Anleitung zum Entlieben

05.06.2006 um 21:35 Uhr

Die Heilkraft der Provinz

von: Lapared

Die Glocken läuten und man sieht die beiden Kirchtürme, ein herrlicher dicker katholischer und ein ziemlich in die Hose gegangener protestantischer, von denen einer – oder machen sie das hübsch einvernehmlich gemeinsam? - für die Ruhestörung verantwortlich ist. Man schaut über verschachtelte, bemooste Dächter, grau-grün mit Taubenkacke, dazwischen, sehr eng, ab und zu die günstige orange Baumarktschindel, wenn die sogenannten „jungen Leute“ im Garten der Alten dörfliche Neubauarchitektur verwirklicht haben. Fachwerk, ganz viel Fachwerk, unerträglich niedlich. Dazu ein bisschen historisches Protzwerk der gehobenen Geistlich- und betuchten Weltlichkeit. Alte Kastanienbäume, gerne alleemäßig um geschichtsträchtiges Kopfsteinpflaster. In Gärten Birnbäume, bitte, Birnbäume! Und der ganze Stolz: Schmuck überwucherte Wallruinen und wehrhaftes Steingetürme aus Zeiten, als es hier noch was zu verteidigen gab. Der Charme einer ehemals reichen Hansestadt, die heute nichts ist als ein Nest voller Friseure. Unglaublich, allein beim ersten Rundgang habe ich 12 Friseure entdeckt und ein Rundgang dauert hier nur 10 Minuten.

Und trotzdem finde ich es bezaubernd hier, im ersten spontanen Entzücken konnte ich mir sogar vorstellen, hier zu leben, inzwischen geht es mir besser, die Denkfunktionen normalisieren sich, das Entzücken wandelt sich langsam in Beklemmung aber noch lange nicht in Entsetzen, ich genieße die heilsame Ruhe der Provinz.

Und die unendliche Wohltat eines Menschen, der mich kennt, so lange ich auf der Welt bin, und mich liebt, egal wie viel Blümchen ich dort pflanze oder wie viel Blut ich vergieße. Kaum zwei Tage hier und es gibt lange tränenfreie Abschnitte und sogar Momente ganz ohne jeden Dick. Etwa, wenn ich mit meiner Schwester wegen der Krümel streite - sie hasst es, wenn sie neben dem Teller auf den dekorativen IKEA-Untersetzern landen und da bin ich, der Kenner weiß es, massiv lockerer, da liegen sie und ich trotz gleicher Gene weit, weit, weit auseinander, zwanzig wenn nicht dreißig Zentimeter, mich stören Krümel erst, wenn sie auf den Fußboden fallen - jedenfalls, in solchen Momenten denke ich nicht an die Katastrophe, die aussieht wie eine Katastrophe, und von der wir alle wissen, dass sie eigentlich keine ist. Selbst wenn ich schönere, traurigere, tiefere Worte finden könnte. Selbst wenn ich mich tragischer oder anspruchsvoller oder aufrichtiger entblößen könnte - oder ergreifender. Selbst wenn ich mich umbringen würde... Es wäre keine Katastrophe. Es sähe nur so aus.

Aber über Curd Rock möchte ich noch berichten: Er schreit wie am Spieß nach seinem Bären, er stampft mit seinen anmutigen kleinen Füßchen und will zurück auf seine Couch. Obwohl er sich natürlich kaum etwas anmerken lässt, sobald die Kamera auf ihn gerichtet ist. Relativ gesehen, kaum etwas...

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