Anleitung zum Entlieben

30.09.2006 um 20:30 Uhr

Post von Ruth

von: Lapared

Irgendwann gab es doch mal diese Idee, den Spieß umzudrehen und eine Hilfsorganisation zu gründen, die dafür sorgt, dass Familien aus der sogenannten dritten Welt die Patenschaft für einsame Großstadtsingles in der ersten Welt übernehmen. Ich glaube, es war in irgendeiner Comedyshow. Ich hab nur noch diese Bilder im Kopf, auf denen sich 20-köpfige Familien vorm einzigen Computer des Dorfes versammelt haben, um sich - aufgerüttelt von den Appellen der Hilfsorganisation - durch die Fotos der bedauernswerten Singles zu klicken und vielleicht einen Glücklichen auszuwählen, für den sie die Patenschaft übernehmen und der sie mal besuchen darf.

Das fiel mir wieder ein, als ich heute Post von Ruth bekam. Ruth ist, ich weiß nicht, ob ich es mal erzählt habe, mein Patenkind aus Uganda. Sie ist neun Jahre alt, sieht aus wie Asamoah und will Ärztin werden. Ich denke nicht, dass sie viel von dem Geld bekommt, dass ich jeden Monat spende, es fließt, wenn ich Glück habe, größtenteils in ein gemeinnützige Projekt in ihrem Dorf, wenn ich Pech habe, finanziert es einem angestellten Sozialpädagogen der Organisation die Selbstgedrehten. Aber ganz gleich, wieviel von den 25 Euro pro Monat letztlich bei Ruth landet, als Patenkind ist sie immerhin wer. Obwohl ein Mädchen, obwohl eines von vielen Kindern, weder das Älteste noch das Jüngste, sondern eins irgendwo dazwischen, ist sie wichtig und bringt ihrer Familie Ansehen, auch ohne dass sie mit 9 bereits versprochen ist. Das finde ich gut. Und von Zeit zu Zeit schicke ich ihr Päckchen mit Sachen, mit denen sie richtig angeben kann, zum Beispiel ein T-Shirt, auf dem vorne „Ruth“ steht. Sie schreibt dafür Briefe mit kleinen Gemälden unter denen „I love you“ steht. Und mit denen ich angeben kann.

Heute habe ich also wieder mal einen Brief bekommen. Heute allerdings ohne Gemälde.„Dear Lpunkt“, schreibt sie ganz erwachsen, „I hope you are fine, I hope your husband and your children are fine, too. I love you. Ruth.“ Husband? Children? Wie kommt sie nur darauf? „Dear Ruth“, schreibe ich umgehend zurück,“thank you very much for your letter, we are all quite fine. I hope you and your family are fine, too. Merry Chrismas Lpunkt.“ Zusammen mit dem Weihnachtspaket bringe ich die herzlichen Zeilen gleich zur Post, ein bisschen spät, denn die Post dauert zwölf Wochen.

Soll ich ihr etwa erzählen, dass ich weder husband noch children habe? Das wäre in ihrer Welt undenkbar, die schlimmste Armut, die einen Mensch treffen kann, und bei meinem Alter muss ich noch froh sein, wenn sie nicht nach Enkeln fragt. Kommt gar nicht in Frage! Für 25 Euro im Monat will ich mich gut fühlen. Ich will mich meines Mitleids erfreuen, nicht bemitleidet werden. So weit kommt es noch...


29.09.2006 um 22:46 Uhr

Lapared im Käseladen

von: Lapared

Unten im Haus ist doch ein Käseladen. Er öffnet um zehn und schließt um acht, deshalb schaffe ich´s bei aller Liebe zum Käse seit Wochen nicht dort hin. Was keine allzu Tragödie ist, ich gehe einfach mit meinem Butterbrot ins Treppenhaus und atme tief durch, schon ist es ein Käsebrot.

Heute allerdings, nach ruhmloser Beendigung meines Quarkengagements, fand ich die kleine Stinkparzelle noch geöffnet, als ich nach Hause kam. Ich also rein. Der Besitzer ist ein Hüne von Mann mit einer Nase, die in der Form einem Murmelsäckchen ähnlich sieht und in der Farbe dem Ayers Rock im Abendrot. Vom Saufen, schätze ich, und stelle mir immer vor, wie er mit seinem alten Pick up durch die französiche Provinz schaukelt, von einem kleinen Bauern und guten alten Freund zum nächsten, und den Käse stets bei einem kräftigen Glas Rotwein kostet, bevor er ihn kauft. Wahrscheinlich fährt er Samstagmorgens wie alle mit einem Passat Variant in die Metro und säuft abends in seiner Souterrainwohnung Astra, aber das will ich nicht wissen. Ich mag ihn.

Also, ich drin. „Mensch, Dich hab ich aber lange nicht gesehen!“ Er duzt jeden und niemand, selbst ich nicht, käme auf die Idee, ihm das übel zu nehmen. „Tja, Du weißt doch, so oft komm ich nicht in die Gegend!“ Und niemand, selbst ich nicht, käme auf die Idee, die Vertraulichkeit nicht herzlich zu erwidern. „Aber Deinen Freund sehe ich ja öfter...“ Meinen Freund? Sind Sie betrunken? „…den kleinen Holländer!“ Mir wird ganz schummrig von dem Käsegeruch. Aber gleichzeitig fühle ich mich darin auch wundersam geborgen. „Tatsächlich? Du, dann muss Dein Gouda aber verdammt gut sein, meinetwegen kommt er nämlich nicht. Schon seit Wochen nicht mehr!“ – „Oh, Mensch Du, das tut mir leid, ja, dann ist das wohl doch schon was länger her!“ – „Ja, muss wohl...“ – „Du, der war aber nett!“ – „Ja... das auch.“ – „Na, mach Dir nichts draus, Mädchen, kommste zu mir, ich hab auch Holländer!“ Jeden anderen hätte man dafür erschlagen, ihn nicht. „Ach, weißt doch, ich bin sowieso mehr auf Weichkäse!“ - "Hier, ich pack Dir noch ´ne Ecke Gouda obenrauf!“

Er hat mir tatsächlich ´ne Ecke alten Gouda mit eingepackt. Ich liebe ihn. Gibt es eine reinere Form einem Mitmenschen sein Mitgefühl auszusprechen?

28.09.2006 um 21:24 Uhr

Conrad & Rita

von: Lapared

Und um noch mal auf Olli zurückzukommen.

Es war gestern Nachmittag, wir saßen so da und sannen über Milchprodukte, als mich plötzlich ein Gedanke rammte wie ein Bus. Mir ging auf, dass mir genau vor der Nase sitzt, was die ganz Welt, sofern weiblich, ledig, heterosexuell, verzweifelt sucht: ein attraktiver Enddreißiger, intelligent, witzig, beziehungsfähig, erfolgreich, mit einem großen Herz unter der gepflegten Rauhbeinigkeit und einer gutgeschnittenen Altbauwohnung, die er allein bewohnt, nachdem seine Freundin wegen seiner asymmetrischen Ohrläppchen oder irgendeiner anderen Kleinigkeit, über die WIR natürlich leichterdings hinwegsehen würde, das Weite gesucht hat.

