Das neue Jahr hat begonnen und meine Suche
nach vermeintlichen Dates ein wenig zugenommen. Vor allem der etwas
angenehmeren Temperatur geschuldet, bin ich etwas verhalten aber dennoch
optimistisch daran gegangen, eine mögliche Partnerin kennenzulernen.
Ich habe also unvoreingenommen einige
Frauen angeschrieben und versucht, jeweils in Kontakt zu kommen. Die Antworten
allerdings waren letztlich bezeichnend für einen Kommentar eines Lesers in
diesem Blog, in welchem es hieß:
Anthrophagus ( Kommentar 71 zu „Meine
Abmeldung bei Finya.de“ ):
„[...] Mein Fazit nach etlichen Jahren
Finya:
Die meisten Frauen begreifen dieses Portal als reine Laberbude, nicht als
Partnerbörse. Sie sind fast schon erstaunt, wenn man ihnen mitteilt, dass das
in der Tat eine Partnerbörse und kein Kaffeekränzchenportal zum Zeitvertreib
ist. [...]“
Im Grunde kann man es so zusammenfassen:
Einige Frauen spielen auf Internetpartnerseiten nur die Suchende, während
Männer durch die ständige Enttäuschung frustriert werden. So macht das
selbstverständlich keinen Spaß. Man hat letztlich nichts davon. Andererseits
gibt es aber auch die Frauen, welche durch die Spielchen der Männer frustriert
sind. Irgendwie bin ich davon überzeugt, dass es zunächst die fehlende
Bereitschaft eines großen Anteils der Frauen war, welche sich gedanklich von
der Partnersuche im Netz zurückzogen, die Männer folgten. Wenn man stets nur
enttäuscht wird, bleibt keine Freude an dieser spielerischen Form des
Kennenlernens. Man betrachte folgende Antwort, welche ich auf eine erste
vorsichtige Mail erhielt:
„[...] Leider wirst du mich sehr peinlich
finden. Ja, ich bekenne mich. Ich bin fußballaffin. [...] Machs gut, [...] Und
dir noch ein gutes neues Jahr...“
Machen wir uns nichts vor: Es ist wohl
doch kaum anzunehmen, dass man wegen seiner Haltung zum Fußball ( ! ) von einer
Frau abgelehnt wird. Es liegt sicherlich vielmehr an ihrer eigentlichen Haltung
zur Partnersuche. Eine andere Frau meinte, nachdem ich ihr einen längeren Text
schrieb, in dem ich ihrer Aussage über die Leichtfertigkeit der Suchenden auf
dieser Internetpartnerseite recht gab:
„Hey, ich stimme mit dir überein! Schade,
dass ich sonst nicht so viel in deinem Profil gefunden habe, was zu mir passt.
Ich wünsche dir viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der Richtigen!“
Natürlich wusste sie nicht viel über mich,
da ich mich auf meinem Profil nicht endlos über verschiedenste No-Go-Kriterien ( außer vielleicht dem
Fußball und der Esoterik ) ausgelassen hatte. Aber für diese Frau reichte dieses
Halbwissen über einen ihr fremden Mann, um sich sicher zu sein, diesen gar
nicht erst kennenlernen zu wollen. Dahinter verbirgt sich aber nicht der Frust
der schon zu lang dauernden Suche, es scheint da eine Banalität einer
emotionalen Beliebigkeit vorzuherrschen, welche sich in solchen kurz und bündig
abgehandelten Absagen wiederfindet und den Charakter dieser gar nicht erst
wirklich Suchenden beschreibt.
Dabei kommt doch ein interessanter Gedanke
auf, welcher direkt mit dem Wort „Profil“ verbandelt zu sein scheint: Nicht
etwa „Profilierung“ oder „Profilierungssucht“, sondern die Idee eines Bildes,
einer Art „Steckbrief“, wie man diese „Profile“ noch vor einigen Jahren
unverblümt nannte.
Man konstruiert ein Bild von sich und
genau darin liegt auch seine Anziehungskraft. Wenn also ein „Profil“ nicht
anziehend wirkt, liegt es vielleicht an der Neigung derjenigen Person selbst,
ehrlich zu sein, und nicht zu übertreiben.
Aber die Anziehungskraft eines Menschen
beweist sich gerade oft über seine Fähigkeit zu provozieren, daher wirken genau
diese provokativen Selbstdarstellungen auf Partnersuchende beider Geschlechter.
