Anleitung zum Entlieben

25.08.2005 um 09:08 Uhr

Don Tom

von: Lapared

GESTERN NACHT

Don Tom ist ja nicht irgendwer. Don Tom und ich haben – zumindest in meinem Kopf – eine Geschichte.

Sie begann vor mehr als zehn Jahren. Es war mein zweites Weihnachtsfest in der Agentur. Beim ersten hatte ich gerade vor einem Monat dort angefangen, war dick und ein unbeschriebenes Blatt. Beim zweiten hatte ich ein paar Preise gewonnen, ein paar Kilo abgenommen und ein ein paar Zentimeter zu kurzes Kleid. Don Tom war der schönste Mann auf dem ganzen Fest. Mein Art-Director stellte uns vor. Don Tom war auch der netteste Mann auf dem ganzen Fest. Und kurz davor die Agentur zu verlassen, um ins Ausland zu gehen. Ich habe damals leise scheiße gedacht. Und ich glaube, er hätte mich unter anderen Umständen auch gerne besser kennen gelernt.

Ein Wort zu dem Wort nett. Normalerweise gilt es ja als Schimpfwort. Dann, wenn es diese Standartmenschen mit abgerundeten Ecken beschreibt, die immer schön nett und geschmeidig sind, um im Gefüge zu flutschen. Aber so eine Art Netter ist Don Tom nicht. Im Gegenteil. Er ist kantig, frei und ohne Ängste anzustoßen, aber eben auf so gelassene, lächelnde, unaggressive Art. Wie auch immer.

Die Jahre gingen ins Land. Ab und zu sahen wir uns wieder, auf einem Sommerfest, einer Preisverleihung, einer Abschiedsparty... die Werberwelt ist klein. Und eigentlich trafen wir uns immer dann, wenn einer im Begriff war, in irgendeiner Weise weg zu gehen, in eine neue Stadt, eine neue Agentur, zu einem neuen Menschen. Eine Art Running Gag vom lieben Gott. Und ich hatte mir längst angewöhnt, mit zu lachen.

Zwei Mal hat Don Tom mich gefragt, ob wir noch trinken zu gehen. Beide Male habe ich abgelehnt. Aus Gründen, die ich nicht kenne, wohnt er ein paar Zimmer weiter den Hotelflur entlang. Gottes Running Gag. Und nun sitze ich hier, kurz vor Mitternacht* und noch nicht abgeschminkt, und lausche den Schritten im Flur.

Curd pennt nach seiner Sause wie ein Seemann. Ich denke, ich lege mich gleich ein wenig dazu.

*Einstellen geht erst Morgen früh.


HEUTE MORGEN

Curd geht´s gar nicht gut.



Was mögen diese Augen gesehen haben. Als ich gestern nach Hause kam, lief Pay Channel...

24.08.2005 um 19:14 Uhr

ZZZzzzzzzzzzzz...

von: Lapared

24.08.2005 um 09:15 Uhr

BUenos Dias

von: Lapared

Meim hoteluimmer



L. macht auf Arneiten - enflich mal eimen TaG für nich alllein...

23.08.2005 um 19:39 Uhr

Holla

von: Lapared

Lapatef hat keime Ueit tu schreibrn umd och treffe doe Zasten nich. Festern Abend jabe ich das 1 Nal das Neer gefehen. Feil! Ich feh mie wiederr wef!



hasta luefo
CURD ROCJ

22.08.2005 um 22:33 Uhr

Hola

von: Lapared

Schweineinternational, nach einem Tag voller weltaennischer Laessigkeit inmitten des Getuemmels europaeischer Flughaefen, sitze ich - geduscht, muede, souveraen in der Businesslounge meines Hotels (und vermisse die Umlaute auf der spanischen Tastatur). In meinem Drink klimpern die Eiswuerfel leise. Und die Zigarette meiner Traeume kommt aus dem Halbdunkel langsam laechelnd auf mich zu.

Ich habe etwas gelernt an diesem Tag. Trotz all der Geschaeftigkeit war es auch ein Tag stiller Erkenntnis. Zum Beispiel weiss ich jetzt, was mich fuer diesen Planeten so ungeeignet macht. Es liegt an meiner Nase. Sie ist ungewoehnlich sensibel und fuer die oertliche Bevoelkerungsdichte einfach nicht geschaffen. Schon gar nicht im August. Und an den Augen. Es gibt einfach yu vieles, was ihnen hier Schmerzen bereitet.

