Anleitung zum Entlieben

21.06.2005 um 00:05 Uhr

Die (Macht-)Spiele sind eröffnet!

von: Lapared

Gerade ist mir zum Heulen, aber ich weiß nicht warum. Ich hab den netten Mann getroffen, aber er war gar nicht so nett. Als ich mich gerade mit ihm unterhielt, kam 119. Er tat so, als hätte er mich nicht gesehen und ging schwimmen. Ich habe ihm ein paar Mal zugewunken, während ich mich weiter mit dem Mann unterhielt, den ich neulich so nett fand und heute nicht mehr. Na ja, nett schon, im Sinne von nett, aber irgendwie nicht mehr nett im Sinne von interessant. Interessant im Sinne von "denkbar, dass ich mich vielleicht in ihn verlieben könnte". Das war ein bisschen bedauerlich. "Ich hab Dir gewunken, hast Du mich nicht gesehen?", sag ich zu 119, als er aus dem Wasser kommt. "Gewunken? Nee, wo warst Du denn?", als Schauspieler ist er definitiv eine Katastrophe. Darauf ich: "Ich saß da drüben auf der Mauer und habe geschnakt!" (... und das hast Du genau gesehen, Hase, und jetzt willst Du mich testen, ob ich wohl was davon sage, aber in so eine plumpe Falle tapp ich nicht, Du Fieswurst.) "Ja? Mit wem denn?" (Goldene Himbeere für die schlechteste schauspielerische Leistung 2005) - "Ein Typ, den ich hier aus dem Freibad kenne!" (Was bin ich nur für ein aufrichtiges, liebes Mädchen) - "Aha." - Kein Kommentar (ich bin doch nicht blöd) - "So, so." - Eifersüchtig?" (Angriff ist die beste Verteidigung) - "Quatsch!" (warum so ruppig, Hase?) - "Schade!" (nicht kokett, sondern mit einem leisen, bedauernden Lächeln, sehr elegant.)

Der Rest des Tages verlief ohne besondere Vorkomnisse. Eine sonderbare Enspannung hatte mich plötzlich erfasst. Eine Entspannung, die sich aber irgendwie sehr traurig anfühlte. Plötzlich hatte ich aufgehört, mich für die Erbaulichkeit unseres Zusammenseins verantwortlich zu fühlen und noch kann ich nicht sagen, ob es sich dabei nur um vorübergehende Erschöpfung handelt oder um etwas Endgültiges. Er hat das natürlich sofort gespürt und es verunsichert ihn. Ich glaube, ich habe mehr Macht, als ich dachte. Jetzt nur nicht den Fehler machen, mir einzubilden, dass es verleugnete Liebe zu mir ist, die mir diese Macht über ihn verleiht. Das wäre ja noch schöner.

Ansonsten... bin ich ein Kamel, das stolz ist, nach drei Sonnentagen goldbraun zu sein wie ein Brathähnchen, obwohl mein Vater, der immer der Braunste von uns war, noch in Chemotherapie ist, um seinen Hautkrebs zu therapieren. Und ein träges Rindvieh, dass die Beschädigung des Kunstwerks nicht reklamiert. Und ab nächste Woche wahrscheinlich gebucht, was gut ist, denn dann hab ich keine Zeit mehr, ständig im eigenen Nabel zu puhlen.

20.06.2005 um 00:01 Uhr

Wochenend und Sonnenschein

von: Lapared

Grandios. Ein Meilenstein in meinem Entliebungsgedingse: Eben hab ich ihn - nach einem gemeinsamen Wochenend (heute war strahlender Sonnenschein, ich, wie gesagt, bin seine Fahrkarte ans Meer) - zu Hause abgesetzt."Wir telefonieren morgen früh", sagte er (morgen soll wieder Sonnenschein sein, und er muss nicht arbeiten), und ich sagte: "Nee, morgen will ich mal für mich ein bisschen einfach so rumpuschern". Hallo! Nicht zu ihm zwar, aber zu mir selbst hab ich das gesagt, innerlich sozusagen und ganz ehrlich, das war genau das, was ich in dem Moment dachte. Gesagt habe ich "okay", ein gewohnheitsmäßiges "okay", weil "okay" das ist, was ich zwei Jahre lang auf jeden seiner Vorschläge gesagt habe, und - und da liegt der Unterschied - GEDACHT.

