Anleitung zum Entlieben

07.05.2006 um 23:02 Uhr

Jägergruß

von: Lapared

„Und dann?“ sage ich, „und dann, Dick?“

Nachdem ich heute Nachmittag nicht mehr anders gekonnt und mir die ersehnte Bewegung verschafft hatte - Anlauf, Tritt, Umlaufbahn - kommt man ins Gespräch. Geht doch. Neunzehn Minuten hat es gedauert, neunzehn Ewigkeiten, schon nach der ersten hatte ich es bereut.

„Dick, ich kämpfe gerade um Dich, ja, wer hätte das gedacht, ich, die Festung herself, um Dich, den tapferen kleinen Eroberer. Eine Mauer kämpft, was technisch alle möglich ist!“ – „Manchmal muss man etwas erst verlieren, um zu erkennen, was man hatte.“ – „Du klingst wie ein Schlagersänger, doch man könnte es kaum treffender sagen. Nur… Gibts auch einen Schlager darüber, wie andauernd diese Erkenntnis ist? Ich kenne keinen Schlager, in dem es heißt: Manchmal muss man etwas für immer verlieren, denn sonst würde einem nach spätestens zwei Wochen klar, dass bestimmte Erkenntnisse an den Umstand gebunden sind, dass es verloren bleibt. Aber vielleicht gibt es so einen Schlager auch nur deshalb nicht, weil die Zeile für einen Schlager zu lang ist? Vielleicht sie die Zeile aber trotzdem wahr, auch ohne ein Schlager zu sein - und dann?“ – „Hör auf damit…“ – „Ist doch so! Du bist so, ich bin möglicherweise so, wir sind beide Jäger, wir können beide nur wollen und wertschätzen, was wir nicht haben! Weidmannsheil!“ – „Weidmannsdank!“ – „Siehst Du, das kennst Du also, obwohl Dein Deutsch, ich glaube, es ist der ideale Zeitpunkt, es Dir zu sagen, ansonsten manchmal erhebliche Lücken aufwies, von der Tatsache, dass Dir das Wort verheiratet entfallen war, ganz abgesehen.“ – „Ich liebe Dich.“- „Im Moment.“ – „Im Moment. Liebst Du mich im Moment auch?“ – „Immer, Schatz.“ – „…“ – „Aber ich weise darauf hin, dass ich gerade um Dich kämpfe, ich kämpfe, da sagt man alles, gerne auch für immer, das muss ich DIR nicht erzählen, also trau mir nicht, trau mir bloß nicht, egal, was ich sage, einem Kämpfer traut man nicht.“ – „Du willst mich verletzen.“ – „Nein, im Gegenteil. Ich will Dich an der Weisheit, gewonnen aus dem wunderbaren Schatz meiner jüngst gesammelten Erfahrungen, teilhaben lassen. Selbstlos, großzügig will ich Dich lediglich vorm Schlimmsten bewahren. Ich kämpfe, glaub mir kein Wort, Dick. Ich kämpfe nur.“ – „Ich bedeute Dir mehr, als ich dachte.“ – „Ja, das möchte man darin sehen, wenn jemand kämpft, nicht wahr? Das wollte ich bei Dir auch darin sehen. Kann sein, muss aber nicht.“ – „Kann reicht mir. Mehr als kann, kann ich Dir auch nicht bieten. Im Moment. Wir sind uns beide unsere Gefühle nicht sicher.“ – „Aber man sagt ja, dass Gemeinsamkeiten für eine Beziehung das Wichtigste sind.“ – „Sagt man das? Dann sind wir ja auf dem besten Weg, hm?!“ So gesehen...

So gesehen schaffe ich es heute Nacht ja vielleicht wirklich mal zu schlafen. Verkehrt wär´s nicht. In der Agentur habe ich heute - um den an sich sehr netten CD zu zitieren - "ein wenig enttäuscht". Er wird einen Weg finden, mit seiner Enttäuschung umzugehen - wie wir alle, gell? Er wird ein bisschen zaudern und zögern, aber dann wird er dem Artbuying ein Post-it schreiben: L. buchen wir nicht mehr. Er wird darüber hinweg kommen.

