Anleitung zum Entlieben

23.09.2006 um 20:14 Uhr

Das noch zum Damensack

von: Lapared

Mit Olli verstehe ich mich wieder besser. Und das verdanke ich zwei wirklich interessanten Einsichten. Zum einen der, dass es bisweilen nicht genügt zu denken: Du gehst mir auf den Sack. Sondern, dass man es, nicht zwingenderweise in genau diesen Worten, manchmal auch sagen muss.

Und zum anderen einer Selbsterkenntnis, über die ich keineswegs erfreut bin, weil ich mir selbst dadurch zutiefst unsympathisch bin. Der Einsicht nämlich, dass mir Leute, die sich nicht anstrengen, eben einfach manchmal auf den Sack gehen. Mein Verstand möchte, dass ich diese Menschen wegen ihrer Gelassenheit angenehm und liebenswert finden, aber in Wirklichkeit gehen sie mir auf den Sack. Sei es nun, dass sie sich aus Faulheit oder wie in Ollis Falle wegen ihres Talents nicht anstrengen. Es ist nämlich so...

Mir selbst fällt nichts leichts. Nichts. Alles, was in meinem Leben einigermaßen läuft, verdanke ich einzig meiner Disziplin. Schön ist das nicht, sympathisch schon gar nicht. Aber es ist nun mal so. Ich bin weder besonders talentiert noch intelligent, ich musste und muss mich immer für alles sehr, sehr anstrengen. Ohne Disziplin säße ich heute unter einer Brücke oder in der Klapse oder als saufende Unternehmergattin in einem Vorstadtbungalow.

Schon in der Schule war ich eigentlich schwer von Kapee und die Tatsache, dass ich es bis zum Abitur und später sogar bis zum Hochschulabschluss geschafft habe, verdanke ich nur der Tatsache, dass mir zuhause früh genug höhere Ziele in den Leib geprügelt wurden. Und mit geprügelt meine ich geprügelt. Selbst das Schreiben, von dem Wohlgesonnene vielleicht glauben möchten, dass ich dafür Talent mitbringe, habe ich nur deshalb so gut erlernt, weil ich mit einer handfesten Legasthenie an den Start ging, was in einer calvinistisch-protestantischen Lehrerfamilie nicht gerade gut ankam, selbst wenn Legastenie damals ziemlich en vogue war. Jedenfalls wurde mir, ich sag es mal so, die intensive Auseinandersetztung mit dem geschriebenen Wort von Hause aus ziemlich nachdrücklich empfohlen. Soviel dazu. Und im Zuge meiner unbeschwerten Jugend habe ich dann so einigermaßen in jedes Gesicht der Sucht geblickt und kapiert, dass happy shiny Laperedchen eigentlich nur eine Chance hat: Disziplin. Ohne Disziplin lande ich bei Genuss, Wohlgefühl und Entspannung. Für genau zwei Sekunden. Danach rutsche ich direktemente in den Kontrollverlust. So ist es nun mal, Punkt und aus, das habe ich wie andere Plattfüße. Und das eine Geschenk, dass mir der liebe Gott gemacht hat, nämlich einen einigermaßen hinreißenden Arsch, ist auch keineswegs nur ein Geschenk, ich hungere dafür seit 25 Jahren (dies übrigens auch an jene, die glauben, erkannt zu haben, dass wir alle – wir alle gleich! - „zu satt“ seien, HAR!!!), ich hungere, weil ich nicht nur diesen göttlichen Arsch sondern gleichzeitig auch gesegneten Appetit und die Dispositon zur Adipositas besitze, ich stehe für dieses „Geschenk“ jeden Tag mindestens - mindestens! - eine Stunde auf dem Stepper, oder wetze bei Wind und Wetter durch den Wald, oder schwimme bzw. tuckere durch von Würsten bevölkerte Gewässer, jeden Tag, und das ebenfalls seit 25 Jahren. Und in Zeiten wie gerade jetzt heißt das: Ich stehe um fünf Uhr auf. Für Gottes Geschenk den Arsch. Nach etwa drei Stunden Schlaf. Und darüber denke ich normalerweise gar nicht nach, denn ich bin es gewohnt, mich anzustrengen, für alles, selbst für den Arsch. Ich denke nicht mehr darüber nach. Bis ich an jemanden gerate, der sich nicht anstrengt.

Womit wir wieder bei Olli wären. Ich glaube, er geht mir einfach deshalb neuerdings so auf die Nüsse, weil ich in das Alter gekommen bin, in dem ich die Anstrengung, die nun mal mein Schicksal ist, manchmal ziemlich in meinen Knochen spüre. Ich hardere nicht damit, aber ich spüre sie. Und Olli, diese Sau, muss sich nicht anstrengen. Denn er ist begabt, ER ist begabt, und wie. Er ist nett, entspannt, voller Selbstvertrauen. Und alles fällt ihm leicht. Und was ihm nicht leicht fällt, das macht er einfach nicht, eine Option, die ich bedauerlicherweise gar nicht habe, denn dann brauchte ich gar nicht aufstehen. Mir fällt, wie gesagt, nicht mal Torte essen leicht.

Das ist, ich weiß, alles keineswegs sympathisch. Was aber sympathisch ist, was wirklich an mir sympathisch ist, ist, dass ich diese ganzen Mechanismen reflektiere. Dass ich nicht nur weiß, was mir auf den Sack geht, sondern auch warum. Dass ich gerade den Leuten, denen es irgendwann doch zu anstrengend geworden ist, nicht mit dem Arsch ins Gesicht springe und sage, wer arbeiten will, findet auch welche. Oder was ablasse wie: Euch geht es ja allen viel zu gut. Dass ich anderen nicht vor die Tür zu scheiße, ohne vor meiner eigenen zu kehren. Und ganz besonders sympathisch an mir ist, dass ich in der Lage bin, zu Olli nicht nur zu sagen: Olli, Du gehst mir auf den Sack. Das kann jeder, das ist sehr leicht. Sondern: Olli, Du gehst mir auf den Sack mit Deinem verschissenen Talent, dass es Dir so einfach macht. Während ICH aufgetunte Durchschnittsnulpe mich so abrackern muss. Also lass es bitte, bitte nicht so raushängen, Dein Talent. Denn ich bin Ende 30 und müde von dem ganzen Abrackern, mir ist heute einfach nicht danach. Und dann lächelt Olli und sagt: Soll ich Dir´n Käffchen holen, Durchschnittsnulpe? Und das ist doch was.

Sagte ich, nichts fällt mir leicht? Zumindest an Kaffee komme ich leicht.

P.S. Und ein dreifaches Hoch soll´n sie leben auf die Freundlichen. Sie haben es vielleicht nicht immer reflektiert, aber ganz woanders längst kapiert.