Wenn man sich - wie unlängst - zufällig trifft, ist es etwas ganz anderes. Man ist so hektisch damit beschäftigt, die verfluchten Manuskripte wiederzufinden, die man im Kopf irgendwo unter „Texte für zufälliges Wiedersehen“ abgelegt hat, nur wo, wo, wo verdammt? Wenn man sie endlich gefunden hat, ist es mehr als genug, sich aus dem Stand für eine der 211 Versionen von „peppig/keck“ bis von „Sex und Alkohol zerstört“ zu entscheiden, weil natürlich jede ihre Stärken hat. Und in dem ganzen Stress hat man beim besten Willen keinen Kopf dafür, ihn anzusehen, ihn wieder zu erkennen, seine Augen, seine Zähne, seine Haare, und zuzuhören, was er eigentlich sagt. Man ärgert sich vielleicht noch, dass man morgens zu faul war, die Wimpern zu tuschen. Oder überlegt, wo es in der Nähe ein Etablissment gibt, dessen schlechte Beleuchtung die aufziehende grün-graue Gesichtsfarbe kompensiert. Man ist so damit beschäftigt, seine Gefühle zu verbergen, dass man vor Anstrengung keine hat. Und wenn man gerade so weit ist, wenn man die primären Schocksymptome überwunden hat und wieder atmen, zuhören, sprechen und einigermaßen denken kann... dann sieht man, wie er zum Abschied winkt und geht. Dann ist es plötzlich schon vorbei.
Ganz anders, wenn man ihn zufällig
sieht, nur sieht. Wenn man bei Starbucks hinter der Scheibe steht und seinen Latte dingsbums trinkt, und er geht plötzlich vorbei, so nah, dass man beinahe nach ihm greifen könnte, wenn da nicht diese Scheibe wäre, geht einfach, geht, unterhält sich mit einem Kollegen, geht, lacht, redet, blinzelt, lebt... ohne dich. Und man fühlt sich wie ein Fisch in einem Aquarium, ein Fisch, der in einem früheren Leben ein Mensch war, und draußen schlendert lächelnd jener andere Mensch vorbei, dessen Gesicht man schon hielt, geht mit einem neuen Menschen und einem neuen Leben und dem alten Schal, dem man ihm zu Weihnachten geschenkt hat, lacht und spricht und steuert zu den blöde grinsenden Delphinen. Und schaut nicht mal rüber zu dem Fisch. Dem Flossentier, das einst seine Hand in seiner Tasche wärmte, bevor es, vielleicht weil es als Mensch notorischer Falschparker war oder Sportartikelmilliardär, der T-Shirts zu Billigstlöhnen von Kinder nähen ließ, nach seinem tragischen Unfall als Ogcocephalus darwini wiedergeboren wurde, der hässlichsten aller Seefledermausarten, die nicht mal richtig schwimmen kann, sondern nur unbeholfen über den Bodengrund watscheln, wofür es jetzt von den fettleibigen Prollgören asiger Auqariumsbesucher, die ihre schmierigen Pommesfingerchen an die Aquariumsscheibe drücken, quäkend verlacht wird. Das arme Flossentier.
Wenn man nicht mit ihm spricht, sondern ihn einfach nur sieht wie er da draußen vorbeigeht, dann findet man alles ganz schnell wieder. Dann ist alles plötzlich wieder da.
Zeit, endlich mal gründlich auszumisten.
(Abb.: Ogcocephalus darwini, Ex-Sportartikelmilliardär)
P.S. Von Curd Rock (2004* - ) soll ich ausrichten: Er zieht sich schaffensbedingt mal ein klein wenig zurück. Und bereitet seine große Ausstellung vor. „Curd van Rock – die frühen Jahre“. Man sieht sich bei der Vernissage.