Ich starrte ihn an, es war Woche 12 n.D., und ich fühlte… nichts. Jedenfalls nichts in Richtung latent schwelender oder auch nur deprivationsbedingter Entflammbarkeit. Und ich bin sicher, ihm - obwohl seinerseits in Woche 10 n.C. (nach Carmen) - geht es genauso. Selbst wenn ich die Titten auf die Stirn hätte, würde er mich nicht als weibliches Wesen wahrnehmen. Die Asexualität unserer Beziehung ist geradezu sprichwörtlich, seit Olli, der es liebt, sich für seine Mitmenschen andere als die von ihren Eltern bestimmten Namen auszudenken und in Umlauf zu bringen, mir vor vielen Jahren die liebevolle Anrede Conrad zugedacht und konsequent angewandt hat. Bis mich am Ende selbst unser Chef so nannte.

„Olli“, sag ich, „hast Du eigentlich je daran gedacht, mit mir zu vögeln?“ – „Jetzt, wo Du´s sagst“, sagt Olli.“ – „Und vorher nie?“ – „Doch, vor 10 Jahren auf der Weihnachtsfeier zwischen dem 27sten und 28sten Tequila.“ – „Du brauchst 27 Tequila um mich fickbar zu finden?“ – „Das sind keine zwei Flaschen!“ – „Der Grund ist sicher, dass Du so viel Achtung vor mir hast.“ – „Da kannste einen drauf lassen.“ – „Nee, Olli, im Ernst, warum ist unsere Beziehung eigentlich so komplett unerotisch, wir verbringen so viel Zeit miteinander, das ist doch bedauerlich!?“ – „ Die Ehe ist nun mal unerotisch!“ (Anm.: In der Agentur nennen sie uns das alte Ehepaar) – „Hm. Und sind wir wenigstens glücklich?“ – „Aber klar doch. Conrad.“

Wir denken weiter an Milchprodukte. Aber dann kommt Olli doch noch mal darauf zurück.

„Und Du, denkst Du oft daran, mit mir zu vögeln oder ständig?“ Ich schaue ihn an, er grinst nicht mal und ich beginne mich zu fragen, ob es nicht doch irgendwann Zoom! machen könnte. „Ich weiß nicht, Olli,“ sage ich, „aber ich denke gelegentlich daran, Dir eins auf die Fresse zu hauen.“ – „Na, das ist doch erotisch gesehen schon ein Anfang.“ (An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für den treffenden Kommentar, der da hieß: Hauptsache, es bumst.) „Findest Du? Es wär mir aber lieber, ich würde gelegentlich daran denken, mit Dir zu vögeln, das wäre viel freundlicher...“ – „Hast Du es schon mal mit Tequila probiert?“

Nein. Aber plötzlich kommt mir eine viel bessere Idee. Vielleicht würde es helfen, wenn ich ihn Rita nenne! Es ist wirklich eine verdammt gutgeschnittene Altbauwohnung...


27.09.2006 um 23:01 Uhr

Zoom!

von: Lapared

Ich gebe zu, ich habe dran gedacht. Ich denke, wir alle haben schon dran gedacht. Zumindest diejenigen unter uns, die wie ich nicht die Gnade der späten Geburt erfahren haben. Der Geburt nach der Stunde der Null, der großen Stunde des Klaus Lage. Aber wir, die wir musikalisch darauf eingestellt sind, dass es auch nach Jahren des zwischengeschlechtlichen Gleichmuts immer noch – es tut mir weh, es auszusprechen – „Zoom!“ machen kann, wir haben auch schon mal an die Möglichkeit eines solchen Zoom! zwischen der guten alten Lapared und ihrem treuen Weggefährten Olli gedacht. Oder nicht?

Zoom! das heißt bekanntlich soviel wie auf die Fresse hauen. In seinem unvergessenen Schlager erzählt Klaus Lage die Geschichte jener schmierigen, singenden Qualle, die eine Frau 1000 Mal angrabscht und beim 1001sten Mal kriegt er Zoom! endlich eine von ihr gezimmet. Eine andere, weniger geläufige Theorie besagt zwar Zoom! bedeute soviel wie in Liebe entflammen. Aber angesichts des autobiografischen Bezugs zu Klaus Lage erscheint sie in der Tat mehr als abwegig.

Also, ich gebe zu, heute habe auch ich daran gedacht. Ich habe über die Möglichkeit nachgedacht, dass es zwischen Olli und mir nach all den Jahren doch noch Zoom! machen könnte. Ob im Sinne der gängigen Interpretation des überfälligen Zuhauens oder der Minderheitentheorie des späten Entflammens, ich fürchte, das werden wir heute Nacht nicht mehr klären. Für heute genehmigen wir uns einfach einen späten Martini und gehen ins Bett.

Prösterchen.

26.09.2006 um 22:27 Uhr

Die neue Milde

von: Lapared

„Warum können die nicht wie wir alle zuhause wichsen?“

Eine Frage, die – einige erinnern sich vielleicht - Olli schon eine ganze Zeit beschäftigt.

Nach einem dreistündigen Meeting, in dem mal wieder mehr Häuptlinge als Indianer saßen, Häuptlinge, die sich naturgemäß nicht durch ihre Ideen sondern durch ihre möglichst eloquent vorgetragenen Meinungen zu Ideen profilieren, war es wieder mal so weit.

„Olli“, sage ich, „nun sei doch nicht so ungesellig.“ – „Das macht man zuhause oder auf diesen extra dafür stattfindenden Wichsveranstaltungen!“ (damit meint er – auch das ist Insidern schon bekannt - Kreativwettbewerbe oder Werberpartys). „Vielleicht sind sie wichssüchtig!“ sage ich, stets ein Anwalt der Getriebenen, „oder exhibitionistisch“, und stets ein Anwalt der öffentlichen Selbstdarsteller. „Oder Wichser!“ sagt Olli. Das tut weh.

„Olli“, sage ich, „das Bedürfnis nach Anerkennung und Beachtung ist die Triebfeder nahezu aller bedeutsamen Leistungen und kulturellen Errungenschaften.“ – „Wie eines Werbespots für einen Fruchtquark?“ – „Naja, eine Menge Scheiße kommt eben auch dabei raus. Aber letztlich, Olli, ist Scheiße der Humus, aus dem das Bessere entsteht!“ Und stets ein Anwalt meiner selbst. Olli starrt mich an. „Was macht eigentlich Dein Infekt?“ fragt er. „Schon besser“, sage ich.

Tatsächlich hat mich mit der perfekten Schwäche auch eine gewisse Milde ereilt. Milde mir selbst und anderen gegenüber. Versuchen wir nicht alle letztenendes nur unser Bestes? Sind wir nicht alle nur Teil dieses riesigen Wichs- und Profilierungssystems? Sehnen wir uns nicht alle nach ein wenig Ansehen oder Bedeutung? Vielleicht rufe ich morgen die dumme Kuh aus dem Institut noch mal an.