Wer aber nicht wirklich sucht, kann viel entspannter provozieren als ein
Mensch, der sich um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung seiner Person sorgt
und Irritationen vermeiden möchte.
Wer nicht schon über seine
Selbstdarstellung mit den vielen Unbekannten flirtet, wirkt wahrscheinlich
träge und wenig interessant. Die Liebe verbindet sich assoziativ mit einem Hang
zu verspielter Jugend, nicht mit abgeklärter Offenheit über vermeintliche
Stärken und Schwächen.
Doch warum bleiben dann viele dieser
Selbstdarstellungen so erschreckend farblos? Man erkennt die Frauen einfach in
den unabänderlich gleichen „Profilen“ nicht als Personen, sondern kämpft sich
durch ständig gleichartig geordnete Texte. Da sind die gefühlt 90 % der
Finyanerinnen, denen ihre Youtubelinks ihr Statement kurzerhand ganz ersetzen,
Fotos auf denen sie mit Sonnenbrillen posieren oder schnittige Schwarzweißbilder,
auf denen man sie beinahe gar nicht erst erkennt, Partyfotos, nach dem Motto:
„Mit mir kann man Spaß haben, wenn man auch so drauf ist.“ und dann wiederum
nur einsilbige Antworten auf die vorgegebenen 100 Fragen, welche mit „ja“,
„nein“ oder gleich mit „yep“ beantwortet sind.
Dahinter steckt eine Lieblosigkeit, die
sich nach Ansicht männlicher Zeitgenossen auch in ihrem Alltag ausdrücken wird
in Form eines Easygoinggetues, welches man als Partnersuchender ja nun
eigentlich gerade nicht erleben möchte. Ich gebe es zu, dies ist eine
Projektion, aber was bleibt, wenn der reale Kontakt über Bits und Bytes nicht
hinaus geht einem sonst übrig, man stellt Überlegungen an. Natürlich lässt der
Mann das Schreiben irgendwann sein, auf den Partnerseiten bleiben die Männer,
welche „Hi, wie gehts?“–Mails schreiben und auch sonst eher durch ihre
Einfachgestricktheit auffallen.
Vielleicht ist dieser Punkt einfach schon
längst erreicht. Schließlich bestätigt dies eine weitere Leserin ( pepe ) dieses Blogs, welche
wiederum in einem Kommentar zu „Meine Abmeldung bei finya.de“ sagt:
„[...] Ich bin auch bei Finya angemeldet.
Ich frage mich, warum Männer meinen, Frauen müssten sich glücklich schätzen,
wenn sie von einem angeschrieben werden. Da trudeln die plattesten Mails ein,
wie "liebe Grüße aus ...." "Ich wünsche dir einen schönen
Tag" bla bla bla und davon manchmal mehrere am Tag. Ich antworte, nein
falsch, ich reagiere auf sowas leider gar nicht mehr. Antworten kann man ja
nur, wenn man etwas gefragt wird. [...]“
Ein Problem in der Interpretation durch
die ein oder andere Frau ist nach meiner Meinung genau diese Verallgemeinerung,
Männer versus Frauen. Auch wenn ich bislang im wesentlichen nur auf die
männliche Wahrnehmung eingegangen bin, spielt selbst darin doch eine Projektion
der weiblichen Sicht eine entscheidende Rolle. Allerdings sind letztlich doch
alle wahrlich Suchenden im Grunde genommen durch die gegenseitigen Mutmaßungen
und Unterstellungen in ihrem Handeln eingeschränkt, während sich die vielen, welche
sich nur zum Spaß auf den Partnersuchseiten tummeln, wohl keinen
psychologischen Betrachtungen unterwerfen.
Der Unterschied zwischen den Geschlechtern
lässt sich also anhand oben zitierten Kommentars ungefähr so erklären: Die
nichtsuchenden oder rein spaßversessenen Frauen schreiben keine simplen Mails
mit dem Inhalt „Hi, wie gehts?“, sie halten sich zurück und demotivieren
suchende Männer. Allerdings findet man in ihren Profilen bereits einiges
abschreckendes, um sich als Mann gar nicht erst bei ihnen zu melden. Nehmen wir
folgendes Beispiel aus einem Finyaprofil unter den dort gestellten „100
Fragen“. Folgendes ist schon als typischer, symptomatisch-weiblicher Fehler bei
der Suche nach einem möglichen Partner zu begreifen, wenn man mir diese Einschätzung gestattet:
„Finya–Frage: Was ist das "Gewisse
Etwas", das er/sie haben muss?