Dann sagte mit ploetzlich eine innere Stimme: Tu was dagegen. Du hast ein Recht hier zu sein. Waehrend des Fluges habe ich daher einen Gesetzesentwurf fuer ein Verbot der Dreiviertelhose vorbereitet. Und fuer ein neues Platzbuchungssystem, bei dem Nicht-Deodorant-Benutzer zusaetzlich zu ihrem Sitzplatz auch eine Pauschale fuer ihre olfaktorische Ausbreitung in der Luft bezahlen muessen.

Ich vermisse 119. Solche Tage habe ich ihm immer besonders gern erzaehlt. Ein Menschenfreund wie er hat mich verstanden.

(Meine 15 Minuten sind um, ich muss den Computer raeumen!)

P.S. Aber Curd ist ausser sich. Er war schon am Strand.

 

21.08.2005 um 21:52 Uhr

Hasta pronto! (Auf bald!)

von: Lapared

Der Holländer hat angerufen. Aus Dänemark. Und gefragt, ob ich mit nach Venedig komme. Ich habe gesagt, dass ich jetzt erst mal nach Barcelona muss. Hach, ich fühle mich herrlich international.

Curd ist sehr aufgeregt. Bisher kennt er Strand nur von Bildern. Und er besteht darauf, einen Bikini mit zu nehmen.



Ich bringe es nicht fertig, ihm zu sagen, dass man als Curd keinen Bikini braucht. Und davon mal abgesehen, dass wir ganz sicher keine Zeit zum Bikinitragen haben werden.

Hoffentlich habe ich wenigstens die Möglichkeit für einen Eintrag dann und wann. Ich melde mich a poco de llegar (gleich nach der Ankunft), próximanente (schleunigst).

Hihi, schweineinternational...

21.08.2005 um 13:15 Uhr

Angebot von Don Tom

von: Lapared

Heute Morgen erwachte ich ohne den bluttriefenden Kopf meines Lieblingspferdes im Bett. Ich weiß, wann man ein Angebot nicht ablehnen kann.

Gestern Nachmittag hatte mich ein alter Weggefährte aus lange vergangenen Agenturtagen konsultiert. Tom. Sein Werberstern hatte ihn inzwischen ins sonnige Barcelona geführt und ich saß gerade eingeklemmt zwischen zwei schmutzig schäumenden Riesenpuscheln einer Auto-Waschanlage, wunderte mich, dass mein Handy Empfang hat und entwickelte die interessante Theorie, dass für Handys dasselbe gilt wie für Hunde, nämlich, dass sie und ihre Besitzer sich mit den Jahren ähnlicher werden, weshalb mein Handy zwar ein sensibler Empfänger ist aber ein Voll-Autist als Sender, als – sind Sie noch bei mir? – als mein erstaunlich empfängliches Handy mittlerweile zum zweiten Mal klingelte und ich in einem Anflug seelenverwandter Verbundenheit mit dem kleinen Gerät entgegen all meiner Prinzipien zärtlich seine winzige grüne Empfangstaste drückte. Tom.

Tom lud mich ein, eine Woche für ihn zu arbeiten. Im sonnigen Barcelona. In seiner Agentur 10 Minuten vom weißen Sand des dazugehörigen gepflegten Privatstrandes. Für Geld. Viel Geld (selbst für jemanden wie mich, der es sich leisten kann, Mitglied eines Fitnessclub zu sein, den er seit dem Mordanschlag des dicken Mädchens nicht mehr besucht).

Ich habe nicht die geringste Lust. Arbeiten ist nichts für mich. Und was bitte soll ich in Barcelona? Außerdem halte ich weiße Sandstrände für weit überschätzt, ich persönlich liege – wegen des Schnitzeleffekts nach dem Baden und Eincremen aber natürlich auch tiefenpsychologisch persönlichkeitsbedingt - lieber auf Steinen als auf Sand.

Aber wie gesagt. Ich erkenne ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Und packe also gleich meine Koffer.

20.08.2005 um 20:11 Uhr

SMS

von: Lapared

Heute morgen bekomme ich eine SMS.

I am sorry you really impressed me, I like to know you better. Dick

Mein Erwiderungszwang arbeitet reibungslos.

You impressed me, too.

Ich sage nur... DIE Toilette. Die Artikel in der deutschen Sprache sind wirklich nicht leicht.

