Anleitung zum Entlieben

09.09.2006 um 21:14 Uhr

Saufbeschluss

von: Lapared

Heute Morgen habe ich beschlossen, Alkoholiker zu werden. Ich stand auf dem Stepper, sah diesen grandiosen Matt Dillon als Charles Bukowskis Alter ego Hank Chinaski in „Factotum“, sanft, angenehm lethargisch und selbst nach dem Kotzen noch perfekt frisiert, und dachte, so geht das. So wird man gut. Und Du? Ringst um Kontrolle, befriedigst Arbeitgeber und hälst die Figur, wie unsexy. Schreibst Spots für Fruchtjoghurt und machst auf witzig, lächerlich. Ab sofort wird gesoffen und dann gehen wir das Ganze mal richtig an.

„Wenn du den Weg gehen willst, musst du ihn bist zu Ende gehen… Oder geh ihn gar nicht.“ So läuft nämlich der Hase. Sagt auch Matt Dillon alias Hank Chinaski, einziger Gast bei Bewusstsein in „Angies Bar“, als er konsequent trinkend der Table Dancerin zuschaut, die mit nichts als einer Kippe im Mundwinkel gelassen Hochleistungsakrobatik vorführt wie eine zugekiffte Ostblockturnerin. Wenn Du den Weg gehen willst, musst Du ihn bis zu Ende gehen. Und träge dreht sich der Ventilator durch das verrauchte rote Licht.

So zärtlich und norwegisch lakonisch inszenierte Regisseur Bent Hamer Exzess und Besessenheit, so melancholisch schön das Scheitern, dass ich auf meinem Stepper drauf und dran war, die Wasserflasche wegzuschmeißen und mit einer Flasche Martini weiterzutrainieren.
 
Aber dann fiel mir wieder ein, Mensch, die haste ja letzte Nacht schon leer gemacht.

08.09.2006 um 22:21 Uhr

Nur unter Vollnarkose

von: Lapared

Mein Zahnarzt wird immer schöner. Ein einfacher Deprivationseffekt, könnte man meinen. Wir schreiben die Woche 6 n.D. (nach Dick).

Aber die Wahrheit ist, dass mein Blick sich zunehmend auch für die innere Schönheit dieses Dentisten öffnet. Zumindest ist mir klar geworden, dass er mich sanfter und gütiger behandelt, als alle anderen Männer, mit denen ich in den letzten Jahren so intim war, dass ich Körperteile von ihnen im Mund hatte. Er betäubt mich, bevor es weh tut, ich weiß das zu schätzen.

Einen Moment lang überlegte ich sogar, mich in ihn zu verlieben. Heute, als er mir drei wunderschöne neue Keramikkronen eingesetzt hat, konnte ich seinen Magen knurren hören. Ich stellte mir vor, wie es wäre, ihm und seinem Magen Schnittchen zu schmieren. Mit Salami und Gürkchen... à la 119. Er betäubt mich, bevor´s weh tut, was kann passieren?

Aber dann war sie plötzlich doch wieder da. Angst. Wird das genügen, dachte ich, kann lokale Betäubung dich hinreichend schützen? Und eine innere Stimme antwortete mir: Laparedchen, altes Mädchen... verlieb Dich wenn in einen richtigen Anaesthesisten, einen, der dir hammerharte Vollnarkosen geben kann. Sicher ist sicher.


07.09.2006 um 23:57 Uhr

Die Lapared sinkt

von: Lapared

In Zeiten wie diesen, wenn die Arbeit von Tag zu Tag mehr und Nachtschlaf Luxus wird, halte ich mich stets an die gute alte Rettungs-Regel Nr. 1: Alles auf einmal, und das Unwichtigste zuerst. Damit meine ich nicht Vermeidungsverhalten. Mit Kühlschrank abtauen, bevor man sich ans Kafkareferat setzt, hat das nichts gemein.

Es geht um diese ganz kleinen Sachen. Lapalien. Anstatt, wie in ruhigen Phasen, den schmutzigen Teller stehen, die Zahnpastatube offen und den hinter den Herd gerutschten Apothekenkalender liegen zu lassen, beunruhigen mich solche Dinge an stürmischen Tagen wie lecke Stellen in einem ächzenden alten Kahn, durch die es eigentlich nur tropft, aber von denen jede die erste sein könnte, an der der marode Schiffsrumpf dem Druck der Massen nachgeben und der Ozean tosend hereinbrechen könnte. Sie beunruhigen mich aus demselben Grund, aus dem Guilliani bei Rot über Ampeln gehen einst mit der Todesstrafe belegte. Kontrollverlust… Kontrollverlust meine Lieben, beginnt oft ganz klein.