25.09.2006 um 22:13 Uhr

Perfekte Schwäche

von: Lapared

So ein Magen- und Darminfekt ist auch nicht mehr das, was er mal war.

Früher war er einfach einen Tag lang ganz große Scheiße und danach zwei Tage perfekte Schwäche. Schwäche, gerade genug, um den Heimgesuchten reinen Gewissens vom alltäglichen Pflichtprogramm zu entbinden. Aber nicht genug, um ihm die nachmittäglichen Gerichtsshows zu versauen. Schwäche, nicht wirklich nah am Kranksein, aber vom Krankfeiern immer noch schicklich weit entfernt. Und nicht zu vergessen, Schwäche begründet durch die vorteilhafteste aller Begründungen: durch hurra Gewichtsverlust.

Früher, das war in Zeiten der Festanstellung. Heute, als Freelancer, kosten einen diese Tage perfekter Schwäche nicht nur richtig Geld sondern auch leicht den hehren Retter-Ruf. Wir sind schließlich die, die für die Kranken und Verreisten einspringen – strahlend, strotzend, zuversichtlich - nicht die, die selber aus den Latschen kippen. Also... kneift incontinent Laparedchen den wunden Po zusammen und verschiebt das Schwächeln auf die Zeit nach dem Job. Korken in den Arsch und durch... ach ja, so ist es halt. Doch bei aller angemessenen Dankbarkeit für meine nichts desto trotz höchst priviligierte westeuropäische Lebenssituation erlaube ich mir dies zu sagen: Es war ein wahrlich beschissener Tag.

24.09.2006 um 19:38 Uhr

Curd Rcok - gamz im Weiß

von: Lapared

Liebe Milliömchen!

ach, wemm  Ihr mich doch sehm könntet!

Ich trage eim weißem, hautemgem Kittel, weiße Samdalem umd eim kleime weiße Haube mit eim kleines rotes Kreuz vorme drauf. Lchem ist nämlich kramk, sie geht amdauermd auf Toilette umd sieht nicht gut aus. Aber ICH sehe im mein Kramkenschwester-Umiform fmatastisch aus! Famtastisch!

Neim, neim...  Ihr müsst keim Angst um mich habem, liebste Milliömchen, Euer Curdchem steckt sich nicht am! Ich gehe natürlcih nicht in ihr Nähe, ich bim doch nicht bescheuert...

23.09.2006 um 20:14 Uhr

Das noch zum Damensack

von: Lapared

Mit Olli verstehe ich mich wieder besser. Und das verdanke ich zwei wirklich interessanten Einsichten. Zum einen der, dass es bisweilen nicht genügt zu denken: Du gehst mir auf den Sack. Sondern, dass man es, nicht zwingenderweise in genau diesen Worten, manchmal auch sagen muss.

Und zum anderen einer Selbsterkenntnis, über die ich keineswegs erfreut bin, weil ich mir selbst dadurch zutiefst unsympathisch bin. Der Einsicht nämlich, dass mir Leute, die sich nicht anstrengen, eben einfach manchmal auf den Sack gehen. Mein Verstand möchte, dass ich diese Menschen wegen ihrer Gelassenheit angenehm und liebenswert finden, aber in Wirklichkeit gehen sie mir auf den Sack. Sei es nun, dass sie sich aus Faulheit oder wie in Ollis Falle wegen ihres Talents nicht anstrengen. Es ist nämlich so...

Mir selbst fällt nichts leichts. Nichts. Alles, was in meinem Leben einigermaßen läuft, verdanke ich einzig meiner Disziplin. Schön ist das nicht, sympathisch schon gar nicht. Aber es ist nun mal so. Ich bin weder besonders talentiert noch intelligent, ich musste und muss mich immer für alles sehr, sehr anstrengen. Ohne Disziplin säße ich heute unter einer Brücke oder in der Klapse oder als saufende Unternehmergattin in einem Vorstadtbungalow.

Schon in der Schule war ich eigentlich schwer von Kapee und die Tatsache, dass ich es bis zum Abitur und später sogar bis zum Hochschulabschluss geschafft habe, verdanke ich nur der Tatsache, dass mir zuhause früh genug höhere Ziele in den Leib geprügelt wurden. Und mit geprügelt meine ich geprügelt. Selbst das Schreiben, von dem Wohlgesonnene vielleicht glauben möchten, dass ich dafür Talent mitbringe, habe ich nur deshalb so gut erlernt, weil ich mit einer handfesten Legasthenie an den Start ging, was in einer calvinistisch-protestantischen Lehrerfamilie nicht gerade gut ankam, selbst wenn Legastenie damals ziemlich en vogue war. Jedenfalls wurde mir, ich sag es mal so, die intensive Auseinandersetztung mit dem geschriebenen Wort von Hause aus ziemlich nachdrücklich empfohlen. Soviel dazu. Und im Zuge meiner unbeschwerten Jugend habe ich dann so einigermaßen in jedes Gesicht der Sucht geblickt und kapiert, dass happy shiny Laperedchen eigentlich nur eine Chance hat: Disziplin. Ohne Disziplin lande ich bei Genuss, Wohlgefühl und Entspannung. Für genau zwei Sekunden. Danach rutsche ich direktemente in den Kontrollverlust. So ist es nun mal, Punkt und aus, das habe ich wie andere Plattfüße. Und das eine Geschenk, dass mir der liebe Gott gemacht hat, nämlich einen einigermaßen hinreißenden Arsch, ist auch keineswegs nur ein Geschenk, ich hungere dafür seit 25 Jahren (dies übrigens auch an jene, die glauben, erkannt zu haben, dass wir alle – wir alle gleich! - „zu satt“ seien, HAR!!!), ich hungere, weil ich nicht nur diesen göttlichen Arsch sondern gleichzeitig auch gesegneten Appetit und die Dispositon zur Adipositas besitze, ich stehe für dieses „Geschenk“ jeden Tag mindestens - mindestens! - eine Stunde auf dem Stepper, oder wetze bei Wind und Wetter durch den Wald, oder schwimme bzw. tuckere durch von Würsten bevölkerte Gewässer, jeden Tag, und das ebenfalls seit 25 Jahren. Und in Zeiten wie gerade jetzt heißt das: Ich stehe um fünf Uhr auf. Für Gottes Geschenk den Arsch. Nach etwa drei Stunden Schlaf. Und darüber denke ich normalerweise gar nicht nach, denn ich bin es gewohnt, mich anzustrengen, für alles, selbst für den Arsch. Ich denke nicht mehr darüber nach. Bis ich an jemanden gerate, der sich nicht anstrengt.