Was "rumpuschern" bedeutet? Na ja, ich sach mal, das kann eigentlich alles bedeuten, und in der Regel meint es ein wenig zielgerichtetes, völlig unsystematisches und überwiegend in Puschen (will sagen den eigenen vier Wänden) stattfindendes Erledigen irgendwelcher Dinge, die man nicht erledigen muss, aber von denen man immer schon mal gedacht hat, dass man sie bei Gelegenheit vielleicht erledigen könnte. So. Insofern ist es eigentlich kein Rumpuschern im strengeren Sinne, was mich morgen bei Sonne mehr reizen würde als 119 in die Dünen zu chauffieren (Handtuch-, Schnittchen-, Getränke- und Sonnenmilchservice inklusive, denn 119 reist gerne ohne Gepäck, und während ich auf unseren Ausflügen beladen bin wie eine 18-fache Mutter beim Wochenendeinkauf, hat Mr. "Ich verlass mich da ganz auf Dich!" höchstens die eigenen Hände in den Taschen). Also das Rumpuschern morgen...
Das Rumpuschern morgen wäre eigentlich ziemlich eher eine ganz strategisch angelegte Maßnahme zur kalkulierten Kontaktaufnahme mit… jawohl, dem netten Mann. Der hat nämlich, das weiß ich, montags immer frei. Und morgen ist Montag und die Sonne scheint. Und deshalb möcht ich morgen gerne ins Freibad gehen, und ich möchte, dass 119 NICHT ins Freibad geht, aber ich fürchte das wird schwierig, wie gesagt, er hat den sieben Sinn, und nach diesem Wochenend erst recht. Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten...

119 und ich führen eigentlich keine Beziehungsgespräche, und wenn doch, dann höchstens beim Sex, denn atmungsbedingt gerät man dabei nicht so ins Schwafeln wie in normalen Beziehungsgesprächen und das Ganze dauert nicht so lang. Gestern hatten 119 und ich zwei Mal Sex. Einmal vor und einmal nach dem Länderspiel. Dialog während der Nummer vor dem Länderspiel:

Ich: Das wird mir fehlen!
Er: Wieso?
Ich: Wenn wir nicht mehr zusammen sind!
Er: Wieso?
Ich: Na, wir wissen doch beide (schnauf)... dass das nicht mehr lange so geht!
Er: Wieso denn nicht?
Ich: Weil Du mich nicht liebst!
Er: Gerade deshalb wird es halten!
Ich: Aber ohne mich!
Er: Liebe ist keine Basis für eine Beziehung.
Ich: Sondern?
Er: Das, was wir haben!
Ich: Sex?
Er: Nein, wir haben viel mehr!
Ich: Liebe würde mir schon völlig reichen!
Er: Wir bleiben zusammen (keuch)... wirst schon sehen!
Ich: Ich werde einen finden, der mich liebt (schnauf)... und ich werde Dich verlassen (schnauf)... und ein Kind mit ihm haben (schnauf)... wirst schon sehen!
Er: Du wirst nicht glücklich sein mit ihm!
Ich: Und ob!
Er: Du wirst zu mir zurückkommen (keuch)... mit dem Kind (keuch)... und ich werd es lieben als wär´s meins!
Ich: Scheiß drauf, mich sollst Du lieben, nicht das blöde Blag!
...

Eine kleine Textanalyse dieses gut gelaunten Dialogs beweist wohl vor allem Eins: dass künstliche Beschränkung (bald ist Schluss!) ein sehr probates Mittel ist, die Nachfrage anzuheizen (wir gehören zusammen). Aber letztlich ist es nur ein Spiel, 119 hat mitgespielt, er war nicht wirklich beunruhigt. Leider konnte ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, ihm nach dem Länderspiel anzudeuten, dass nicht allein die Tatsache, dass er mich nicht liebt, zum Ende unserer Beziehung führen könnte, sondern dass auch die Möglichkeit besteht, dass ich ihn möglicherweise nicht mehr ganz so toll finde:

Er: Du bist irgendwie anders.
Ich: Bin ich nicht.
Er: Es war nicht so doll auf Sylt, was?
Ich: Es war gut, dass wir es gemacht haben.
Er: Wie meinst Du das?
Ich: Jetzt weiß ich, dass Du Recht hast!
Er: Womit?
Ich: Wir sollten unsere Beziehung so lassen wie sie ist.
Er: Wie?
Ich: So! Für mehr reicht es nicht.
Er: Warum das denn nicht?
Ich: Weil es nicht reicht, wenn einer sich anstrengt. Du warst scheiße.
Er: Ich war krank.
Ich: Du hattest Schnupfen.
Er: Einen schlimmen.
Ich: Du warst wehleidig und launisch, das ist unerotisch… (schnauf) Ich will einen Mann, kein Kind.
Er: Ich dachte, Du willst Mann UND Kind.
Ich: Nicht in Personalunion.
Er: Na warte...
Ich: Ich warte…

Ist es ein Wunder, dass 119 nicht mehr von meiner Seite weicht? Er ist alarmiert. Das Undenkbare ist eingetreten: Ich habe ihn nicht mehr begehrt. Ich fand ihn scheiße. Und wenn es auch nur für die Dauer eines Schnupfens war. Ich muss ihm seine Sicherheit zurückgeben. Sonst komme ich nie allein ins Freibad.

17.06.2005 um 23:20 Uhr

Theorie und Praxis

von: Lapared

"... nicht der Mann, mit dem ich Leben möchte." Nicht übel. Große Worte, gelassen aufgeschrieben. Und das über den Mann, für den ich mich fast umgebracht hätte. Im Ernst. Nicht mit dem einen großen Bums, für so viel Entschiedenheit bin ich zu alt. Mehr so als billigende Inkaufnahme der mittel- bis langfristigen Folgen einer ausgeprägten Vorliebe für Zigaretten, Alkohol, Tavor, 20 Stunden-Tage und Salzstangen als Grundnahrungsmittel. Aber die Salzstangen-Zeiten sind vorbei. Heute zum Beispiel hatte ich einen Käsekuchen (mit Sahne), einen Salat (SALAT! Ich!) und ein Spiegelei. Man könnte also geradezu sagen: Ich ernähre mich. Ich achte auf mich. Ich bin zu mir wie eine Mutter, quasi. Fantastisch. Und jetzt sitze ich hier, rauche, und frage mich, wie ich das hingekriegt habe. Ich meine, bis vor kurzem war ich der Meinung, ich würde diesen Mann bis an mein Lebensende lieben, und selbst, wenn das angesichts des beschriebenen Lebenswandels wahrscheinlich nicht mehr allzu viel Ausdauer erfordert hätte, bin ich jetzt doch etwas erschüttert, wie schnell sich alles ändern kann. Und das nur, weil mein Angebeteter mal ein bisschen grippal war. Und nörgelig. Und wehleidig. Und, hatte ich es erwähnt, geil wie ein Weißbrot. Null nämlich. Und schon schreibe ich ihn ab, ich oberflächliches, lüsternes wankelmütiges... Sexhäschen. Aber ich habe da so eine Theorie.
Vorhin rief ich meinen Vater an. Er liegt im Krankenhaus, die Prostata, schmerzhafte Sache. Er meldet sich ganz aufgeräumt und ich ehrlich erfreut: "Na Popelchen, Du klingst ja schon viel besser, das ist ja fein!" Reflexartig ändert sich sein Tonfall, ein schwaches Stimmchen entkräftet vom Siechtum: "Ach Du bist es, mein Kind... mach Dir keine Sorgen... der Papa wird schon wieder!" Hm. Ich rufe Mutti an: "Scheiße man, was ist denn mit Papa, der klingt ja grauenvoll?" Und Mutti unwirsch: "Ach ja, kennst ihn doch. Ist mal wieder Passionszeit. Keiner leidet so wie er!" Da wurde es mir schlagartig klar: Ich will keinen Mann wie meinen Vater. Dieses - verzeih geliebtes Popelchen - Mutlose, Mitleidheischende, Waschlappige. Und vor allem: Ich will nie werden wie meine Mutter. So dragonermäßig. So zackig. So abgenervt. So gemein. Sorry 119, Exliebe meines Lebens. Wir haben eben alle unsere Geschichte. (Wow, das saß!) Und was den Rest des Tages betrifft: Wegen der beschädigten Kunst habe ich eine gepfefferte Beschwerde-Mail geschrieben. Erstmal im Entwurfsordner. So geht´s ja nicht. Ach ja, und für 119 einen Apfelkuchen und eine Digitalkamera gekauft, zum Geburtstag halt.

