Anleitung zum Entlieben

13.08.2005 um 14:31 Uhr

Notfallklinik

von: Lapared

Die Krux ist ja, dass man als Alleinlebender zur Notfallklinik gehen muss, solange man noch kann. Was aus einem Besuch in der Notfallklinik eben an sich schon mal eine peinliche Sache macht. Soviel vorab.

Irgendwie kam ich nicht auf die Seite, hier die vergangenen Ereignisse noch mal chronologisch:

Gestern 14.20:



(Auch wenn ich es irgendwie nicht mehr sein kann...) 48 Stunden sind geschafft und Curd ist sehr beeindruckt, mit welcher Konsequenz ich mich des Lasters des Nikotins entledigt habe. Er steht auf den Sofakissen wie Luis Trenker auf dem Großglockner, atmet ostentativ tief ein und aus, genießt die frische, klare Luft (es duftet nach Airwick fresh wie auf dem Kölner Bahnhofsklo) und sagt: Erst Schlaftabletten und Tavor, jetzt die Zigaretten, ein Entzug nach dem anderen, wie machst Du das nur? Und ich sage: Curd, mein Freund, Entzug ist für mich keine Phase, Entzug ist mein Lebensstil. Und er sagt: Deshalb liebst Du auch 119, Entziehen ist sein Lebensstil. Und ich sage: Curd, Du bist scheiß weise.

Gestern 21.20:
Ich mache mich auf den Weg in die Notfallklinik in der Annahme, ich bekomme einen Herzinfarkt.

Dazu Folgendes. Ich bin alles andere als ein Hypochonder, das bin ich wirklich, und es war mir mehr als unangenehm, weil für mein ästhetisches Empfinden ein eleganter Auftritt in einer Notfallklinik prinzipiell nur liegend möglich ist, geschoben auf einer Bahre und gesäumt von drei athletischen „aus dem Weg!“ brüllenden Notwagenfahrern. Aber nach sorgfältigem Abwägen und eingehender Internetrecherche hatte ich entschieden, dass das Risiko mich zu blamieren, nichts ist im Vergleich zu dem eines zu spät behandelten Infarkts. Abgesehen von dem Ziehen, das ich anfangs sporadisch und schließlich ständig in der Herzgegend spürte, und dem Brennen, was später sehr unangenehm hinzukam, beunruhigte mich vor allem die Taubheit in den Fingern der linken Hand. Sehr empörend fand ich zudem, dass mein Körper auf diese Weise meine Abstinenz verhöhnte, mit der ich eigentlich vorhatte, heute ganz groß raus zu kommen. Ich rauche doch seit drei Tagen nicht mehr, aber dieses Herzflimmern gestern war wie ein kleines gemeines „Na und, dafür säufst du, frisst nur Mist, das Einziges, was du regelmäßig zu mir nimmst sind Medikamente, und beim Sport hab ich das Gefühl, du willst mich umlegen“, das mein Körper mir schnippisch entgegenzischte. Er hat ja Recht. Auch der Arzt hatte sofort meinen Stepper im Verdacht. Besonders, als ich ihm erzählte, dass ich durch ein merkwürdiges Gefühl des Getriebenseins dieselbe Strecke, für die ich seit 3 Jahren stets um die 90 Minuten gebraucht habe, neuerdings in 79 schaffe, weil ich schlichtweg strampel, als wäre der Teufel hinter mir her, was, wie ich zugeben muss, auch so ziemlich meine Grundstimmung trifft. Der Teufel mit einem Bataillon an Versuchungen, und – wenn mich die nicht am Arsch kriegen – regimenteweise „sollte“, „müsste“, „könnte“, die mich treiben und scheuchen und fix und feddisch machen. Und wenn dann noch was zuckt, kommt einfach flötend so eine kleine „Ach Mäuschen“-Erinnerung um die Ecke. Na, aber die gute Nachricht ist, mein EKG an sich ist bombig.

Heute 12.00:
Im Tiefschlaf lasse ich die magische Mittagsmarke hinter mir.

Heute 12.49:
Ich erwache ausgeruht und denke: Na und.

Gestern Abend hatte ich wirklich Todesangst.