Ich wünschte nur, ich hätte beim Abrücken des Herdes nicht die Lampe umgestoßen, die den Kaffeebecher traf, der sich ins Handy ergoß, auf dem niemand mehr anruft und fragt, ob ich arbeiten kann. Nie mehr.

Da isser schon, der Ozean.

06.09.2006 um 22:23 Uhr

Nabend.

von: Lapared

Ich bin´s. Das verfickte Scheißteil. Heute ist SIE zu kaputt. So rächt sich das nämlich...

Aber ich WILL mal nicht so sein. Ich nenne sie jetzt nicht gleich verkackte Arschnase, doofer Pissfleck, bekiffte Rummelnutte… ich schreibe nur kurz und emotionslos sachlich, dass Lapared es aufrichtig bedauert, aber dass sie heute, nach drei Tagen Arbeit, einfach nicht mehr kann.

Und zu meinem eigenen Fall erlaube ich mir noch zu bemerken: Ich konnte auch nicht. Nach Wochen im ununterbrochenen Einsatz musste ich einfach mal abschalten. Musste. Und war beim Friseur.

P.S. Sputnik, lass mich jetzt nicht auffliegen!


05.09.2006 um 22:20 Uhr

Mein neuer Freund Schneider

von: Lapared

Und das war erst der Anfang.

Still betrachtete ich mein Powerbook und wünschte, es hätte Mundgeruch. Oder Haarausfall. Oder irgendeine andere dieser kleinen Schwächen, die alles auszeichnet, was eigenen Willen hat. Willen, den man modifizieren kann, indem man zum Beispiel na los du verficktes* Scheißteil schreit… oder drauf haut… oder dicke Kullertränen weint, denn all das habe ich vergangene Nacht wiederholt getan. Erfolglos, denn mein Powerbook haart nicht. Es wollte nichts. Es funktionierte einfach nicht. Nur so.

Und ich musste doch bis morgens noch fünf Filmskripts schreiben!

Auch das beeindruckte verficktes* Scheißteil nicht.

Ich rief alle Freunde und Bekannten an, die einen Rechner haben. Und war erleichtert zu hören, dass er auf Elba schönes Wetter hat. Und ein Frühstücksbuffett mit Kellogg's Honey Loops, ein Glück.

In dieser Nacht begriff ich viel, sehr viel. Ich begriff den Wert von Gesellschaft. Ich sah ein, dass es nicht gut ist, so alleine da zu stehen. Und ich fasste einen Entschluss.

Verficktes* Scheißteil, sagte ich, Du wirst ab sofort geselliger! Warum alles alleine machen, hm? Ein zweiter Rechner kommt ins Haus...

Ob Du willst oder nicht!

Ich selbst fand übrigens auch einen neuen Freund: Schneider. Ein verdammt guter, zuverlässiger schwarzer Kugelschreiber. Leider unbehaart.


*gewidmet einem meiner besonders treuen Leser.

04.09.2006 um 22:40 Uhr

Großer Empfang

von: Lapared

„Schade, ich hab auf Dich gewartet“ begrüßt mich der Agenturchef und schießt an mir vorbei in den Fahrstuhl, schnell, bevor er weg ist, denn dieser Fahrstuhl ist der debile Halbbruder des Halleyschen Kometen. Ich selbst hatte soeben Jahre auf sein Erscheinen gewartet und war jetzt fast ein bisschen knapp.

Nett, denke ich auf dem Weg zum Konfi, auf mich gewartet, 10 Jahre Bücken doch nicht umsonst. Und sogar schade, schade, ich hab auf Dich gewartet... tja, 10 Jahre, das wird nicht vergessen, man kennt mich, der Chef erwartet mich, hatte er nicht sogar schade Lapared gesagt? Für liebe Lapared war allein wegen des Halleyschen Fahrstuhls keine Zeit...

