bei mir und ein persönlicher Kontakt vis–á–vis war auch niemals zustande gekommen. Also beließ ich es dabei und beschloss, dieses fremde Stück Plastik in einer Filiale der Berliner Sparkasse, sofern ich bei einer vorbeikäme, abzugeben.

Eilig hatte ich es damit indes nicht, schließlich konnte man mit dem guten Stück nun nichts mehr anfangen, einfach so wegschmeißen, wollte ich diese Karte dann aber auch nicht. Irgendwann einige Wochen darauf passierte aber dann doch etwas merkwürdiges. Mein Telefon klingelte, die Nummer war mir unbekannt. An anderen Ende der Leitung hörte ich einen Dialog oder zumindest Stimmen, die ich mehreren Leuten zuordnete. Die männliche Stimme schien einen türkischen Akzent zu besitzen und die andere war zu undeutlich, um irgendetwas darüber zu sagen. Ich sagte mehrfach „Hallo“ und legte auf. Aber es ließ mir keine Ruhe, und daher rief ich selbst dort an. Meine Frage war sicher berechtigt, ich wollte wissen, warum ich angerufen wurde. Der Mann erklärte deutlich, mich nicht angewählt zu haben, obwohl ich ihm klar machte, dass er sich irrte. Er insistierte nun aufs Äußerste, meine Nummer nicht gewählt zu haben und legte schließlich auf. Ich gab mich damit nicht zufrieden und googelte seine Handynummer. Es war der Anschluss eines Diensthandys einer weiteren Verkaufsfiliale des hier ungenannt bleibenden PKW–Herstellers, dieses Mal in Britz, also wiederum einem anderen Stadtteil und wiederum eine merkwürdige Situation.

Die Wochen verstrichen und es wurde Juli. Die Tage waren zu heiß, um klare Gedanken zu fassen, selbst nachts lagen die Temperaturen bei über 25 Grad. Eine Freundin von mir und ich hatten es schon lange versprochen, nun wollten wir es dieses Jahr endlich auch wahr werden lassen und jemanden aus unserem Freundeskreis in Augsburg besuchen, einer Stadt, die wir beide bis dahin nicht kannten.

Die Reise war von langen Spaziergängen durch Augsburg und Besichtigungen verschiedener Bauwerke geprägt, doch da war immer noch diese EC–Karte in meinem Portemonnaie. Irgendwann kamen wir nach einer Wanderung an der Eiskanal genannten Kanustrecke zu einem Einkaufscenter. Und hier beschloss ich nun, mich frei zu machen, die Karte in der hiesigen Sparkassenfiliale abzugeben und das Thema zu beenden. Von der Besitzerin habe ich bis heute nie wieder etwas gehört.

 

 

12.11.2010 um 20:09 Uhr

Der Versuch einer Nachbetrachtung

von: catulus

Eine merkwürdige Anekdote ist es sicher, indes nicht so unglaublich, wie ich zunächst annehmen wollte. Im Grunde wäre ich nach dem skurrilen Anruf am 17.10.2010 gegen 15 Uhr nachmittags sicher kaum in Versuchung geraten, darüber einen Beitrag zu schreiben. Eine Frau, Mitte 20, rief mich aufgrund eines Kontaktes aus einem Freizeitforum im Internet an, und fragte mich über verschiedenes aus, bis ich ihr nach mehrmaligem Bitten ein Bild schickte, welches sie mit ( ich weiß nach wie vor nicht zu sagen, ob ernst oder nicht ) ungläubigem Abscheu begutachtete und mein Alter brüsk infragestellte. Sie sagte weder, ich sei „nicht ihr Typ“ oder sähe einfach „anders aus“, als sie sich das gedacht habe, sondern erwiderte meine Frage nach dem Erhalt der Email mit einem fassungslos klingenden langgedehnten „wie alt“ ich sei. Ich muss es niemandem näher erklären oder begreiflich machen, dass dies nicht gerade ein integerer Zug eines Menschen ist.