Antwort: Die berühmte Mischung aus Macho /
Softi (genau da, wo es angebracht ist).
Finya–Frage: Treiben Sie aktiv Sport? Wenn
ja, welche Sportart?
Antwort: Yoga, Pilates
Finya–Frage: Was tun Sie zu Ihrer
Entspannung?
Antwort: Meditation, Reiki
Finya–Frage: Welche Trends finden Sie
zurzeit spannend?
Antwort: Ich hechte keinen Trends
hinterher, sondern bin ein Individualist.“
Mit einer solchen Frau, wüsste ich
wahrscheinlich nicht viel anzufangen. Der Mensch als Mischung, als Mixtur, ein
Zwitterwesen, ein Übergangstyp, dies spricht für eine polarisierte Weltsicht
und lässt die persönliche Note des Charakters als Kompromiss wirken,
esoterische Begriffe wie Yoga, Pilates, Meditation und Reiki sprechen für eine
trendige Ökotussi, eine Person, die selbst im Klischee lebt und daher auch so
beschrieben werden sollte. Wenn sie den Individualismus betont, dann ist klar,
wie sie diesen begreift und wo ihre Vorstellungen eines individuellen Lebens
einzuordnen sind. Außerdem: Welcher Mann würde sich freiwillig als Macho–Softi–Mischung
beschreiben? Und woher will er wissen, wie diese Frau ihren Nachsatz „genau da, wo
es angebracht ist“ verstanden haben möchte? Nimmt sie nicht etwa an, dass
Männer von Frauen, die Yoga und Reiki betreiben, mehr oder weniger genervt sind
und vielleicht gerade darüber den Weg ins Netz gefunden haben?
Aber selbstverständlich wird auch diese
Frau „Hi, wie gehts?“–Mails erhalten, aber von einem wirklich Suchenden wird
sie kaum so eine Nachricht bekommen, somit keine ehrlich formulierte Email,
weil sie diese durch ihr „Profil“, ihr Selbstbild, im Vorfeld bereits
ausschließt, selbige Darstellung bleibt ein einziger inhaltlich verwirrender
Widerspruch. So zeigt dieses Beispiel, inwieweit beide Geschlechter durch
bestimmtes Verhalten voneinander abgestoßen werden. Während es die Frauen an
ihren Nachrichten erkennen, dürften dies die Männer beim Lesen der Profile
bereits spüren, aber letztlich kommt es doch auf das gleiche heraus.
In meinem Umfeld geht es Männern und
Frauen so ähnlich in der Frage der Partnersuche, dass man sich überlegen
sollte, wie man sich am besten der Thematik nähert, ohne zu intensiv auf die
Geschlechter als solche bezug zu nehmen. Wenn die Partnerseiten im Netz von
Leuten überschwemmt wurden, die womöglich gar keinen Partner suchen, sondern
sich dort nur vordergründig unterhalten und in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt
werden wollen, liegt – wie oben angerissen – der Verdacht nahe, das man sich
gerade zu diesen falschen Leuten hingezogen fühlen mag, selbige vielleicht
neben einem netten Foto in ihrem Profil noch diverse sympathisch anmutende
Sätze formuliert haben. Plötzlich meint man, jemanden gefunden zu haben,
schreibt und wartet. Und genau dies führt bei den wirklich Suchenden zur
Frustration.
Um ein Beispiel aus dem realen Leben einzuflechten,
möchte ich darauf verweisen, dass es keinesfalls eine neue Entwicklung ist,
welche sich hier spürbar macht. Es ist das uralte Prinzip der fatalen
Attraktivität. Ich erinnere mich an eine frühere Mitbewohnerin in einer WG,
welche mir gegenüber ein kleines schwarzes Buch erwähnt hatte, in welchem viele
Telefonnummern standen von Männern, welche sei in einer Disko kernnengelernt
hatte und welche an ihr interessiert waren. Niemals hatte sie einen von ihnen
zurückgerufen, aber auf Grund dieser Telefonnummern wusste sie sich immer in
Erinnerung zu rufen, dass sie begehrenswert war, was sie – nebenbei bemerkt –
natürlich nicht nötig hatte. Aber dies ist kein Argument gegen eine solche
Sammlung diverser Handynummern, sondern beweist, dass selbst attraktive
Menschen Minderwertigkeitskomplexe mit sich herumtragen.
