Anleitung zum Entlieben

10.07.2005 um 23:01 Uhr

Die Sonne scheint, als wäre nichts dabei

von: Lapared

Ich bin also heim zu Papa und Mama gejuckelt. Erst wollte ich mit dem Zug fahren, weil man während der Zugfahrt immer so besinnliche Dinge tun kann. Was lesen. Nachdenken. Weiße Autos zählen. Rote Autos zählen. Leere Bananenschalen riechen. Das große Abenteuer genießen, einmal im Leben zusammen mit anderen Menschen ein gemeinsames Ziel anzustreben. Ausgezogene Schuhe riechen. Mittellehnen erobern. Mittelgang-Poser ignorieren. Verunglückte Autos zählen. Versuchen, ohne Anzufassen den Bistrowagen zu erreichen. Schließmuskel trainieren, um nicht aufs verpinkelte WC zu müssen. Ausgezogene Schuhe wegkicken und dabei den Oberkörper nicht bewegen. Oberschenkel trainieren, um auf dem verpinkelten WC nicht aufsetzen zu müssen. Oberarme trainieren, um sich vom verpinkelten WC-Boden wieder hoch zu wuchten. Angeschickerte Zu-Proster ignorieren. Nichts lesen. Nicht nachdenken. Eierbrotesser töten. Auf das große Abenteuer scheißen, einmal im Leben mit anderen Menschen ein gemeinsames Ziel anzustreben. Eierbrotesser vorher foltern...

Ich bin also mit dem Auto gefahren. Eine feine Sache. Für die Fahrt hatte ich mir noch schnell „Am Ende der Sonne“ von Farin Urlaub gekauft, weil ich beim Frühstück im Radio seine aktuellen Single „Porzellan“ gehört hatte (mit so erleuchteten Zeilen wie “Glück ist immer da, wo Du nicht bist. Du willst immer das, was du nicht kriegst...“). Einer der wenigen Glücksfälle, bei denen mir nahezu eine komplette CD gefällt und nicht nur ein Titel davon, was aber auch daran liegen kann, dass ich als musikalischer Ausnahme-Idiot bei den raffiniert gebauten Kompositionen von Farin Urlaub kaum fähig bin zu unterscheiden, wann ein Titel endet und der nächste anfängt. Ich orientiere mich vor allem am Text („Schön ist nur das, was Du verpasst. Du brauchst irgendwas, was Du nicht hast...“, schätze das gehört noch zu „Porzellan“). Ein Lied ist auch drauf, das mich an 119 erinnert. Natürlich, auf jeder CD ist ein Lied, das uns an unsere 119s erinnert. Mindestens eins. Auf „Am Ende der Sonne“ ist es das zweite, „Sonne“, ich zitiere mal:

der morgen graut, ich bin schon wach
ich lieg im bett und denke nach
mein herz ist voll, doch jemand fehlt
ich hätt dir gern noch so viel erzählt

traurig sein hat keinen sinn
die sonne scheint auch weiterhin
das ist ja grad die schweinerei
die sonne scheint, als wäre nichts dabei


es wird schon hell, ich fühl mich leer
(alles ist anders als bisher)
ich wünsche mir, dass es nicht so wär
(alles ist anders als bisher)
du stehst nie mehr vor meiner tür
(alles ist anders als bisher)
die sonne scheint – ich hasse sie dafür

traurig sein hat keinen sinn
(...)


und ob man schwitzt, und ob man friert
und ob man den verstand verliert
ob man allein im dreck krepiert
die sonne scheint, als wäre nichts passiert

es ist nicht wie im film
das stirbt der held zum schluss
damit man nicht zu lange ohne ihn auskommen muss

es ist nicht wie im film
man kann nicht einfach gehen
man kann auch nicht zurückspulen
um das ende nicht zu sehen

traurig sein hat keinen sinn
(...)


ich weiß nicht, was die zukunft bringt
und auch, wenn das jetzt kitschig klingt:
ich hab heut nacht um dich geweint
ich wünsche dir, dass die sonne für dich scheint

Herrlich, wa? Der Farin, alter Poet. Ich hätt´s nicht schöner sagen können.

Aber was wollte ich eigentlich erzählen... Ach ja, nach einer tollkühnen Autofahrt ohne Eierbrotesser und mit flotter musikalischer Untermalung rollte ich also am Freitagabend zu Hause ein. Der Rest des Wochenendes ist schnell erzählt (schnell deshalb, weil es spät ist, und mir die Augen zufallen). Am Samstag stieg also die große Party zum 150sten. 170 Gäste. Geschätztes Durchschnittsalter 190. Gefühlter Höhepunkt: meine Schwester und ich in einer spektakulären Showeinlage, genial konzipiert und durch das gemeinsame Leeren einer Flasche Sherry auf nüchternen Magen optimal vorbereitet. Wir waren so gut! Allein die Optik. Meine Schwester in einem neuen, totchicen Secondhand-Kostüm aus dem Original-Fundus von Alexis Carrington, ich in einem Traum in Schwarz-Weiß, Modell Mehrzweckhalle. Geschwister Fürchterlich auf Freigang. Die Menge tobte vor Begeisterung. Danach haben wir uns vor Scham ins Tortenbuffet gestürzt und bis zum Ende der Veranstaltung mit akutem Fettschock und zwei weiteren Flaschen Sherry im 90 Grad warmen Wintergarten komatös vor uns hingedämmert. Wir waren so gut...

Ansonsten erinnere ich leider nicht viel. Nur das: Irgendwann bin ich aufgewacht und wieder nach Hause gefahren. Auf der Buch-Party waren wir nicht - der Buch-Party für das Buch mit der Seite 119, deretwegen 119 119 heißt. Aber davon morgen. Nicht, weil ich es künstlich spannend halten will, sondern einfach, weil ich so saumüde bin. Ja, und ein bisschen peinlich ist es mir wohl auch...