07.05.2006 um 13:43 Uhr

Warten

von: Lapared

Ich bin kein Held des Wartens. Nichts tun ist das, was mir am schwersten fällt. Ich weiß, ich sollte die Füße still halten und an Oma denken, die immer sagte „Kind, der wird schon wieder ankommen.“ Vielleicht, Omili, bestimmt. Aber meinst Du nicht, es ist besser, wenn ich ihm einen Wagen schicke?

Er hat gesagt, ich soll warten. Er hat mich darum gebeten. Er hat sein „Ich verlasse Dich“ zurückgenommen und „Ich weiß es nicht“ gesagt. „Ich weiß es nicht, ich bin krank, ich bin durcheinander“. Och je. Ein „Ich verlasse Dich“ kann man nicht zurücknehmen. Das bleibt. Das bleibt, auch wenn man wieder zusammen ist. Wäre. Es gesellt sich schamhaft geneigten Hauptes zu den anderen „Ich verlasse Dichs“ die unterm Sofa hausen und sagt: „Tach, ich bin das Neue!“ – „Hast Du sie fertig gemacht?“ fragen die anderen, zum Teil noch jünger und gut bei Kräften, zum Teil schon alte, zahnlose Veteranen. „Nee, noch nicht, meine Zeit kommt noch!“ brüstet es sich. – „Schwächling“, lästern die anderen. "Ihr werdet schon sehen“, denkt das zurückgenommene "Ich verlasse Dich" und kugelt sich in die Ecke. Wo waren wir? Warten…

Ich bemühe mich, das auszuhalten. Zweifel sind erlaubt, wer wüsste das besser als ich, der 6,9-Monatszweifler (ja, das Phänomen des paradoxen Synchrongesangs von „Ich verlasse Dich“ und „Ich will Dich“ ist auch noch nicht erforscht - man weiß nicht, wo man zuerst anfangen soll.) Also warten…

Kennt der mich nicht? Ich bin es doch, Laparetti Controletti! Ohnmacht halte ich nicht aus, dafür bin ich einfach nicht gebaut, so gut müsste er mich kennen! Wenn ich ihn schon zu nichts bewegen kann, bewege ich mich wenigstens selbst. Ich nehme Anlauf, ich hole aus… und trete ihn zurück in seine traute eheliche Umlaufbahn. Hach, wie gut so ein bisschen Bewegung tut.

Leider weiß ich, dass sie nur in dem Moment gut tut, nur in dem Moment, ich dem ich irgendwas, irgendwas tue. Danach wäre alles noch schlimmer.

07.05.2006 um 01:33 Uhr

Ratter ratter

von: Lapared

Und um noch mal auf die Reinterpretation von sieben Monaten Verhalten zurückzukommen, von sieben Monaten Worten, sieben Monaten Gesten, sieben Monaten Blicken… von sieben Monaten Beziehung vorm Hintergrund einer nicht ganz unbedeutenden neuen Information... Tja, das ist eine Menge Holz.

Ich fürchte, das wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen. Aber ich weiß, dass es langsam weniger werden wird (das auch als Aussicht für den strapazierten Leser). Dass aus der Ganztagsbeschäftigung allmählich eine Halbtagsbeschäftigung wird, eine stundenweise Beschäftigung… bis es schließlich keine Beschäftigung mehr ist, sondern nur noch ein Gedanke dann und wann. Oder, noch besser weil kürzer, ein Gedankenblitz. Man sieht ein Antihaarbruchshampoo, das man irgendwoher kennt, und plötzlich fragt man sich, ob das wohl ihr´s war, denn seine Haare waren nicht gespalten (die zumindest nicht), und ein kurzes Gefühl der Genugtuung durchströmt dich, dass sie zwar deinen Mann hat aber möglichweise auch Spliss.