Die Quintessenz daraus leitet sich
schlicht aus der Menschenkenntnis selbst ab. Im täglichen Leben machen wir
Erfahrungen und lernen andere zu verstehen, während wir im Netz nur auf unsere
Intuition vertrauen dürfen. Wer im Leben aber schon einige konkrete Erfahrungen
machen durfte, wird sich im Netz besser zurechtfinden als jemand, dessen
Menschenkenntnis rein theoretisch und damit akademisch ist.
Erstaunt habe ich früher festgestellt,
dass die Frauen, welche ich im Netz kennenlernte häufig die gleichen sozialen,
heißt menschlichen Probleme haben wie diejenigen, welche ich auf der Straße
kennenlernte, obwohl die Zahl der letzteren deutlich geringer war und damit
vielleicht nicht repräsentativ erscheint. Natürlich gibt es auch Unterschiede.
Aber man sollte sich eben nicht zu Verallgemeinerungen hingezogen fühlen, wenn
einzelne Erfahrungen auch dafür sprechen mögen.
Die Tendenz einer pragmatischeren
Herangehensweise bei der Partnersuche im Internet ist aber nicht zu leugnen.
Ein weiteres Beispiel aus den ersten Tagen des Jahres 2011 möchte ich hier
erwähnen, bei welchen ich eine fünf Jahre jüngere Frau angeschrieben habe und
damit meine Altersbeschränkung einmal nicht eingehalten habe, an welche ich mich
sonst strikt halte: Plus drei und minus vier.
Ihre Art sich darzustellen, wirkte
anziehend, unkompliziert. Wahrscheinlich wurde ich hier selbst Opfer meiner
Phantasie, schließlich verweben sich instinktive und kognitive Impulse bei der
Betrachtung der selbsterstellten „Steckbriefe“. Ich kommentierte also eine
Reihe von fast beliebigen, aneinandergereihten Aussagen, die sie in ihrem
„Statement“ aufgelistet hatte mit meinen eigenen lakonischen Kommentaren,
spontan fiel mir zu allem etwas ein, wahrscheinlich einfach geleitet von ihrer
Offenheit verfiel ich selbst in einen Rausch. Ihre Antwort darauf war zunächst
auch ganz zufriedenstellend:
„He, Du hast mich gerade zum Lachen
gebracht. Dankeschön. Das schaffen hier nicht viele. Ich kann mir meist
allenfalls ein müdes Kopfschütteln abringen. Ich mach mal meinen Kram fertig
und schreib dir dann in Ruhe.“
So verspielt und unverkrampft, wie ich
geschrieben hatte, kam ihre Replik. Doch die Leichtigkeit ihrer Zeilen
spiegelte wohl auch ihren eigentlichen Charakter wider. Denn nur einen Tag oder
zwei darauf meldete sie sich bei Finya ab. Das Profil gibt es nun nicht mehr,
und sie hatte mir auch nicht mehr geantwortet, obschon ich ihr noch kurz zuvor
eine Email schickte und versicherte, dass ich kein Problem damit hätte, wenn
sie sich noch etwas Zeit mit einer Antwort lässt, ebenso in einem entspannten
Stil geschrieben.
Aber warum sind so viele Frauen auf einmal
so wenig kooperativ geworden, woran lag dieses plötzliche Desinteresse? Eine
kleine Rückblende, sechs Jahre zuvor: Im Jahre 2005 schrieb ich nebenbei eine
Frau im Netz an, während ich mich noch um meine Emails kümmerte. Ihre Antwort
kam sofort, und am darauffolgenden Tag trafen wir uns. In den Jahren darauf
wurden die Zusagen für solche Treffen weniger, die Antworten selbst
sporadischer und den Treffen gingen immer längere Emailkonversationen voraus,
welche auch plötzlich abgebrochen wurden, den Grund erfuhr man selten.
Selbstverständlich waren auch immer
sofortige Absagen unter den Mails, eine Verabredung wurde vermittels einer SMS
abgesagt, da die Frau meine Kleidung peinlich fand. So ein Erlebnis gab es
wirklich: Ich sollte mich beschreiben und erklärte ein blaues T–Shirt und eine
kurze, abgeschnittene Jeans zu tragen. Nun, ich war damals noch 28 Jahre alt und
dachte mir nichts dabei. Aber das war problemlos zu akzeptieren, das nächste
Date wartete schon.
In dieser Zeit machte ich vier
Verabredungen am Wochenende, zwei sagten noch ab, aber die anderen beiden
fanden wirklich statt. Sicherlich, man wurde hin und wieder versetzt, aber auch
damit kam ich zurecht, schließlich war dies doch die Ausnahme.
