Anleitung zum Entlieben

29.09.2006 um 22:46 Uhr

Lapared im Käseladen

von: Lapared

Unten im Haus ist doch ein Käseladen. Er öffnet um zehn und schließt um acht, deshalb schaffe ich´s bei aller Liebe zum Käse seit Wochen nicht dort hin. Was keine allzu Tragödie ist, ich gehe einfach mit meinem Butterbrot ins Treppenhaus und atme tief durch, schon ist es ein Käsebrot.

Heute allerdings, nach ruhmloser Beendigung meines Quarkengagements, fand ich die kleine Stinkparzelle noch geöffnet, als ich nach Hause kam. Ich also rein. Der Besitzer ist ein Hüne von Mann mit einer Nase, die in der Form einem Murmelsäckchen ähnlich sieht und in der Farbe dem Ayers Rock im Abendrot. Vom Saufen, schätze ich, und stelle mir immer vor, wie er mit seinem alten Pick up durch die französiche Provinz schaukelt, von einem kleinen Bauern und guten alten Freund zum nächsten, und den Käse stets bei einem kräftigen Glas Rotwein kostet, bevor er ihn kauft. Wahrscheinlich fährt er Samstagmorgens wie alle mit einem Passat Variant in die Metro und säuft abends in seiner Souterrainwohnung Astra, aber das will ich nicht wissen. Ich mag ihn.

Also, ich drin. „Mensch, Dich hab ich aber lange nicht gesehen!“ Er duzt jeden und niemand, selbst ich nicht, käme auf die Idee, ihm das übel zu nehmen. „Tja, Du weißt doch, so oft komm ich nicht in die Gegend!“ Und niemand, selbst ich nicht, käme auf die Idee, die Vertraulichkeit nicht herzlich zu erwidern. „Aber Deinen Freund sehe ich ja öfter...“ Meinen Freund? Sind Sie betrunken? „…den kleinen Holländer!“ Mir wird ganz schummrig von dem Käsegeruch. Aber gleichzeitig fühle ich mich darin auch wundersam geborgen. „Tatsächlich? Du, dann muss Dein Gouda aber verdammt gut sein, meinetwegen kommt er nämlich nicht. Schon seit Wochen nicht mehr!“ – „Oh, Mensch Du, das tut mir leid, ja, dann ist das wohl doch schon was länger her!“ – „Ja, muss wohl...“ – „Du, der war aber nett!“ – „Ja... das auch.“ – „Na, mach Dir nichts draus, Mädchen, kommste zu mir, ich hab auch Holländer!“ Jeden anderen hätte man dafür erschlagen, ihn nicht. „Ach, weißt doch, ich bin sowieso mehr auf Weichkäse!“ - "Hier, ich pack Dir noch ´ne Ecke Gouda obenrauf!“

Er hat mir tatsächlich ´ne Ecke alten Gouda mit eingepackt. Ich liebe ihn. Gibt es eine reinere Form einem Mitmenschen sein Mitgefühl auszusprechen?