Aus dem Leben eines Langzeitsingles

24.03.2012 um 01:21 Uhr

Er mag Musik nur, wenn sie laut ist

von: catulus

Als dieses Jahr vor ein wenigen Tagen begann und die Temperaturen zwar nicht auf ein erträgliches Maß, aber doch marginal stiegen, beschloss ich wieder einmal, mein Glück bei Finya zu versuchen. Das Problem ist, dass vielleicht über die Hälfte der Finyanerinnen in ihren Netzprofilen anstelle eines Statements Links zu diversen und oft auch skurrilen Youtubevideos angegeben haben. Sie sind, mit einem Wort musikfixiert. Und damit habe ich gerade ein anderes, ein sehr partnersuchefremdes Problem. Vielleicht wirkt dies aber bereits auf mich schon grundsätzlich ein wenig abschreckend.

Man fahre nur einmal quer durch eine beliebige Großstadt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel wie einem Bus oder einer U–Bahn. Schonungslos durchdringen die Bässe moderner Walkmen, sogenannte MP3–Player, die Waggons, man hört die Rhythmen, stupide Takte und fragt sich, wie ein Mensch dies auch noch direkt an seinem Ohr aushalten kann.

Eine Frau, welche mit Stöpseln durch die Gegend läuft, beschallt sich unaufhörlich und nimmt so also nicht mehr die natürlichen Umgebungsgeräusche wahr. Eine gewisse Selbstentfremdung ist die natürliche Folge.

Aber kommen wir zum Kern der Thematik. Es handelt sich um einen schätzungsweise 65jährigen Mann mit weißem Haar und gleichermaßen weißem Kinnbart. Bevor mein Nachbar in die Wohnung unter der meinigen einzog, wohne dort eine ältere Frau. Jeden Tag kam eine nette Pflegerin, eine Krankenschwester, die sich aufopfernd um diese kümmerte. Irgendwann einmal vor nunmehr fast zwei Jahren war es dann, als ich nach Hause kam und sehen musste, wie ihre Sachen auf einen Umzugswagen verladen wurden, bald darauf verschwand ihr Name vom Klingelschild.

Nun war die Wohnung unter mir leer und blieb es eine lange Zeit. Manchmal hörte man einen Handwerker bohren, sägen oder schrauben. Auch meine Behausung war von selbigem vor meinem Einzug renoviert worden. Während dieser Zeit fragte ich mich ständig, wer nun bald dort einziehen würde. Schon zweimal flüchtete ich aus Wohnungen, in welche der Lärm der Nachbarn drang. Einmal war es ein einziger paranoider Schizophrener, welcher die Nachstunden nutzte, um sich zu duschen, nicht selten bis zum Sonnenaufgang. In Kreuzberg erlebte ich, was es heißt, wenn man schräg unterhalb eines DJs wohnend, tagsüber auf Ohropax angewiesen ist. Mein damaliger Nachbar zur Linken erlitt zu dieser Zeit sogar einen Schlaganfall, während ich es vorzog, mein Mietverhältnis zu kündigen.

Und nun wohnte ich also hier in Schöneberg. Die Anwohner des Hauses erwiesen sich als nett und freundlich, die Glocken dreier Kirchen am Sonntagmorgen schienen lange, ausgedehnte Partys an den Samstagen durch ihr unerbittliches Schlagen zu verhindern, da es unmöglich war, seinen versäumten Schlaf nachzuholen. Ich betrachtete diese Glocken als eine Art Schlafversicherung. Und so verrückt es klingen mag, lange Zeit herrschte in diesem Haus nach dem Einbruch der Dunkelheit wirklich eine entspannende und wohltuende Ruhe. Ein heruntergekommener DJ würde hier wohl kaum einziehen, andererseits wollte ich nun wirklich niemals wieder in die Lage versetzt werden, meine Koffer wegen eines weiteren Störenfriedes zu packen und wiederum nachgeben.