17.06.2005 um 09:48 Uhr

Na bitte!

von: Lapared

Gestern hab ich nichts geschrieben, ich dachte, es wäre nichts passiert (als wenn es in meinem Leben nur Ereignisse gibt, wenn sie sich um 119 drehen, Käse, meine neuesten Kunstanschaffungen wurden geliefert, beschädigt, ich bin durchaus im Stande, mich auch über andere Dinge aufzuregen als 119, jawohl, und: Saatchi Frankfurt hat die Buchung fürs Wochenende abgesagt, darüber habe ich mich doll gefreut, weil die Sonne scheinen soll - und als ich etwas später Crumble essend "Unter den Linden" saß, die es übrigens nicht nur in Berlin gibt, habe ich mich ein bisschen leiser auch darüber gefreut, dass ich mich über so eine Absage freuen kann, denn... ich brauch die Kohle nicht. Für diesen fantastischen Crumble mit Sahne statt Vanillesoße und einen schönen Nachmittag im Freibad reicht es auch so, hab ich gedacht. Dicke.)
Aber auch bezüglich 119 ist gestern was passiert. Gestern oder irgendwann heute Nacht, ohne dass ich es bemerkt habe. Aber als ich heute morgen aufgewacht bin, wußte ich, dass er nicht der Mann ist, mit dem ich leben möchte. Nee.

15.06.2005 um 22:59 Uhr

Das alte Spiel

von: Lapared

Wenn ich ihn nicht mehr sehen will, sollte ich ihm das vielleicht mitteilen. Aber in Wirklichkeit ist es ja nicht so. Ich wollte ihn bestrafen (übellaunig wie ein Diva, die seit fünf Tagen keinen Stuhlgang hatte, so hat er sich auf Sylt benommen, und das habe ich ihm heute auch gesagt), ein bisschen Angst machen wollte ich ihm – und tä-tä! - das ist mir sogar geglückt. Gestern Abend hat er es noch mal versucht. Und noch mal. Und dann heute morgen wieder. Um neun, um zwanzig nach, um zehn. Dann hat er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, und seine Stimme hat dabei richtig gezittert. Bilde ich mir jedenfalls ein. Nein, bilde ich mich nicht nur ein, er hatte tatsächlich Panik.Tä-tä. Da kann ich jetzt aber mächig stolz sein, was? Als wenn das was ändern würde. Ich Rindvieh. Das funktioniert mittlerweile wie Tangotanzen zwischen uns. Das alte Spielchen. Ich zieh mich zurück, er legt sich ins Zeug. Ich rück wieder ran, zack, geht er Distanz. Und ich kann ihm keinen Vorwurf machen, zum Tango gehören zwei. Meine Schwester sagt immer: Alleine kommst du da nie raus, Du brauchst einen anderen Mann, und wenn er nur als „Trennungshelfer“ taugt. Ich guck ja!

Neulich habe ich sogar einen ganz Netten getroffen. Im Freibad. Im Freibad habe ich es ehrlich gesagt leicht, weil der liebe Gott es gut mit mir gemeint hat, und da, wo er es nicht ganz so gut gemeint hat, hab ich selber ein bisschen investiert, aber das ist ein anderes Thema. Also wie gesagt, ein ganz Netter war das, der Mann aus dem Freibad. Und heute schien doch so schön die Sonne, ich also ins Freibad, dachte, ich seh´ ihn vielleicht wieder, und tatsächlich, er ist da, winkt… und wer biegt plötzlich um die Ecke? Richtig. 119. Der Mann hat wirklich so was wie den siebten Sinn. So zärtlich hat er mich noch nie begrüßt. Und schwupp, schon liegt er auf meinem Handtuch. Und seine Hand auf meinen Bauch. Dabei vermeidet er sonst jede körperliche Berührung, sofern sie nicht der Einleitung des Geschlechtsakts dient. Aber um sein Revier zu markieren, hat er sich einfach mal überwunden. Toll. Und dabei hat er nicht mal gesehen, dass der nette Mann gewunken hat. Siebter Sinn, anders kann ich mir das nicht erklären. So wird das nie was mit ´nem Anderen.

Natürlich hat 119 auch gewusst, dass er es auf Sylt eindeutig überreizt hatte. Und dass er sich jetzt wieder ein bisschen anstrengen muss, damit ich ihm nicht von der Fahne geh. Aber wie gesagt, zum Tango gehören zwei. Er hat seine Hand auf meinem Bauch gelegt, und ich... habe sie dort liegen lassen.
Wir sind dann auch bald nach Hause und - eigentlich klar, aber der Vollständigkeit halber sei es erwähnt - natürlich hat die Hand letztlich doch der Einleitung des Geschlechtsakts gedient.

Man darf also getrost festhalten: Ich bin wieder genau da, wo ich schon war. Nein nicht ganz. Früher hätte ich gedacht, siehste, er will dich doch. Heute weiß ich, er will nicht mich, er will lediglich, dass kein anderer mich kriegt. Aber das reicht nicht. Das ist nicht genug. Und Liebe ist das schon gar nicht. Und vor allem: Ich bin bekloppt, wenn ich mich damit zufrieden gebe. Leider ist Einsicht nicht immer der erste Schritt zur Besserung. Ich weiß alles, aber ich fühle mich wie gelähmt. Und ehrlich gesagt, mit Liebe hat das bei mir wahrscheinlich auch nicht nur zu tun.

14.06.2005 um 22:31 Uhr

Ankunft

von: Lapared

Ich wette, heute meldet er sich. Nach Sex and the City. Er ist einer der wenigen Männer, der diese Serie gerne sieht oder zumindest zugibt, sie gerne zu sehen. Wir reden oft darüber, denn in vielerlei Hinsicht verhält er sich wie der frühe Mr. Big, allerdings aus anderen Beweggründen als dieser (wie gesagt, er liebt mich einfach nicht und daran wird sich auch in unserer letzten Staffel nichts ändern). Leider verhalte ich mich nicht wie Carrie, die immerhin so viel Selbstachtung hat, sich richtig ernst gemeint zu trennen, drei Mal sogar und für mindestens fünf Folgen, zuletzt sogar für eine ganze Staffel. Dagegen liest sich meine Bilanz äußerst erbärmlich. Beim ersten Mal hat er sich getrennt. Beim zweiten Mal hat er mir geraten, mich zu trennen („Wenn Du nicht damit klar kommst, dass ich Dich nicht liebe, solltest Du Schluss machen.“ Ich hab mich dann entschlossen, damit klar zu kommen.). Beim dritten Mal habe ich mich getrennt. Für 26 Stunden, 12 Minuten, sechs Sekunden. Kurzum, 119 ist nicht Big, ich bin nicht Carrie und deshalb gibt es in unserem Fall auch kein Happy End. Es gibt kein Happy End. Es gibt kein Happy End. Es gibt kein Happy End. So, darauf ein Tomatenbrot mit Zwiebeln... nein, besser, mit Aioli!

