Anleitung zum Entlieben

05.08.2006 um 23:39 Uhr

Nachtrag

von: Lapared

Natürlich lag es nicht nur am Blogschreiben. Auch meine anderen Methoden, mich zurückzuziehen, haben ihn verletzt. Als ich zum Beispiel wieder mal ein paar Tage für mich sein wollte. Wenn ich mal alleine in die Sauna gehen wollte. All diese kleinen Rückzüge, die ich mir in den ersten Wochen des Kämpfens und Liebens und Kämpfens nie gestattet hättet, mir zuletzt aber, weil ich schlicht nicht mehr konnte und außerdem glaubte, wir seien so weit, ein bisschen Frieden und Sicherheit wären eingekehrt, vorsichtig wieder traute, dieses typisch Lapared´sche Abgrenzen... das hat ihn verletzt. Berechtigt oder nicht (denn darum geht es ja gar nicht, darum geht es nicht!), es hat ihn verletzt.

Aber auch davon hat er nichts gesagt. Auch er war müde von all dem Kämpfen. Stattdessen sagte er: Es ist okay, Schatz. Und beschloss, mich zu verlassen.

Und ich, ich lebe jetzt im Hotel. Die Wohnung, in die ich noch vor wenigen Tagen manchmal nicht gehen wollte, weil ER dort war, jetzt ertrage ich sie nicht, weil er nicht dort ist.

Wer hätte gedacht, was? Wer hätte geahnt, dass ausgerechnet Dick, Camping-Dick, mich irgendwann zwingen würde, ins Hotel zu gehen?

05.08.2006 um 23:29 Uhr

What kind of Blogger?

von: Lapared

Als ich der lieben, klugen und auch sehr leiderprobten Frau D. erzählte, was passiert ist, hat sie mir diesen Cartoon geschickt.

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Eine spannende Frage: What kind of blogger bin ich?

Und im Zusammenhang mit dem jüngsten Weltuntergang durchaus relevant, denn Dick hat mich genau dessentwegen verlassen, was ich gerade tue: wegen des Blogschreibens. Halten wir also eine Minute inne und gewahren wir, dass dieses billige, kleine Lesevergnügen hier die pathologisch selbstdarstellungsbemühte, aber trotzdem doch irgendwie sympathische Autorin das Wertvollste gekostet hat, was sie glaubte, zu besitzen.

…siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, Danke.

Tja, so ein Schiete. Aber so ist es. Das immerhin hat er noch für mich getan. Nach etwa 215 Mails, 178 AB-Botschaften und sogar 3 SMS, nach Anrufen bei der Polizei und in Krankenhäusern (die Autorin leidet ebenfalls an Selbstüberschätzung und kann sich vorstellen, dass sich jemand ihretwegen etwas antut), nach einer schlaflosen Nacht und einem Gau am darauffolgenden Tag in der Agentur, erhielt ich eine Mail. Und weiß jetzt wenigstens warum.

Und kann ihn verstehen.

Es hat ihn verletzt, dass ich, nachdem er, als die Ferien zuende waren, zu mir gekommen war, wieder mit dem Blogschreiben begonnen habe. Dass ich darauf nicht verzichten konnte, obschon er so viel für mich aufgegeben hatte. Dass ich mir dafür Zeit nahm, und gleichzeitig für ihn beinahe gar keine mehr hatte. Dass ich dort der ganzen Welt erzählte, was eigentlich nur uns, ihn und mich, betraf. Das Intimste, und nicht mal anonym, weil es auch Menschen gibt, die uns kennen, die das Blog lesen können. Freunde von mir und – die Vögelchen – Freunde von ihm.

Irgendjemand, der das nicht versteht?