Aber nein, wer gedacht hat, es handele sich um einen unüberlegten Akt, einem impulsiven Schub, welcher nur dem Moment geschuldet, einer irritierten Frau über ihre Lippen drang, dem sei gesagt, dass sie keineswegs zu diesem Typus, dem des impulsiven, neigte. Es war eine willentlich und wissentlich ausgesprochene Schmähung, welche ihre direkte Konsequenz nicht in meiner sofortigen Veröffentlichung fand.

Nein, hierzu hatte ich noch keinen Grund. Aber da war der Text des Thomas Meyer*, der so ähnliches erlebt hatte, und diese Parallelität faszinierte mich. Zudem war der Rest des Tages nicht gerade sehr erquickend, daher war mir am Abend die Idee gekommen, einen Text zu schreiben, welche die Erfahrungen von Björn und mein Erlebnis mit der Anruferin am Sonntagnachmittag in einem Zusammenhang brachte.

Nun passierte an vergangenem Samstag etwas merkwürdiges. Der Eintrag stand seit Wochen im Netz und ich dachte bereits daran, über welches Thema ich demnächst schreiben könnte, als mich die 26jährige nochmals anrief. Das sie meine Telefonnummer gespeichert hatte, überraschte mich weniger als der Anruf selbst. Sie erklärte mir, dass ein Leser ihr Pseudonym gegoogelt hatte und ihr eine Mail in diesem Freizeitforum selbst schrieb, worin er sie aufforderte, hier nachzulesen, was ich da über sie veröffentlichte. Nun, weiß ich zwar nicht, ob ihre Geschichte stimmt, sie kann es natürlich auch erfunden haben und den Eintrag selbst gegoogelt, aber ich nahm natürlich sofort ihren Nicknamen aus meinem ursprünglichen Text heraus.

Interessant war aber vielmehr ihre Reaktion auf diese Veröffentlichung, welche in einem moralisierenden Vorwurf gipfelte. Diese Fassungslosigkeit in ihrer weichen Stimme, war irritierend. Und der dazugehörige „War-Dir-nicht-klar-dass...“–Tonfall stellte die Dinge kurzerhand auf den Kopf. Natürlich habe ich in der Rückschau ziemlich überreagiert, indem ich die Geschichte hier veröffentlichte. Nur war mein Handeln gerade kein Racheakt, sondern als reine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft gedacht. Sonst hätte ich Thomas* Kommentar nicht in diesem Beitrag verwendet. Sie sagte allerdings in dem zweiten Gespräch etwas verräterisches und sehr entscheidendes, ich sei auf Grund meines Äußeren weder als Lebens–, noch als Freizeitpartner geeignet. Wer sich seine Freunde und Bekannten nach der Optik wählt, lebt in einem anderen Universum als ich, mochte ich denken und vielleicht etwas passendes antworten, hätte es mir nicht in diesem Moment die Sprache verschlagen.

Verrückt war nun indes etwas anderes, und zwar dass ausgerechnet nach ihrem „Rückruf“ diese Seite am folgenden Tag über 200 mal angeklickt wurde, was auf einem Serverfehler bei Finya beruhte. Diese 200 Leser hätten ihren Nicknamen gelesen und mancher davon hätte sich unter Umständen auch zu einer Reaktion gemüßigt gefühlt.

Indes spornt mich ein solches Erlebnis immer wieder an, bestimmte Regelmäßigkeiten unter den Menschen der heutigen Zeit zu suchen, unabhängig von ihr selbst, gibt es viele andere Menschen, welche sich Klischees unterwerfen. Vielleicht denkt der geneigte Leser nun zuerst an grob geschnittene Szenegänger, welche sich in schwarze Klamotten hüllen und zu lebensverächtlichem Krächzgeschrei in abgedunkelten, halbverfallenen Altbauwohnungen ihrem fatalistischen Irrglauben von der eigenen physischen Stärke und sozialen Unbezwingbarkeit hingeben und ihre Trommelfelle überstrapazieren.