Womit wir wieder bei Olli wären. Ich glaube, er geht mir einfach deshalb neuerdings so auf die Nüsse, weil ich in das Alter gekommen bin, in dem ich die Anstrengung, die nun mal mein Schicksal ist, manchmal ziemlich in meinen Knochen spüre. Ich hardere nicht damit, aber ich spüre sie. Und Olli, diese Sau, muss sich nicht anstrengen. Denn er ist begabt, ER ist begabt, und wie. Er ist nett, entspannt, voller Selbstvertrauen. Und alles fällt ihm leicht. Und was ihm nicht leicht fällt, das macht er einfach nicht, eine Option, die ich bedauerlicherweise gar nicht habe, denn dann brauchte ich gar nicht aufstehen. Mir fällt, wie gesagt, nicht mal Torte essen leicht.

Das ist, ich weiß, alles keineswegs sympathisch. Was aber sympathisch ist, was wirklich an mir sympathisch ist, ist, dass ich diese ganzen Mechanismen reflektiere. Dass ich nicht nur weiß, was mir auf den Sack geht, sondern auch warum. Dass ich gerade den Leuten, denen es irgendwann doch zu anstrengend geworden ist, nicht mit dem Arsch ins Gesicht springe und sage, wer arbeiten will, findet auch welche. Oder was ablasse wie: Euch geht es ja allen viel zu gut. Dass ich anderen nicht vor die Tür zu scheiße, ohne vor meiner eigenen zu kehren. Und ganz besonders sympathisch an mir ist, dass ich in der Lage bin, zu Olli nicht nur zu sagen: Olli, Du gehst mir auf den Sack. Das kann jeder, das ist sehr leicht. Sondern: Olli, Du gehst mir auf den Sack mit Deinem verschissenen Talent, dass es Dir so einfach macht. Während ICH aufgetunte Durchschnittsnulpe mich so abrackern muss. Also lass es bitte, bitte nicht so raushängen, Dein Talent. Denn ich bin Ende 30 und müde von dem ganzen Abrackern, mir ist heute einfach nicht danach. Und dann lächelt Olli und sagt: Soll ich Dir´n Käffchen holen, Durchschnittsnulpe? Und das ist doch was.

Sagte ich, nichts fällt mir leicht? Zumindest an Kaffee komme ich leicht.

P.S. Und ein dreifaches Hoch soll´n sie leben auf die Freundlichen. Sie haben es vielleicht nicht immer reflektiert, aber ganz woanders längst kapiert.

22.09.2006 um 22:03 Uhr

Deal?

von: Lapared

„Schlaf soll ja auch gar nicht so gesund sein“, sagt meine Schwester, als ich die Misere schildere.

Seit Tagen arbeite ich vierzehn, sechzehn Stunden am Tag. Und bekomme einfach zu wenig Schlaf. Sicher, wenn ich nach der Agentur sofort ins Bett ginge, aber irgendwie geht das nicht, sonst nehme ich den Quark mit in meine Träume...

„Es ist wirklich nicht schön“ , sage ich, „bevor ich gebucht bin, kann ich nicht schlafen, weil ich mir in die Hose mache, ob ich den Job gewuppt kriege. Während ich gebucht bin, kann ich nicht schlafen, weil ich so lange arbeiten muss, um den Job gewuppt zu kriegen. Und nachdem ich gebucht war, kann ich nicht schlafen, weil ich mich frage, ob ich den Job gut gewuppt habe und ob sie mich jemals wieder buchen.“ – „Dann sei froh, dass Du jetzt gebucht bist, da kriegst Du wenigstens Geld dafür, dass Du nicht schläfst.“ – „Warum verdiene ich nicht mein Geld mit etwas, das ich wirklich kann? Das wäre ein Leben!“ – „Du kannst das doch, Du wirst von den besten Agentur gebucht, was glaubst Du, warum die das tun, natürlich kannst Du das, Du glaubst nur nicht daran...“ – „Ich bin nicht dafür gebaut, für nichts, was ich mache, bin ich gebaut, weil ich etwas sein will, wofür ich nicht geschaffen bin, der liebe Gott hat mich als fröhliche Gütersloher Beamtin mit Kleidergröße 44 konzipiert, aber ich will ja unbedingt eine schlaflose Supertexterin mit Kleidergröße 36 sein! Es ist anstrengend, wenn man gegen seine Bestimmung lebt.“ – „Wenn es Deine Bestimmung wäre, Beamtin in Gütersloh zu sein, hätte der liebe Gott sich schon durchgesetzt, er sitzt am längeren Hebel, und außerdem… schlag ihm einen Deal vor, frag ihn, ob er ein bisschen mehr Zufriedenheit rausrückt, wenn Du es als einfach nur gute Texterin mit Kleidergröße 40 versuchtst!“ – „Aber nicht in Güterloh!“ – „Ihr trefft Euch auf der Mitte!“ – „In Wunstorf?“ – „Nicht geographisch, in der Mitte zwischen Provinznest und Großstadt!“ – „In München? Zu den Katholen geh ich nicht!“ – „So würde ich Gott gegenüber besser nicht argumentieren!“ – „Zu den Bayern gehe ich nicht!“ – „Das wird er verstehen…“

Und Servus. 

 

21.09.2006 um 23:51 Uhr

Damensack

von: Lapared

Sogar Olli geht mir auf den Sack. Dabei war ich so froh, dass das Schicksal uns an der Quarkfront endlich wieder zusammengeführt hatte. Vereint mit meinem alten Kameraden wird das ab jetzt ein Spaziergang, hatte ich vor drei Tagen noch gedacht. Doch heute fiel mir auf, dass der Mann, mit dem ich schon mal 10 Jahre ohne die leiseste Missstimmung erfolgreich zusammengearbeitet habe, irgendwie ziemliche Dickstrahler-Allüren hat. Und natürlich frage ich mich, woran es liegt, ob tatsächlich er sich verändert hat, oder ich. Geht mir auf den Sack... hätte ich früher auf den Sack geschrieben? Nämlich auch nicht. Wo ist sie nur geblieben, die sprichwörtliche Laparedsche Milde, die gewählte Formulierung, die differenzierte, die moderate, die verständnisvolle Sicht? Im Arsch, will mir scheinen.

Wie einfach er es sich macht! Schmeißt mir ein paar halbgaare Bröckchen hin, Ideenkrümel, „Könnte man nicht vielleicht irgendwie so irgendwas mit diesem oder jenem machen, irgendwie...“ und Laparechen rattert los. „Ja vielleicht, vielleicht wenn man das so macht, oder so, ich probier mal!“ Und während er sich in stolz geschwellter Befruchterpose zufrieden wieder der ran-Webseite widmet, sitze ich stundenlang da, schreibe, feile, bebrüte den Krümel, bringe in schriftreifer Form nieder, was er möglicherweise bestimmt nur gemeint haben könnte und empfinde bei all dem auch noch tiefste Ehrfurcht und Dankbarkeit für seine Inspiration. Ohne die ich nichts zu schrieben hätte, nichts zu feilen hätte, nichts wäre, eigentlich.

