Anleitung zum Entlieben

21.06.2005 um 22:32 Uhr

Einsichten bei Käsekuchen

von: Lapared

Nach einer unvorteilhaften Spiegelung in der Schaufensterscheibe ausgerechnet eines Porzellanladens, konnte ich heute meine Käsetorte nicht richtig genießen. Ich glaube, ich werde zu fett, und ich bin geneigt, mein neues nachmittägliches Kuchenritual unter den Linden dafür verantwortlich zu machen. Überhaupt habe ich mich dort heute gar nicht wohl gefühlt. Nachdem ich gestern im Freibad schon den Eindruck hatte, dass es in dieser Badesaison nichts Schickeres gibt, als 10 Minuten vor der Niederkunft im Stringtanga ums 50 Meter-Becken zu flanieren, fand ich mich heute im Café umgeben von stolzen Müttern. Am Tisch gegenüber übten sich zwei teigige Enddreißigerinnen mit rosa schimmernden Säuglingen und blaugeäderten Superbrüsten im Synchronstillen. Hinter mir unterhielt sich eine Akademikerin mit ihrem 3-Jährigen über Schröders Reformpolitik. Oder war es die EU-Krise? Ich weiß nicht mehr genau, zum Schluss schickte sie ihn jedenfalls rein zum Bezahlen. Und am Nachbartisch bekam ein halsloser, adipöser Stammhalter ein deutlich größeres Stück Käsekuchen als ich. Mit Sahne. Der Arsch.

Meine plötzliche Aggressivität machte mich ein bisschen ratlos. Fand ich all diese Mütter und ihr Sprösslinge wirklich so scheiße oder handelte es sich nur um einen psychologischen Reflex, der mich davor schützen sollte, an meinem eigenen, unerfüllten Kinderwunsch zu leiden? Einmal hatte ich das Thema übrigens bei 119 angesprochen. Seit seinem ersten „Ich liebe Dich NICHT“ waren damals 7 Monate vergangen. Wunderbare Monate, wie mir schien. Wir fuhren im Sommer ans Meer und im Herbst in die Sauna. Über Winter zogen wir auf meine Couch, guckten 700 Folgen Twin Peaks und vögelten wie die Karnickel ins neue Jahr. Alles schien, als hätte er sich nun doch in mich verliebt. Als ich ihn fragte, ob er Kinder will, strahlten seine Augen: „Einen ganzen Stall voll.“ – „Nicht mit Dir!“, fügte er auf genauere Nachfrage ein paar Wochen später hinzu, zusammen mit seinem zweiten „Ich liebe Dich NICHT“. Tja, jetzt ist es raus. Ich bin so ein gottverdammtes Klischee. Eine panische Mittdreißigerin und ausgelaugte Karrieremuschi, die sich nach dem vorzeitigen Ruhestand in einer Ein-Kind-Mutterschaft inklusive betuchtem Gatten und Personal sehnt. Eine, deren Uhr tickt, auf der Suche nach dem geeigneten Befruchter. Oh Gott. Wie konnte es nur so weit kommen? Erbärmlich.

Wenigstens muss ich die Schuld nicht bei mir suchen. Wozu hat man Eltern. Wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre ich Lehrerin geworden. Nach circa fünf Berufsjahren sollte ich dann einen Arzt heiraten, zwei Kinder bekommen und nach drei bis fünf Jahren Erziehungsurlaub zurückgehen in den Beruf. Meine Mutter hingegen wollte, dass ich selber Ärztin werde. Nach circa sieben Berufsjahren sollte ich dann einen Chefarzt heiraten, zwei Kinder, ein Kindermädchen und eine Haushälterin bekommen und abgesehen vom gesetzlichen Mutterschutz am besten durchgehend arbeiten. Einig waren sich die meine Eltern jedenfalls darin, dass ich beides auf die Reihe kriegen sollte: Karriere und Kinder. Naturgemäß (wer hält diesen Druck schon aus?) habe ich beides versemmelt.