Doch es gibt auch andere dieser Inseln, welche nach außen in ihrem Wesen schwerer erkennbar und damit auch nicht so leicht in ihren groben Strukturen entschlüsselbar sind, was sich aber mehr als Problem der Sichtweise auf diese Gruppen darstellt, denn als Trugschluss, so zeichnen sie sich genauso über bestimmte Konstanten und gemeinsame Ideologie aus. Sie leben zwar unter den anderen Menschen, indes grenzen auch sie sich ab, nicht so bewusst wahrnehmbar für die anderen, mag sein, aber dennoch ist eine Trennung zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft spürbar, sobald man versucht, einen Dialog mit ihnen zu führen.

Eine große Anzahl der Personen, welche ich in den letzten Jahren kennenlernte, waren in ihrem Wesen derartig gefestigt, dass man sicher sagen darf, ihre Eigenheiten wurden manifest, ihre Meinungen stilbildend für sie selbst und die Außenwelt in ihrer Fülle stetig zu einer Projektion der inneren Welt, was hier stattfand war also in der Konsequenz eine rege Stereotypisierung der persönlichen Wahrnehmung. Man hat Überzeugungen, die im ersten Moment fast beliebig wirken, aber immer einem bestimmten Schema untergeordnet und damit einem eindeutigen Charakter eigen sind.

Eine Sozialwissenschaftlerin traf ich vor etwa einem Jahr. Sie zeichnete sich durch biedere Jugendlichkeit aus, die sich in Sportlichkeit, festem Handschlag und grazilem Stil ausdrückte, unterstützt wurden diese erlernten Äußerlichkeiten durch ganz spezifisch anmutende Momentaufnahmen. Zu dem Treffen erschien sie mit einem Fahrrad und trug einen dazugehörigen Helm. Sie bestellte ein alkoholfreies Weißbier und aß einen Cesars Salat für zusammen genommen 17 Euro, wenn ich mich richtig erinnere. Ihre Freizeit verbrachte sie mit drei Freundinnen, welche nach ihrer Einschätzung ein vergleichbares Leben mit vergleichbaren Ansichten darüber führten und somit genauso stereotyp waren.

Sie bedauerte dies ein wenig, aber die Unterschiede zwischen ihr und mir waren groß genug, um nach zwei Stunden wieder auseinander zu gehen.

Sie hat ihre Insel sicher angesteuert und wird sie wohl nicht wieder freiwillig verlassen wollen. Auf ihrer Insel sind die Menschen gutaussehend, sportlich und trotzdem spießig, nicht im konservativ–bürgerlichen, sondern einem rational–sachlichen Sinne, Geld spielt keine Rolle, solange es für „nachhaltige“ Dinge ausgegeben wird.

Auch wenn es so klingen sollte, ich mache ihr keinen Vorwurf, möchte ihr Leben nicht kritisieren, mehr noch, dieses als signifikantes Beispiel eines sogenannten Lebensentwurfs unserer Gesellschaft schlichtweg erwähnen. Dabei ist der Begriff des „Lebensentwurfs“ schon gewissermaßen Hybris, da er das Schicksal nicht in diese Planung einbezieht. Nimmt man dieses indes mit auf, wird schnell klar, dass jeder „Lebensentwurf“ auf einer Basis des eigenen Seins errichtet wurde. Es gab Vorbedingungen, welche den Menschen sukzessive in eine Richtung drängten und animierten, sich ein geeignetes Umfeld zu beschaffen. Diese Konglomerate sind dann jene Inseln, welche von fern betrachtet, als soziale Ruheräume dienen, von nahem indes eine schonungslose Angleichung dem einzelnen auferlegen.

Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass man sich – nachdem man auf einer dieser Inseln angekommen ist – nicht mehr wesentlich ändern möchte, vielleicht nicht mehr kann, weil die Rechtfertigungsgrundlage für einen Sinneswandel den Menschen langsam abhanden gekommen ist.

Ich sage ja nicht, dass Menschen sich ändern sollen, noch sage ich, dass man es nicht tun sollte. Ich meine ausschließlich nur, dass ein Mensch frei sein sollte in seinen Entscheidungen. Natürlich hört die Freiheit des einzelnen da auf, wo er die Freiheit des anderen antastet, diese Binsenweisheit gilt selbstverständlich auch hier als zwischenmenschliches Gesetz.