Wenn ich dann endlich so weit bin und - meinerseits nun auch ein bisschen stolz - verlese, was ich aus dem Krümel hübsches Rundes gemacht habe, guckt er mich nur gelangweilt an und brummt: „So kann´s gehen, hab ich doch gesagt.“ Danach lehnt er sich mit verschränkten Armen zurück, schließt die Augen, wirft die Stirn in Schöpferfalten, bereit ein weiteres Mal Gold zu scheißen. Laparedchen spitzt unterdessen beflissen den Bleistift, lauscht, ist fertig zum Dikat.

Natürlich, und das mache ich mir in solchen Situationen sehr schnell klar, ist ein Unterlegenheitsgefühl nicht angebracht, von keiner Seite. Natürlich ist es wie bei jeder Befruchtungssache am Ende stets ein Gemeinschaftwerk. Auch wenn Erzeuger sich tradionell unentbehrlicher fühlen, als die, die nach langen Mühen endlich „austragen“, was ihr planloser Befruchter im Sekundenakt aus ihm herausbrechender Kreativität gepflanzt hat. Doch egal, wie wichtig dieser oder jener tut, am Ende haben es immer beide gemacht, denke ich. Und das weiß Olli auch, sage ich mir. Und beruhige mich.

Schon regt sich der Meister - bereit erneut seinen Samen zu streuen? Nein, kein Streuen, eigentlich eher ein Schnarchen, ich lächle, denn es ist so männlich, dieses grunzende Nickerchen danach. Ich lasse ihn. Kurz darauf wacht er von alleine auf, sie wachen immer von alleine auf. „Mensch Laparedchen“, sagt er, „von Dir kommt gar nichts, mit Dir pennt man echt ein!“

Und ich denke… Mensch Ollichen, Du gehst mir auf den Sack. Jawohl, auf den Sack. Meinen moderaten kleinen Damensack.

21.09.2006 um 01:41 Uhr

Café Schwesterherz

von: Lapared

Heute habe ich gedacht, Lapared, dachte ich, verlasse die eingetrampelten Pfade, mach einfach mal was Neues, fahr mit dem Bus. Sonst fahre ich immer mit der Bahn. Aber heute Abend, ganz spontan, ging ich also zum Bus. Total crazy, ich weiß. Aber das Spannende an den neuen Wegen sind ja nicht immer deren Ziele, ein Bus ist ein Bus ist ein Bus, sondern die kleinen winkenden Abwege und Verweilmöglichkeiten am Wegesrand. Und so erlag ich heute dem Ruf des „Café Schwesterherz“, einem schmucken kleinen Gastronomiebetrieb nur für Frauen. Sehr verlockend für mich, nicht weil es dort keine Männer gibt, sondern riesen Schnitzel, und ich hatte ganz gemeinen Appetit. Riesen Schnitzel und wagenradgroße Apfelpfannkuchen sind dort Teil des sozialistisch-feministischen Konzepts, das das gegenwärtige weibliche Schlankheitsideal als Erguss einer männlichen Schwanzlängenkultur und Mediendiktatur interpretiert, die Frauen aushungern will, damit das schwache Geschlecht trotz zunehmender Möglichkeiten das schwächere Geschlecht bleibt. Damit Frauen, die eigentlich dreimal bessere Qualifikationen haben als ihre männliche Kollegen, sich wegen fünf Kilo Übergewicht nichts mehr wert fühlen, unsicher sind, und leise, unauffällig in schlankmachenden Längsstreifen im Hintergrund bleiben. Während die männlichen Nulpen mit fünfzehn Kilo Übergewicht aber getragen von einer Wolke grundlosen Selbstvertrauens leichtfüßig an ihnen vorbeiziehen und wohlig furzend in die Chefsessel plumpsen. Ja. Aber abgesehen davon, dass die Schnitzel ideologisch sind, sind sie wie gesagt auch riesengroß und sehr, sehr lecker. Ich also rein und her mit dem Fleisch.

Ich sah sie schon aus den Augenwinkeln. Eine Frau am Tresen, breit wie ein Sofa, männlicher als all meine Herrenbekanntschaften der letzten Dekade zusammen. Kaum hatte ich Platz genommen, drückte sie lässig ihre Kippe aus, schwappte vom Hocker und rollte elfengleich auf mich zu. „Wage es nicht...“, dachte ich noch, doch weibliche Intuition gehörte offensichtlich ebenso wenig zu ihrer Ausstattung wie ein BH oder Lippenstift, sie wagte es. „Hi!“ - „Hallo.“ Nur nicht hinsehen. „Du, ich…“ Du! Soweit ich mich erinnerte, hatte ich mit Schwesterherz nie Brüderschaft getrunken. „Du, ich wollte nur fragen... bist Du allein hier oder verabredet?“ So plump sind nicht mal echte Männer. Ich lächle, sind wir nicht alle nur auf der Suche nach Liebe und Zärtlichkeit? „Ich bin allein“ sage ich, „und würde es auch gerne bleiben. Und nein, sollte ich es mir jemals anders überlegen, sag ich Dir nicht bescheid, ich stehe auf Männer nicht auf Frauen.“ – „Geht mir genauso,“ lächelte sie, „ich frag auch nur, weil vier Plätze an dem Tisch nämlich reserviert sind, aber wenn bei Dir niemand mehr kommt, passt das ja noch.“ – „Ah.“ Lächeln, Laparedchen, lächeln... „Nein, es kommt niemand, ich bin allein.“

Plötzlich ist mir der Appetit vergangen. Wenn ich noch lange so weitermache, so rüpelhaft krawallig, bleibe ich es auch.

19.09.2006 um 21:20 Uhr

Lapared goes Scrat Schrägstrich mad

von: Lapared

Nach dem 1. Laparedschen Attraktivitäts-Gesetz („Die Begehrlichkeit einer Sache steigt im selben Maße, in dem die Wahrscheinlichkeit, dieser Sache habhaft zu werden, abnimmt.“) müsste ich auf eine Therapie mittlerweile versessen sein wie Ice Age Rattenhörnchen Scrat auf seine Eichel. Gesetz ist Gesetz, so isses. Ich will will will meine Therapie, und zwar genau an jenem quirligen kleinen Institut, das zwei Wochen brauchte, um mir einen Fragebogen zuzuschicken, und das - wie sich inzwischen abzeichnet – vermutlich zwei Jahre damit beschäftigt sein wird, dieses komplexe Dokument auszuwerten.

Gesetzestreu hänge ich mich rein. Und lande wieder bei meiner guten alten Freundin aus dem Vorzimmer. „Wir leben in einem Zeitalter der kollektiven Neurose!“ eröffne ich bewusst konsensorientiert. „Wie bitte?“ – „Ich bin´s, Frau Lpunkt, ich dachte nur… es müssen wohl sehr viele Menschen Probleme haben, wenn der Andrang bei Ihnen so groß ist, dass sie vier Wochen zum Auswerten von fünf Fragen brauchen.“

Stille.

„Frau Lpunkt, sagten Sie...“ - „Jawohl.“ – „Ja, ich weiß, wer Sie sind.“ - „Da wissen Sie ja mehr als ich. Bestimmt wissen Sie auch, wann ich einen Termin für mein Erstgespäch habe?“

Stille.