Aber eigentlich wollte ich doch von Sylt erzählen. Sylt. Ich hatte schon meine Bedenken, ich wusste, es würde nicht gut gehen, kurz vor der Abreise schrieb ich 119 in einem Anflug von Hellsicht eine Mail:
„Hase, die Wetterprognosen sind schlecht und überhaupt, ich glaube, zusammen Verreisen ist keine gute Idee. Das ist so ein Verliebten-Ding und das sind wir nicht. Und fünf Tage Ficken, das sind wir auch nicht. Bei uns, zumindest bei Dir, entsteht das Begehren durch körperliche Reize und wie bitte soll das funktionieren, wenn ich nicht mal den ganzen Tag im Bikini vor Dir rum hüppen kann, gell?
Außerdem: Diese Art Begehren braucht nicht Nähe sondern Abstand, Deprivation quasi, ich spür das ja auch sonst: Nach einer Woche bist Du definitiv schärfer auf mich als nach zwei, drei Tagen - und das heißt, wenn Du meine Möpse sieben Tage nonstopp in Griffnähe hättest, oh je... Spätestens nach drei Tagen müsste ich sie wahrscheinlich mit Mortadella belegen, und Gürkchen, damit Du noch Lust darauf hast. Hihi. Und Du würdest Dich fragen, was mach ich eigentlich hier, ich will nach Hause, an meinen Rechner, für mich sein, wieso verbringe ich meine Zeit hier, mit dieser Frau, könnte doch jetzt so viele andere, sinnvollere Dinge tun (doch, doch, ich kenn Dich, Hase, erinnerst Du Dich an den Tag, als wir mal zusammen im Freibad waren? Nach einer Nacht, in der ich, das gab´s damals noch, bei Dir war? Einen Abend, eine Nacht und einen Tag bis ca. 18.00 Uhr, das war die längste Zeit, die wir bisher zusammen verbracht haben. Und auch nur, weil die Sonne schien - was, wie gesagt, auf Sylt kommende Woche nicht der Fall sein wird - und danach, als zwei Wolken aufzogen, wolltest Du dringend, dringend allein sein.)
Für mich wäre das alles zwar nicht so, Du bist der einzige Mensch, mit dem ich meine Zeit nicht als verschwendet erlebe, wetterunabhängig und selbst wenn wir Sandkörnchen zählen würden, aber wenn ich spüre, wie ich Dich nach und nach mehr langweile, hab ich auch keinen Spaß. Wahrscheinlich würde ich versuchen, engagiert dagegen anzuvögeln, was sonst... Und Dir erst recht auf den Sack gehen. Nee, nee, das sollten wir besser lassen. Wenn wir wollen, können wir BEI SONNE ja mal irgendwo hinfahren und spontan bleiben, so lange sie scheint und wir uns wollen!?
Weißte, Hase, Sonne ist wichtig in unserer "Beziehung", denn nur bei Sonne hast DU das beruhigende Gefühl, im richtigen Moment genau am richtigen Ort zu sein, genau da, wo man bei Sonne sein muss, draußen am Meer, mit einer Frau mit hübschen Brüsten. Dieses Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein, wirst Du bei Regen in einer Frühstückspension ohne Internetanschluss definitiv nicht haben. Nicht mit mir, das funktioniert wohl nur, wenn man verliebt ist (und selbst dann sollte das Zimmer mindestens einen Fernseher - am besten mit Video - haben), nee, es - schlimmer - ich! würde Dich anöden und das ist gegen die Vereinbarung, stimmt´s, wir wollen doch Spaß haben...“


Fantastisch was? Was für ein Rumgeeiere! Dieses Erklären und Analysieren, entsetzlich (zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen: So etwas tue ich nur schriftlich, reden würde ich nie so, so metabeziehungsmäßig, das mag er nicht). "Hase, das kann nicht gut gehen, wir fahren nicht!" – das hätte ich schreiben sollen. Kein Wunder, dass er gar nicht darauf geantwortet hat. Und ich habe nichts mehr gesagt und weiter gepackt. Und so rollten wir zwei Tage später – nach einer dreieinhalbstündigen Fahrt, auf der ich vor Aufregung vier mal pinkeln musste – auf Sylt vom Autozug. (Gerade ist übrigens „Sex and the City“ zu Ende.) Wir hatten per Internet gebucht und ich betete, dass unsere Unterkunft ihm gefallen würde, denn die Atmosphäre von Räumen beeinflusst 119s Stimmung ungewöhnlich stark. In hellen, sonnigen Räumen ist er strahlend und aufgeräumt, in kleinen, dunklen Räumen fühlt er sich gefangen und erdrückt. Ich kenne niemanden, der so extrem auf Räumlichkeiten reagiert wie er, so ist er nun mal. (Das Telefon klingelt übrigens nicht.) Unser Zimmer war wunderbar: groß, hell mit einer breiten Fensterfront und mit Blick aufs Wattenmeer. (Wenn er anruft, dann übrigens bis zehn, spätestens viertel nach, also noch gut eine halbe Stunde.) Wir waren ganz euphorisch. Wir ließen unsere Taschen - sein Täschchen und meine Koffer - stehen und liefen ans Meer, ans richtige, auf der anderen Seite der Insel. Da wir uns am schmalsten Punkt von Sylt befanden, war das nur ein paar Minuten von unserer Pension entfernt. Als wir oben auf der Düne standen und auf die tosende Nordsee sahen brach für einen Moment die Sonne durch die Wolken. Ich war so gerührt, dass ich am liebsten seine Hand genommen hätte. Aber seine Hände steckten tief in seinen Taschen. Er fröstelte. „Los, bewegen wir uns!“, sagte er und setzte seinen schmalen, drahtigen Körper in Marsch. Er stapfte wie aufgezogen gegen den Wind. Nach etwa einer halben Stunde sah er sich zum ersten Mal nach mir um: „Kaffee?“ Ich nickte. Kaffee. TELEFON.......................................... Ich bin nicht dran gegangen. Leider fühlt es sich nicht so gut an, wie ich dachte. Ich glaub´, ich brauch jetzt erst mal einen Schnaps.