Also, warum tue ich das? Warum um alles in der Welt tue ich das? „show? selbstmitleid? profilierungsdrang gekoppelt an aufmerksamkeitsdefizit?“, wie ein besonders begeisterter Leser jüngst im Gästebuch spekulierte? Will ich von Menschen geliebt werden, die ich gar nicht kenne - möglichst vielen - und verkaufe dafür den einen, den wunderbaren Menschen, der mich liebt? Und wenn ja, warum? Weil ich mich lieber in steigenden Leserzahlen räkle als in immer denselben langweiligen zwei Armen? Weil ich lieber in Beliebtheitsranking ganz oben stehe als neben einem Mann, den ich liebe, vor hurra dem Traualtar? Oder viel einfacher: Weil jener eine in meiner Küche rumkrümelt und die vielen anderen nicht?

Genau. Ich armselige, kleine Sau.

Und nach dieser wie stets charmanten, kalkuliert entwaffnenden Selbstkasteiung darf ich Folgendes vielleicht auch noch erwähnen:

Ja, ich kann Dick verstehen. Ich finde es absolut nachvollziehbar, was er fühlt. Aber was ich nicht verstehe: Ich habe ihn gefragt, ich habe ihn um Erlaubnis gebeten, wieder Blog zu schreiben. Und er weiß, wie und worüber ich schreibe - nicht nur von den Vögelchen - als wir zelten waren, habe ich ihm einen ganzen Monat ungekürzt und unredigiert vorgelesen. Das Original. Das war ganz schön Arbeit, da gab es Einiges zu erklären, denn – auch wenn das jetzt für viele ein riesiger Schock sein mag – nicht alles stimmt, was ich schreibe, besser gut gelogen als aufrichtig gelangweilt, sage ich mir manchmal, und so musste ich mit Dick erstmal Dichtung und Wahrheit auseinander puzzeln und auch jene heiklen Stückchen Wahrheit anfassen, die sich manchmal in der Dichtung verbergen. Aber wir haben das geschafft. Einen ganzen Monat. Und am Ende sagte er, ich solle unbedingt weiter machen, er wolle es nicht mehr lesen (Banause!), aber ich müsse auf jeden Fall weiter schreiben.

Einmal, daran erinnere ich mich, hat er gesagt, dass es "nett wäre", wenn ich ihm erzählen würde, was ich schreibe. Vor zwei Wochen ungefähr, wir lagen gerade friedlich auf dem Sofa. Ich dachte, friedlich. Und so dachte ich auch: ja sicher, sicher wäre das „nett“, aber ich kann und muss nicht IMMER nett sein. Ich gebe ihm doch sonst schon alles. Ich verzichte auf mein geheiligtes Alleinsein, ich überlasse ihm den Gazastreifen, mein Wohnung, ich vergesse alle Ambitionen, den Traum vom Buch- oder Drehbuchschreiben und scheiße stattdessen Kleinwagenspots so viel und schnell ich kann für unser großes Haus. Und nun muss ich auch noch die Gemeinheiten meines Blogs preisgeben?

Ich dachte, wenn ich ihm erzähle, was ich schreibe, haben wir jeden Abend Diskussionen, dann ist das Blog für mich nicht mehr das, was es tatsächlich ist: Ventil für die bekloppten Aggressionen, mit denen ich leider stets auf Unbekanntes reagiere. Eine Hilfe, die Dinge neu zu beleuchten und mit Abstand und Humor darauf zu schauen. Psychohygiene, Katharsis und – pardon - Kotztüte, das alles könnte das Blog nicht länger sein, wenn ich ihm erzählen würde, was ich schreibe. Dann nicht mehr. Dann würde das Schreiben Teil unserer Beziehung und wäre nicht länger meine eigene Rückzugswelt.

Denn das ist es, eine Rückzugswelt. Bei aller unbestrittenen Eitelkeit und Krankhaftigkeit, die mir jede „luzi“, der es wohl tut, gerne unterstellen darf, weil meiner Rückzugswelt eben jene paradoxe Besonderheit anhaftet, dass sie öffentlich ist. Ein Blog. Zu lesen für die ganze Welt, aber von der Person, um die es geht, besser nicht. Womit, guck an, auch unsere kleine Ausgangsfrage beantwortet wäre. Ich bin, ta-ta:

Neurotic blogger. The love of my life is such an asshole.

Nichts desto trotz war er doch the love of my life.