„Hallo???“

„Ja also Frau Lpunkt, es ist so... Wir hatten den Eindruck, dass es Ihnen mit der Therapie nicht besonders ernst ist!“ - „Wie das?“ Unglaublich. „Nun. Bei der Frage, was Ihnen an einem Therapeuten wichtig wäre, haben Sie geantwortet: Dass er kein Waldschrat ist.“ – „Ja. Und?“ Hatte ich das wirklich geschrieben? Ich brauche eine Therapie. – „Nun. Es erschien uns, als würden Sie sich über unsere Therapeuten lustig machen!“ – „Durchaus. Absolut. Das ist Teil meiner Symptomatik, in letzter Zeit springe ich jedem mit dem Arsch ins Gesicht. Können Sie mir folgen?“ – „Frau Lpunkt, wir...“ – „Irgendwie tue ich mich schwer im Umgang mit Menschen, mich selbst übrigens eingenommen. Ich bin ungeduldig, mein Blutdruck ist zu hoch, also, wann habe ich mein Erstgespäch?“ - „Frau Lpunkt, die Therapeutenversammlung ist zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Feindseligkeit schon im Vorfeld der Analyse…“ – „Feindseligkeit, da sagen Sie was. Um meine Feindseligkeit müssen wir uns auch dringend kümmern.“ – „Aber Waldschrat, das ist nun wirklich nicht...“ – „Ich weiß, aber... eine Therapie kostet eine Menge Geld! Ich möchte eben nicht so eine verhuschtes Männlein, das selber so lebensuntüchtig ist, dass es außerhalb dieses Instituts einen Schülerlotzen braucht, um über die Straße zu gehen, sondern...“ – „Frau Lpunkt, unsere Therapeuten sind durchaus...“ – „Sondern einen einigermaßen ansehnlichen, im Leben stehenden, gesprächsfreudigen Menschen. Der sich nicht in eine Wolke durchgeistigten Schweigens hüllt, sondern mich Teil haben lässt, an dem kostbaren Gedankengut, das seinen Kopf durchzieht. Und für das ich schließlich bezahle.“ - „Frau Lpunkt, bedaure, Sie werden sich einen Therapeuten außerhalb unseres Instituts suchen müssen!“ – „Aber nein! Nein! Ich bin sicher, jeder Ihrer Therapeuten erfüllt diese Kriterien, es ist doch nur so ein dummes Klischee, dass die Analytiker alle…“ Klick.

Klick? KLICK? Sie denkt, mit Auflegen ist es geschehen? Dann kennt sie es aber nicht, das 1. Laparedsche Gesetz.

18.09.2006 um 23:45 Uhr

Perfekt

von: Lapared

Und ab und zu spült einem das Schicksal auch einen richtigen Festschmaus vors Visier.

K. war Schauspieler und damals ganz gut im Geschäft. Gerade hatte er sich als Kleindarsteller in einer quotenstarken Vorabendserie etabliert, als er den Ehrgeiz entwickelte, seine überwiegend weibliche Fangemeinde ganz persönlich zu betreuen. Und zu vermehren. Eine seiner Verehrerinnen wurde schwanger. So kam dann auch ich endlich dahinter.

Schon im letzten Jahr war er mir mal als Sprecher für einen Funkspot vor die Flinte gerannt. Ein ziemlicher Abstieg für einen Sohn des Rampenlichts. Aber heute war es wirklich ganz besonders pikant. Für einen Senfspot, bei dessen Produktion ich kurzfristig einsprang, war er als eines der unvermeidlichen sprechenden Würstchen gecastet.

Es war so verlockend! Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihn 40 Mal hintereinander „Ich bin so eine langweilige Wurst!“ sagen lassen können. Aber ich habe der Versuchung widerstanden. Ich habe auf die billige kleine Retourkutsche verzichtet und stattdessen schon nach dem zweiten Take „Perfekt!“ gesagt. "Die Rolle liegt Dir einfach, K.… Perfekt!“

17.09.2006 um 13:39 Uhr

Sonnenschein

von: Lapared

Wenn die Sonne derart lacht, kriege ich selbst immer schlechte Laune, weil man dann alle Pläne, die man hatte, über den Haufen werfen muss, um das Wetter, dass sich freundlicherweise bequemt, mal schön zu sein, zu genießen. Hmpf. Und weil man so was natürlich keinem sagen darf, wenn man nicht als Vollarsch gelten will, sondern beglückt in die Freizeithose steigen muss und raus an den See. In unseren Breitengraden könnte schließlich jeder Sonnentag für lange Zeit der letzte sein, damit muss man rechnen, man ist quasi verpflichtet, jeden Sonnenstrahl zu genießen und ich hasse Verpflichtungen. Hmpf. Und die Arschkarte hat man, wenn sich dann, wie auch schon vorgekommen, ein schöner Tag an den anderen reiht, und man genießt und genießt und wenn man gerade die Nase voll hat vom Genießen läuft im Radio Pohlmanns „Wenn jetzt Sommer wär“ und man beißt die Zähne zusammen und genießt fingertrommelnd weiter. Hmpf. Für den normalen Arbeitnehmer stellt sich diese Problematik nicht, der hat´s gut, der schaut bei Sonne einfach aus dem Fenster des Hühnerkäfigs, in dem er seine Eierchen verdient, und stöhnt von der Last des Genießens befreit „Hach, was ein herrliches Wetter, eine Schande, dass ich arbeiten muss!“. Und bemitleidet sich. Aber unsereins, freischaffend und teilweise wochenlang von der Last der Werktätigkeit befreit, kommt bei Sonnenschein zu nichts. Hmpf.

So, und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss raus und das herrliche Wetter genießen... Höm.

16.09.2006 um 22:58 Uhr

Herr H., gesegneter Stuhlgang und der böse Plural

von: Lapared

„Immer von einem Extrem ins andere“, sagt meine Schwester mit einem Anflug von Resignation. Gerade hatte ich ihr von Herrn H. erzählt.

Herr H. trat heute Mittag in mein Leben und wie die förmliche Anrede schon vermuten lässt, nicht in Badehose, was schon mal sehr originell ist, da ich sonst nur beim Schwimmen in menschlicher Gesellschaft und trotzdem gut genug gelaunt bin, um das „Sollten Sie mich ansprechen, wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen ins Gemächt zu treten“ – Lämpchen über meinem Kopf auszuschalten. Der einzige öffentliche Ort, wo ich das sonst tue, ist die Damentoilette. Unvorsichtigerweise, denn genau da hat Herr H. mich erwischt. Auf der Damentoilette eines Coffeeshops. „Die Herrentoilette ist defekt“, sagte er, „stört es Sie, wenn ich hier gehe?“ Ich stand gerade am Waschbecken und wusch mir die Hände. „Meinen Segen haben Sie!“ sage ich.