Doch scheint mir die Verfestigung der Charaktere durch eine für die heutige Zeit typisch gewordene Stereotypisierung zu stark geworden zu sein, um sich leichte Vergehen erlauben zu dürfen, welche das Gesamtbild stören mögen. Man formt sich einen öffentlichen Charakter, welcher nach außen gleichförmig wirkt, alle Momente des Selbst sind gegeneinander aufgerechnet, erscheinen wie aus einem Guss und sind damit logisch stringent. Das klingt vielleicht kühl formuliert, doch genauso entwickelt sich ein Mensch in unserer Zeit. Er schaut auf seine unleugbaren Merkmale und Eigenschaften, sucht sich Menschen, denen er ähnelt und schafft sukzessive und dabei fast ohne es selbst zu merken, andere Eigenschaften ab. Die Gefahr für den Außenstehenden ist offenkundig eine nun einsetzende Verengung der Menschenkenntnis.

Plötzlich kann man aus drei Aussagen einen ganzen Menschen „backen“, den man nur darüber schon in allzu viele Schubladen stecken kann.

So erklärt sich auch die Aussage der Anruferin aus obigem Beispiel, welche nur anhand meiner Gesichtszüge eine gemeinsame Freizeitaktivität ausschloss. Wer so aussieht wie ich, kann entsprechend ihrer Einschätzung nur einen Charakter haben, welchen es aus ihrer Sicht zu meiden gilt. Tatsächlich habe ich im Netz ein paar Bilder von ihr gefunden und stelle zumindest auf dem zweiten eine so arg stereotype Pose fest, dass ich ihr ein fast schon hermetisches Wesen unterstellen möchte, unempfindlich für eine heterogene Außenwelt. Im Umkehrschluss konnte sie dies aus meinem passfotoähnlichen Bild nicht herausfinden, wohl aber, dass ihr Umfeld wahrscheinlich eine andere Physiognomie zeigt.

Daraus erschließt sich, dass eine Norm für sie existiert, welche sie auf andere überträgt. Dies ist indes ein mittlerweile übliches Schema. Überlagert wird es aber vom eingebildeten Selbstwertgefühl, das sich aus der Norm speist, welche man schließlich erfüllt und sein Umfeld auch. Damit ist man dabei, seine eigenen Regeln für absolut gültig zu erklären, auch in Abhängigkeit zu dem Wertesystem, welches man für sich selbst als Stereotyp gewählt hat. So kann man freilich liberal denken und anderen Freiheiten zugestehen, aber immer unter der Bedingung, die eigene Anschauung übertreffe in ihrer Richtigkeit die aller anderen.

Ich schreibe dies aus der Perspektive des Individualisten, der sich keinem solchen System unterordnet und möchte dies auch für meine Freunde in Anspruch nehmen. Dies würde nach der oben dargelegten Vermutung bedeuten, dass auch mein Leben einer solchen Norm unterliegen müsste, da auch mein Umfeld – wenn auch heterogen – so dennoch über diesen Aspekt definiert sei. Dem widerspreche ich ausdrücklich. Die weiter oben beschriebenen Inseln stellen gerade das Gegenteil dazu dar, individuell kann ein nach Zuordnung lechzender Konformist niemals sein. Wer sein ganzes Leben nach den milieubedingten Verzahnungen seiner Interessen und Meinungen umgestaltet, schleift sich einen stromlinienförmigen Charakter zusammen, der zu dem Heineindriften in das Wesen eines anderen nicht mehr fähig erscheint.

Sobald man dies nicht bloß mehr für sich selbst, sondern als generelle Konstante der Gesellschaft annimmt, unterstützt man eine Separierung sozialer Gruppen, welche sich meinetwegen als Schichten begreifen dürfen, es genau genommen aber nicht sind. Denn keine von ihnen ist wirklich den anderen überlegen, nur ein wenig anders.