Generell ein skeptischer Mensch, welcher nur allzu oft erleben musste, dass sogenannte „Worst–Case–Szenarien“ gern eintreffen, fragte ich also schnell Freunde, welche entweder selbst planten umzuziehen oder wiederum einen anderen Freund kannten, ob sie nicht eventuell an dieser Wohnung interessiert wären. Doch leider, sie winkten allesamt nur ab. Eine Freundin eines Freundes wäre die ideale Kandidatin gewesen, Studentin, an ihrer Diplomarbeit schreibend, lärmempfindlich. Aber sie lehnte ab, da die Wohnung schließlich direkt an einer stark befahrenen Straße lag, eine verständliche Haltung, welche mich aber nicht weiterbrachte, sondern mir nur eines bewusst machte: Ich würde keinen Einfluss auf den Nachmieter der alten Frau haben, welche ich zu keiner Zeit auch nur annähernd wahrnahm.

Nach einigen Wochen werkelte nun ab und zu ein Handwerker herum. Man hörte Akkuschrauber und Bohrmaschinen in emsiger Betriebsamkeit. Einmal sah ich durch die geöffnete Tür in die zu neuem Glanz erstrahlte Einzimmerwohnung. Und wieder beschlich mich der Verdacht, dass nun ein Mensch in dieses gemachte Nest einziehen würde, der durchaus Wert auf ein gepflegtes Ambiente legt. Meine Erfahrung sagt aber auch, dass Menschen mit hohen Ansprüchen oft auch weniger rücksichtsvoll gegenüber ihrer Umgebung sind.

Dieses Phänomen, eine klassische Mitnahmementalität, ist weit verbreitet. Pragmatische Menschen wollen ein Dach über dem Kopf, rechnen ihre Miete durch und fragen vielleicht noch nach den Heizkosten und den Verkehrsverbindungen. Aber wer an einen schönen Einbauschrank und Laminat denkt, gehört zu einer anderen Spezies. Dies sind nur allzu oft Leute, denen die Auffassung innewohnt, dass ihnen grundsätzlich etwas zustünde, mehr als anderen aufgrund dieser oder jener Tatsache.

Als Außenstehender kennt man das Phänomen auf andere Art: Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin, der Teufel entledigt sein Geschäft immer auf den gleichen Haufen, und Glück ist schließlich auch ein Rindvieh, es sucht immer seinesgleichen. Dies hat seinen Grund. Wer mit wenig zufrieden ist, neigt weder dazu, sich zu beschweren, noch allzu viel zu fordern, was die Belastbarkeit seiner Mitmenschen betrifft. Doch die Einrichtung wirkte nun aber zu edel, als dass ein pragmatischer Geist die Wohnung wählen würde.

Eines Tages hing ein Zettel an der Haustür. Darauf stand in klaren Worten, dass die Wohnung belegt sei und sich nun keine weiteren Interessenten mehr beim Vermieter melden sollten. Ich wartete ab. Das Namensschild an der Haus– und auch der Wohnungstür waren akkurat nach wenigen Tagen befestigt, selbst von ihm ausgedruckt, sowohl in einer geeigneten Schriftart als auch in einer passablen Schriftgröße stand dort sein Nachname zu lesen: Kloepius*. Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt noch einen selbstgeschriebenen kaum lesbaren Zettel mit meinem Namen darauf an meiner Klingel. Der neue Nachbar war also jemand mit einem gewissen Wertebewusstsein. Zumindest schien es so. Doch Eindimensionalität im Denken führt stets zu einer gewissen Irritation des Geistes, eine konservative Ader hat irgendwo beinahe jeder.

Nun lebt er bereits seit mehr als einem Jahr in der Wohnung unter der meinigen und fiel mir zunächst gar nicht auf. Manchmal sah ich in von weitem, die Haustür aufschließen und die Treppe hinaufeilen. Unter seiner Kapuze versteckt, hastete er in seine Wohnung. Für einen Mann seines Alters war dies schon eine beeindruckende sportliche Leistung. Aber er wirkte damit vor allem abweisend, zudem unterkühlt, seltsam und hart. Dann geschah es, urplötzlich aus heiterem Himmel. An den genauen Tag mag ich mich nicht mehr erinnern, als ein gewaltiger Schall durch meine Glieder fuhr, so als hätte sich die Hölle aufgetan.