Mein Handy meldet einen Übertragungsfehler. Es ist also soweit. Der Zeitpunkt, dass die Technologie intelligenter ist als der Mensch, ist gekommen.

20.08.2005 um 00:27 Uhr

Anatomie einer Anmache

von: Lapared

Wie haben „wir“ eigentlich vorgestern gegen die Holländer gespielt? Ich frage nur, weil...

Oder fangen wir besser so an. Ich bin überzeugt: Wie die Männer einer Nation ihre Fußballspiele gewinnen, so versuchen sie es auch bei Frauen.

Und meine Spielanalyse der Holländer ist – rein als Frau, ohne dass ich die Holländer habe spielen sehen – dass man sie nicht in den Strafraum lassen darf, sonst... Das übrigens ist die Kunst bei Allegorien: zu wissen, wann man sie verlassen muss. Daher vollende ich den Satz jetzt nicht „…sonst bums, hat man einen drin“, nein, ich widerstehe dem Sog des Stammtischniveaus und vollende den Satz... gar nicht.

Halten wir uns einfach an die Fakten.

Gut, ich war der Auslöser. Oder wie Dr. „Sex“ Kinsey (habe ich mich eigentlich gähn schon zu dem Buch/Film geäußert?) es vermutlich abstrakter fassen würde: Empirische Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass der Mann zu Unrecht als der Initiator sexueller Aktivitäten in der menschlichen Spezies gilt. Vielmehr ist es meistens die Frau, die die ersten Signale aussendet, in der Regel in Form ritualisierten Verhaltens wie z.B. bestimmten Blickfolgen (langes Hinsehen, reaktantes Wegsehen, kurzes Hinsehen), schräge Kopfstellung, gestreckte Körperhaltung, Lächeln etc.
Und tatsächlich, in meinem Falle war es Letzteres, ein Lächeln. Aber gegen die Sonne und wirklich nur ganz winzig.

Dann erst mal Nichts. Mindestens anderthalb Stunden lang. Auf meinem Radar war Blondie schon längst wieder verschwunden. Doch dann, ich schwimme gerade, taucht er urplötzlich vor mir auf wie Flipper, lacht auch so, spricht dann allerdings wie Rudi Carrell.

Er: Du bist schön, kommst Du von hier? (Geschmeichelt bin ich geneigt den subtilen Rassismus zu überhören.)
Ich (nickend): Du bist auch schön (ich gebe Komplimente zwanghaft zurück, selbst dann, wenn jemand sagt, Du hast 1 a Brüste)... und von wo kommst Du?
Er (sein Deutsch verschlechtert sich jenseits der Floskeln dramatisch): Amsterdam, ich bin hier nur zum Besuchen.
Ich: Wen besuchst Du? (Und wo ist sie jetzt, noch bekifft?)
Er: Ich besuche vor allem die Kunsthalle.

Oh. Ein bezaubernder kleiner Film setzt sich in meinem Gehirn in Gang. Dazu muss man wissen: 119 verachtet alles und jeden, die Welt ist voller Dummheit und Idioten, das Einzige, was ihn interessiert, ist Kunst, und die Einzigen, die er bereit ist zu bewundern, anzubeten sogar, sind Künstler. Was für ein Coup im postbeziehungsmäßigen „Wer wird ohne den anderen glücklich-Rennen“, wenn ich ausgerechnet mit einem Künstler vor seiner Nase auf- und abstolzieren könnte!!! Ich sah es schon vor mir, die Vernissage, er, ich, erst denkt er, ich bin alleine dort, „Die Bilder sind der Hammer, was?“ sagt er, und etwas leiser „hast Du den Künstler schon gesehen?“ und ich noch etwas leiser zurück „Ich habe sogar schon mit ihm geschlafen“. Hach, ein großartiger Film.

Wir schwimmen also eine Weile, van Gogh und ich. Und plaudern über die hiesige Kunstszene. Und es macht mir nicht das Geringste, dass er augenscheinlich nur die Hälfte meiner Worte versteht, weil ich von der hiesigen Kunstszene keine Ahnung habe. Er allerdings noch weniger, wie mir Bahn um Bahn ein wenig mehr schwant. Schließlich hake ich nach.

Ich: Was machst Du für Kunst?
Er: Oh, ich mache nicht selber Kunst. (ENDE, die Filmvorstellung stoppt abrupt, bitte, bitte, sei wenigstens ein betuchter Sammler!)
Ich: Und in welchem Hotel wohnst Du?
Er: Nicht im Hotel. Ich wohne im Zelt. Auf dem Campingplatz.

