Anleitung zum Entlieben

14.07.2005 um 22:41 Uhr

Auch kein Engel

von: Lapared

Der vierte Schritt führte schnurstracks in ein Stimmungstal. Ich weiß, warum ich keine Briefe öffne. Frau Köberlein hat mir geschrieben (sie ist meine Sachberaterin beim Finanzamt). Drei Mal. Herr Spotzeck und Herr Westermann (mein Zahnarzt und sein Zahntechniker). Frau Riemenhorst (die Sekretärin von Herrn Petermann, der verkalkten Gurke, die ich im Suff mit meinen Steuerangelegenheiten betraut habe). Ich muss nicht sagen, was sie wollen. Jedenfalls sehe ich Veranlassung, mal wieder zu arbeiten. Und als wäre das nicht unerfreulich genug, war auch noch eine Karte von Chris dabei.

Chris. In Gänze Christophorus (seine Mutter hatte eine Fahrschule). Aber kein Heiliger so weit es mich betrifft.

Ich war eigentlich nie gemein zu 119. Aber neulich, an einem unserer letzten Abende, war ich es, richtig widerlich, und das fiel mir bei der Karte wieder ein.

Ich hatte mal was mit Chris. Einmal nach 119s erstem „Ich liebe Dich nicht“. Und beinah auch nach dem zweiten. Von dem Beinah habe ich 119 erzählt, aber nicht von dem Einmal, denn das fiel im Gegensatz zum Beinah in die Zeit, in der offiziell Schluss war zwischen 119 und mir. Ich bin Jungfrau, ich vögel schön geordnet und der Reihe nach. Die Gemeinheit war, dass ich sehr wohl wusste, dass das gebeichtete Beinah viel bedrohlicher und schwelender sein würde als das Einmal, wenn ich es erzählt hätte. Und in der Tat war Chris für 119 ein rotes Tuch, knallrot, insbesondere weil Chris schwarz ist, und man weiß, was weiße Männer denken, was weiße Frauen glauben, was schwarze Männer ihnen bieten könnten. Entsprechend... groß war 119s Verunsicherung. Eine Verunsicherung, die ich auch keineswegs gewillt war, ihm zu nehmen. Fies wa? Ich konnte nicht anders, es war einfach eine psychohygienische Notwendigkeit, dem Mann, der so gemein war, meine Liebe nicht zu erwidern, wenigstens ein kleines bisschen Leid anzutun. Sofern man die Frage, wer wohl den Längeren hat, als Leid bezeichnen kann.

Jedenfalls... dank Chris und seinem Christopher hatte ich plötzlich etwas zur Hand, um 119 gelegentlich zu piesacken. Das letzte Mal machte ich davon gewissermaßen "Gebrauch", als es um die Feierlichkeiten zum 150sten meiner Eltern ging. Am Tag zuvor hatte mich meine Mutter am Telefon gebeten, jemanden (sprich: einen Mann, möglichst promovierter Millionär) mitzubringen, um den durch meinen Status als ledige Mittdreißigerin in der Gegend aus der ich komme mehr als hinreichend genährten Gerüchten zu begegnen, dass ich lesbisch sei.

Mir war schon klar, dass der Vorstoß mehr als verwegen war. Aber nachdem wir gerade so schön gebumst hatten, war ich etwas tollkühn. Jedenfalls fragte ich 119, ob er sich vorstellen könnte, mich vielleicht zu der Feier zu begleiten. Nur ganz kurz, nach der Vorspeise könne ihm ja schlecht werden. Das Schlimme war nicht, dass er nicht wollte. Das Schlimme war, dass er mich ausgelacht und den Kopf über mich geschüttelt hat, als hätte ich ihn gerade gebeten, auf dem Mond eine Eisdiele mit mir zu eröffnen. Hmpf. Jedenfalls war ich wütend. Wütend, dass es so gänzlich und absolut außerhalb seines Vorstellungsvermögens lag, etwas – zugegeben, etwas nicht sehr Angenehmes – einfach mal nur für mich zu tun. Und um ihm weh zu tun, aber auch weil ich die Vorstellung komisch fand, zur Widerlegung meiner Homosexualität so ziemlich das Einzige vorzuführen, was meiner Mutter noch peinlicher wäre als eine blutsverwandte Lesbe, nämlich eine Tochter in „wilder Ehe“ mit einem „Neger“, also, vor allem weil ich das so irre hintersinnig fand, hab ich zu 119 gesagt: „Vielleicht will Chris ja mit!“

Das war alles andere als fein. Das war ziemlich scheiße. Ich war auch kein Engel, das wollte ich nur mal festhalten.