Niemals zuvor war einer der Bewohner dieses Hauses durch laute musikalische Extravaganzen aufgefallen. Man konnte sich entspannen und vor allem denken. Selbiges fällt mir seit diesem Erlebnis schwerer, meine Kreativität leidet nicht nur, sie bleibt teilweise auch vollkommen aus. So ist es leicht zu erklären, dass Monate zwischen den hier veröffentlichten Texten vergehen. Doch wie lange würden andere Nachbarn dieses Spielchen ertragen? Ich hoffte, dass sich vor allem die Bewohner der ersten Etage bei ihm melden würden, ihn ermahnen und auf sein selbstsüchtiges Verhalten deutlich hinweisen. Doch ich wartete umsonst.

Und so blieb es nun zunächst eine längere Zeit dabei, dass er stets am ersten Montag jedes Monats seine Anlage aufdrehte und jeden tieferen Gedankengang in mir erstickte. Ob Lale Andersen, Heinz Rühmann oder immer wieder Schlagermusik der 60er Jahre, oftmals Opernarien, mein Nervensystem rebellierte. Zunächst versuchte ich es mit dem universellen Klopfen an den Heizungsrohren, worauf er nicht reagierte. Irgendwann beschloss ich, die Treppe zu ihm herunter zu steigen und bei ihm zu klingeln. Mit dem Telefonhörer in der Hand und einer Zeugin am anderen Ende der Leitung gewappnet, öffnete er und stand vor mir, ein kleiner alter Mann in den Sechzigern, untersetzt mit schlohweißen, fast wehenden Haaren und mit erstaunlich ruhiger, fester und abweisender Stimme erklärte er mir, die Musik bereits abgeschaltet zu haben. Ich erklärte ihm, dass er auf diese nicht komplett verzichten müsse, er sollte sie nur leiser stellen. Doch er verwies darauf, dass dieses Haus wohl sehr hellhörig sei und aufgrund architektonischer Fehler, sei das Hören selbst leiser Töne überall wahrzunehmen. Daraufhin zeigte er gestikulierend sein Desinteresse an einem weiteren Dialog an und beendete das Gespräch mit dem Schließen der Tür.

Ich war verblüfft. Denn nahm ich doch seit nunmehr zwei Jahren das über mir wohnende Pärchen nicht wahr. Beide waren um die dreißig, hatten meines Wissens sogar einen Hund und hörten sicherlich auch ab und zu Musik oder schauten wenigstens fern. Saßen die beiden über mir also den ganzen Tag etwa regungslos auf ihrer Couch, und telefonierte niemand hier in einer der anderen Wohnungen?

Schon auf der Treppe war mir der Bluff bewusst, von dem er annehmen musste, dass ich diesem niemals aufsitzen würde. Zu klar sprach die Erfahrung gegen diese Aussagen. Da war mein Nachbar von Gegenüber, welcher seine Geburtstagsfeier durch einen Zettel im Eingangsbereich ankündigte, aber den gesamten Abend über nicht zu hören war, der Schleudergang der Waschmaschine von oben, welcher kaum wahrnehmbar ist, selbst gegen ein Uhr nachts. Warum sollte ausgerechnet zwischen seiner Decke und meinem Boden eine andere Bausubstanz verwendet worden sein? Doch wenn er wusste, dass er mich angelogen hatte und gar nicht anders konnte, als seine Musik in ohrenbetäubender Lautstärke zu hören, wäre diese meine jetzige Aktion nur ein Pyrrhussieg gewesen.

Eines Abends, ich kam gerade von einem Date zurück, schallte es mir bereits auf der Straße entgegen. Und wieder spielte die Musik, und wieder kamen die Töne aus seiner Wohnung. Es war gegen elf Uhr und ich erwartete, dass er zumindest irgendwann im Laufe der nächsten Stunde zur Ruhe käme. Stattdessen erlebte ich die folgenden zwei Stunden Andrea Bocelli in Dauerschleife. Kaum endete sein Lieblingsstück „Time to say goodbye“, startete er dies von vorn und laut genug, um mich davon zu überzeugen, dass die Aufnahme nicht gerade bester Qualität war.

Ich weiß nicht, wie oft er sich dieses Lied bereits angehört hatte, doch man darf nachrechnen, wieviele Male man sich selbiges in den nun folgenden zwei Stunden anhören konnte.