Ein Holländer vom Campingplatz, das ist so scheiße, das hat schon wieder Klasse. Ich lächle. Und habe das Gefühl, jetzt habe ich erst mal genug geschwommen. Ich entschuldige mich und ruhe ein wenig auf meinem Handtuch. Plötzlich fällt es mir ein: Sie haben ja ein schweres Gewitter voraus gesagt. Womit auch das Geheimnis meiner Schönheit geklärt wäre.

Aber es geht noch weiter. Plötzlich steht er wieder vor mir, abflugbereit, ein Zettelchen in der Hand.

Er: Das ist meine Telefonnummer. Was ist Deine?
Reflexartig schreibe ich sie ihm auf, wie gesagt, ich gebe zwanghaft alles zurück, was ich bekomme.
Er: Gehen wir heute Abend was trinken?
Reflexartig bedaure ich, dass ich leider dieses Wochenende nicht in Hamburg bin.
Er: Du bist so schön. (Trotzdem? Ich bin gerührt.)
Er: Du bist ein Wunder. (Und Du? Bist Du Gottes Friedenspfeife für verlassene Enddreißigerinnen?)
Er: Komm! Lass uns auf die Toilette gehen.

Was ich an den Holländern bewundere ist, dass sie – egal wie gebrochen ihr Deutsch ist – nie die Artikel weglassen, die Toilette, und meistens benutzen sie sogar die richtigen. Trotzdem sah ich mich gemüßigt abzulehnen.
Als er weg ist, schaue ich auf den Zettel... er heißt übrigens Dick.

19.08.2005 um 10:08 Uhr

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! (Schwestern in Bikinis erst recht!)

von: Lapared

Ich glaube, heute wird einer der letzten Sommertage des Jahres sein.

Der Gedanke macht mich sentimental, ja, ja. Schon wieder ein Sommer vorbei. Die Zeit vergeht immer schneller. Wie viele Sommer bleiben mir noch, in denen ich mich als ästhetisch verantwortungsbewusster Mensch im Bikini räkeln kann?

Ich glaube, die Steuer kann ich auch morgen noch machen.

(Curd wollte heute ursprünglich ein paar Atome spalten. Er kümmert sich jetzt aber ebenfalls vorrangig um seinen Teint.)

18.08.2005 um 23:59 Uhr

Der nette Mann aus dem Bad II (Fortsetzung vom 12.7.)

von: Lapared

Der besetzte Ex-Nackenhaaraufrichter war wieder da. Im Freibad.

Ich lieg da gerade so und überlege, wie ich die 3 Meter bis zum Wasser schaffe, ohne die Blicke auf meine vorschriftswidrig nicht mit einem neongelben „Vorsicht explosiv!“-Schild gekennzeichnete, von der Sonne gefährlich erhitzte Obstipationsfracht im Unterbauch zu ziehen (meine Stoffelwechselfunktionen sind aus Protest gegen den Nikotinentzug seit neun Tagen im Streik und ja, ich trinke genug, Dörrobst ist mein Brot und Flohsamen mein Nutella), als plötzlich der angenehm kühlende Schatten seiner starken, breiten Schultern auf mich fällt. „Scheiße!“ sage ich, „ich wollte nicht, dass Du mich jemals so siehst!“ – „Wie siehst?“ – „In dick. Ich rauche nicht mehr.“ – „Ich seh keinen Unterschied, oder warst Du noch schlanker?“ sagt er – Sei nicht so hinreißend, sonst will ich dich haben, denke ich – „Wie bitte???“

Schon wieder. Es war schon wieder passiert. Ich hatte es nicht nur gedacht, ich hatte es gesagt.

In dem kleinen Plausch, der sich dann anschloss, hat der Arme insgesamt 12 Mal beiläufig erwähnt, wie ernst es ihm mit seiner neuen Freundin, der Kindergärtnerin, ist.

Ich verschweige übrigens, dass der kleine Plausch in Wahrheit viereinhalb Stunden gedauert hat. Ich möchte auf keinen Fall zu augenbrauenwackelnden „vier-einhalb-Stunden? Alter, da geht doch was!“-Reaktionen ermuntern. Nein, da geht nichts. Absolut nichts. Die Kindergartentante mal außen vor ist er auch noch zwölf Jahre jünger. Und ich glaube nun mal nicht an Er-ist-jünger-als-Sie-Beziehungen. Das funktioniert nicht, nicht für mich mit meinem Flohdamen-Ego.
Auch dann nicht, wenn die zwölf Jahre nur sechs Jahre sind.