Von den scharfen Abbildern im Kino und auch tagtäglich auf der Straße werden wir geprägt, deutliche Konturen haben diejenigen ohne Widersprüchlichkeiten im Zeitgeistsinn. Komplexe Personen wollen langsam ertastet und erfühlt werden, klischeehaft strukturierte Leute haben selbst einige Entscheidungen getroffen, ihr Selbst zu entrümpeln.

Daher wirken sie kraftvoller, entschiedener und selbstsicherer, aber auch leerer und zynischer. Ihr gesamtes Tun scheint voraussagbarer und ihre Gedanken monoton. Bei alledem drängt sich der Verdacht auf, dass ihre Ideen nicht aus ihnen selbst kommen, sondern eingepflanzt wurden, in ihren Geist hinein drifteten und dort wieder zu der Ursache wurden, die eigene Persönlichkeit weiter umzuformen. Fremde Sichtweisen oder freigeistige Kontemplation haben hier keine Chance mehr, sie werden als störend auf dem Weg zur undeutlich geahnten Vervollkommnung als störend ausgeblendet. Dabei ist Vervollkommnung sowieso bereits schon eine Chimäre, nicht erreichbar für jeden von uns Menschen.

Vielleicht ist es mir gelungen, eine Lanze für den Individualismus zu brechen oder auch nur mich in ausschweifender Weise zu wiederholen. Es geht mir um das Verständnis zwischen den Menschen, die Wanderung in die Seele seiner Mitmenschen. Um dies zuzulassen, muss man geradezu sein eigenes Wesen tiefer verstehen als es heute im Alltag gefördert wird. Ich denke dabei nicht an Esoterik, welche wiederum von einer dieser Splittergruppen repräsentiert wird, sondern eine offene Auseinandersetzung mit sich und der Welt, in der man lebt.

* Der Name des Betreffenden wurde auf seinen Wunsch auf diesem Blog durchgängig mit dem Pseudonym Thomas Meyer ersetzt.

 

 

18.10.2010 um 23:07 Uhr

Interessante Kommentare eines Beinahe–Gastautors

von: catulus

Vor einigen Wochen las ich unter den Gastkommentaren einige durchaus anschaulich geschriebene Texte eines weiteren männlichen Singles. Seine Erlebnisse stehen sicherlich auch stellvertretend für die vieler anderer. Freigeschaltet habe ich seine Kommentare auch verschiedenen Gründen aber dennoch nicht sofort. Zum einen waren sie ziemlich wahllos zu Beiträgen von mir geschrieben, welche nicht in einem direkten bzw. sinnfälligen Zusammenhang zu den meinigen standen, zum anderen musste ich mehrere Anläufe zum orthographischen Korrektur nehmen. Nun bin ich damit fertig und fast schon schicksalhaft passierte mir tatsächlich vor ein paar Tagen etwas sehr ähnliches wie dem Autor dieser drei Gastkommentare, welche ich nun im folgenden den Lesern gern vorstellen möchte und damit auch dem Wunsch des Autors der Kommentare nachkomme, diese zu veröffentlichen.

Hier seine Kommentare in chronologischer Reihenfolge:

04.10.2010 um 11:53 Uhr

Thomas Meyer* ( Gast )

Das mit dem Schreiben ist völlig richtig. Wenn eine Frau oder ein Mann Interesse hat, dann dauert es meist keine 3 Tage und man telefoniert miteinander und, ich kann nur von mir sprechen, in allen Fällen trifft man sich dann auch meist am gleichen Abend oder in der gleichen Woche.

Was letzten Endes daraus wird, ist immer so eine Sache. Ich habe mich schon richtig klasse mit Frauen verstanden, einen Termin für das nächste Treffen hatte sie ausgemacht und am nächsten Tag lese ich: "Du also, Du bist gar nicht mein Typ, tut mir leid." Wiederum andere sprechen gleich von der großen Liebe und davon, für immer zusammen zu sein. Na ja, ich für meinen Fall kann im Moment gar nichts festes eingehen, weil ich immer noch total verknallt bin.

[...]