Nun sind mittlerweile zwei Jahre vergangen. Er erfreut sich bester Gesundheit und scheint nicht gewillt, seinem Treiben ein gepflegtes Ende zu machen. In Gegenteil, versucht er doch in letzter Zeit sich verstärkt durch lautes Türschlagen bemerkbar zu machen. Dass er mir beweisen will, dass dieses Haus tatsächlich hellhörig sei, ist allerdings nur ein weiterer Versuch, sein rücksichtsloses Verhalten zu rechtfertigen. Da ich aus sämtlichen anderen Wohnungen derartiges nicht vernehme, schwebt wie ein steter Beweis über seinen Handlungen. Ich denke aber auch, das er sich dessen bewusst ist, auch dass ich mir darüber bewusst bin. Wie viele klare Gedanken ich mir aufgrund seiner Person nicht mehr machen konnte, ich weiß es nicht.

Und nun? Seit etwa einem Jahr wohnt ein weiterer Störenfried in diesem Haus. Ein junger Typ, der sich eher auf das Nerven seiner direkten Nachbarn mit etwas modernerer Musik spezialisiert hat. Bei ihm gestaltet es sich um einiges schwieriger als bei dem alten Zausel aus dem ersten Stock. Selbiger Neuzugang bezog eine Wohnung in der vierten Etage. Zwischen ihm und mir befindet sich ein ganzes Stockwerk, allerdings wohl niemand, dessen Ohren genauso malträtiert und dessen Konzentrationsfähigkeit unterminiert wird. Das Verständnis für irrational laute und demonstrativ ihre tönende Aggressivität zum Ausdruck bringende Zeitgenossen scheint in Deutschland mehrheitsfähig zu sein.

Natürlich kann man ab und zu bei Freunden übernachten, aber können diese an genau jenen Tagen einem geplagten Menschen mit normalem Gehör und überstrapazierten Nerven auch einen Platz zum Schlafen bieten? Sie sind auch nicht immer zu Hause, haben Verpflichtungen und sind möglicherweise mit anderen verabredet. Zudem haben andere Menschen ein ähnliches Problem, wie ich nur allzu oft höre. Allein ich kenne genug Berliner, welche sich in dieses Schicksal fügen müssen, da keine politische Partei hier eine gesetzliche Abhilfe schaffen möchte. Bei minus 20 °C ist es besonders ärgerlich, da man seine Wohnung kaum zu einem abendlichen Spaziergang durch den Schöneberger Park nutzen und seine Gedanken dort vor dem Schlafengehen ordnen kann.

Doch auch bei frühlingshaften Temperaturen ist ein verordneter Spaziergang mehr ein Spießrutenlauf denn eine Befreiung gemarterter Gedanken.

 

* Der Name des Betreffenden wurde geändert, indes soll das Pseudonym Kloepius durchaus aufgrund der Struktur des Familiennamens eine Andeutung auf die Person enthalten.

 

 

 

07.03.2012 um 17:58 Uhr

Der hohle Anspruch

von: catulus

Es ist spannend zu betrachten, aus welchen Gründen sich Frauen für Männer entscheiden oder geradewegs dagegen, sich überhaupt mit ihnen zu verabreden. Entscheidend ist heute nicht mehr so sehr das Aussehen oder eine gewisse Höflichkeit. Erstaunt stellte ich bei zwei meiner vier letzten Dates fest, dass gerade die Tatsache, dass ich hier zum ersten und danach zum zweiten Male in meinem Leben unrasiert erschien, keinen Nachteil für mich darstellen sollte. Das erste der beiden Treffen fand im Herbst des vergangenen Jahres statt. Noch enttäuscht von einer Sektiererin der SIDOG–Gruppe, welche mich zu einem der ihren umerziehen wollte, erhielt ich eine SMS von einem Freund eines Freundes, welcher mir ein Treffen mit einer Frau vorschlug. Meine emotionale Situation war angespannt und ich rechnete nicht damit, mich an diesem Abend zu verlieben. Da ich zudem nicht dazu neige, mich jeden Morgen zu rasieren, sondern meiner Haut stets zwei bis vier Tage Entspannung gönne, wagte ich den Versuch, einmal zu einer Verabredung zu erscheinen, ohne mich in adäquater Weise vorzubereiten. Das Treffen mit ihr war dennoch von einiger Sympathie geprägt, auch wenn ich mich nicht verliebt hatte oder das Gefühl verspürte, dass sich eine solche Stimmung noch würde einstellen können. Wie ich später erfuhr, lebt die betreffende heute in einer Beziehung, was ihr sehr zu gönnen ist. Dennoch war ich verblüfft, dass mein Zweitagebart auf meine Gesprächpartnerin keinen abstoßenden Eindruck machte. Noch deutlicher wurde mir dies, als ich im Januar diesen Jahres eine andere Frau kennenlernte. Auf den beiden Fotos wirkte sie jeweils auf eine andere Weise, einmal verträumt und wie in tausend Tücher gehüllt, leicht esoterisch angehaucht, umgeben von Pflanzen und wie hinter einer pastellfarbenen Aura versteckt oder gar schon behütet, auf dem anderen kantig und mit einem charakterstarken Ausdruck in ihrem Gesicht. Google verriet mir einiges persönliches, so dass ich mir ein Bild machte, welches so gar nicht zu mir und meiner Welt passen wollte. Aber ich fand sie auch irgendwie nett und ihre Art zu schreiben, hatte etwas poetisches. Also beschloss ich, mich mit ihr zu verabreden. Da ich mir indes schon aufgrund der verschiedentlichen Informationen, welche ich mittlerweile über sie hatte, nicht allzu große Hoffnungen machen konnte, verzichtete ich auch hier auf meine früher so obligatorische Rasur vor dem Treffen.

