Anleitung zum Entlieben

25.07.2006 um 22:22 Uhr

Die Nudelschleuder

von: Lapared

„Du hast WAS?“ fragt meine Schwester ungläubig. „Ja, ich weiß“, sage ich, „das kannste echt niemandem erzählen…“. – „Du hast vor Wut die Teetasse an die Wand geschleudert?“ – „Die Nudel! Der Tee war nur ordnungswidrig drum rum...“ – „DU? Du... LAMM!“ – „Es war Süßholzwurzeltee...“ – „Und noch dazu bis Du Westfale, nicht Brasilianer!“ - „Es war die Küchenwand, die ist abwaschbar.“ – „Trotzdem, das bist nicht mehr Du! Du frisst oder hungerst oder säufst, Du bist unfreundlich zu Dir aber nicht zu Geschirr!“ – „Es war die blaue Blechtasse, der macht das nichts.“ – „Aber warum? Er ist gefahren, und? Das wolltest Du doch!“ – „Ja, aber vorher hat er noch schnell mal eben Schluss gemacht! Campingtest eins, Wohnungstest ungenügend: durchgefallen! Einmal anbrüllen und schon: aus die Maus!“ – „Na ja, so kennt er Dich eben nicht, er stand vielleicht unter Schock!“ – „Ich wollte doch nur mal ein bisschen allein sein…und zack, verlässt er mich! Mir war es nach all diesen Wochen einfach etwas zu viel… und zur Strafe krieg ich gar nichts mehr!“ – „Aber er hat doch nach zehn Kilometern schon wieder angerufen und sich entschuldigt.“ – „Das wusste ich aber noch nicht, als ich die Nudel an die Wand geschleudert habe!“ – „Er macht doch nur Theater, er haut nur ein bisschen auf den Putz. Er hält Dich künstlich in Unsicherheit, denn so hält er Dich klein. Aber in Wahrheit kann er Dich gar nicht verlassen. ER kann das nicht.“ – „Ich weiß nicht... Ich glaube, er ist wirklich wackelig, ich glaube, er ändert seine Meinung alle zehn Kilometer, ich glaube, er kommt vielleicht nicht wieder.“ – „Denkst Du? Und er freut sich schon auf den wie stets fantastischen Erleichterungsfick, wenn er es doch tut.“

So verlockend die Aussicht auf hemmungslosen Sex mit einer erleichterten, dankbaren, fast-vierzigjährigen Beinahe-Verlassenen für ihn auch sein mag... Es war ein wirklich böser Streit. Ich war wirklich böse. Jemand hat an früherer Stelle, als ich schon mal sehr böse zu ihm war, kommentiert: "Das muss das Boot abkönnen!" Das stimmt. Man muss sich auch mal anschreien dürfen. Man muss auch mal genervt sein dürfen. Man muss auch mal ein Arschloch sein dürfen, ich weiß. Aber an früherer Stelle war das Boot noch nicht verheiratet. An früher Stelle hielten wir alle das Boot noch für ein Schlachtschiff und nicht für einen Vergnügungsdampfer, nicht wahr? Die Bismarck hätte das abgekonnt, aber ob die Lorelei das kann?

Und die gute Nachricht ist: Im Moment bin ich so erschöpft, im Moment bin ich nach all dem Theater so froh, meine Ruhe zu haben, im Moment bin ich vom ganzen Angst haben und kämpfen und Mühe geben so müde, dass ich beinahe sagen möchte: es ist mir abso-fucking-lut egal.

25.07.2006 um 00:30 Uhr

Die Nudel

von: Lapared

Der Knopf wurde gefunden und war eigentlich kein Knopf sondern ein Elefant. Einer von dieser aufgeblasenen Sorte Elefanten, die in den Laparedschen Breiten sehr verbreitet ist, weil sie sie selbst aus Mücken macht.

Ich hatte etwa zwanzig, dreißig Stündchen so vor mich hingeheult. Anfänglich noch mit der gebotenen inneren Anteilnahme, später beiläufig routiniert (als hätte ich eine angeborene körperliche Dysfunktion, Felixsches Tränendrüsenflimmern oder so) und seelisch quasi unbeteiligt. Heulend habe ich die Regale aus- und wieder eingeräumt, habe versucht, meine Unordnung wieder herzustellen, begriffen, dass das nicht ging, und am Ende stand ich vor diesen sterilen, funktionalen Neubauten und dachte... scheißegal. Ist doch scheißegal.

Dick - nachdem ihm rasch klar geworden war, dass mein Heulen keinesfalls eine Aufforderung zum in Pärchenkreisen sonst sehr populären „Was hast du denn?“ – „Nichts!“ – „Aber wegen nichts, heult man doch nicht“ – Tango war, hielt sich erstaunlich zurück. Ich wollte wirklich, wirklich, wirklich nicht darüber reden. Dieses ständige Reden, sich erklären und gegenseitig erforschen... ich war es so leid. Ich wollte einfach nur in Ruhe heulen. Aber dann kam die Mücke.

Dick hatte gespült. Mit dieser gewissen männlichen Großzügigkeit, die Frauen viel zu häufig veranlasst zu sagen: „Lass Schatz, ich spüle gern!“, weil sie es lieber gleich machen als hinterher noch mal. Und plötzlich schwimmt da diese Nudel in meinem Tee. Eine dick aufgequollene Nudel vom Mittagstisch, die ihren Weg wahrscheinlich über das Spülwasser in meine Thermoskanne und von dort in meine Teetasse gefunden hatte. „Schatz?“ frage ich, „Spülst Du das Geschirr eigentlich noch mal mit klarem Wasser nach, wenn es im Spülwasser war?“ Und er: „Lchen... Ich spüle! Ich spüle auf meine Weise! Ist das nicht gut genug? Menschen haben ihre eigene Handschrift bei den Dingen, die sie tun!“

Und plötzlich höre ich mich schreien. Ich höre mich brüllen. Ich brülle, dass eine Nudel im Tee keine Handschrift ist sondern eine Sauerei. Und dass er die gerne in seiner eigenen Wohnung kultivieren kann aber nicht bei mir. Und dass ich es leid bin. Leid, leid, leid, leid, LEID! Dass er mir auf die Nerven geht. Dass ich allein sein will. Dass er fahren muss, sofort.

In der Spiegelung des Küchenfensters sah ich mein wütendes Gesicht und dachte: wie unvorteilhaft. Aber mit Erstaunen stellte ich fest, dass das Heulen gestoppt hatte.