17.08.2005 um 17:49 Uhr

Diät

von: Lapared

Nach ein paar sehr unvorteilhaften Schnappschüssen scheint es mir in der Tat mal wieder Zeit für eine Diät.



So kann ich unmöglich in meinen Fitness-Club.

17.08.2005 um 02:20 Uhr

Film für Pa

von: Lapared

Vorhin habe ich über den Kurzfilm für meinen Freund, den 17-fachen Oscargewinner Herrn M., nachgedacht. Es gibt eine Vorgabe: Der Film soll auf einem Bahnhof spielen. Schwupp, schon war ich beim Thema Trennung, aber da wollte ich nicht sein. Wegen der aktuellen Ereignisse, wie es im Fernsehen immer heißt, wenn der Flugkatastrophenfilm wegen der Flugkatastrophe aus dem Programm genommen wird. Und da ich kein schwerer Fall bin (oder ob sie mein Gewicht meinte? He, ich gewöhne mir immerhin gerade das Rauchen ab!) sondern immer noch der Kapitän unter meiner Mütze und im Stande, meine Gedanken willentlich in gefahrlose Gewässer zu steuern, dachte ich bei Bahnhof leichterdings an genau das Gegenteil: Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude. Als ob das nicht viel inspirierender wäre. Da fallen einem doch gleich tausend Geschichten ein... Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude.… Ankunft! Wiedersehen! Umarmung! Freude! Hier die, die mir einfiel (leider für Herrn M. nicht verwendbar, weil er nicht im Zug drehen kann).

Also. Da sind diese Frauen, Angestellte in einer großen Firma, in einer großen Stadt, und es ist Freitag, Freitagnachmittag, endlich Wochenende, und sie strömen durch das Firmentor, plaudernd über ihre Pläne für die freien Tage, schwirren aus zu ihren Kleinwagen mit denen sie gleich hinaus in die Vorstadt fahren oder in eine der umliegenden Kleinstädte, wo sie wohnen, weil Wohnen dort billiger und ihr Freund dort KFZ-Mechaniker oder Bäcker oder Filialleiter ist. Und ein paar von ihnen, die, die es weiter haben, nehmen auch den Bus zum Hauptbahnhof, um dort die kurzen Regionalzüge zu besteigen auf den Gleisen mit den hohen Nummern, die an jedem Misthaufen halten und auch dort, wo ihre aktuellen Lover warten.
Die Kamera verfolgt ein Grüppchen Frauen, drei davon bunt, schwatzend, aufgedreht und offenbar gut miteinander bekannt, die vierte - unsere Heldin, aus ihrer Sicht erleben wir das Ganze - unscheinbar, pummelig, sodass man sich nicht vorstellen kann, dass die anderen unter der Woche viel mit ihr her machen, aber jetzt, da sie den selben Weg hat, unterhalten sie sich halt ein wenig, aus Höflichkeit, auch wenn die Dicke keine der Discotheken kennt, die es am Wochenende zu „checken“ gilt, und eine der Schlanken sagt zu der Dicken „schickes Kleid, die Farbe steht Dir!“, dabei grinst sie so, als mache sie sich darüber lustig, dass die Dicke wie alle Dicken Schwarz trägt, weil das angeblich schlank macht, und sie selbst Orange und Pink, wie es scheinbar Mode ist.
Sehnsüchtig beobachtet die Dicke die attraktiven Kolleginnen, ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, beobachtet, wie eine nach der andere aussteigt und sich an den Arm eines Mannes schmiegt, der schon frisch rasiert auf dem Bahngleis steht und mit dem Ford-Mondeo Schlüssel klimpert.
Und als die letzte der Kolleginnen das Abteil verlässt und dabei ein bisschen boshaft fragt, ob auch auf sie, also, auf die Dicke, jemand am Bahnhof warte, bekommt die einen ganz verhangenen Blick und sie sagt: „Ja, ganz sicher...“, und wir sehen die Bilder, die gleichzeitig durch ihren Kopf ziehen, es sind ihre Eltern, die mal wieder Arm in Arm und viel zu früh auf dem Bahngleis stehen, um sie abzuholen, Papa und Mama, die sie immer noch behandeln, als wäre sie zehn. Und als die Dicke dann endlich allein ist und zusieht, wie auch Kollegin Nummer drei auf dem Bahnsteig einem Mann in die Arme sinkt, muss sie erst mal ein bisschen weinen und wir denken, eben, weil sie keinen hat, und mit Mitte Dreißig am Wochenende immer noch von ihren Eltern abgeholt wird.
Aber dann steigt an der nächsten Station auch sie aus, die Dicke, und sie sieht sich auf dem Bahngleis um... und da ist niemand. Keine Eltern Arm in Arm, alles leer. Nur eine einzelne Frau steht da, und dann bei genauerem Hinsehen erkennen wir, es ist ihre Mutter, in Schwarz, allein, und sie weint. Der Vater ist offensichtlich gestorben, die Dicke kommt zu seiner Beerdigung. ENDE.

