Anleitung zum Entlieben

30.09.2006 um 20:30 Uhr

Post von Ruth

von: Lapared

Irgendwann gab es doch mal diese Idee, den Spieß umzudrehen und eine Hilfsorganisation zu gründen, die dafür sorgt, dass Familien aus der sogenannten dritten Welt die Patenschaft für einsame Großstadtsingles in der ersten Welt übernehmen. Ich glaube, es war in irgendeiner Comedyshow. Ich hab nur noch diese Bilder im Kopf, auf denen sich 20-köpfige Familien vorm einzigen Computer des Dorfes versammelt haben, um sich - aufgerüttelt von den Appellen der Hilfsorganisation - durch die Fotos der bedauernswerten Singles zu klicken und vielleicht einen Glücklichen auszuwählen, für den sie die Patenschaft übernehmen und der sie mal besuchen darf.

Das fiel mir wieder ein, als ich heute Post von Ruth bekam. Ruth ist, ich weiß nicht, ob ich es mal erzählt habe, mein Patenkind aus Uganda. Sie ist neun Jahre alt, sieht aus wie Asamoah und will Ärztin werden. Ich denke nicht, dass sie viel von dem Geld bekommt, dass ich jeden Monat spende, es fließt, wenn ich Glück habe, größtenteils in ein gemeinnützige Projekt in ihrem Dorf, wenn ich Pech habe, finanziert es einem angestellten Sozialpädagogen der Organisation die Selbstgedrehten. Aber ganz gleich, wieviel von den 25 Euro pro Monat letztlich bei Ruth landet, als Patenkind ist sie immerhin wer. Obwohl ein Mädchen, obwohl eines von vielen Kindern, weder das Älteste noch das Jüngste, sondern eins irgendwo dazwischen, ist sie wichtig und bringt ihrer Familie Ansehen, auch ohne dass sie mit 9 bereits versprochen ist. Das finde ich gut. Und von Zeit zu Zeit schicke ich ihr Päckchen mit Sachen, mit denen sie richtig angeben kann, zum Beispiel ein T-Shirt, auf dem vorne „Ruth“ steht. Sie schreibt dafür Briefe mit kleinen Gemälden unter denen „I love you“ steht. Und mit denen ich angeben kann.

Heute habe ich also wieder mal einen Brief bekommen. Heute allerdings ohne Gemälde.„Dear Lpunkt“, schreibt sie ganz erwachsen, „I hope you are fine, I hope your husband and your children are fine, too. I love you. Ruth.“ Husband? Children? Wie kommt sie nur darauf? „Dear Ruth“, schreibe ich umgehend zurück,“thank you very much for your letter, we are all quite fine. I hope you and your family are fine, too. Merry Chrismas Lpunkt.“ Zusammen mit dem Weihnachtspaket bringe ich die herzlichen Zeilen gleich zur Post, ein bisschen spät, denn die Post dauert zwölf Wochen.

Soll ich ihr etwa erzählen, dass ich weder husband noch children habe? Das wäre in ihrer Welt undenkbar, die schlimmste Armut, die einen Mensch treffen kann, und bei meinem Alter muss ich noch froh sein, wenn sie nicht nach Enkeln fragt. Kommt gar nicht in Frage! Für 25 Euro im Monat will ich mich gut fühlen. Ich will mich meines Mitleids erfreuen, nicht bemitleidet werden. So weit kommt es noch...