Zumeist traf man sich kein zweites Mal, ab
und zu blieb man für ein paar Wochen oder Monate in Kontakt und traf sich bis
zu zehn oder fünfzehn mal. Freundschaften entstanden, Bekanntschaften auch.
Wäre dies immer so weiter gegangen, viele hätten sicherlich einen Partner
gefunden. Ab dem Jahr 2006 wurden die Treffen rarer, was sicherlich eine Folge
vieler Enttäuschungen gewesen ist. Vor allem Frauen klagen mit gegenüber oft
über seltsame Männer, die entweder nur eine körperliche Nähe suchten oder
gänzlich unpassend erschienen. Viele verändern die von ihnen verwendeten Fotos,
die Software dazu ist mittlerweile jedem zugänglich.
Die Internetsuche erlebte so ihre erste
Stagnation, es war eine Ermüdung, eine erste Ernüchterung der Suchenden, eine
Phase der Irritation, welche erst überwunden werden musste. Man hatte es sich
einfach anders vorgestellt und war über die Dissonanzen erschrocken, welche
sich ergaben und ergeben mussten aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten und
dem im Netz veröffentlichen Selbstbild.
Da jede Frau und jeder Mann seine
Erfahrungen und Ansichten meist nur aus der eigenen Perspektive beschreiben
kann, bleibt sehr viel Raum für Spekulationen, welche aus einer Abfolge
unangenehmer Erlebnisse von dem Gefühl spannender Erwartung in eine kritische
Interpretation umgeschlagen haben.
Dass eine hohe Zahl an Dates auch zum
Erfolg führen kann, weiß ich aus Gesprächen mit einer früheren Freundin, welche
sich ein halbes Jahr zu einer unüberschaubaren Zahl von Dates hinreißen ließ,
im Jahr 2005. In einer Woche schaffte sie einmal sechs Verabredungen und hatte
nach wenigen Monaten und unzähligen Fehlversuchen tatsächlich einen Partner.
Aber dahinter steckt auch Fleiß und Selbstdisziplin. Diese Eigenschaften
verloren in der Folge aber auch an Bedeutung. Mit dem Jahr 2005 und der
Hartz–Reform entstanden neue Begehrlichkeiten und Vorurteile. Die Leute
begriffen ihr Wertesystem neu und ordneten Menschen einen anderen sozialen
Nimbus zu, welcher einem vorurteilsfreien Kennenlernen im Wege stand. Dies
merkt man nun auch bereits in der Emailkonversation, welche dem Treffen in der
Regel vorausgeht und sich mehr und mehr um Karrierefragen dreht.
Ja, plötzlich waren es andere Fragen, die
man zu beantworten hatte. Zugespitzt formuliert: Der Trend ging vom
langhaarigen Freak zum geschniegelten Anzugträger. Sicher, beides wandelnde
Klischees, doch auch wenn ich keiner der beiden Fraktionen näher stand, sank
doch die Chance auf ein Treffen, weil auch die Frauen plötzlich mehr Wert auf
Äußerlichkeiten legten. Ein jugendliches Auftreten war kein Pluspunkt mehr. Und
weil man auch von einem karrierebewussten Menschen erwartet, dass er
selbstdiszipliniert auftritt, ist für den Normalbürger hiermit nichts mehr zu
erreichen. Genaugenommen werden positives Denken und Selbstdisziplin zusammen
gedacht und beides zu einem Charakterzug verquickt, fehlt das eine, wirkt der
betreffende Mensch in unserer Zeit nur noch wie eine Karikatur. Dabei möchte
ich betonen, dass genau diese Erfolgsmenschen um die dreißig, so ich derartige
bislang kennenlernte, oft selbst wie am Reißbrett entworfene Charaktere wirken,
aber diese Außenwahrnehmung von verschiedenen Frauen wohlwollend hingenommen
wird. Es ist ein gesellschaftliches Arrangement, was sich im Vertrauen auf
Übereinstimmungsprozente bei Parship.de zeigt, auch wenn mir da ein Beispiel
einfällt, welches dem Lügen straft, sich zwei Menschen über Parship gefunden
haben, denen von dem dort verwandten Computerprogramm wenig Chancen auf eine
erfüllte Beziehung zugeschrieben und dies durch eine geringe gegenseitige
Übereinstimmung begründet wurde.
Es bleibt
dem Suchenden also nur die Hoffnung, dass ein gegenseitiges Vertrauen dennoch
zustande kommt, gerade weil man bereits anhand weniger Worte zueinander eine
intensive Verbindung spürt.