Und für´s Protokoll: Es gibt Schlimmeres, als am Bahnhof nicht von einem Vorstadtdjango abgeholt zu werden. Zum Beispiel, wenn eines Tages plötzlich Dein Vater nicht mehr dort steht, der sonst immer da stand, wenn Du alle Jubel Jahre mal zu Besuch kamst. Und im Übrigen hat die Dicke in der Stadt einen ganz heißen Freund. Und wenn sie nach der Beerdigung am Sonntagabend wieder zurück in die Stadt kommt (das sehen wir im Abspann), wird er dort warten und für die Dicke schon eine Lasagne im Ofen haben. Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude.

(Gewidmet in Reue dem dicken Mädchen vom Stepper. Quatsch. Gewidmet meinem wunderbaren Pa, in der Hoffnung, dass er wieder ganz gesund wird und noch oft da steht.)

16.08.2005 um 18:13 Uhr

Nie die Hände runter nehmen

von: Lapared

Heute war ich das erste Mal seit langem wieder richtig stolz auf mich. Ich hatte es geschafft, um sieben Uhr aufzustehen. Um sieben! Ich bin fast geplatzt. Eine Woge der Energie trug mich durch den Tag, ich machte Sachen, Sachen! (Briefe auf, zum Beispiel, von den vergangenen 30 Tagen!)

Bis Mittags, da wurde ich von meiner Schmerztherapeutin, die eine erstklassige Ärztin ist, psychotherapeutisch ausgebildet und der klügste, warmherzigste, bezaubernste Mensch der Welt, als „schwerer Fall“ klassifiziert. WUMMMS! Ab auf die Matte.

Tiefpunkttheoretisch gesehen (kurz: kein Tiefpunkt, kein Aufschwung) bin ich jetzt einen entscheidenden Schritt weiter.

15.08.2005 um 22:27 Uhr

Mein rechter Fuß II oder: Bett schlägt Wurst

von: Lapared

Das mit dem Arsch und dem Anlauf vorhin... ein bisschen war das geprahlt. Ein bisschen habe ich das nur geschrieben, weil es gut klang. Aber wirklich nur ein bisschen.

Die ganze Wahrheit ist, dass dieses gedankliche „in den Arsch treten und Rumdrehen“ keine Behandlung ist, die ich exklusiv für 119 reserviert habe. Ich lasse sie gern jedem zuteil werden, der es wagt, meine morgendlichen Kreise zu stören. Und obwohl ich mich zurzeit ja von einem gedachten Infarkt erhole, habe ich den Eindruck, dass dieses ausgedehnte Maß an Bettruhe nicht ganz normal ist.

Man spricht von "seniler Bettflucht" und meint damit, dass alte Menschen, weil ihre Zukunftsperspektiven eher dunkel sind, den Tag nicht verpennen wollen. Ich bin Erfinder der "präsenilen Bettsucht", womit das Phänomen beschrieben ist, dass mittelalte Menschen das Gegenteil wollen - erstaunlicherweise aus demselben Grund. (Bitte. Keine Spitzfindigkeiten jetzt, wonach das Dunkel im ersten Falle tendentiell Fakt und im zweiten Furcht ist...)

Die Diadochenkämpfe scheinen also auch entschieden.

15.08.2005 um 13:45 Uhr

Mein rechter Fuß

von: Lapared

Heute morgen bin ich seit langen zum ersten Mal wieder im einstelligen Bereich erwacht. Ohne Wecker. Ohne Blasendruck. Einfach so. Vor zehn.