Ich weiß gar nichts von ihr. Ich weiß nicht mal welche Haarfarbe sie hat. Er hat mal gesagt, dass ich eigentlich gar nicht sein Typ wäre, dass er mehr auf dunkel steht, deshalb vermute ich, sie sind braun oder schwarz. Ich habe im ganzen Haus nicht ein Mal ein Haar gefunden. Im Badezimmer lag ein Kamm, keine Bürste, alles war pikobello sauber, vor jedem Besuch hat er drei Tage geputzt. Er sagte: „Das tue ich für Dich, Schatz. Weil ich weiß, dass Du es gerne sauber hast.“ Und ich habe ihn dankbar angestrahlt und geküsst, ich weiß, was sich gehört.

Das ist das Eine. Aber so einfach ist es nicht. Man sieht nicht nur schöne Dinge in einem völlig neuen Licht. Bläst sich auf in gerechter Empörung und schmettert einmal mehr: der blöde Arsch. Man sieht auch Dinge, die man damals schrecklich fand. Unter aller Sau. Man sieht sie und versteht sie. Sein Fordern, sein Drängen, seine ständigen SMS. Ich dachte doch immer, Mein Gott, was ist los mit dem Kerl, was stimmt da nicht, warum geht der so aufs Gas? Spricht von heiraten, von Haus und Hund und Kindern (umd grüm Badezinnerchem!), mir muss man so was nicht erzählen, um mich ins Bett zu kriegen (mich schom!), mich hat das eher abgeturnt (nmich nicht!), also warum?

Ich hatte meine Theorien, ich glaub, ich hab es damals auch geschrieben. Da war die Jäger-Beute Theorie (die nicht nur das plötzliche Desinteresse sondern auch die an sich unfunktionale Hetze erklären würde), die abnorme Neigungstheorie (eine Vorliebe für mature Damen, vor der er vielleicht flieht), die schwule Neigungstheorie (sexuelle Unentschiedenheit, vor der er vielleicht flieht), ich wusste ja nicht, dass die Neigung, vor der er wirklich flieht zwei Beine hat. Haare, deren Farbe ich nicht kenne. Augen. Ich wusste nicht, dass die Neigung keine Neigung ist, sondern Liebe. 24 Jahre Liebe, die er durch die akute Verliebheit vielleicht eine Zeit nicht mehr gespürt hat, aber von der er ahnte, dass sie da ist, die er im Dunklen atmen hörte, und was, wenn sie aufwacht, was dann?

Nichts, mag man denken, weiter machen, seine Olle hat ja nichts gemerkt. Aber darum geht es nicht. Für ihn war das kein praktisches Problem.

Es wäre so einfach, sich zu entrüsten, und Lügner Lügner zu brüllen. Einfach, gesünder, und wahrscheinlich viel besser für mich. Aber erstens habe ich, da wird mir niemand widersprechen, es nicht gerne einfach, ich bevorzuge es schwierig, langatmig und kompliziert. Und zweitens. Zweitens glaube ich nicht, dass er mich nur belogen hat. Ich glaube nicht, dass er nur mich belogen hat, so rum ist vielleicht richtiger.

Immer wieder hat er gesagt hat, dass er mich liebt, immer wieder, man, ging mir das auf den Sack! Und dazu stets sein tragischer Blick! Wahrscheinlich stimmt es, dass er es in dem Moment, in dem er es gesagt hat, auch selbst geglaubt hat. In jedem einzelnen. Aber ich denke, nicht mir hat er das immer wieder auf´s Neue versichert, sondern sich. Sich selbst hat er versucht zu überzeugen. Sich selbst hat er versucht weiszumachen, dass er mich liebt. In Wirklichkeit liebt er seine Frau. Man, geht mir das auf den Sack.

Macht es nun einen Unterschied, ob er mich oder sich selbst belogen hat? (Oder mnich!?) Ob er durch sein Klammern mich festhalten wollte oder sich? (Mihc!)

Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben.