Anleitung zum Entlieben

23.07.2006 um 20:22 Uhr

Wo ist der Knopf?

von: Lapared

Ich finde den Knopf nicht. Ich weiß nicht, wo man das wieder ausstellt. Gestern habe ich wegen Nichts, eigentlich wegen Nichts, angefangen zu heulen und seitdem nicht wieder aufgehört.

Es ging los, als ich die Regale ausgeräumt hab. Dick hat doch Regale gebaut. Für seine Sachen. Als ich Freitagabend nachhause kam, hatte er die ganze Wohnung umgestellt und meine Sachen darin verstaut. Seine standen weiterhin auf sieben Taschen verteilt - immer allzeit abreisebereit bleiben! - in der Nothaltebucht. Womit die Nothaltebucht jetzt also als Gepäckzimmer dient und eine In-Angst-halte-Bucht geworden ist. Wie gesagt, der 7. Sinn.

Ein Wort über Regale. Ich hasse Regale. Ich betreibe gerne Hochbau mit meinen Sachen, entlang der Wände meiner Wohnung türmen sie sich und sehen aus, wie die Skylines großer Städte, wie New York oder Hongkong oder Istanbul, nicht immer schön, gar nicht immer funktional, aber über Jahre gewachsene Architektur mit eigenem Gesicht und Zeitzeugen der Geschichte. Meiner Geschichte. Also: Ich türme mein Hab und Gut gerne auf. Oder ich stelle es in den Schrank. So oder so, rein oder raus. Aber Regale finde ich halbsteif.

Egal. In einer Beziehung muss man Kompromisse machen. „Wow, Regale!“, flöte ich, „endlich sieht´s hier mal ordentlich aus!“ Scheiß auf meine Geschichte, es beginnt schließlich eine neue Ära, die Ära Wir. Und in der Wir-Ära ist, das schwant mir allmählich, ist halbsteif nicht das Schlechteste.

Aber dann... Samstagmittag wollte ich kurz vor Ladenschluss noch schnell zum Getränkemarkt fahren. Ich griff nach meinen Autopapieren, die sonst stets auf dem 89th Floor der Chryslerbuilding im Manhatten meiner Ablage lagen. Aber das Chryslerbuildung existiert nicht mehr. Ich suche in den Regalen nach dem Chrysler-Brett, auf das es evakuiert worden ist, und stelle fest, es gibt kein Chrysler-Brett.Was einst Chrylerbuilding war, ist offensichtlich in sämtliche Einzelteile zerlegt und nach einem System, das ich nicht begreife, über verschiedenste Bretter verteilt worden. Ich schaue mich um... auch kein Empirestatebrett, kein Chinatownbrett, von meinen Türmen und Türmchen ist nichts mehr da, kein Stein – bzw. kein Buch, kein Schuhkarton, kein Magazin – steht mehr auf dem anderen. 11. September im Hause Lapared.

Aber ich sage immer noch nichts. Wir-Ära, da passiert so was schon mal.

Schließlich entdecke ich die Wagenpapiere. Sie liegen direkt neben Kiste 119, einer alten Plätzchenkiste, in die ich alles verfrachtet habe, was mich an die Nicht-Wir-Ära mit 119 erinnert. Und die vorher irgendwo in der Bronx in einer dunklen Tiefgarage stand. Ich sehe Rot. Wie kommt er dazu, alles anzufassen? Hat er hinein geschaut? Was fällt ihm ein?

Das war gestern um fünf. Wortlos begann ich, die Regale wieder abzuräumen. Brett für Brett. Und plötzlich fing ich an zu heulen.

Wo ist der Knopf?