Auch in meinem Job bin ich nämlich enttäuschend weit hinter dem zurückgeblieben, was mein Talent hätte erwarten lassen können. Irgendwie habe ich nichts aus meinen Begabungen gemacht. Aus irgendeinem Grund konnte ich meine PS nie auf die Straße bringen. Mein allererster Chef hat mal zu mir gesagt: „Du bist die Beste von allen, aber Du wirst es nicht weit bringen, weil…da, wo andere Ellbogen haben, hast Du Flummis!“ Leider hat er Recht behalten. Andererseits. Immerhin kann ich mir leisten, nur acht Tage im Monat zu arbeiten und trotzdem täglich Käsekuchen zu essen, wenn ich will. Finanziell jedenfalls. Und was die Kinder betrifft… tja, die Kinder... wenn meine Eltern sie für so absolut unverzichtbar halten, müssen sie wohl selbst noch mal ran.

21.06.2005 um 12:28 Uhr

Nachtrag zu Curd

von: Lapared

Er übrigens ein Geschenk von 119 (nur so, um beim Thema zu bleiben).

21.06.2005 um 12:17 Uhr

About Curd

von: Lapared

Heute morgen habe ich unterirdische Laune und die Tatsache, dass ich wirklich keinen Grund zu interirdischer Laune habe, verärgert mich maßlos und treibt die Sache auf die Spitze. Zeit, Curd (gesprochen: Köört) vorzustellen. Curd hilft. Ein Blick in Curds Gesicht, und mir geht es gleich besser. Curd ist eine der sogenannten "Ugly dolls" (grandios!), Modell Jeero. Also ein Stofftier (na und, andere Menschen heiraten ihre Kühlschränke!). Ich habe angefangen, Curd vor diversen Kunstwerken zu fotografieren, am liebsten mache ich Polaroids von ihm vor sogenannter Fotokunst, Fotografien, deren Auflage künstlich limitiert wird, damit auch für Fotos ein Sammlermarkt entsteht wie für andere Kunstwerke, obwohl Fotos ja eigentlich unendlich reproduzierbar sind.

Ich habe Curd an einem französichen Strand von Guido Mieth fotografiert, an David Steets Kamakura Beach, vor einer von Jörg Fahlenkamps megageilen Hybridlandschaften und - ganz groß - mit den Pornotanten von Stefanie Schneider. Mir gefällt der abgrundtief dämliche Blick von Curd, diese völlige Ahnungslosigkeit, mit der er mitten im Bild steht wie Steffi aus Bottrop vor den Trevibrunnen. Und er guckt jedes mal anders dämlich, ehrlich, man hat den Eindruck, dass sich sein Gesichtsausdruck von Motiv zu Motiv verändert. Herrlich. Und ich mag auch die Vorstellung, dass es z.B. dieses Foto von Curd vor dem französichen Strand von Guido Mieth - im Gegensatz zu dem Foto von dem französischen Strand von Gudio Mieth - wirklich nur ein einziges Mal gibt. Das ist auch der Grund, warum ich Polaroids so mag und keine Digitalkamera will, Polaroids sind einzigartig und sie sind engültig und gnadenlos wahr. Ganz ehrlich, ein Digitalfoto, auf dem man so scheiße aussähe, wie auf manchen alten Polaroids, würde man doch sofort löschen oder am Computer bearbeiten, bis man zumindest einigermaßen erträglich aussähe, wenigstens die cremefarbenen Raucherzähne ein bisschen aufhellen oder den Popel am Nasenausgang wegmachen oder so. Jedenfalls, diese Fotos von Curd sind mir eine Freude.
Ein kleiner Nachteil davon, dass sie nicht digital sind, ist natürlich der, dass ich sie hier nicht zeigen kann, aber wer wirklich will, kann sich die Fotokunst bei LUMAS ansehen und Curd bzw. Curd-Modell Jeero bei UGLY DOLLS und sich die Fotos in seiner eigenen Vorstellung selbst zusammenbauen. Obwohl ich einschränkend sagen muss, dass Jeero natürlich nicht Curd ist, weil jedes Stofftier, auch wenn es ursprünglich ein Massenprodukt ist, durch die Behandlung seines Besitzers mit der Zeit individuelle Züge annimmt (das glaube ich wirklich!), Jeero, der Ur-Curd, hat eine deutlich negativere Ausstrahlung als mein Curd, mein Curd lächelt inzwischen ein bisschen, bedingt durch all die Liebe und Aufmerksamkeit die ich ihm zu teil werden lasse. Wer sich Curds Fotos also in seinem Kopf selbst zusammensetzen möchte, sollte sich einen leicht lächelnden Jeero vorstellen. Hm. Ich glaub, ich mach jetzt besser mal Schluss.