Genau genommen war es erst sieben. Ich lag da, dachte nach und stellte fest, dass mein rechter Fuß den Takt zu einem Lied klopfte, ohne dass ich es im Kopf hatte. Offensichtlich war er schon eine ganze Weile wach. Offensichtlich hat er seinen eigenen Kopf.
Auf dem Wecker stand, dass der 15te ist, und mir fiel ein, dass 119 heute seinen großen Tag hat. Heute, am 15. August, beginnt er wieder in Festanstellung zu arbeiten. Ich weiß das so genau, weil er diesen Termin gehasst hat. Weil es eine dieser Superagenturen ist, die ihn vereinnahmen wird, und weil er dafür genauso wenig geschaffen ist wie ich, und weil dennoch, genau wie bei mir, irgend so ein kranker Ehrgeiz in ihm lauert, der ihn zwingt, mitzumachen, wenn sie sich schon herablassen, ihn mitmachen lassen.

Dieser Tag heute hat 119 seit Monaten nervös gemacht. Ich lag da, dachte daran und bemühte mich, der romantischen Vorstellung zu widerstehen, dass mein rechter Fuß ihm noch immer so sehr verbunden ist, dass er im gleichen Takt mit ihm erwacht. In Gedanken ging ich deshalb ein Stück zurück... und trat ihm mit selbigem mit Anlauf in den Arsch.

Danach habe ich mich umgedreht und in den zweistelligen Bereich geschlafen. Ohne Wecker. Ohne Blasendruck. Einfach so. Bis elf.

15.08.2005 um 01:09 Uhr

Breaking News

von: Lapared

Momentan finden große innere Umwälzungen statt. Nachdem die Zigaretten völlig überraschend abgetreten sind, toben nun die Diadochenkämpfe um die Nachfolge. Und obwohl die Wetten eindeutig für Alkohol stehen, mischt plötzlich ein Außenseiter das Feld neu auf: Fleischwurst. Jawohl, die Fleischwurst. 119s Fleischwurst. Eine kleine Sensation. Innerhalb weniger Tage mutierte die Lapared vom Geschmacksvegetarier zum Wurstjunkie. Denkbar ist auch, dass sich Wurst und Alk die Suchthoheit eine Zeit lang teilen. Entscheidend wird letztendlich einmal mehr sein, was weniger fett macht. Weit abgeschlagen übrigens: die Käsetorte. Ihre Ära ist vorbei. Auch die der Schlagsahne. Nach einem Infarkt, vor allem, wenn er im Kopf stattgefunden hat, wird Cholesterin plötzlich eine relevante Größe.

14.08.2005 um 16:08 Uhr

Das Imperium schlägt zurück

von: Lapared

Ich werde langsam wunderlich. Ich spreche laut vor mich hin.

Vorhin war ich im Fitness-Center. Ich dachte, Sport, wie man ihn dort treibt, ist jetzt vielleicht gerade richtig. Ich stehe also gemütlich auf dem Stepper und trete ein bisschen vor mich hin. Und vor mir auf einem anderen Stepper - die Stepper stehen dort dicht an dicht – steht so ein goldbraunes Mädchen mit pastellfarbenen Frotteeshorts und blondem Mini-Pferdeschwanz. Ein bisschen zu fett.

Kaum sind 15 Minuten vorbei, will sie ihr Handtuch nehmen und gehen. Sie kaut mit ihrem von rosa Lipgloss glänzenden Mund auf ihrem Kaugummi, lächelt unter ihrer Schirmmütze einmal in die Runde und sieht so furchtbar nett und arglos aus. Und als sie an mir vorbei geht, sage ich leise, ich schwöre, ohne es zu merken, ich dachte wirklich, dass ich es nur denke: "Bleib doch noch ein wenig, dickes Mädchen."

Später auf dem Parkplatz hätte sie mich mit ihrem kleinen, pastellfarbenen BMW-Roadster beinah überfahren. Ich wette, das war genauso wenig Absicht.

Das Imperium trifft zweifellos die Falschen.

13.08.2005 um 14:31 Uhr

Notfallklinik

von: Lapared

Die Krux ist ja, dass man als Alleinlebender zur Notfallklinik gehen muss, solange man noch kann. Was aus einem Besuch in der Notfallklinik eben an sich schon mal eine peinliche Sache macht. Soviel vorab.