Thomas

 

04.10.2010 um 12:12 Uhr

Thomas Meyer ( Gast )

Also, ich muss auch mal meinen Senf dazu gebe. Ich bin fast 29 Jahre alt jetzt. Und mich hat noch niemals eine Frau auf der Strasse angesprochen.

Die meisten bei denen ich das Date, egal ob im Internet oder der Straße habe ich – dumm gesagt – rum bekommen. Ich weiß, ich bin toll, stehe mitten im Leben, habe echt alles was man so braucht, bin glücklich und gesund, stressfrei. Zu allem Überfluss sehe ich auch noch echt gut aus, was ich früher nie glauben wollte, aber so ist es wohl, wenn ich den ganzen Aussagen der Frauen trauen darf.

Das ist schon lustig, Frauen sagen einem immer wieder du darfst nicht suchen, und auf der anderen Seite, wenn man gar nichts tut ändert sich doch nie was.

Mittlerweile quatsche ich alles an, was mir auch nur irgendwie optisch ein wenig gefällt. Die große Liebe habe ich allerdings noch nicht gefunden. Die hatte ich nämlich schon mal und das werd ich wohl oder übel nie wieder finden. Vielleicht habe ich auch einen Schaden davon getragen das ich in die Frau nach über 9 Monaten immer noch total verknallt bin. Warten wir mal es ab, wie viel Wochen, Monate Jahre das noch anhält. [...]

 

07.10.2010 um 10:42 Uhr

Thomas Meyer ( Gast )

So, ich kann euch mal eine Story der letzten 3 Wochen erzählen.

Ich habe also mal wieder eine "tolle" Frau im Internet kennen gelernt. 20 Mails geschrieben, 1½ Stunden telefoniert und dann saß ich auch schon bei ihr auf der Couch. Wir haben Asti und Wein getrunken, es war ein richtig klasse Abend – wie im Bilderbuch. Wir haben sogar einen Termin für das nächste Treffen bei Starbucks ausgemacht, bevor ich wieder nach hause gefahren bin, nach 4 – 5 Stunden. Sie hat gelächelt, sich gefreut, alles war klasse. Am nächsten Tag hatte ich dann die Email: "Du, tut mir leid, bist überhaupt gar nicht mein Typ." Das wars. Ich habe was zurückgeschrieben, gefragt, warum sie das denn nicht gleich sagt und im Gegenteil noch ein weiteres Treffen vorschlägt, aber es kam aber keine Antwort.

Na gut, weiter gehts. Ein paar Tage später lerne ich wieder eine kennen. Wir haben ein paar Mails geschrieben und direkt telefoniert. Wir verstanden uns echt super.
Sie wollte auch am gleichen Abend zu mir kommen, einen Film sehen, bisschen quatschen und so was. Ja, toll dachte ich mir, echt klasse. Dann kam die Frage: „Duuuuuu?? Sag mal, gibts von dir eigentlich noch mehr Bilder?“ Ich meinte: „Klar“. Wir haben uns also am Telefon die Facebookaccounts gegenseitig gezeigt und Bilder angesehen. Dann kam die Aussage von ihr: „Du siehst ja auf allen Bildern anders aus.“ ( alles noch am Telefon nach ca. 2 Stunden Reden ) Ich wollte gerade antworten: „Ja, das habe ich schon oft gehört, dass ich sehr wandelbar bin.“ Aber da hatte ich schon nur noch ein TUT TUT TUT TUT TUT in der Leitung. Ich dachte erst, sie wurde wieder von der Telekom gekappt, weil ich häufiger länger telefoniere und das öfters passiert. Also habe ich noch mal angerufen. Es ging aber keiner ran. Drei Minuten später war ich bei Facebook nicht mehr ihr Freund. Ich habe Ihr noch eine SMS geschrieben mit „viel Glück“ bei der weiteren Suche, aber auch ohne Reaktion ihrerseits. Da soll mal einer sagen, die sind noch "normal" gewesen, die zwei Mädels ( die erste was 26 die zweite 24, glaub ich).

So, und last but not least:
Da schreibt mich doch eine andere im Internet an, ich chatte 2 Stunden mit ihr, und dann kommt die Aussage: "Och, das ist ja so schade, dass ich einen Freund habe“ :(

Na ja, gestern habe ich wieder telefoniert ( ich komme locker auf 2-3 Dates die Woche ). Und das klang für mich sehr, sehr vielversprechend. Wie es weiter geht, poste ich hier natürlich von Zeit zu Zeit :)

 

Soweit die Kommentare von Thomas, dessen Darstellung eine doch sehr persönliche und zugleich offenherzige Beschreibung seiner Partnersuche ist. Doch auch mir passierte gestern ähnliches.

Es war wie in seinem Beispiel ein solches merkwürdiges Telefonat. Nach einer sehr minimalistischen Konversation via Email, erhielt ich gegen 15 Uhr einen Anruf. Die Frau sagte weder ihren Namen, noch ließ sie irgendetwas über sich verlauten, woraus Rückschlüsse auf ihre Person zu ziehen gewesen wären. Einzig ihr Pseudonym war mir bekannt. Sie schien grundsätzlich sehr bestimmt zu sein ohne dabei auf eine feste Stimme bauen zu müssen, sie redete über Facebook, Xing und StudiVZ, allesamt Websites, auf denen ich nicht gemeldet bin. Als sie schließlich merkte, dass ich wohl doch ein gänzlich anderer Mensch bin, ging sie dazu über, mich nach Bildern auszufragen. Ich zögerte innerlich, dachte aber an nichts böses und gab schließlich nach. Nach kurzem Suchen im Netz schickte ich ihr zwei Bilder, welche über eine Graphikadresse abrufbar sind. Ich dachte mir nicht viel dabei, erwartete einfach eine normale Reaktion, eine natürliche, unabhängig von ihrem persönlichen Urteil. Doch was ich daraufhin tatsächlich erlebte, stimmte mich ungelogen fast den gesamten restlichen Tag reichlich mürrisch, verdarb mir die Laune zumindest über einige Stunden.

Man kann einem Fremden gegenüber sicherlich sagen, dass man auf einen anderen Typ steht oder, dass man die Aufnahme nicht als gelungen empfindet, aber ihre unmittelbare Reaktion bestand zunächst in einem ( gespielten ? ) Schock, dann der in einem fassungslosen Ton gehaltenen Frage, wie alt ich sei und in einem längeren Schweigen.

Natürlich weiß ich selbst, dass es bessere Bilder als die besagten beiden von mir gibt, aber diese sollten ihr schließlich nicht gefallen, sondern einen ersten Eindruck vermitteln – komplett nüchtern betrachtet, eine Vorstellung von der Person am anderen Ende des Telefons geben.

Doch die Zeiten haben sich wohl wirklich geändert und zwar so extrem, dass man sich voller Entsetzen abwenden möchte von der Partnersuche. Dazu sollte man vielleicht anmerken, dass mich bislang niemand derart deutlich älter einschätzte, als es meinem tatsächlichen Alter entspricht, schon gar nicht, dass mir jemand fast eine Szene machte und daraufhin das Gespräch beendete. Vielleicht liegt es einfach an der abgeklärten Überheblichkeit, Menschen auf ihr Aussehen zu reduzieren oder sie einfach beleidigen zu wollen, was mich so erschreckte. Dieses Verhalten von einer – nach eigener Aussage – gutaussehenden Frau, welche durchaus nicht unintelligent zu sein schien, verblüffte mich vor allem in der jeder diplomatischen Regung beraubten Rationalität, welche indes natürlich bei einer hinreichend großen Zahl an ähnlichen Telefonaten ihrerseits auch als Boomerang auf sie zurückfallen könnte. Früher sagte man: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Heute wägt man Kosten und Nutzen gegeneinander ab und erwartet, dass die andere Seite genauso kühl ist. Aber sie musste doch bemerkt haben, dass ich diese Art nicht so einfach wegstecken würde. Sie nahm also meine Missstimmung in Kauf, ein Verhalten, welches möglicherweise mehr über die Gesellschaft aussagt, von welcher sie geprägt wird, als über sie selbst. Aber dies ist nur ein Gedanke.