13.06.2005 um 23:21 Uhr

Abfahrt

von: Lapared

Heute bin ich meiner emotionalen Befreiung einen großen Schritt näher gekommen. Die Erfahrungen des Urlaubs tragen erste Früchte. Ich habe Zwiebeln gegessen. Frische Zwiebeln. Zum ersten Mal seit zwei Jahren. Für ein zwiebelbelegtes Mettbrötchen zum Abendbrot habe ich leichterdings das Risiko auf mich genommen, im unwahrscheinlichen Falle eines außerplanmäßigen Besuchs von 119 (normalerweise kommt er nur samstags) zu stinken. Halleluja!

Also, der Urlaub. Um neun sollte es losgehen. Er hat kein Auto, und ich besitze meins auch nur deshalb, weil er mal gesagt hat, es wäre schön, eins zu haben, um damit ans Meer zu fahren. Ich bin gerne am Meer, aber ich fahre nicht gern. Es strengt mich an, macht mir Angst und ich empfinde es jedes Mal wie ein kleines Wunder, wenn ich unfallfrei von A nach B komme. Auf jeder Fahrt gibt es mindestens eine Situation, die meiner Überzeugung nach auch ganz böse hätten enden können. Und doch liebe ich mein Auto sehr. Für 119 sind die Ausflüge, die wir damit unternehmen, nämlich ein nicht unwesentlicher Grund, an unserer Beziehung festzuhalten, das habe ich inzwischen erkannt. Wie gesagt, er liebt mich nicht, und deshalb muss es – abgesehen vom Sex, der für 119 angenehm aber nicht essentiell ist, und natürlich dem positiven psychologischen Effekt einer hübschen, klugen, witzigen Frau (mir!), die ihn, einen zweifellos tollen, aber im klassischen Sinne mäßig erfolgreichen Mann, anbetet – auch ganz praktische Gründe geben, die Verbindung mit mir zu pflegen.

Wie auch immer, um neun wollten wir also aufbrechen. Pünktlich um fünf vor neun setzte ich mein Auto in Bewegung, um je nach Verkehrslage circa um sieben bis neun nach neun vor seiner Tür zu stehen. Ich wollte ein bisschen lässig wirken. An der letzten Ampel vor seiner Wohnung rief ich ihn wie verabredet an. „Hallo Hase! In zwei Minuten bin ich da, kommst Du runter?“, ich klang wie ich klingen wollte: „süß aufgeregt“, das erschien mir bei nochmaligem Nachdenken charmanter als „lässig“. Es war schließlich unser erster Urlaub. 119 wirkte noch etwas verschlafen: „In zwei Minuten? Gut, ich muss nur noch schnell packen!“ Mir sank das Herz in die Hose, wenn er eins nicht ausstehen kann, dann Hetze. „Lass Dir Zeit, dann trinke ich im Stenzel noch ´nen Kaffee!“, sagte ich, wohl wissend, dass das Stenzel noch nicht auf hatte. Aber 119 wehrte ab: „Mehr als zwei Minuten brauche ich nicht, sind ja nur fünf Tage.“ Ich suchte mir einen Parkplatz und wartete. Zwei Minuten, dachte ich, das ist selbst für einen Mann ziemlich schnell. Ich hatte zum Packen etwa zwei Wochen gebraucht, und das ist wohl selbst für eine Frau ziemlich lang. Mein ganzes Unterwäschekonzept musste überarbeitet werden. Und natürlich brauchte ich dringend noch ein paar neue Kleider. Und passende Schuhe dazu. Und ein, zwei Jacken, falls es abends noch kühl sein würde. Ich hatte mir vorgenommen, in den fünf Tagen, die wir gemeinsam verbringen würden, so schön zu sein, wie ich konnte. Wenn er mich schon nicht liebte, sollte er mich wenigstens begehren.