Irgendwie kam ich nicht auf die Seite, hier die vergangenen Ereignisse noch mal chronologisch:

Gestern 14.20:



(Auch wenn ich es irgendwie nicht mehr sein kann...) 48 Stunden sind geschafft und Curd ist sehr beeindruckt, mit welcher Konsequenz ich mich des Lasters des Nikotins entledigt habe. Er steht auf den Sofakissen wie Luis Trenker auf dem Großglockner, atmet ostentativ tief ein und aus, genießt die frische, klare Luft (es duftet nach Airwick fresh wie auf dem Kölner Bahnhofsklo) und sagt: Erst Schlaftabletten und Tavor, jetzt die Zigaretten, ein Entzug nach dem anderen, wie machst Du das nur? Und ich sage: Curd, mein Freund, Entzug ist für mich keine Phase, Entzug ist mein Lebensstil. Und er sagt: Deshalb liebst Du auch 119, Entziehen ist sein Lebensstil. Und ich sage: Curd, Du bist scheiß weise.

Gestern 21.20:
Ich mache mich auf den Weg in die Notfallklinik in der Annahme, ich bekomme einen Herzinfarkt.

Dazu Folgendes. Ich bin alles andere als ein Hypochonder, das bin ich wirklich, und es war mir mehr als unangenehm, weil für mein ästhetisches Empfinden ein eleganter Auftritt in einer Notfallklinik prinzipiell nur liegend möglich ist, geschoben auf einer Bahre und gesäumt von drei athletischen „aus dem Weg!“ brüllenden Notwagenfahrern. Aber nach sorgfältigem Abwägen und eingehender Internetrecherche hatte ich entschieden, dass das Risiko mich zu blamieren, nichts ist im Vergleich zu dem eines zu spät behandelten Infarkts. Abgesehen von dem Ziehen, das ich anfangs sporadisch und schließlich ständig in der Herzgegend spürte, und dem Brennen, was später sehr unangenehm hinzukam, beunruhigte mich vor allem die Taubheit in den Fingern der linken Hand. Sehr empörend fand ich zudem, dass mein Körper auf diese Weise meine Abstinenz verhöhnte, mit der ich eigentlich vorhatte, heute ganz groß raus zu kommen. Ich rauche doch seit drei Tagen nicht mehr, aber dieses Herzflimmern gestern war wie ein kleines gemeines „Na und, dafür säufst du, frisst nur Mist, das Einziges, was du regelmäßig zu mir nimmst sind Medikamente, und beim Sport hab ich das Gefühl, du willst mich umlegen“, das mein Körper mir schnippisch entgegenzischte. Er hat ja Recht. Auch der Arzt hatte sofort meinen Stepper im Verdacht. Besonders, als ich ihm erzählte, dass ich durch ein merkwürdiges Gefühl des Getriebenseins dieselbe Strecke, für die ich seit 3 Jahren stets um die 90 Minuten gebraucht habe, neuerdings in 79 schaffe, weil ich schlichtweg strampel, als wäre der Teufel hinter mir her, was, wie ich zugeben muss, auch so ziemlich meine Grundstimmung trifft. Der Teufel mit einem Bataillon an Versuchungen, und – wenn mich die nicht am Arsch kriegen – regimenteweise „sollte“, „müsste“, „könnte“, die mich treiben und scheuchen und fix und feddisch machen. Und wenn dann noch was zuckt, kommt einfach flötend so eine kleine „Ach Mäuschen“-Erinnerung um die Ecke. Na, aber die gute Nachricht ist, mein EKG an sich ist bombig.

Heute 12.00:
Im Tiefschlaf lasse ich die magische Mittagsmarke hinter mir.

Heute 12.49:
Ich erwache ausgeruht und denke: Na und.

Gestern Abend hatte ich wirklich Todesangst.

12.08.2005 um 11:59 Uhr

Noch mal in nüchtern

von: Lapared

Ich habe in der Tat nicht reagiert. Nicht, dass ich nicht geantwortet hätte. Von „Fickt Euch!“ über „Fein. Ich hoffe, Du erliegst beim Geschlechtsverkehr einem Herzinfarkt!“ bis „Gute Wahl. Grüß sie von mir!“ war alles dabei, etwa 25 Versionen. Kurz, lang, wütend, verzweifelt, ehrlich, cool, saucool... fleißig bin ich ja. Aber abgeschickt hab ich keine. Und was soll ich sagen. Es fühlt sich irgendwie gut an. Heldenhaft.



Aber heldenhaft ist ganz schön anstrengend.