21.06.2005 um 00:05 Uhr

Die (Macht-)Spiele sind eröffnet!

von: Lapared

Gerade ist mir zum Heulen, aber ich weiß nicht warum. Ich hab den netten Mann getroffen, aber er war gar nicht so nett. Als ich mich gerade mit ihm unterhielt, kam 119. Er tat so, als hätte er mich nicht gesehen und ging schwimmen. Ich habe ihm ein paar Mal zugewunken, während ich mich weiter mit dem Mann unterhielt, den ich neulich so nett fand und heute nicht mehr. Na ja, nett schon, im Sinne von nett, aber irgendwie nicht mehr nett im Sinne von interessant. Interessant im Sinne von "denkbar, dass ich mich vielleicht in ihn verlieben könnte". Das war ein bisschen bedauerlich. "Ich hab Dir gewunken, hast Du mich nicht gesehen?", sag ich zu 119, als er aus dem Wasser kommt. "Gewunken? Nee, wo warst Du denn?", als Schauspieler ist er definitiv eine Katastrophe. Darauf ich: "Ich saß da drüben auf der Mauer und habe geschnakt!" (... und das hast Du genau gesehen, Hase, und jetzt willst Du mich testen, ob ich wohl was davon sage, aber in so eine plumpe Falle tapp ich nicht, Du Fieswurst.) "Ja? Mit wem denn?" (Goldene Himbeere für die schlechteste schauspielerische Leistung 2005) - "Ein Typ, den ich hier aus dem Freibad kenne!" (Was bin ich nur für ein aufrichtiges, liebes Mädchen) - "Aha." - Kein Kommentar (ich bin doch nicht blöd) - "So, so." - Eifersüchtig?" (Angriff ist die beste Verteidigung) - "Quatsch!" (warum so ruppig, Hase?) - "Schade!" (nicht kokett, sondern mit einem leisen, bedauernden Lächeln, sehr elegant.)

Der Rest des Tages verlief ohne besondere Vorkomnisse. Eine sonderbare Enspannung hatte mich plötzlich erfasst. Eine Entspannung, die sich aber irgendwie sehr traurig anfühlte. Plötzlich hatte ich aufgehört, mich für die Erbaulichkeit unseres Zusammenseins verantwortlich zu fühlen und noch kann ich nicht sagen, ob es sich dabei nur um vorübergehende Erschöpfung handelt oder um etwas Endgültiges. Er hat das natürlich sofort gespürt und es verunsichert ihn. Ich glaube, ich habe mehr Macht, als ich dachte. Jetzt nur nicht den Fehler machen, mir einzubilden, dass es verleugnete Liebe zu mir ist, die mir diese Macht über ihn verleiht. Das wäre ja noch schöner.

Ansonsten... bin ich ein Kamel, das stolz ist, nach drei Sonnentagen goldbraun zu sein wie ein Brathähnchen, obwohl mein Vater, der immer der Braunste von uns war, noch in Chemotherapie ist, um seinen Hautkrebs zu therapieren. Und ein träges Rindvieh, dass die Beschädigung des Kunstwerks nicht reklamiert. Und ab nächste Woche wahrscheinlich gebucht, was gut ist, denn dann hab ich keine Zeit mehr, ständig im eigenen Nabel zu puhlen.