Allein deshalb hätte es sich schon gelohnt, ihn zu heiraten. Jedes Mal, wenn jemand fragen würde, wie wir uns kennengelernt haben, hätte ich sagen können, dass ich auf der Damentoilette eines Coffeshops seinen Stuhlgang gesegnet habe, ein totsicherer Party-Brüller für den Rest meines Lebens. Weitere Gründe für eine Ehe fielen mir später auf, als er sich zurück im Coffeeshop neben mich setzte und die nächsten drei Stunden nicht mehr von meiner Seite wich: sein schönes, klares Gesicht, seine warme Stimme, seine sanften Augen, seine leitende Position als Chemiker in einem privaten Lebensmitteluntersuchungsding, und die haben, wie wir wissen, gerade Konjunktur. Allerdings wirte er.

„Und deshalb hast Du seine Karte weggeschmissen, als er weg war?“ empört sich meine Schwester. „Das hat doch keinen Zweck!“ verteidige ich mich. „Ich sag ja, von einem Extrem ins andere. Erst läufst Du Monate einem verheirateten Sozialfall hinterher und dann schmeißt Du die Nummer von Mr. Perfect weg, weil er mal im Plural spricht.“ – „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ – „Wie schlimm hat er denn gewirt?“ – „Du meinst auf einer Skala von 1: WIR hatten einen super Sommer bis 10: WIR haben die Zwillinge in einem Rudolf-Steiner-Kindergarten untergebracht?“ – „Ich meine wie oft?“ – „Drei Mal: WIR haben eine Spülmaschine, WIR waren letztes Jahr auf Teneriffa, WIR holen ab und zu was vom Chinesen.“ – „Weißt Du noch, in welchen Müllkorb Du die Karte geschmissen hast?“ – „Er lebt nicht allein!“ – „Kein attraktiver Mann in unserem Alter lebt allein, es sei denn, er ist ein Soziopath.“ – „Oder Single.“ – „Ein attraktiver Mann in unserem Alter, der Single ist, ist ein Soziopath!“ – „Ich hab aber keine Lust mehr auf diese Dreiergeschichten, er, seine Frau Schrägstrich Freundin und ich!“ – „Laparedchen, ich fürchte, da musst Du durch, es ist ein steiniger Weg ins Paradies, die Guten sind nun mal meistens vergeben!“ – „Ich bin auch gut, oder? Und NICHT vergeben.“ – „Aber Du bist eine Frau, da sind die Besten am schwersten vermittelbar!“ – „Das hast Du aber lieb gesagt...“ – „Also, weißt Du noch, in welchen Müllkorb?“ – „In meine Handtasche.“ – „Das ist meine Schwester!“ – „Nur, falls ich mal verdächtige Frikadellen im Kühlschrank hab.“ – „Aber warte zwei, drei Tage, bevor Du ihn anrufst!“ – „So oft esse ich keine Frikadellen.“ – „Gut, und verlieb Dich nicht gleich, er lebt mit jemandem zusammen!“

Eben. Und deshalb habe ich die Karte später doch in den Müll geworfen. Den mit der Wasserspülung dran. Zu früh für einen neuen Dreier.

15.09.2006 um 23:44 Uhr

Lapared goes Gesellschaftslöwe

von: Lapared

Obwohl ich aufgrund der Aufgeschlossenheit und des Liebreizes meines Wesens normalerweise eher der Typ bin, der mit eingebildeten Freunden spielt, habe auch ich einige hartnäckige Sympathisanten in der realen Welt, die es mit viel Geduld und Ausdauer schaffen, dass ich ihnen gegenüber eine gewisse Zutraulichkeit entwickle. Und bei denen ich, wenn sie mal mit mir was trinken gehen wollen, spätestens beim dreißigsten Anruf einfach spontan ja sage. Meine liebe alte Freundin Frau D. gehört zu diesen Unerschütterlichen und gestern Abend in einer ausgewogenen Mischung aus Quarkflucht und sozialem Anflug war es so weit. Wir gingen also einen Trinken.

Frau D. ist einer dieser seltenen und absolut unglaublichen Menschen, in deren Gegenwart man nach mindestens zwanzig Minuten das berauschende Gefühl hat, dass das Leben eigentlich ganz einfach ist. Denn im Gegensatz zu mir, in deren Gegenwart man spätestens nach drei Minuten das berauschende Gefühl hat, dass das Leben ganz einfach scheiße ist, ist Frau D. im praktischen Angang und Regeln von Dingen außerordentlich begabt. Mit dezenter und effektiver Tatkraft ebenso gesegnet wie mit Intelligenz und Charme. In meiner Phantasie sehe ich sie häufig als Concierge eines vornehmen alten fünf-Sterne Schuppens an der Upper East Side, wo sie mit verständnisvollem Nicken und gleichmäßiger Geduld jedem Klagen ihrer Gäste lauscht und Sätze ruhig und freundlich mit „No problem“ beginnt. „In meinem Früchtekorb ist keine westchilenische Zwergpapaya!“ No problem... „In meiner Badewanne schwimmt eine nackte, blonde Damenleiche!“ No problem… Und auch ich hatte nach einem Abend mit Frau D. auf wundersame Weise nahezu keine schwerwiegenden Probleme mehr. Geschissen auf den Quark. Ganz fast ohne Alkohol. Und beschloss: Ab morgen werde ich ein geselligerer Mensch. Ab morgen sage ich spätestens beim neunundzwanzigsten Anruf einfach spontan ja. Spätestens.

Ein kleiner Schritt...

14.09.2006 um 21:19 Uhr

Dieses Gefühl, ihn zu verpassen

von: Lapared

Eine weitere Nacht im Dienste des Quarks. Und draußen, im Getümmel der Bars und Beachclubs, sitzt mein zukünftiger Ehemann und spendiert einer anderen Frau, die heute, am vielleicht letzten lauen Sommerabend des Jahres noch mal nackte, zart gebräunte Schulter zeigt, einen Martini. Und verliebt sich in sie. Und wird ihr zukünftiger Ehemann.

Schade um den Martini.

13.09.2006 um 22:43 Uhr

Volle Konzentration auf Quark

von: Lapared

Lustig soll es sein. Lustig soll es immer sein. Und lecker. Foodwerbung muss prinzipiell lecker sein. Leckeres Setting, also eher Wald und Wiesen als Autobahnzubringer. Mit einer mindestens 7-sekündigen sogenannten Foodsequenz, in der herrlich, frisch betaute Dingsbums in cremig zartes Sonstwas fallen. Und Produkt, Produkt, Produkt, am besten von Anfang an, sonst schafft es der millionenste Fruchtquark nicht ins Verbraucherhirn. Und genau da soll ich ihn hinbringen, den Quark, das ist meine hohe Mission dieser Tage.