Exakt zwei Minuten später trat 119 aus der Haustür. In einer hellbeigen Breitcord-Hose Jahrgang 1992 (mit Bundfalten!), einem karierten Flanellhemd, das er gewohnheitsgemäß bis zum obersten Knopf zuknöpfte, und einer blauen Windjacke mit Wappen, schließlich fuhren wir nach Sylt. Er sah fantastisch aus. Seine hellblauen Augen strahlten zwischen den zahllosen feinen Linien seines hageren, sonnengebräunten Gesichts, er lachte, er war der schönste Mann der Welt. Er packte seine winzige, beutelnde Reisetasche zu den zwei Hartschalenkoffern, den drei Kleidersäcken und dem von zartrosa Kunstleder überzogenen Beautycase in den Fond. „Ich habe alles mitgenommen, was ich habe!“, sagte ich beschämt. „Sehr gut!“, antwortete er und grinste. In diesem Moment hatte ich ihn unglaublich lieb.

Pardon, an dieser Stelle muss ich den Urlaubsbericht unterbrechen. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich hatte mir vorgenommen, nach diesem Urlaub mindestens eine Woche lang nicht für ihn erreichbar zu sein. Aber das kann ich nicht, weil er überhaupt nicht versucht, mich zu erreichen. Vorgestern nicht, gestern nicht, heute nicht. Ich hocke neben dem Telefon. Ich fühle mich elend. Bin ich am Ende doch keinen Schritt weiter? War das, was ich für den Beginn einer emotionalen Loslösung hielt, nicht mehr als ein leicht flüchtiger Überdruss? Und die Zwiebeln? Kein Befreiungsschlag, sondern nur ein kleiner trotziger Furz im Wind? Ich beschwöre die unschönen Erinnerungen herauf, seine Launen, seine Einsilbigkeit, sein grenzenloses Selbstmitleid angesichts eines Schnupfens, herrje, und dieser weidwunde Blick! Armselig fand ich das, unmännlich und unerotisch, seine Unfähigkeit sich zu freuen, seine Verachtung für alles und jeden, sein kindliches Schmollen. Aber es nützt nichts. Jetzt sehne mich schon wieder nach ihm, jetzt möchte ich bei ihm sein, warum ruft er nicht an?

12.06.2005 um 22:19 Uhr

Fünf Tage Sylt

von: Lapared

Gestern Abend sind wir von unserem ersten gemeinsamen Urlaub zurückgekehrt. Wir, das sind 119 und ich. 119 ist ein Mann, und um Spekulationen vorzubeugen, nein, er ist nicht mein hundertneunzehnter. Ich bin eine Frau, und normalerweise haben Männer bei mir Namen. Und kein Mann war je so wenig nur eine Nummer wie dieser.
Die Grundkonstellation unserer Beziehung ist schnell erzählt: Ich liebe ihn, und er liebt mich nicht. Das ist nicht etwa Spekulation sondern absolute Gewissheit. Er hat es mir mehr als einmal gesagt und ich habe keinen Grund an seinen Worten zu zweifeln. Dafür behandelt er mich zu gut, wenn Sie wissen, was ich meine. Es gibt ja auch Menschen, die so etwas sagen, gerade weil sie den anderen lieben. Aber die handeln in Notwehr und wollen verletzen, dabei werden sie in der Regel einigermaßen gemein. 119 handelt nicht in Notwehr, er ist nett, für ihn ist Liebe im Prinzip nicht bedrohlich. Kurzum... er kann lieben, nur eben mich nicht.

Für viele Menschen wäre es ein völlig ausreichender Grund, einen anderen nicht zu lieben, weil der einen nicht liebt. Nicht für mich. Obwohl 119 mich nicht liebt, habe ich lange Zeit keine wirklichen Anstrengungen unternommen, mich von ihm zu lösen. Im Gegenteil. Ich habe gekämpft. Ich habe mir den Arsch abgearbeitet. Ich habe mich geweigert zu akzeptieren, dass sein Nichtverliebtsein endgültig ist, fast zwei Jahre lang. Aber seit ein paar Wochen ist es damit vorbei, ich bin zu erschöpft, alles tut weh, und ich fühle, dass es Zeit ist, mich zu entlieben.
Wahrscheinlich hat er das gespürt. Wahrscheinlich hat 119 deshalb vorgeschlagen, gemeinsam Urlaub zu machen und ich gebe zu, als ich zugestimmt habe, fünf Tage mit ihm nach Sylt zu fahren, hatte ich nicht das Gefühl, dass das meinen Entliebungsvorsätzen besonders zuträglich sein würde. Aber da habe ich mich getäuscht. Diese fünf Tage Sylt waren das Beste, was mir passieren konnte: zum Abgewöhnen. Diesen Weblog soll dazu dienen, dass ich das nicht vergesse.