Dieses dauerte dann fünf Stunden, wir sprachen und verstanden uns doch besser, als ich annahm, auch wenn einige ihrer Meinungen ein wenig mein diplomatisches Geschick beanspruchten. Nach einer Stunde etwa begab ich mich zur Toilette und stellte beim Blick in den Spiegel fest, dass ich durchaus etwas übermüdet wirkte und mein Zweitagebart diesen Eindruck noch unterstrich. Ich war etwas schockiert, dennoch verlief das Gespräch weiterhin sehr entspannt und angenehm. Später auf dem Weg zur U–Bahn gab sie mir ihre Handynummer, selbige ich überrascht in mein Handy eintippte, um festzustellen, dass mir während der letzten Stunden ihr Name entfallen war. Im Café war es reichlich warm gewesen, während uns draußen ein eisiger Wind ins Gesicht fuhr. Es mag sein, dass dies der Grund dafür war, dennoch musste ich nun schnell reagieren und speicherte ihre Nummer unter einem Punkt ab. Ihren Namen würde ich nachtragen. Auf dem Weg zurück war ich unschlüssig, wusste nicht, ob ich sie abermals treffen würde, wollte oder ob es nur bei dieser einmaligen Begegnung bleiben sollte. Tatsächlich telefonieren wir wieder und trafen uns ein zweites Mal, bevor sie sich in einen anderen verliebte. Ich glaube nicht, dass dies darin begründet war, dass ich zur zweiten Verabredung rasiert erschien.

Das interessante dabei war die Erkenntnis über eine seltsame Erfahrung, dass nämlich ein gepflegtes Erscheinen in sehr vielen Fällen nicht zu einem Wiedersehen führte, hingegen ein Zweitagebart Frauen nicht wirklich abschreckt. Doch was sind die wirklichen Gründe dafür, dass Frauen sich von einem Mann abwenden, sich für einen anderen entscheiden? Es mag banal klingen, aber der Schlüssel zum Erfolg liegt in einem simplen Umstand, der Karriere. Eine gepflegte Erscheinung, höfliche Manieren, die Bereitschaft auf die Themen der Frau einzugehen, ihre Ansichten mit ihr zu debattieren, all dies spielt kaum eine wirkliche Rolle. Viel wichtiger ist die Stellung in der Gesellschaft geworden. Zu welcher Kaste zählt man, welche Ansichten werden von dieser laut Medienauffassung vertreten, welche Konsequenzen hat dies dann für eine Beziehung? Der hohe Anspruch der Frauen ist heute nicht der früherer Jahre, welchem ich wohl mittlerweile genügen würde. Ich spüre es deutlich, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Die Grundstimmung in der Bevölkerung neigt zu einer Bejahung des esoterischen Coachings, einer positiv denkenden Selbstverliebtheit und dem Glauben an die Grenzenlosigkeit der Chancen eines jeden Menschen, obschon sich in den vergangenen Jahren hier ein stetiger Verfall selbiger Möglichkeiten ergeben hat, und zwar geradewegs durch diesen Glauben an die beliebige Beeinflussbarkeit des Schicksals.

