Anleitung zum Entlieben

26.06.2005 um 21:42 Uhr

Allein

von: Lapared

Im Alter von sechs Jahren überraschte ich meine Mutter mit dem wohlüberlegten Entschluss auszuziehen. Sie stand am Herd und röstete gerade Brotwürfel zum Aufpeppen der Tüten-Tomatensuppe, die es – obwohl Vorspeisen bei uns eigentlich unüblich waren – als "Hors dóuvre" vor dem Grillhuhn geben würde, das zu Lebzeiten ein Zwerg gewesen war und nun unmöglich allein in der Lage, uns alle satt zu machen. Obwohl sonst nie sonderlich an ihren Kochkünsten interessiert, ließ ich mir den Vorgang des Brotröstens an jenem Tag en detail von Mama erklären. Warum ich das denn so genau wissen wollte, fragte sie schließlich ziemlich entnervt. Ich teilte ihr daraufhin mit, dass ich es für mich an der Zeit fand, einen eigenen Haushalt zu gründen und dass ich geröstete Brotwürfel, da ich sie – wie keinesfalls alles aus ihrem Repertoire - äußerst gern mochte, gedächte, auf meinen Speiseplan zu übernehmen. Es war nichts Besonderes vorgefallen. Kein Streit, kein unakzeptables Verbot, keine ungerecht empfundene Strafe, mein Zuhause war in jeder Hinsicht komfortabel. Ich hatte ein schönes Zimmer ganz für mich allein. Ich hatte pädagogisch gebildete Eltern, die mich nur in seltenen Ausnahmefällen körperlich traktierten. Es gab keinen älteren Bruder, der meiner Barbie die Haare schnitt oder dem Teddy die Arme auskugelte. Es war nur so, dass mir das ständige Zusammensein so vieler Menschen – wir waren zuhause zu viert – auf irgendeine Weise ganz entschieden widernatürlich vorkam. Wie konnte es zum Beispiel angehen, dass vier völlig verschiedene Menschen zu Mittag alle das Gleiche essen mussten. Selbst dann, wenn es sehr spezielle Dinge gab, wie dicken Reis, gebratene Leber oder Linsensuppe mit Kochwurst. Das erschien mir nicht ideal. Trotzdem vergingen noch einige Jahre, bis ich endlich so leben konnte, wie es mir für mich richtig erschien: allein.

Was ich damit nur sagen will... Normalerweise geraten Menschen, insbesondere Frauen, die wie ich im "fortgeschrittenen" Alter verlassen werden und daran ungebührlich verzweifeln, schnell in den Verdacht, dass es gar nicht um den Menschen an sich geht, den sie verloren haben - insbesondere wenn der, was vorkommen kann, vielleicht im Grunde eine Arschgeige war - sondern dass es schlicht die Angst vorm Alleinsein ist, die sie so quält, panische Angst allein zu bleiben. Aber das ist bei mir definitiv nicht so. Ich lebe gerne allein. In meinem ganzen Leben habe ich meine Wohnung noch nie länger als für eine Nacht und maximal einen Tag am Stück mit jemandem geteilt. 119 war mein erster fester Freund seit mehr als vier Jahren und mein erster fester Freund überhaupt mit derselben Postleitzahl wie ich, will sagen, meine erste feste Nicht-Fernbeziehung. Vor ihm hat mir nichts gefehlt. Er hat keine Leere in meinem Leben gefüllt, im Gegenteil, zu Beginn musste ich erst mal Platz für ihn schaffen. Wie gesagt, allein zu sein erscheint mir als das Natürlichste der Welt. Und doch vermisse ich ihn. Ich vermisse ihn, ich vermisse ihn, ich vermisse ihn. Ihn. Nicht irgendeinen Mann an meiner Seite. Nicht Gesellschaft in meinem Leben. Ihn.

Und das hat natürlich auch einen Grund. Es gibt etwas, das habe ich bisher ganz vergessen zu erwähnen. Dass er nämlich, ganz gleich wie er mich manchmal behandelt hat, ein sehr bereichernder, inspirierender, aufregender Mensch ist. Und der beste Zuhörer, den man sich vorstellen kann. Ich habe so gerne abends mit ihm in der Küche gesessen und ihm meinen Tag erzählt. All diese Kleinigkeiten... dass ich mal wieder zu spät gekommen bin, dass der Postbote das Paket wieder mitgenommen hat, dass meine Lieblingsbrötchen aus waren, dass mein Nachbar schon wieder die Zeitung geklaut hat... dieser ganze Scheiß war plötzlich was wert, weil ich ihm davon erzählen konnte. Umgekehrt waren die größten Sensationen bedeutungslos, wenn ich sie ihm nicht erzählen konnte. Das war schon toll. Das wird mir schrecklich fehlen.

26.06.2005 um 01:39 Uhr

Gekommen um zu gehen

von: Lapared

Er ist dann wenig später doch noch gekommen, meine Nachricht hatte er gehört. Erst war ich unendlich erleichtert und dachte, alles ist wieder gut. Wir haben uns einen Film angeschaut. Aber dann ist er plötzlich aufgestanden und gegangen. Er hielte es für besser. Auch, nein, vor allem für mich. Ich habe die Tür hinter ihm geknallt. Ein paar Sekunden später hab ich sie noch mal auf gemacht, und ihm ins Treppenhaus etwas hinterher gerufen. Irgend so was Überflüssiges. Diese Theatralik steht mir nicht, das bin nicht ich, ganz und gar nicht, ich erkenne mich selbst nicht mehr. Auf seinem Anrufbeantworter habe ich mich eben dafür entschuldigt, für dieses Hinterherrufen, und mich ganz ruhig und ohne Tränen von ihm verabschiedet. Erwachsen, wieder ich selbst. Ich bin traurig, aber nicht mehr wütend, und ich heule nicht. Ich heule nicht. Ich glaube, er war nur noch einmal gekommen, um derjenige zu sein, der geht.