Anleitung zum Entlieben

27.09.2005 um 09:00 Uhr

Warum ich so gut zu Vögeln bin

von: Lapared

aus "Mir passiert echt nur Scheiße" von der gerade verreisten Lapared

Sonntagmorgens krochen meine Schwester und ich immer zu unseren Eltern ins Bett. Ich selbst verspürte zwar nie den Wunsch dazu, aber meine Schwester, die, wenn sich die alltäglichen Rituale der Versorgung sonntags verzögerten, schnell Hunger bekam, kroch vor und ich solidarisch hinterher. Meine Mutter, anderer Pflichten enthoben, verschwand danach in der Tat sehr bald in die Küche, und es gab Frühstück.

Während meine Schwester im Bett meiner Eltern gewöhnlich wild herumtobte, lag ich reglos da wie eine Mumie. Den Grund sahen meine Eltern in meinem milden, zur Vernunft neigenden Wesen, aber die Wahrheit war, ich wusste bescheid. Ich hatte sie gesehen, die schlimme Sache, die Papa da zwischen den Beinen hatte (er war Nachthemdträger). Mein Pietätgefühl verbot mir, ihn darauf anzusprechen. Drankommen wollte ich aber auf gar keinen Fall.

Eines Sonntags verhielt ich mich aus irgendeinem Grund nicht so still - ich glaube, meine Schwester und ich spielten Daktari, sie den schielenden Löwen Clarence und ich Schimpansendame Judy. Um wenigstens Judy ruhig zu kriegen, lenkte mein Vater meine Aufmerksamkeit auf ein Haar, das ich verloren hatte. Er nahm es, hielt es hoch und sagte mit leiser Stimme: „Guck, ein Haar von Dir, wie lang es ist! Bestimmt war es sehr lange bei Dir, Monate, vielleicht sogar Jahre… Was ihr alles gemeinsam erlebt habt!… Dieses Haar war mit Dir in Italien, zusammen habt ihr schwimmen gelernt… Es hat Dich an deinem ersten Schultag begleitete… Es hat mit Dir gelacht und geweint… Und nun hast Du es verloren und hättest das beinah nicht mal gemerkt.“ Ich lag ganz still, lauschte Papas Worten und fühlte mich plötzlich hundeelend.

Von dem Zeitpunkt an bewahrte ich alle verlorenen Haare auf. Der Länge nach geordnet legte ich sie in ein mit dunkelblauem Samt ausgeschlagenes Kästchen, das meine Mutter nicht mehr brauchte, seit sie Zuchtperlen großbürgerlich fand. Meine Welt war fast wieder heil. Eines Tages jedoch fiel Mama mein Kästchen beim Saubermachen herunter, und wenig später verschwanden meine Haare in ihrem neuen, weinroten Rowenta-Staubsauger. Ich brüllte wie am Spieß. Stunden, Tage, ich ließ mich nicht beruhigen. Meine Eltern versuchten es mit allen Mitteln der modernen Pädagogik, schließlich mit klassischem Arschversohlen. Nichts half.

Ein Kinder-Psychologe wurde konsultiert. Er machte ein sehr besorgtes Gesicht. Nach eingehender Überlegung vermutete er ein sexuelles Motiv, das er dringend im Rahmen einer analytischen Therapie zu bearbeiten empfahl. Von sexuellen Motiven hielten meine Eltern dann doch nicht so viel. Ich bekam einen Friseurtermin. Mit einem Kurzhaarschnitt, meinte Papas Parteigenosse Wilfried, der immerhin Arzt war (Zahnarzt), wäre die emotionale Bindung, die ich zu dem einzelnen Haar aufbauen könnte, nicht so stark. Meine emotionalen Bindungen wurden auf 1 Zentimeter verkürzt. Und um nicht so oft zum Friseur zu müssen, bestellte Mutti die kleine blaue Haarschneidemaschine von Neckermann.

Trotzdem sammelte ich heimlich weiter meine Haare. Bis Oma mir eines Tages erzählte, dass es für verlorene Haare gar nicht schön sei, aufbewahrt zu werden. Und dass ich ihnen ihre Treue besser danken würde, indem ich sie frei ließe, denn dann würde der Wind sie auf eine große abenteuerliche Reise mitnehmen und sie würden eine Menge erleben. Vögel würden meine Haare vielleicht in Baumkronen finden und Nester damit bauen. Kleine Küken würden es darin schön warm haben.

Nice try, Omili. Am nächsten windigen Tag ging ich mit meiner Haarsammlung auf den Balkon - aber ich brachte ich es trotzdem nicht übers Herz. Genau genommen schaffe ich es bis heute nicht, ein Haar, das mein Leben eine Zeit begleitet hat, einfach dem Wind zu überlassen, sollen die scheiß Vögel doch ihre Nester bauen, womit sie wollen. Zum Ausgleich stelle ich ihnen im Winter ein selbst gebasteltes Futterhäuschen auf, Original-Nachbau des Schulhauses in Hitchcocks „Vögel“, sehr hübsch. Meine Nachbarn halten mich für einen wahren Vogelfreund.