So weit also die Ansprüche an Foodwerbung ganz allgemein. Die Ansprüche an diese Foodwerbung ganz speziell: Der Verbraucher soll spüren, dass es der fruchtigste Fruchtquark von allen Fruchtquarks ist, und zwar ohne, dass man sagt, dass es der fruchtigste Fruchtquark von allen Fruchtquarks ist. „Gefühlte Fruchtüberlegenheit“ heißt es im Briefing. Mehr wäre juristisch anfechtbar. Außerdem: Die Früchte müssen auf jeden Fall der Hero sein, aber man wünscht auf keinen Fall lebende Früchte zu sehen. Keine radfahrenden Erdbeeren. Und: Es soll ausnahmsweise nicht lustig sein. Sondern der Brüller.

Ich hoffe, jetzt ist nachvollziehbar, dass ich momentan mit einer Aufgabe befasst bin, die meine volle Konzentration verlangt. Die meine intellektuellen Kapazitäten komplett ausschöpft und mir keine Zeit lässt, gewohnt geistsprühende Blogbeiträge zu liefern, höm, höm. Ach ja, und Curd Rock kann auch nicht mehr einspringen, ohne Fotos ist es ihm "zu plöd".

Daher... aus der Not heraus und quasi in Zweitverwurstung: hier einer der vielen, vielen Quark-Spots, die mir vorhin in der Abstimmung nur so um die Ohren geflogen sind.

Sonnenschein, ein wunderschöner riesiger Kirschbaum voll mit prallen Kirschen. Daneben ein kleiner Becher XY. Stimmchen kommen aus dem Becher, sie pöbeln:

„Na, ihr Hänger!… Hänger, Hänger, Hänger!“

Die Kirschen im Kirschbaum reagieren nicht.

Off-Sprecher:

„Die Früchte im XY sind so mutig… denn sie sind in der Überzahl.“

Zoom in den Becher: lecker gefilmte Foodsequenz mit herrlich, frisch betauten Kirschen, die in cremig zarten Fruchtquark purzeln. Dazu weiter der Off-Sprecher:

„Im XY stecken so viele Früchte... so viele gibt´s sonst nirgendwo.“

Jetzt sehen wir wieder den Becher neben dem Baum, die Stimmchen pöbeln weiter:

„Und ihr seid hässlich! Man, seid ihr hässlich!“

Die Kirschen stürzen sich vom Baum auf den Becher und begraben ihn unter sich. Der Becher rappelt sich aus dem Kirschberg frei, Stimmchen:

„Blöde Idioten!... Menno...“

(Off-Sprecher:)

„Der XY Fruchtquark. Fruchtiger geht´s nicht.“


"Lebende Früchte", winkt der Creativ-Chef ungehalten ab. "Aber man sieht sie nicht", interveniere ich schwach von Unrechtsbewußtsein, "man hört sie doch nur!" - "Und außerdem fehlt der Genussmoment!" Gott, den hatte ich total vergessen, der scheiß Genussmoment ...

Hab ich´s schwer oder hab ich´s schwer?

12.09.2006 um 22:10 Uhr

Fritz kann sich endlich hinlegen

von: Lapared

Das ist das Gesicht der Armut, dachte ich, als ich gestern Morgen die Filtertüte vom Vortag im Mülleimer entleerte und anschließend unterm Wasserhahn abspülte, weil es die letzte gewesen war. Das Gesicht der wahren Armut. Der Armut an Zeit! An Selbstbestimmung! An Freiheit! Hier verstanden als Möglichkeit, die scheiß Agentur mal 5 Minuten zu verlassen, um bei Spar neue Kaffeefilter kaufen zu gehen. Ich armes, armes Laparedchen, dachte ich, nix als Kohle scheffeln, zu mehr kommt man nicht.

Das ist das Gesicht der Demenz, dachte ich hingegen heute Morgen, als ich dieselbe Filtertüte ein zweites Mal im Mülleimer entleerte und danach unterm Wasserhahn spülte, weil ich die Filtertüten, die es mir gestern Mittag zu erwerben gelungen war, gestern Nacht im Büro vergessen hatte. Nur noch Werbung in der Schüssel, sann ich, das Leben außerhalb der Agentur existiert nicht mehr.

Das ist ein Arsch in meinem Gesicht, dachte ich schließlich heute Nachmittag, als ich das Vergnügen hatte, die Resultate meines selbst- und kaffeefilterlosen Einsatzes dem zuständigen Häuptling vorzutragen. Mit anderen Worten, das war mal wieder nix. Ich Flasche.

Nun habe ich die ganze Nacht Gelegenheit, alles noch mal und besser zu machen. Aber die gute Nachricht ist: Ich habe an die neuen Filtertüten gedacht. Und zumindest Fritz, so hatte ich den alten Kaffeefilter im Zuge unserer wachsenden Vertrautheit genannt, Fritz kann sich endlich hinlegen.

10.09.2006 um 21:44 Uhr

Mark Spitz Würste

von: Lapared

Ich persönlich habe ja die Theorie, dass man mit dem Kopf über Wasser genauso schnell sein kann. Und wenn ich das kurz ausführen darf... ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Entwicklung der sogenannenten „modernen“ Schwimmstile, die allesamt die schreiend unlogische Erhöhung des Wasserwiderstands durch Eintauchen unseres nicht sehr stromlinienförmigen Globusses verlangen, dem internationalen Schwimmbrillenkartell verdanken, das - das weiß jeder, der sich ein bisschen mit der Materie beschäftigt hat – im Wesentlichen von einigen finanziell sehr potenten Angehörigen der Spannerszene protegiert wird. Und natürlich ist es kein Zufall, dass die Köpfe gerade zu dem Zeitpunkt begannen unterzutauchen, als etwas anderes erstmals in und an Gewässern auftauchte: der Bikini.

Ich will das alles keineswegs verteufeln. In der Tat haben die neuen Schwimmstile die Sicherheit im Schwimmsport enorm erhöht. Endlich starben Schwimmer nicht mehr vor Langeweile, bis zu dem Zeitpunkt die häufigste Todesart gerade auf der Langstrecke, endlich gab es unter Wasser was zu sehen.

Was ich nur sagen will: Ich bin immer zutiefst misstrauisch, ob diese wurstförmigen Herren, die Sonntags im Freizeitbad auf Mark Spitz machen, die am Beckenrand wichtig in die Schwimmbrille spucken und die metallicblaue Rennkappe zurechtschieben, ob die in der Tat schwimmen wollen – denn dann stellt sich die Frage, warum tun sie es nicht, sondern schäumen wie Schneebesen das Becken auf – oder ob sie nur ein bisschen unter Wasser rumäugen wollen. Was ja auch völlig in Ordnung ist.

Wenigstens haben sie mich zu einer entscheidenden Weiterentwicklung meines Laparedschen Tuckerstils inspiriert. Während ich früher die Finger gestreckt und die Handflächen klassisch geschlossen hielt, strecke ich nun nur noch einen Finger. Den mittleren. Mit dieser eleganten Technik ziehe ich – den Kopf konsequent und gut frisiert über Wasser – an den schnaufenden Mark-Spitz Würsten charmant lächelnd vorbei. Ich glaube, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Laparedsche Tuckerstil olympisch wird.