Die Konfi-Tür ist zu, ich bin erstaunt, 33… 34 Sekunden nach zehn, das nenn ich Meetingkultur. Andererseits, so kenn ich meine Agentur, so war´s früher, als alles anfing, da wehte nämlich noch ein anderer Wind! Wer damals nicht auf die Sekunde pünktlich war, blieb vor der Tür, egal ob Häuptling oder Indianer, nur... Was mach ich denn jetzt? 43… 44… 45 Sekunden nach zehn… Ich bin Freie, denk ich, ich stehe außerhalb des Gesetzes, ich zeig ein bisschen Bein und schlüpfe noch flink rein, dideldum.

Vorsichtig drücke ich die Klinke hinunter, stecke das Köpfchen durch die Tür und strahle mit entwaffnendem Lächeln in die Runde. Kein Stuhl lächelt zurück. Und außer Stühlen niemand da.

„Das Meeting war um neun, die ha´m auf Dich gewartet...“  flötet mir die Artbuyerin im Vorbeigehen zu.

Die, also sogar die! Nicht nur der Chef, quasi alle haben auf Lapared gewartet. Die liebe Lapared.

Das fängt ja gut an.

03.09.2006 um 16:11 Uhr

Auch schön

von: Lapared

Das mag jetzt möglicherweise nicht ganz zu dem passen, was mich die letzten Tage, sagen wir... getrieben hat. Aber als ich heute Morgen aufwachte, empfand ich es als sehr großen Komfort, das ganze Bett für mich zu haben. Allein zu sein.

Ein Jahr Schuldgefühle. Ein Jahr das ständige Gefühl, nicht genug zu tun, zu empfinden, Erwartungen nicht zu erfüllen. Gegenüber einem Mann, der entschieden mehr Anlass gehabt hätte, Schuldgefühle zu haben. Und in den letzten Monaten dann das ganze Anstrengen und Verdrehen und immer die Angst, verlassen zu werden.

Oh ja, es ist schön, geregelten und prächtigen Geschlechtsverkehr zu haben. Es ist herrlich, die ganze Nacht in seinen Armen zu schlafen. Aber es ist auch schön, Sonntagmorgens aufzuwachen, keinen Geschlechtsverkehr haben zu wollen und das niemandem schonend, ohne seine Gefühle zu verletzen, nahebringen zu müssen. Sich einfach umzudrehen, weiterzuschlafen mit der wunderbaren Aussicht, den ganzen Tag unbehelligt am Schreibtisch verbringen zu dürfen und absolut nichts „gemeinsam unternehmen“ zu müssen. Fantastisch.

Vor allem, wenn man weiß, dass ab morgen der Wahnsinn wieder tobt.

02.09.2006 um 20:23 Uhr

Cousine Suse

von: Lapared

Ich will nicht darauf rumreiten. Aber ich frage mich immer noch: Liebt man einen Mann mehr, wenn man ihn trotz seiner Bettqualitäten liebt? Oder andersrum gefragt: Liebt man weniger, wenn man ihn auch wegen seiner Bettqualitäten liebt? Warum gilt es als Zeichen wahrer Liebe, wenn man bereit ist auf guten Sex zu verzichten. Und als beziehungsprognostisch äußerst bedenklich, wenn man bereit ist, zum Beispiel auf Humor zu verzichten?

Vielleicht, weil es allgemeiner Konsens ist, dass der Sex in einer Beziehung mit der Zeit ohnenhin an Attraktivität und Bedeutung verliert, der Humor aber nicht?

Wer je das Gesicht meiner Cousine Suse gesehen hat, wenn ihr Mann, Kölner Kulturträger mit mindestens 5000 Witzen im aktiven Repertoire, loslegt: „Sacht der Tünnes zum Scheel...“, wer Suse in diesem Moment einmal angeschaut hat, wird seine Ansicht überdenken. Ein Antlitz wie aus Amnestys Folteropferkartei. Und damals hatte „sein Humor“ sie so zum Lachen gebracht.

Na, ich weiß auch nicht, warum mich das beschäftigt. Momentan ist ja weder ein neuer Mr. Dick noch ein Mr. Witzbold in Sicht. Und ab Montag wird mir sowieso alles vergehen. Ab Montag bin ich wieder gebucht, im Irrenhaus. Kenner erinnern sich, ein zärtlicher Kosename für meine alte Agentur.

01.09.2006 um 17:53 Uhr

... zum Sex-Talk

von: Lapared

„War er so gut?“ fragt meine Schwester.

Wir sind natürlich noch nicht fertig mit Thema.