Die Unterhaltungsbranche setzt auf diese Haltung, fördert sie, hat diese mitetabliert. Hieß es noch in „Dirty Harry II“ im Jahre 1973 „Ein Mann muss seine Grenzen kennen.“, so verfolgen heute Abertausende an den Bildschirmen Serien wie „The Mentalist“, in welchem der Held ( ! ) einen Mord begeht, vor Gericht durch manipulative Tricks die Jury von seiner Unschuld überzeugt und dies dem Publikum gegenüber als stilvolle Geschicklichkeit und auch als bewundernswerte Fähigkeit des Protagonisten dargeboten wird, welche beispielgebend nachwirken muss. Dies nehmen sich einige zum Vorbild, unweigerlich, sie streben zu dieser psychotaktischen Vollkommenheit und glauben an die Macht über ihr Schicksal.

In diesen Zeiten suchen Singles nach Partnern, suchen Menschen nach Seelenverwandtschaften und träumen davon, dass es da eine Person gibt, die sich in sie verliebt, einfach so, in einer Sekunde auf die andere oder im Laufe eines tiefsinnigen Dialogs. Doch ist die Wirkung der Medien und ihrer Pseudoreligion der Allmacht nicht stärker? Wie oft schon musste ich hören, dass es ein „Gesetz der Anziehung“ gäbe, selbst wenn dies verbrämt wurde und versteckt in vorsichtigen Andeutungen und den Anspielungen darauf, dass einjeder sein eigener Glücksschmied sein könnte.

Wer sich aber fragt, welche seiner Ziele er nur erreichen konnte durch die Hilfe von anderen Menschen, des Zufalls, des Schicksals oder wie man es auch nennen mag, der erkennt schnell, dass die Liste seiner eigenen Erfolge doch äußerst kurz und überschaubar bleibt. Man muss es nur ehrlich angehen und Schritt für Schritt die Wege seines bisherigen Lebens noch einmal durchwandern. Man wird verblüfft feststellen, wie oft man keines seiner Ziele durch die eigene Entschlossenheit errang.

Und das „positive Denken“? Auch hier stelle sich jeder die Frage selbst, wie stark er auf seinen Erfolg vertraute und ob es dann auch mit dem Ergebnis zusammenpasste. Wer noch nicht zu sehr gefangen ist in dem Strudel der esoterischen Obsession wird ernüchtert feststellen, wie oft ihn der Misserfolg enttäuscht und ein Glück überrascht hat.

Doch ich schweife ab. Die Frage nach dem hohen Anspruch der heutigen Frau an den Mann erklärt sich vielleicht auch in der Figur, welche die angesprochene Serie „The Mentalist“ dem Publikum kredenzt. Man zelebriert das gelangweilte und alles durchschauende Image eines Intellektuellen, welcher obgleich eine Galionsfigur des Mainstreams die selbstbewusste Überlegenheit zum Paradoxum erklärt, sich gegen die Doxa, die allgemeine öffentliche Meinung, auflehnend, sie persiflierend entlarvt und gleichwohl kein strahlender Sieger sein kann. Er wirkt wie ein Revolutionär und ist doch nur das Zerrbild einer Werbekampagne für Coaching und manipulative Psychotricksereien. Im Schatten einer solchen Projektion eines für die gelangweilten Frau geschaffenen Männerbildes geißelt der frustrierte Singlemann derartige Idole letztlich vergebens, ähnelt dem Anschein nach den beiden Grantlern Waldorf und Statler aus der Muppetshow mehr als einem rationalen Kritiker der esoterischen Wellen, die unsere Zeit so unerbittlich schlägt.

Somit ist es gewisserweise eine verrückte Situation, in der sich Frauen und Männer gegenseitig abtasten, vermutend, hoffend und dennoch irgendwie sich misstrauend, ob der andere die Ansichten teilt, welche man über das Leben gewann. Doch wenn die Waage sich mehr und mehr in Richtung der traumtänzelnden Wunschdenker neigen wird, bleibt für den Rest nur mehr der hoffnungsvolle Gedanke, dass der Funke des Rationalismus nicht vollends verloren geht.