Wenn also die StudifacebooklokalistenVZ–Anhänger unserer Zeit eine derart verschrobene Sicht auf die Partnersuche haben, sollte ich wohl doch eher versuchen, dieser neuartigen Mentalität zu entkommen und danach trachten, eine ältere Frau kennenzulernen. Dafür spricht einiges, vor allem, da sie schließlich selbst erst 26 Jahre alt und damit für mich als Partnerin definitiv zu jung war. Dabei sollte indes ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es mir bei ihr gar nicht um eine Partnerschaft ging. Vielleicht war ich deshalb auch dermaßen verblüfft und irritiert von ihrer unerquicklichen Reaktion. Nun, es war schließlich keine Partnersuchseite, sondern ein Freizeitforum, in welchem sie auf meinen Eintrag reagierte.

Natürlich ärgere ich mich vor allem wieder über meine eigene Naivität. Bereits letztes Jahr hatte ich bei Finya mit einer Frau zwei Stunden telefoniert, worauf hin sie mich quer durch die Stadt lotste, zu einem Treffpunkt, der nur von einer Seite zugänglich war. Ein Fake damals, eine nach männlichen Models Ausschau haltende Tussi gestern.

Egal wie wenig oder viel ich mit dem oben zitierten Thomas Meyer teilen mag, so sehr ähneln sich doch unsere Erlebnisse am Telefon. Man kann darauf schließen, dass es mittlerweile Usus bei bestimmten Frauen ( um die 25 ? ) ist, sich derart kalt durch die Welt zu bewegen und so scheinen diese auch geblendet von der eigenen Schönheit, das Wesentliche im Leben zu vernachlässigen. Ihre Fixierung auf eine spätestens in den Jahren seit 2005 völlig veränderte gesellschaftliche Grundstimmung und das schnöde Akzeptieren amoralischen Handelns, legitimiert durch den eigenen Erfolg, zeigt sicherlich nur eine ihre konstruktivistischen Facetten, diktiert aber eine unsensible und – wenn man so will – unweibliche Herangehensweise an die Partnersuche, selbst wenn es eigentlich nur um Menschen geht, mit denen man seine Freizeit zu verbringen sucht.

Wenn es also verschiedene Männer betrifft, welche sich dieser Entwicklung zu stellen haben, scheint es mir ratsam, wesentliche Dinge einmal festzuhalten. Männer sollten vor einem Treffen keine Fotos versenden, das Treffen möglichst in ihrer Nähe stattfinden lassen und sich nicht zu gut beschreiben, da sie sonst dennoch versetzt werden könnten. Alles in allem, man muss sich schützen, denn diejenigen, welche sich anschicken, die eigene amoralische Haltung an anderen ohne Skrupel auszuleben, werden keine Rücksicht nehmen, egal welchen Mann sie vor sich haben. Vielleicht sind sie irgendwann einmal enttäuscht wurden. Mag sein, dass sie von einem Mann im Stich gelassen worden sind, aber dies kann niemals eine Entschuldigung sein. Diese pauschale Abschätzigkeit gegenüber dem anderen Geschlecht ist in keiner Weise tolerierbar, auch wenn man als Mann nun vor dem Problem der Interpretation dieses weiblichen Phänomens ( es passiert nicht nur mir! ) steht. Frauen über 30 zeigen diese Charaktereigenschaften indes weniger, zumindest nach meiner Erfahrung. Es sind sicherlich nicht nur die ersten Fältchen, welche sie selbstkritisch denken lassen, sondern vielmehr eine generell andere Prägung aus einer Zeit, die noch keine SMS oder Emails kannte. Ich möchte indes keineswegs selbst hier pauschalisieren, auch wenn es danach klingen mag und demzufolge mir Verallgemeinerungen im allgemeinen verkneifen, möchte auch in diesem speziellen Beispiel meinem individuellen Denken folgen und muss doch meine Konsequenzen daraus ableiten.

* Der Name wurde auf Wunsch des Autors verändert und durch Thomas Meyer als einem der häufigsten Namen im deutschen Sprachraum ersetzt.