„Der beste Sex, den ich jemals hatte!“ – „Das hast Du bei 119 auch gesagt!“ – „Naja, so sieht es aus, der Sex wird mit der Zeit immer besser!“ – „Fantastisch, mit 80 wirst Du täglich multiple Orgasmen haben.“ – „Ich hoffe mein Herzschrittmacher macht das mit.“ – „Ja, und das wird der einzige Teil Deines Herzens sein, der involviert ist, mit 80 haben Frauen auch DAS endlich raus!“ – „Warum sein Herz an jemanden hängen, den man vielleicht noch während des Geschlechtsakts verliert? Jeder zehnte Mann über 60 stirbt beim Sex!“ - „Ein echtes Risiko. Aber dafür werden andere Gefahren weniger. Man muss nicht mehr so mit den Zähnen aufpassen, man nimmt sie einfach raus.“ Hm.

Eine Zeit lang bin ich ganz euphorisiert angesichts dieser wunderbaren Perspektiven. Aber dann kommen mir Zweifel. Liegt es wirklich am zunehmenden Alter und der wachsenden Erfahrung, dass der Sex immer besser wird?

„Vielleicht macht es nicht die Zeit, vielleicht werden die Männer einfach immer besser!“ – „Gewiss, das sexuelle Bildungsniveau unserer Gesellschaft steigt! In den Erwachsenenabteilungen der Videotheken wimmelt es ja auch von Fortbildungsmaterial.“ – „So gesamtgesellschaftlich kann ich das gar nicht sagen, noch nicht, meine Stichprobe ist zu klein ...“ – „Endlich weiß ich, warum es Stichprobe heißt...“ – „Aber ich kann sagen: meine, meine Männer werden immer besser!“ – „ Es wird eben zum Kriterium. Wer nicht weiß, wo die Klitoris liegt, wird an der Pforte zum Beziehungsolymp erst recht vergeblich klingeln! Ich handhabe es genauso.“ – „Ja, und das war früher anders, weißt Du noch… Jörg?“

Jörg war mein zweiter oder dritter Freund, ein impotenter Epileptiker mit einem fantastischen Sinn für Humor. Damals war ich zwanzig. Heute bin ich fast doppelt so alt, und mein letzter Partner war ein tendentiell überpotenter Holländer, der nie über meine Witze lachte („über meine Witze lachen“ = international verbindliche Definition von fantastischem Humor). Ich seufze tief...

„Bei Jörg war ich sogar bereit, komplett auf Sex zu verzichten! Das war noch Liebe...“ - „Bei Dick warst Du bereit komplett auf Humor zu verzichten! Und was viele vielleicht noch mehr stören würde: auf Vertrauenswürdigkeit! Wieso soll das weniger Liebe gewesen sein?“ - „Tja, da fragst Du was.“ - „Wenn Du bereit bist, auf körperliche Dinge zu verzichten, sagt jeder: Das muss Liebe sein. Wenn Du bereit bist auf charakterliche Vorzüge zu verzichten, sagt jeder: Das muss ein geiles Flittchen sein.“ – „Seit wann verteidigst Du Dick?“ – „Ich verteidige nicht Dick, ich verteidige Sexualität als wichtigen Beziehungsbestandteil.“ – „Ach so.“

Schön, dass wir das auch mal festgestellt haben. Dann wäre ja alles geklärt.

„Was ich mich nur frage...“ plötzlich schaltet sich mein Bruder ein. (Ich habe keinen Bruder, aber die Frage kann nur von einem Mann kommen.) „Na?“ frage ich (denn ich möchte ja auch mögliche Einwürfe meiner männlichen Leser bedenken). - „War er wirklich so gut, oder denkst Du das nur, weil Du noch nicht über ihn weg bist?“ – „Du meinst, postume weibliche Verklärung eigentlich durchschnittlicher Geschlechtsakte durch unverwundene Liebe, Bruderherz?“

Nein. Nein. Und auch wenn ich allen schlechten Liebhabern da draußen jetzt ihren letzten Strohhalm knicke, ein drittes Mal: Nein. In dieser Hinsicht, in dieser einen Hinsicht, wird die weibliche Wahrnehmung selten durch Liebe getrübt. Wir bemerken es, wenn Sex scheiße ist. Wir sehen vielleicht darüber hinweg, aber wir bemerken es. Und im Gegensatz zu vielem anderen, über das sich der Zuckerguss sehnsüchtiger Erinnerung legt, wenn man uns vor der Zeit abserviert: Scheiß Sex wird auch In Memoriam nicht besser.