14.07.2005 um 00:09 Uhr

Danke SZ-Magazin

von: Lapared

Eine Schande eigentlich bei dem Wetter, aber nachdem ich nun nicht nur das Gift sondern auch das Gegengift fürchte und den Nackenhaaraufsteller ebenso wenig sehen möchte wie den Spitzenmann meiner Matching-List, habe ich die Pflege meines Teints heute einfach mal zurück gestellt, das Bad, das auch ohne mich aus allen Nähten platzt, gemieden und stattdessen daheim meinen lange überfälligen „Verwaltungstag“ absolviert. Eine Scheiße.

Eine meiner ungezählten liebenwerten kleinen Macken ist, dass ich keine Briefe öffne. Oder nur ganz selten, wenn der Stapel neben der Haustür über den Winterschuhen durch die zunehmende Höhe langsam instabil wird und sich einige der Absender penetrant zu wiederholen beginnen, was immer ein schlechtes Zeichen ist, weil sich dadurch abzeichnet, dass tatsächlich etwas in der Post ist, was sich durch Ignoranz nicht von selbst erledigt. Bei der Bearbeitung des Stapels gehe ich in der Regel in vier Schritten vor, und nicht ohne Stolz möchte ich bemerken, dass ich die ersten drei davon, also fast alle, heute bewältigt habe. Im ersten Schritt sortiere ich die Sendungen nach Farbe, Form und Größe. Im zweiten Schritt öffne ich mit meinem Käsemesser die Umschläge. Im dritten Schritt entnehme ich das darin befindliche Papier (in der Regel ist es Papier). Im vierten schließlich entfalte ich selbiges und lese, was darauf geschrieben steht – aber das, wie gesagt, war heute nicht mehr zu schaffen.

Eine Ausnahme habe ich allerdings gemacht. Das SZ-Magazin von vergangenem Freitag habe ich mir sofort angesehen. Schlagzeile auf dem Titel: "SCHLUSS! Wenn Frauen verlassen werden, heulen, schreien, verzweifeln sie. Und manche sterben daran." Na bitte. So gesehen halte ich mich doch blendend.

Und: Ich bin keineswegs verrückt. Mitnichten. Wenn ich den Artikel mal zitieren darf: "Das Gehirn verarbeitet Trennungsschmerz in den denselben Arealen wie den Liebesrausch. Und setzt dabei dieselben Hormone frei, nämlich Dopamin und Noradrenalin. Während die Liebe zerbricht, läuft im Gehirn des verlassenen Menschen also dieselbe Maschine wie beim Verliebten, und zwar auf Hochtouren. Mit dem unseligen Effekt," jetzt kommt´s, "dass der Verlassene genau den Menschen noch mehr vergöttert, der ihm die kalte Schulter zeigt. (...) Dieselben Hormone animieren den verlassenen Liebhaber, mit aller Kraft um den Partner zu kämpfen. Sie rauben ihm allerdings auch den Schlaf, den Appetit und verwandeln sonst stabile Menschen in orientierungslose Wracks." YES!!!

Und weiter zu meiner Entlastung: "Das Gehirn besteht aus drei Teilen, Reptilienhirn, limbisches System, Neokortex. Das Reptilienhirn steuert Basisfunktionen wie Herzschlag, Atem oder Schlucken. Gefühle entstehen im limbischen System. Im Neokortex ist in erster Linie der Intellekt zu Hause: Sprache, logisches Denken. (...) Und hier beginnt für den US-Psychologen Thomas Lewis das Missverständnis: `Die meisten Menschen sind sich nur ihres verbalen, rationalen Teils im Gehirn bewusst. Sie denken, unser Gehirn müsse Argumenten und der Willenskraft folgen. Tatsächlich aber bedeuten Logik und gute Ideen nichts für zwei unserer drei Gehirnteile. Kein Mensch kann seine Gefühle so einfach kontrollieren wie seine Hand, wenn er nach einer Tasse greift.´“ Oder – wenn ich ergänzen darf - nach einem Glas Wodka-Martini. Danke Thomas, Danke SZ-Magazin. Stößchen!